Andrea Morawetz: Aufbruch in eine bessere Welt: “Kauft österreichische Waren!” Politische Produktkommunikation der Zwischenkriegszeit

Einleitung: Frühjahr 1927: Zum vierten Mal in der Geschichte der Ersten Republik steht den Österreicherinnen und Österreichern die Entscheidung über die Zukunft des Landes bevor. Plakate pflastern die Straßen und werben um die Gunst der Wähler. Am 24. April 1927 ist es schließlich soweit: Die Nationalratswahl fällt zugunsten der “Einheitsliste”, in der unter anderem die christlichsoziale und die großdeutsche Volkspartei zusammen geschlossen sind, aus, und Ignaz Seipel wird wiederholt Bundeskanzler. Der “Prälat ohne Milde” ist es demnach auch, der die Geschicke des Staates lenkt, als der Justizpalast im Juli jenes Jahres in Flammen aufgeht. Ein Moment, in dem der Riss, der die Nation durchzieht, sichtbar größer wird.

Szenenwechsel: Im Herbst desselben Jahres finden sich auf den Straßen Wiens und Österreichs erneut Plakate, die eine politische Grundfärbung enthalten und ähnlich den im Frühjahr affichierten Wahlkampfplakaten das Drohgespenst der Armut thematisieren und inszenieren (Beispielsweise hieß es hier auf Plakaten drängend, wenn nicht sogar befehlend: „Die Kinder wachsen und müssen Arbeit finden!“, Kontakt 7-8/1930, S. 13). Wieder scheint sich ein Wahlkampf anzukündigen. Anders als noch wenige Monate zuvor wird dem Betrachter allerdings nicht die Entscheidung für die christlichsoziale, großdeutsche oder sozialdemokratische Partei abverlangt. Die nun eingeläutete Plakat-Schlacht, die Besserung der Handelsbilanz und Verringerung der Arbeitslosigkeit verspricht, soll nicht zu einer Entscheidung in der Wahlkabine, sondern an der Ladentheke – direkt an der Konsum-Front – führen. “Kauft österreichische Waren!” tönt es in den folgenden Jahren eindringlich von Plakaten, Inseraten, Flugblättern, aber auch aus den Rundfunkgeräten jedem Bürger und jeder Bürgerin entgegen. Die hier beworbene “Partei” hieß: “Österreich” (Die Industrie, 31/1927, S. 4). Mit einem Schlag waren die “Anderen” jetzt außerhalb der Grenzen Österreichs und nicht im Lager der “gegnerischen” Parteien zu suchen. Das überrascht und erstaunt angesichts der Entwicklungen der vorhergehenden Monate. Umso mehr, wenn deutlich wird, dass die Aktion “Kauft österreichische Waren!” (KöW) auf den Konsens und die Unterstützung der Großparteien bauen konnte. Mehr noch, diese flächendeckende Kampagne war paradoxerweise auf die Initiative eines hochrangigen großdeutschen Politikers zurückzuführen, den Minister für Handel und Verkehr und späteren Obmann der Partei, Hans Schürff (Österreichische Reklame, 3/1927, S. 29). So aufklärungsbedürftig dieser Umstand zunächst auch erscheinen mag, so offen liegt andererseits auf der Hand: Konsum war in den ausklingenden zwanziger Jahren zu einer Staatsangelegenheit erklärt worden. Jeder “gute” Österreicher und jede “gute” Österreicherin sollte nun zugunsten des Aufbaus der heimischen Wirtschaft, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Aussicht auf eine glänzende Zukunft dazu angehalten werden, inländische Waren gegenüber ausländischen Erzeugnissen zu bevorzugen. Eine Forderung, die zu Beginn der dreißiger Jahre zudem in Form einer eigens kreierten Schutzmarke visuell bezeugt wurde: Die ausgezeichneten österreichischen Produkte stellte man sichtbar unter die schützenden Fittiche eines amtlich anmutenden Adlers. Wirtschaftswerbung und nationale Propaganda verschmolzen somit im Rahmen dieser Kampagne zu einer Einheit, die wiederum Einheit – in Form der Konzeptionierung eines Wir- Gefühls und Bewusstseins für Österreich – gebären sollte (vgl. auch Gries, Morawetz, 2006). …

Michael Busch: Organisation durch Propaganda Zur Begründung der Massenbeeinflussung bei Johann Plenge

Einleitung: 

“Wie wir es sehen, steht die “Idee” über dem allen. Die Idee schafft die Organisation, wenn sie sich durch Propaganda auswirkt, und hält die Organisation lebendig, wenn sie durch Erziehung und Werbung dauernd an alle einzelnen herangetragen wird […].”
Johann Plenge

Der Nationalökonom und Soziologe Johann Plenge (1874 bis 1963) galt in der historischen Forschung lange Zeit als weitgehend unbekannt. Wohl wurde er häufig genannt, doch ging seine Bedeutung kaum über den Rahmen einer “Erwähnungsgröße” hinaus. Seit wenigen Jahren wird jedoch Plenges intellektuelles Engagement während des Ersten Weltkrieges wieder verstärkt untersucht (vgl. hierzu Hoeres, 2004; Bruendel, 2003; Müller, 2001; Beßlich, 2000; Flasch, 2000; Verhey, Bauer, 2000). Es ist somit nicht verwunderlich, dass in diesem Zusammenhang auch andere Wissenschaftsdisziplinen auf die Ausführungen des zu seiner Zeit wirkmächtigen Professors zurückgreifen. So haben auch die Kommunikationswissenschaften Plenges frühe Ausführungen zur theoretischen Begründung von Propaganda für sich entdeckt (vgl. Liebert, 2003; besonders auch Bussemer, 2005).

Dieser Aufsatz hat sich zum Ziel gesetzt, die Beziehung zwischen Plenges Organisationsmodell und seinen Ausführungen zur Propaganda vertiefend zu betrachten. Der Historiker Thymian Bussemer aus Frankfurt an der Oder hat auf diesen Zusammenhang bereits hingewiesen. Darüber hinausgehend soll hier jedoch dargelegt werden, dass Organisation und Propaganda bei Plenge keine getrennten Systeme bildeten. Vielmehr ist zu zeigen, dass die Propagandakonzeption Plenges – sowohl in ihrem Ansatz als auch in ihrer Struktur – einzig aus seiner Organisationslehre heraus verstanden werden kann und dass die Integration dieses Kommunikationsansatzes allein aus einer systematischen Neujustierung seiner Gesamtkonzeption notwendig wurde.

Um dieser These nachzugehen, wird im Folgenden versucht, einen theoretisch-systematischen Zugang mit dem historischen Rahmen und den gewonnenen Erfahrungen Plenges zu verknüpfen. Auf der Folie von Plenges Organisationslehre und seinen Vorstellungen vom Individuum sollen zu Anfang die konzeptionellen Grundlagen seiner Sozialtheorie aufgezeigt werden. Hier lassen sich bereits strukturelle Voraussetzungen verorten, die einen kommunikationstheoretischen Ansatz notwendig machten. Unter Bezugnahme auf den Briefwechsel mit dem Unternehmer Ludwig Roselius (1874 bis 1943) werden daran anschließend die Umstände dargelegt, die Plenge auf das Feld der Propaganda verwiesen. Im Anschluss daran wird anhand der inhaltlichen wie strukturellen Elemente von Plenges Propagandavorstellung deren fundamentale Verflechtung mit seiner Organisationslehre verdeutlicht. Seine theoretische Entwicklung wird am Ende mit den Erfahrungskontexten Plenges in Beziehung gesetzt, um die systematische Neujustierung – als deren Ausdruck die Integration von Propaganda zu verstehen ist – auch historisch zu begründen. …

Dirk Schindelbeck: Propaganda als totaler Psycho-Krieg "Innerbetriebliche Werbung" bei Unkers in den letzten Kriegsjahren

Einleitung: Schon mit dem Beginn von Hitlers Vier-Jahres- Plan im Oktober 1936 nahmen aufmerksame Beobachter im öffentlichen Raum schleichende Umstellungen von Friedens- auf Kriegskommunikation wahr. Der Stil der Annoncenspalten und Anschlagsäulen wurde zunehmend von Imperativen wie “Eßt mehr Fisch!” “Spart Zucker!” oder “Kampf dem Verderb!” beherrscht, was mit Kriegsausbruch 1939 drastische Verschärfungen mit sich brachte. Jetzt sollten einschneidende Verknappungen selbst bei Gütern des täglichen Bedarfs jeden echten Wettbewerb abwürgen, der Lebensalltag der Bevölkerung wurde fortan von anhaltenden Bewirtschaftungsmaßnahmen diktiert. Was unter diesen Bedingungen noch wie Wirtschaftswerbung aussah, sollte in Wahrheit kaum mehr zum Kauf real vorhandener Waren stimulieren, sondern trug zunehmend den Charakter von Erinnerungswerbung mit oftmals geradezu flehenden Untertönen “Vergessen Sie uns nicht!” oder: “Einmal sind wir wieder da!” Dessen ungeachtet waren Werbefachleute keineswegs von heute auf morgen arbeitslos. Film- und Theaterplakate, Messe- und Ausstellungsankündigungen wollten gestaltet sein – ebenso wie Kalender oder Kochrezepte, Aufrufe zu Wertstoff- Sammlungen oder Gebrauchsanweisungen für den Umgang mit Ersatzstoffen. Die Palette der Möglichkeiten, ihren Beruf auch unter Kriegsbedingungen auszuüben, war – zumindest in den ersten Kriegsjahren – noch durchaus breit, ob es nun galt, “propagandistisch wertvolle” Werbefiguren wie “Groschengrab, das Ungeheuer”, “Kalkteufel” oder “Kohlenklau” (Abb. 1) zu erfinden und zu betreuen oder als Gebrauchsgraphiker Stadtpläne englischer Großstädte reinzuzeichnen, um Bomberpiloten Kartenmaterial an die Hand zu geben.

MZ 2007-2 Schindelbeck

Abb. 1: Das Schaufenster als Propagandainstrument: Unsympath Kohlenklau auf Diebestour (1943). Quelle: Gebrauchsgraphik, Nr. 4, 1943, S. 23

Gerade die Kenntnis von Beeinflussungsstrategien und -techniken war es ja, welche dieser Funktionselite weitaus bessere Chancen eröffnete, von mörderischen Fronteinsätzen viel länger verschont zu bleiben als dies anderen Berufsgruppen vergönnt war – um am Ende gar den Krieg an der Heimatfront zu überstehen. Erst mit der Jahreswende 1942/43 waren 80 Prozent aller Werbefachleute schließlich zur Armee oder berufsfremden Tätigkeiten abkommandiert worden (Rechenschaftsbericht des dt. Werberates, 1941). Ein Bereich vermochte besonders wirksam und lange Schutz vor Einberufung zu bieten: die sogenannte “innerbetriebliche Werbung”, insbesondere in einem als kriegswichtig geltenden Betrieb. …

Rezensionen 2/2007

Volker Iglen & Dirk Schindelbeck: Am Anfang war die Litfaßsäule. Illustrierte deutsche Reklamegeschichte. Darmstadt: Primus Verlag 2006, 144 Seiten.
rezensiert von Andrea Morawetz

Hans-Jörg Czech & Nikola Doll (Hg.): Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930–1945. Im Auftrag des Deutschen Historischen Museums Berlin. Dresden: Sandstein Verlag 2007, 536 Seiten, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung.
– rezensiert von Rainer Gries

Christoph v. Ungern-Sternberg: Willy Haas 1891-1973. “Ein grosser Regisseur der Literatur”. München: Edition text+kritik 2007, 327 Seiten.
– rezensiert von Evelyn Adunka

Martina Roepke: Privat-Vorstellung. Heimkino in Deutschland vor 1945. (= Medien und Theater, Bd. 7). Zürich, New York: Georg Olms Verlag Hildesheim 2006, 236 Seiten.
rezensiert von Martina Novotny

Gabriela Christmann: Robert E. Park. (= Reihe Klassiker der Wissenssoziologie, hg. von Bert Schnettler, Bd. 5). Konstanz: UVK Verlag 2007, 136 Seiten.
– rezensiert von Gaby Falböck

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