Peter Dusek: Die „Schatzgräber“ vom Küniglberg Anmerkungen zur Geschichte der größten audiovisuellen Sammlung Österreichs im ORF

Einleitung: Mitunter kommt man sich als Leiter des ORF-Fernseharchivs wie ein „Schatzgräber“ vor – etwa wenn Hugo Portisch bei seiner „Unglaublichen Geschichte“ auf Material zurückgreifen kann, das seit 60 Jahren nicht mehr öffentlich gezeigt wurde, oder wenn Eliette von Karajan bei einem Besuch im Fernseharchiv Aufnahmen aus ihrer Ehe mit Herbert von Karajan findet, die auch sie bereits völlig vergessen hat. Auch bei Sendungen wie „Wiesner fragt“, „Sendung ohne Namen“ oder bei der Austropop- Show bzw. bei Helmut Zilks Sendereihe „Lebenskünstler“ verblüffen die Archiv-Mitarbeiter immer wieder durch Bewegtbilder, die als verschollen galten bzw. an deren Existenz sich nicht einmal die Gestalter von einst erinnern konnten. Neben dem vielen Lob bekommt das Fernseharchiv im ORF-Zentrum am Küniglberg aber mitunter auch starke Kritik vorgetragen. Die Archivare im ORF-Zentrum verhielten sich wie einst der Fafner in der Nibelungensage, der einen riesigen Schatz hütet, aber alle Interessenten verscheucht. Leider ist die Problematik des öffentlichen Zugangs zum größten Medienarchiv des Landes wirklich sehr kompliziert. Da gibt es jede Menge Rechtsschranken: Urheberrecht, Leistungsschutzrecht oder Persönlichkeitsrecht. Sie verhindern den freien Zugang. Darüber hinaus rächen sich die Versäumnisse von Jahrzehnten. Denn obwohl das ORF-Fernseharchiv seit 18 Jahren zu den modernsten Institutionen seiner Art weltweit gehört, waren die Zustände zuvor alles andere als rosig: Geldmangel und zu wenig qualifizierte Mitarbeiter, dazu eine ständig anwachsende Materialsammlung. Das alles ließ das Fernseharchiv zu einem Ort werden, der an Dante’s „Platz der verlorenen Seelen“ erinnerte. Wer also die Benützungshindernisse von heue verstehen will, muss sich mit der Geschichte einer Institution beschäftigen, an die vor 50 Jahren bei der Geburt des Fernsehens überhaupt noch niemand dachte. …

Herbert Hayduck: Medienarchive im digitalen Umfeld

 Einleitung:

“Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.”
Paul Cezanne

Paul Cezanne hat im Jahre 1904 mit prophetischem Weitblick die bevorstehenden, dramatischen Veränderungen in der visuellen Kultur vorausgesehen.

Der Einbruch der Abstraktion in der Bildenden Kunst und die schrittweise Entwicklung der technischen Bildmedien führten im 20. Jahrhundert zu einem tiefgreifenden Umbruch in der Kultur der optischen Wahrnehmung. Die Geschwindigkeit dieser Veränderungen hat Cézanne ganz offensichtlich als bedrohlich empfunden.

100 Jahre später sind wir in der Entwicklung der elektronischen Medienlandschaft Zeugen einer hochinteressanten Parallele zur damaligen Situation. Die Etablierung der digitalen Technologien führt zu drastischen Veränderungen in den Produktions-, Distributions- und Rezeptionsmechanismen der audiovisuellen Medien, deren Geschwindigkeit sehr an die von Cézanne empfundene Dramatik erinnert.

Audiovisuelle Inhalte werden zu digitalen „contents“, die in der jeweils adäquaten technischen Qualität über eine Vielzahl von Verteilplattformen den interessierten „user“ erreichen sollen.

Diese Flexibilisierung und Beschleunigung der Erzeugung und des Konsums von technisch erzeugten „Ab“-Bildern steht erst am Beginn ihrer Entwicklung. Bereits jetzt führt sie zu einer Vervielfachung der erzeugten Bildermengen und stellt damit die Gesellschaft schlechthin, ganz konkret aber die für die Archivierung von audiovisuellen Medien Verantwortlichen vor die Frage nach der sinnvoll strukturierten Erhaltbarkeit dieser Mengen.

Eine scheinbar zunächst technische Frage nach quantitativer Bewältigbarkeit wird zu einer Frage nach dem Gedächtnis einer Gesellschaft und ihrer Alltagskultur. …

Alexander Hecht: Verborgene Schätze? Fernseharchive und ihre Zugänglichkeit im europäischen Vergleich

Einleitung: Audiovisuelle Quellen rücken mehr und mehr in den Blickpunkt verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Nicht nur die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, auch die Geschichte sowie die Theater- und Filmwissenschaft, ja selbst die Rechtswissenschaft beschäftigt sich – etwa im Rahmen des Urheber- und Persönlichkeitsschutzrechtes – mit audiovisuellen Materialien, wobei vor allem das Fernsehen mit seinem großen Einfluss auf den Medienkonsum der Gesellschaft im Mittelpunkt steht.

Die Erforschung der Geschichte und Wirkung des Fernsehens kann jedoch nur unter Einbeziehung aller verfügbaren Quellen stattfinden – woran es in vielen Teilen Europas mangelt. Während für den archivalischen Bestand an schriftlichen Quellen Regelungen über Zuständigkeiten, Aufbewahrung und Auswertung getroffen worden sind, bleibt der nicht unerhebliche „Schatz“ an audiovisuellem Material, und hier insbesondere das Archivgut der Fernsehanstalten, oft unzugänglich für Wissenschaft und Forschung.

In diesem Beitrag sollen anhand einiger Modelle der Archivierung von Fernsehmaterial die unterschiedlichen Zugänge, die der Forschergemeinde bzw. dem interessierten Laien eingeräumt werden, illustriert werden. …

Rainer Hubert: Audiovisuelles Gedächtnis – audiovisuelles Spiegelbild

Einleitung: Augen und Ohren spielen eine zentrale Rolle bei den audiovisuellen Medien. Es scheint mir daher sinnvoll, die Hirn-Metapher „Gedächtnis“ durch eine Sinnes-Metapher wie „Spiegel( bild)“ zu ergänzen.

Denn Audiovisuelles ist Abspiegelung, ist Abbildung durch Geräte. Das heißt, dass sie zwar – als Abspiegelungen einer immer stärker verbal geprägten Welt – sehr viel Gedankliches, Sprachliches enthalten, aber eben nicht nur. Audiovisuelle Aufzeichnungen sind nicht nur Gedächtnis, sie sind auch und vor allem Spiegelbild. Der Spiegel wird dabei von Menschen geführt und Menschen blicken wieder in ihn hinein: er zeigt vieles, das über sprachlich Vermitteltes hinausgeht: das Agieren von Menschen, ihre Umwelt, die Natur – den weiten Bereich des Non-Verbalen. …

Jo Adlbrecht: Flüchtig aber authentisch – Zur Glaubwürdigkeit elektronischer Medien in ihrer Anfangszeit Eine Spurensuche zwischen Röhrenradio und Schwarz-Weiß-Fernseher

Einleitung: „Glaubwürdigkeit“ ist eine zentrale Bewertungskategorie jener Medien, die nicht nur unterhalten, sondern auch informieren wollen. Diese Dimension ist umso wichtiger, je größer die inter- bzw. intramediale Vielfalt ist. Wann immer ein neues Medium wachsende Verbreitung findet, stellt sich die Frage, wie weit es zur Übermittlung von Nachrichten, im Besonderen von politischer Information, geeignet ist und wie das Publikum seine „Glaubwürdigkeit“ einstuft. Das Radio war das erste Medium, das der Tagespresse das Monopol der aktuellen Nachrichtenübermittlung strittig machte. In diesem Beitrag wird versucht, Spuren des Konzepts der „relativen“ Glaubwürdigkeit des frühen Radios und später des Fernsehens in Österreich in Relation zur Tagespresse zu finden.

„Glaubwürdigkeit“ kann im historischen Kontext nicht als Antwort auf eine präzise gestellte Frage verstanden werden. Dezidierte Intermedia-Vergleiche liegen für Österreich erst ab 1961 vor. „Glaubwürdigkeit“ ist in den über 35 Radio-Jahren davor ein Konglomerat, das Vertrauenswürdigkeit, Image, Objektivität und Wirkungs-Vermutungen umfasst. Dabei interessieren in diesem Beitrag weniger Einzelmeinungen, sondern empirische Studien zur Medienglaubwürdigkeit aus der Sicht der Publika. Langzeitstudien zu Mediennutzung und -Bewertung stehen für Österreich nicht zur Verfügung. Auch Ad-hoc- Studien fehlen für viele Jahre bzw. sind nur schwer auffindbar, nicht immer zugänglich und bisher nicht systematisch aufgearbeitet. Eine Ausnahme sind die Jahre 1946 bis 1954, in denen die US-Army vorerst im amerikanischen Sektor und später auch darüber hinaus intensive Meinungsforschung betrieb. Diese Studien bilden den Schwerpunkt des Beitrags. Die vorliegende Zusammenstellung kann nur eine Skizze sein, die durch ein Forschungsprojekt zu vertiefen wäre, das den medialen Wandel anhand der einschlägigen Modelle beschreibt. …

Rezensionen 3/2005

Margareth Lünenborg: Journalismus als kultureller Prozess. Zur Bedeutung von Journalismus in der Mediengesellschaft. Ein Entwurf. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005
– rezensiert von Petra Herczeg

Thymian Bussemer: Propaganda. Konzepte und Theorien. Mit einem Vorwort von Peter Glotz. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005
– rezensiert von Dirk Schindelbeck

Dieter Prokop: Das Nichtidentische der Kulturindustrie. Neue kritische Medienforschung über das Kreative der Medien-Waren. Köln: Herbert von Halem Verlag 2005
– rezensiert von Gaby Falböck

Reinhard Schlögl: Oskar Czeija. Radio- und Fernsehpionier, Unternehmer, Abenteurer. Wien: Böhlau Verlag 2005
– rezensiert von Gisela Säckl

Alexander C. T. Geppert, Uffa Jensen & Jörn Weinhold (Hg.): Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert. Bielefeld: transcript 2005
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Rainer Gries & Wolfgang Schmale (Hg.): Kultur der Propaganda. (= Herausforderungen. Historisch-politische Analysen, Bd. 16). Bochum: Verlag Dr. Dieter Winkler 2005
Rainer Gries / Silke Satjukow (Hg.): Unsere Feinde. Konstruktion des Anderen im Sozialismus. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2004
– vergleichend rezensiert von Bernd Semrad

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