Josef Seethaler & Christian Oggolder: Die Stellung der Frau in der Wiener Tagespresse der Ersten Republik Ein Beitrag zur Entwicklung des tagesaktuellen Journalismus in Österreich

Einleitung: Die Kommunikationswissenschaft ist sich heute darüber einig, dass die Massenmedien nicht nur als „Agenda Setter“ agieren, also nicht nur für bestimmte Themen Öffentlichkeit her- stellen, sondern auch eine wichtige Rolle bei der Vermittlung der die Kultur einer Gesellschaft prägenden Werte und Normen einnehmen. Welche Informationen ausgewählt und welche Weltsichten vermittelt werden, unterliegt spätestens seit der Entstehung der Massenpresse gegen Ende des 19. Jahrhunderts und der damit verbundenen Professionalisierung des Journalismus1 in zunehmendem Maß den Kriterien einer journalistischen Handlungslogik, deren Auswirkungen von immer größerer Tragweite sind, je geringer in einer komplexer werdenden Umwelt die Möglichkeit primärer Welterfahrung ist. Die dadurch bedingte Rolle der Medien als bestimmender Teil des intermediären Systems, also des Handlungsund Kommunikationsraumes zwischen den Entscheidungsprozessen in den gesellschaftlichen Teilsystemen (wie Politik, Wirtschaft, Kunst, Sport etc.) und den Bürgerinnen und Bürgern2, unterstreicht die Notwendigkeit, dass – unter demokratischen Verhältnissen – die soziodemo- graphische Struktur des Journalismus idealiter im Wesentlichen jener der Bevölkerung entspricht, an die er sich wendet und in deren Interesse er agieren sollte. Dies gilt nicht nur, aber besonders hinsichtlich einer Gleichstellung der Geschlechter…

Barbara Duttenhöfer: Kein “quantité négligeable” Typologie des Frauenjournalismus um 1900

Einleitung: Die Existenz von Journalistinnen im deutschsprachigen Presse- und Verlagswesen des 19. Jahrhunderts belegen eine Reihe von Publikationen, die seit den 1890er Jahren erschienen sind. Dazu gehören das erzählende Litterarische Berlin von Gustav Dahms ebenso wie der Überblick des Mode- und Kunstpublizisten Max Osborn Die Frauen in der Litteratur und der Presse aus dem Jahre 1896 oder die nach der Jahrhundertwende publizierte Studie Die Journalistik als Frauenberuf der Frauenrechtlerin Eliza Ichenhäuser. Stellten diese Publikationen einzelne Frauenpersönlichkeiten vor und gaben einen Überblick über den damaligen Frauenjournalismus, indem sie auf bestimmte Aspekte wie die Arbeits- und Verdienstsituation von Frauen in der Presse eingingen, hob sich das 1898 von Sophie Pataky herausgebrachte Lexikon deutscher Frauen der Feder von den anderen genannten Titeln durch seinen biographisch-bibliographischen Charakter ab…

Wolfgang Gippert: “Pioniere unseres Volkstums” Kulturimperialistische Agitation der deutschen Journalistin Leonore Nießen-Deiter im frühen 20. Jahrhundert

Einleitung: Die historische Genderforschung untersucht in jüngster Zeit vermehrt die Beteiligung von Frauen in konservativen, deutschnationalen und völkischen Organisationen und Gruppierungen zur Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Das Interesse gilt dabei vorrangig dem facettenreichen Spektrum von Vereinen, Verbänden und schließlich auch Parteien, in denen radikale Nationalistinnen’ politische Aktivitäten entwickeln und entfalten konnten, den verschiedenen Agitationsformen und Handlungsmöglickeiten in der Öffentlichkeit sowie der ideologischen Basis und den differenten Diskursen, in denen sich antifeministische, nationalistische, völkischrassistische wie auch antisemitische Einstellungen und Selbstpositionierungen von Frauen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert widerspiegeln. Im Zuge der sozialgeschichtlichen Verortung von Frauen im konservativen Milieu ist ein sehr differenziertes Bild zu den Organisationsformen und Tätigkeitsfeldern von Frauen im rechten politischen Spektrum entstanden: Zur Zeit des Kaiserreichs sammelten sich konservative Aktivistinnen vorrangig in nationalistischen Agitationsvereinen, karitativen und protestantischen Frauenverbänden sowie in bürgerlichen Berufsorganisationen, die dem Bund Deutscher Frauenvereine angeschlossen waren, dem Dach verband der bürgerlichen Frauenbewegung. Gerade die vermeintlich unpolitischen Organisationen im wohlfahrtspflegerischen Bereich übernahmen eine wichtige Rolle bei der Politisierung von Frauen. Sie boten ihnen häufig erstmals die Möglichkeit, die Grenze von der Privatheit in die Öffentlichkeit zu überschreiten und soziale wie auch vaterländische Aufgaben zu übernehmen. Vor allem der Ersten Weltkrieg eröffnete national gesinnten Frauenvereinen eine ganze Reihe neuer Handlungsfelder an der “Heimatfront” – in der Verwundetenpflege, durch Spendensammlungen, Feldpostpäckchen u.ä. In der Weimarer Republik entwickelten konservative und völkisch orientierte Frauen schließlich auch dezidiert parteipolitische Aktivitäten. Als Dachverband nationalistischer Frauenorganisationen wurde 1920 der Ring nationaler Frauen ins Leben gerufen, der für Frauen der politischen Rechten eine Alternative zur Mitgliedschaft im Bund Deutscher Frauenvereine bot…

Nea Matzen: Bella Fromm Viele Leben in einem: Societylady, Journalistin, Bestsellerautorin im Exil

Einleitung: Große publizistische Persönlichkeit, feministische Vorreiterin, rasende Reporterin oder Stellvertreterin für viele unbekannte Tagesschriftstellerinnen: Bella Fromm erfüllt keine dieser Kategorien der bislang “biographiewürdigen” Journalisten und Journalistinnen im vollen Umfang. Aber dennoch liefert ihre Biographie einige interessante Einsichten in die Berufsgeschichte.

Vergleichen, Herausarbeiten des Besonderen, Neudeuten durch überraschende Entdeckungen – diese Erkenntnis leitenden Herangehensweisen steuern die hermeneutische Aufarbeitung eines fremden Lebens. Doch wer ist überhaupt ein interessantes Objekt/Subjekt für die Geschichtswissenschaft? „Why do you write about her? Why is she important?” – Diese verblüffend schlichten Fragen am Esstisch meiner Vermieterin in Boston oder beim Stehempfang im Howard Gotlieb Archival Center an der Boston University knüpfen direkt an die eingangs genannten Überlegungen an: Warum ist Bella Fromm als historische Person wichtig?…

Rezensionen 3/2009

Gühnter Bentele: Objektivität und Glaubwürdigkeit: Medienrealität rekonstruiert. Herausgegeben und eingeleitet von Stefan Wehmeier, Howard Nothaft und René Seidenglanz. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, 367 Seiten.
– rezensiert von Roland Burkhart

Manuela Günter: Im Vorhof der Kunst. Mediengeschichten der Literatur im 19. Jahrhundert. Bielefeld: transcript Verlag 2008, 378 Seiten.
rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

Michael Mangold, Peter Weibel & Julie Weibel (Hg.): Vom Betrachter zum Gestalter. Neue Medien in Museen – Strategien, Beispiele und Perspektiven für die Bildung. Baden-Baden: Nomos 2007, 201 Seiten.
Hans Ulrich Reck: Eigensinn der Bilder. Bildtheorie oder Kunstphilosophie? München: Wilhelm Fink Verlag 2007, 283 Seiten.
– vergleichend rezensiert von Christoph Jacke

Margreth Lünenborg (Hg.): Politik auf dem Boulevard? Die Neuordnung der Geschlechter in der Politik der Mediengesellschaft. Bielefeld: transcript Verlag 2000, 328 Seiten.
– rezensiert von Johanna Dorer

Ross F. Collins & E. M. Palmegiano (Hg.): The Rise of Western Journalism 1815-1914. Essays on the Press in Austria, Canada, France, Germany, Great Britain and the United States. Jefferson North Carolina: McFarland & Co Inc. 2007, 220 Seiten.
– rezensiert von Susanne Kinnebrock

Marianne Lunzer-Lindhausen zum 90. Geburstag Ein Beitrag von Wolfgang Duchkowitsch und Hannes Haas

Marianne Lunzer-Lindhausen, die Doyenne und langjährige Vorständin des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, beging am 22. Juli 2009 ihren 90. Geburtstag. Sie begann ihre wissenschaftliche Karriere nach dem Studium der Germanistik und der Promotion zur Doktorin der Philosophie im Wintersemester 1942/43. Am gerade eröffneten Institut für Zeitungswissenschaft der Universität Wien wurde sie als „Verwalterin einer Assistentenstelle“ angestellt. Als der damalige Institutsvorstand, a. o. Univ. Prof. Dr. Karl Kurth, 1944 zur Deutschen Wehrmacht einberufen wurde, betraute er Marianne Lunzer-Lindhausen mit der stellvertretenden Leitung des Instituts. 1954 erwarb Lunzer die Venia legendi für Zeitungswissenschaft. 1965 wurde sie für ihre wissenschaftlichen Leistungen mit dem Theodor- Körner-Förderungspreis ausgezeichnet. Ende 1981 übernahm sie nach dem Tod von o. Univ. Prof. Dr. Kurt Paupie die Leitung des Instituts. Diese Funktion nahm sie – inzwischen zur tit. O. Univ. Prof, ernannt – bis zu ihrer Emeritierung Anfang 1985 mit großer Verve und Erfolg wahr. Mit ihrem Charisma und unermüdlichem Einsatz gelang es ihr, die Position des Instituts innerhalb der damaligen „Grund- und integrativwissenschaftlichen Fakultät“ erheblich zu verbessern.

Diese Skizze ihrer Karriere lässt Marianne Lunzer- Lindhausens Bedeutung für das Wiener Publizistik-Institut schon erahnen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Schließung des Instituts drohte, wurde Lunzer, die als einzige unbelastete Person am Institut verblieben war, zur prägenden Gestalt. Dank ihres Engagements konnten die Institutsräume in der Hessgasse 7 im I. Wiener Gemeindebezirk der Universität erhalten bleiben. Die zerstörten Institutseinrichtungen wurden wiederhergestellt und ab dem Sommersemester 1946 konnte der Lehrbetrieb wieder kontinuierlich erfolgen.

Lunzer hat in ihrer Lehre das gesamte Spektrum der Medien- und Kommunikationsgeschichte abgedeckt. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassten neben Flugblättern der Reformationszeit vor allem Fragen des Parteienjournalismus, der Pressefreiheit, der Medienpolitik, der Zeitschriftenentwicklung, im Speziellen der Frauenzeitschriften sowie der Frau als Leserin. Dabei war es ihr weniger wichtig, nach außen hin präsent zu sein, sondern nach innen zu wirken. Ihre Forschungsergebnisse stellte sie direkt in den Dienst der Lehre. Sie suchte die direkte Kommunikation mit Studierenden. Legendär waren ihre Seminare und Forschungspraktika sowie ganz besonders ihre Dissertationsseminare. Gemäß dieser Haltung erwarb Lunzer ganz besondere Verdienste bei der Betreuung ihrer Dissertantinnen und Dissertanten, insgesamt 230. Dabei förderte sie die individuellen Forschungsinteressen der Doktorandinnen und Doktoranden. Ihre Absolventinnen und Absolventen nehmen Top-Positionen im ORF und in der Qualitätspresse, in Agenturen und Unternehmen ein, sie haben Karriere gemacht und „ihre Frau Professor“ nicht vergessen. Im Gegenteil: Viele Kontakte sind nach wie vor aufrecht und regelmäßige Treffen mit „ihren Jungen“ legen davon beredtes Zeugnis ab. Marianne Lunzer war nicht nur eine engagierte „Doktormutter“, sie ermutigte und unterstützte vehement auch die Karrieren der Nachwuchswissenschafter am Institut.

Es ist Marianne Lunzer-Lindhausen zu danken, dass die Medien- und Kommunikationsgeschichte zum unverzichtbaren Bestandteil der Lehre und Forschung am Wiener Institut geworden ist. Ein international sichtbares Zeichen für den Erfolg dieser Bemühungen war die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, die im Jahr 1986 zum Thema „Wege zur Kommunikationsgeschichte“ in Wien stattgefunden hat. Mit nahezu 800 Seiten entstand daraus der umfangreichste Berichtsband in der langen Geschichte der DGPuK. Und – an dieser Stelle sei es angemerkt – bei dieser Tagung wurde auch das erste Heft der Zeitschrift medien & zeit präsentiert. Die Ausgaben 2 und 3 des Jahrgangs 2009 von medien & zeit behandeln Themenfelder, mit denen sich Marianne Lunzer-Lindhausen im Laufe ihrer Karriere besonders gerne beschäftigt hat. Wir widmen ihr diese mit unseren herzlichen Glückwünschen zum Geburtstag.

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