Maria Löblich: Probleme und Chancen des biographischen Leitfaden-Interviews Ein Erfahrungsbericht

Einleitung: Biographische Forschung stützt sich häufig auf Lebenserfahrung und Lebensführung, dargestellt aus der Sicht des Subjekts. Ein Zugang zu Lebensgeschichten ist das biographische Interview, in dem eine Person entweder nach Abschnitten ihres Lebens oder nach ihrem gesamten Lebenslauf befragt wird. Dabei besteht eine Grundannahme darin, dass über ein relativ offen gestaltetes Interview die Interpretation oder Rekonstruktion des Lebensverlaufs aus subjektiver Sicht zur Geltung kommen kann. Eine zweite Prämisse lautet, dass der Erzählende seine Lebensgeschichte „identisch und authentisch“ rekonstruiert. Inwiefern ist es aber überhaupt möglich, mit einem Interview die Sicht „von innen“ zu erheben?

Die Annahme, dass Erinnerungen mit Erlebnissen und Geschehnissen der Vergangenheit gleichzusetzen sind, findet man in der heutigen Methodenliteratur ebenso wenig wie die Vorstellung, dass Erzähltexte völlig frei vom Erzähler produziert werden. Ein Interview wird – wie andere soziale Situationen auch – von Erwartungen  insichtlich der Begegnung, von bestimmten Vorstellungen der Gesprächspartner voneinander, von der Wahrnehmung verbaler und non-verbaler Äußerungen des jeweils Anderen sowie von der gemeinsamen Situationsdefinition beeinflusst. Allerdings existieren im Interview spezifische Kommunikationsregeln, von Interviewer und Befragtem wird die Einhaltung bestimmter Rollen verlangt. Ein biographisches Interview wird aber auch vom Gedächtnis beeinflusst und von der aktuellen Lage des Befragten. Besonders in erzählbetonten Interviewformen kommen die sogenannten „Zugzwänge“ des Erzählens als Organisations- und Gestaltungsfaktor der Antworten hinzu.

Ein weiterer Grund, sich mit Problemen im biographischen Interview zu beschäftigen, besteht darin, dass hier im Unterschied zu bereits vorhandenen Quellen das Material erst produziert wird. Dies eröffnet zumindest die Möglichkeit, vorab potentielle Schwierigkeiten zu reflektieren und nach Lösungen zu suchen. …

Klaus Kienesberger: Sepp Plieseis Deutung und Umdeutung einer Partisanen-Biographie

Einleitung:

„Plieseis war ein gescheiter Bursche, nur dass er halt so versessen war auf den Kommunismus, auf das Regime, das wird die Zukunft der Welt! Er hat schon einiges davon erzählt, aber auch nicht zuviel, damit, wenn einer einmal erwischt würde und ausgefragt würde, dass er auch da nicht zuviel gewusst hätte.“

Karl Feldhammer, ehemaliges Mitglied der Partisanenbewegung im Salzkammergut erinnert sich im Zuge eines Interviews mit Peter Kammerstätter an Sepp Plieseis, den Kopf der dort von 1943 bis 1945 aktiven Partisanenbewegung. Leopoldine Aster, zu dieser Zeit eine der Unterstützerinnen, spinnt andere Assoziationen: „Zu Plieseis: wir waren damals junge Dirndl, er hat uns gefallen. Er war ein fescher Kerl. Mehr war nicht.“ Denn: „Die politische Einstellung, Politik, hat uns nicht interessiert (…).“

Das Leben dieses Sepp Plieseis war ereignisreich, ja mit Sicherheit auch spannend und gefährlich. Er war Sozialdemokrat, Kommunist, Spanienkämpfer, KZ-Häftling, Partisanenkämpfer, Exekutivorgan und letztlich kommunistischer Funktionär. Im Jahr 1946 erschien unter seinem Namen eine Biographie mit dem Titel „Vom Ebro zum Dachstein.“ Verfasst hat Plieseis den Text in Zusammenarbeit mit dem deutschen Schriftsteller Rudolf Heinrich Daumann.

Mehr als 20 Jahre ruhten die Erlebnisse Plieseis’, dann griff ein DDR-Schriftsteller namens Julius Mader den Stoff auf und brachte „Vom Ebro zum Dachstein“ unter dem Titel „Partisan der Berge“ neu heraus. Neben kleinen sprachlichen Änderungen, um den Text für den DDR-Markt lesbarer aufzubereiten, stechen bei genauerer Analyse auch inhaltliche Veränderungen ins Auge, die Mader am Ursprungstext vorgenommen hat und die Auslöser für harsche Kritik in einem Beitrag im Kommunist („Theoretisches Organ des Kommunistischen Bundes Österreichs“) waren.

Im Jahr 1977 entstand auf Basis des Textes „Partisan der Berge“ eine fiktionale DDR-Fernsehserie, die unter dem Titel „Gefährliche Fahndung“ eine Geschichte im Salzkammergut des Jahres 1975 konstruiert, in der wesentliche Charaktere der Salzkammergut-Partisanenbewegung sowie der auf die „Alpenfestung“ vertrauenden Nationalsozialisten variiert werden.

Sepp Plieseis war Partisane, seine Aufgabe bestand teils darin, zu konspirieren, sich zu verstecken, andere zu tarnen und zu täuschen. Ein Bestreben, das einer einigermaßen durch Daten abgesicherten biographischen Darstellung widerstrebt und bis dato höchst widersprüchliche Eigen- und Selbstdarstellungen produzierte.

Vorliegender Beitrag soll zu einer Problematisierung von Biographien und deren Kommunikation, Um- und Neudeutung sowie deren Fiktionalisierung am Beispiel Sepp Plieseis beitragen und Denk- und Forschungsanstöße liefern. An einer eingehenden Betrachtung dieser spezifischen Thematik wird bereits gearbeitet. …

Simon Ganahl: Ich gegen Babylon: Karl Kraus und die Presse

Einleitung:

“Die Wunde ist unheilbar, sie wird immer bösartiger, immer fressender; und das Übel wird
immer größer, je mehr es geduldet wird, bis zu dem Tag, wo über die Zeitungen durch ihre Üppigkeit und Massenhaftigkeit die Verwirrung kommt, wie in Babylon.”

I.

Ein Volk mit einer Sprache. Und dann der unsägliche Turmbau, der alles zerstreute und verwirrte. Es mag eine mythische Einheit gewesen sein, jener nachgerade paradiesische  Zustand, da jeder jeden verstanden, jeder für jeden gearbeitet hat – eine Ordnung indes, die mit der Kantschen Aufklärung restauriert wurde. Harmonisch wie ein Turm, dessen runde Grundfläche zylindrisch in die Höhe ragt, sollten Mensch und Menschheit vorangehen. Dass sich die Moderne wie ein Kopf stehender Kegelstumpf entwickelte, der namentlich breiter, kaum höher wird, hatte Kant gewiss nicht geplant. In seinem kurzen Text „Was ist Aufklärung?“ gibt der Philosoph drei Beispiele passiver Vernunft: Unmündig ist, wer den Verstand einem Buch, das Gewissen einem Seelsorger, den Diätplan einem Arzt überlässt. In dieser Passage einen Konnex zum Kantschen Hauptwerk zu sehen, bedarf keiner großen  opfarbeit, zumal die drei Kritiken, wie Michel Foucault formulierte, als „Handbuch der in der Aufklärung mündig gewordenen Vernunft“ fungieren. Wenn die Menschheit genug  ortgeschritten ist, Wissenschaft, Politik und Kunst universalistisch gereift sind, jenes goldene Zeitalter, das aufgeklärte nämlich, anbricht, dann sollen die Menschen erkannt haben, wie sie frei denken und handeln können.

Die Fragen des Positivisten, wann und wo Karl Kraus Schriften von Kant wie gründlich gelesen hat, lassen sich dann schwer beantworten, wenn man meint, es sei wichtig, zu wissen, an welcher Stelle des Krausschen  ücherregals die „Kritik der Urteilskraft“ gestanden ist. Wer die Ausdauer hat, sich auf die Texte des Satirikers einzulassen, kann getrost auf extensive Materialrecherche verzichten. Denn dass Kraus das schier „Negative (welches die eigentliche Aufklärung ausmacht) in der Denkungsart“ wie kein anderer kultivierte, hat die Fackel, jene Zeitschrift, für die er fast vier Jahrzehnte verantwortlich zeichnete, seit ihrem programmatischen Vorwort bewiesen. Der damals 25-jährige Herausgeber wandte sich an ein argloses Publikum, eine Öffentlichkeit, „die zwischen Unentwegtheit und Apathie ihr  Phrasenreiches oder völlig gedankenloses Auskommen findet“. Kraus präsentierte sich als  Unabhängiger Publizist, als parteiloser Warner, der seine benommenen Zeitgenossen wachrüttelt. Wenn die Augen erst geöffnet, die Sinne munter sind, dann „predigen die Verhältnisse das Erkennen socialer Nothwendigkeiten“, dann kommen die Tatsachen unverblümt zutage. Zweifellos geht es dem Autor der Fackel um eine Vorbildfunktion, um die  publizistische Hoffnung, „dass der Kampfruf, der Missvergnügte und Bedrängte aus a l l e n Lagern sammeln will, nicht wirkungslos verhalle“. …

Erik Koenen: Ein „einsamer“ Wissenschaftler? Erich Everth und das Leipziger Institut für Zeitungskunde zwischen 1926 und 1933 Ein Beitrag zur Bedeutung des Biographischen für die Geschichte der Zeitungswissenschaft

Einleitung: Der Wissenschaftshistoriker und -soziologe Terry N. Clark beschreibt fünf „Stadien wissenschaftlicher Institutionalisierung“: den einsamen Wissenschaftler, Amateurwissenschaft, entstehende akademische Wissenschaft, etablierte Wissenschaft und Big Science. Anhand der ersten vier Stadien dieser Systematisierung kann man die generelle institutionelle Entwicklung des Faches Zeitungswissenschaft bis 1933 darstellen. Aber geht man ferner auf die Ebenen der Akteure, der Institute sowie der wissenschaftlichen Leistungen und Ressourcen ein, so zeigt sich eine „erhebliche professionelle Anomie“ in der Institutionalisierung der Zeitungswissenschaft: Ausbildung und Lehre an den einzelnen Instituten waren lokal organisiert, die Arbeitsbedingungen und -möglichkeiten waren desolat und miserabel, zu den Aufgaben, Wegen und Zielen des Faches wurde bei seinen Vertretern kein Konsens erreicht, sie forschten meist einsam für sich und vernetzten wissenschaftliche Leistungen wenig miteinander. …

Rezensionen 1/2005

Joachim Riedl (Hg.): Wien, Stadt der Juden. Die Welt der Tante Jolesch. Wien: Paul Zsolnay Verlag 2004
– rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

Miroslava Kysela: „Jüdische Volksstimme“ 1919-1934 (thematische und spezifische Analyse). Ostrava: Scripta Facultatis Philosophicae Universitatis Ostraviensus 2002
– rezensiert von Evelyn Adunka

Christoph Jacke: Medien(sub)kultur. Geschichte – Diskurse – Entwürfe. (= Cultural Studies, Bd. 9). Bielefeld: Transcript Verlag 2004
– rezensiert von Marian Adolf

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