Erhard Busek: Neues Europa Eine Herausforderung der Kultur- und Wissenschaftspolitik

Einleitung: Der faustische Drang, immer etwas Neues zu erfahren und Grenzen zu überschreiten, ist dem Menschen ureigen. Für Europa ist es auch der richtige Zeitpunkt dazu. Zweifellos ist es aber notwendig, die Aufgabe derer, die daran arbeiten, in einen größeren Rahmen hineinzustellen, wobei die Zeit des Umbruchs und der Veränderung, der Perspektive des neuen Europas, der Globalisierung und der permanenten Grenzüberschreitung in unserer Zeit eine ganz entscheidende Rolle spielen.

Forschung und Wissenschaft werden in vierfacher Weise verwertet und umgesetzt:

  • die Ergebnisse von Forschung und Wissenschaft sind die Grundlage für weitere wissenschaftliche Bemühungen und damit die Grundlage für weitere Forschung und Wissenschaft, sie verbleiben im Regelkreis von Wissenschaft und Technologie.
  • Die Ergebnisse von Forschung und Wissenschaft werden in wirtschaftlicher Hinsicht verwertet und umgesetzt; in diesem Sinne bilden sie die Grundlage oder den Ausgangspunkt für neue Produkte, neue Dienstleistungen und Finanzierungs- und Organisationsmaßnahmen.
  • Sie sind die Grundlage für soziale Innovationen, vor allem in Gesetzgebung, Regierungstätigkeit, in Verwaltungsmaßnahmen auf allen staatlichen und autonomen Ebenen, auch der Industrie und einzelner Menschen.
  • Forschung und Wirtschaft ist ein Teil der Kultur eines Landes; mit den Ergebnissen der Forschung hebt sich langfristig der Stand des Wissens einer Gesellschaft, des Verständnisses und des Weltbildes eines Landes, daraus entwickelt sich der kulturelle Ruf eines Landes, die Standards, sowie die Führungsrolle und Ausstrahlung in einem kulturellen Sinne —alles ohne Medien nicht möglich.

Darin besteht die besondere Bedeutung vor allem für das neue Europa — eine außerordentliche Situation an einem Kreuzungspunkt der Geschichte, in eine Gemeinsamkeit verschiedener Sprachen eingebettet, wo die Entwicklung der Integration noch deutlicher wird. …

Balázs Sipos: Unter Disziplinen Historische Medien und Kommunikationsforschung in Ungarn

Einleitung: Über die Lage der ungarischen Geschichte der Medien und der Kommunikation einen Artikel zu schreiben ist deswegen einigermaßen schwierig, weil sich die Medien- und Kommunikationsgeschichte als eine selbständige Forschungsrichtung in Ungarn noch in der Gestaltungsphase befindet. Natürlich bestehen bereits solche Wissenschaftszweige und „Nebenwissenschaften“, welche die historischen Erscheinungen der Medien und der Kommunikation erforschen. Solche sind unter anderem die Literaturgeschichte (Literaturwissenschaft), Sozial- und Kulturgeschichte (Geschichtswissenschaft), Politikgeschichte (als Geschichts- und Politikwissenschaft) sowie Pressegeschichte und Informationsgeschichte (Pressegeschichte bedeutet hier vor allem die Geschichte der gedruckten Zeitungen und Zeitschriften – aber nicht nur das, denn die Geschichte des Radios und Fernsehens, d.h. des elektronischen Programmsendens und der Sender in Ungarn wird größtenteils unter derselben Bezeichnung erörtert).

Obwohl es logisch erscheinen würde, entsprechen die beiden letzteren nicht dem, was man unter Medien- und Kommunikationsgeschichte versteht – teils wegen ihrer Position in dem ungarischen wissenschaftlichen System, und teils aus methodologischen Gründen. Einerseits sind die Grenzen zwischen den aufgezählten pressehistorischen Forschungsrichtungen in Ungarn verwischt: Man nennt zum Beispiel jene literaturgeschichtlichen Forschungen Pressegeschichte, deren Gegenstände entweder die Beiträge von Schriftstellern und Dichtern zu Nachrichtenblättern oder die Geschichte literarischer Zeitschriften sind — obwohl in diesem Fall Pressegeschichte eigentlich die Hilfswissenschaft der Literaturgeschichte ist, da diese Forscher die Journalistentätigkeit als eine belletristische Tätigkeit auffassen. Dies ist unter anderem damit zu begründen, dass bis zu den 1880er Jahren in Ungarn Presse und Literatur — zum Beispiel weil die Modernisierung der Zensur und der Presse erst 1867 begann – eng zusammen gehörten. Einerseits hatten die literarischen Zeitschriften eine bevorzugte politische Rolle und vertraten gesellschaftliche Reformprogramme (d.h. sie erfüllten die Funktion verschiedener Periodika), andererseits arbeitete eine Schar von ungarischen Schriftstellern und Dichtern bei Redaktionen, und ihre Gedichte und Romane wurden in den Zeitungen veröffentlicht (vom Mitredakteur Sändor Petöfi über den Redakteur Mör Jökai, den Journalisten Endre Ady bis hin zu Sändor Märai).

Ähnlich werden auch solche Forschungen als Pressegeschichte bezeichnet, deren Gegenstand die Politik sowie die Geschichte der politischen Ideen ist. Aber auch in diesen Fällen ist nicht die Presse (Medien) der Gegenstand der Untersuchung, sondern etwas ganz Anderes (die Politik), und die Zeitungen sind nur als Quellengruppe betroffen.

Andererseits wird die Lage dadurch noch komplizierter: Da von der Kulturgeschichte über die Pressegeschichte bis zu den Bibliothekswissenschaften eine Unzahl von (Teil)Disziplinen Kommunikation untersuchen, muss die einheitliche Wissenschaft im Rahmen der Informationsgeschichte organisiert werden. Aber diese Konzeption hat (zumindest in Ungarn) einen schwachen Stand. Die dadurch eingeführten Begriffe tauchen nicht einmal in solchen Arbeiten auf, in denen das wegen der Gegenstandswahl wohlbegründet wäre, oder im Gegenteil: Wir finden Beispiele für eine ziemlich freie Interpretation und Verwendung des Begriffsbestandes vor. All das hängt damit zusammen, dass diese Grenzziehung der Informationsgeschichte vielleicht zu viel verlangt: Sie will die Verfahrensweisen der diskursiven Politikwissenschaft, der Kommunikationswissenschaft, der Geschichtswissenschaft usw. in ein einheitliches Ganzes organisieren – während auch sie selbst mit methodologischen Problemen kämpft.

Es gibt zwei Gründe dafür, dass in Ungarn nicht einmal die Pressegeschichte aus ihrer hilfswissenschaftlichen Position ausbrechen konnte, und dass die Informationsgeschichte (oder die Kommunikationsgeschichte) nicht eine solche Forschungen umfassende (Inter)Disziplin geworden ist. Einer der Gründe ist die Forschungstradition, und der andere ist die Art der Institutionalisierung. …

Danusa Serafínová: Gegenwart und Perspektiven Forschungstätigkeit am Lehrstuhl für Journalismus der Comenius-Universität in Bratislava

Einleitung: Der Lehrstuhl für Journalismus der Comenius-Universität in Bratislava feierte im Jahr 2002 das fünfzigste Jubiläum seiner Gründung. In 50 Jahren seiner Existenz überstand der Lehrstuhl mehrere organisatorische und inhaltliche Veränderungen. Schmerzhafte — wie die nach dem gescheiterten Prager Frühling 1968, als alle Professoren, Dozenten, Assistenten u. a., die für mehr Freiheit für die Journalisten kämpften, die Schule verlassen mussten; freudige — nach der Wende im November 1989, als man die kommunistischen Ideologen verbannte und der Lehrstuhl, die Fakultät sowie das ganze Land sich wieder demokratisch entwickeln konnten. Die Stacheldrähte an den Grenzen wurden abgeschafft und das Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und die Stadt Wien überhaupt, lagen auf einmal ganz nah und nicht am Ende einer anderen Welt, wie in der langen Zeit als uns die Drähte trennten. …

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Martin Sekera & Simona Kopecká: Der Zustand der tschechischen Medienstudien Besonderheiten im Hinblick auf die Mediengeschichte

Einleitung: Versteht man – vereinfacht dargestellt – unter den Medienstudien sowohl die Beschreibung, die Analyse und die Interpretation der Medienformen, -inhalte und -Wirkungen vermittelter Mitteilungen wie auch die Analyse des kultursozialen, politischen und wirtschaftlichen Milieus, in dem die Medienkommunikation geleistet wird, muss man leider zu der Feststellung kommen, dass es in der Tschechischen Republik kein Forschungsinstitut gibt, das sich mit dieser Problematik systematisch, komplex und zugleich aus synchronischer und diachronischer Sicht befassen würde. Am meisten nähert sich diesem Ideal der Forschungsorientierung und -praxis das Zentrum für die Medienstudien der Fakultät der Sozialwissenschaften der Karlsuniversität (Centrum pro medialm studia Fakulty sociälnfch ved Univerzity Karlovy, CEMES), zum Teil kann man dazu auch den Lehrstuhl für die Medienstudien und der Journalistik der Fakultät der Sozialstudien der Masaryks Universität (Katedra mediälmeh studii a zurnalistiky Fakulty sociälnich studii Mas- arykovy univerzity) in Brünn rechnen. Das finanzielle und personelle Potenzial ist jedoch zur Zeit nicht einmal im Falle von CF,MES ausreichend, um die Medienstudien in solchem Maße durchführen zu können, das dem Interesse unter Fachleuten und in breitester Öffentlichkeit entsprechen würde. In unserem Bericht werden aber nicht ausschließlich die Gründe dieser schwachen institutioneilen Stellung der Medienstudien unter anderen Geisteswissenschaften in der Tschechischen Republik behandelt. Es ist vielmehr ein Versuch, eine allgemeine thematische und methodologische Charakteristik unserer Mediengeschichtsforschung zu zeichnen, wobei vor allem die Massenmedien hervorgehoben werden.

Eine solche Darstellung des heutigen Zustands der historiografischen Orientierung unserer Medienstudien bestimmen zwei einander beeinflussende und sich deckende Faktoren:

  1. Faktor der Tradition der Mediengeschichtsforschung.
  2. Faktor der methodologischen Isolation der Geschichtsschreibung gegenüber anderen Fächern.

Gerald Schubert: Prag:Wien Zwei europäische Metropolen im Lauf der Jahrhunderte. Die Österreichische Nationalbibliothek präsentiert Spuren eines komplizierten Verhältnisses

Einleitung: Am Anfang der chronologisch eingerichteten Ausstellung steht der Besucher sozusagen an der Wiege des Hauses selbst. Das im Jahre 1368 fertiggestellte Evangeliar des Johann von Trop- pau ist der älteste nachweislich habsburgisch- österreichische Codex und gilt als Gründungshandschrift der Österreichischen Nationalbibliothek. Entstanden ist diese allerdings in Prag, im frühhumanistisch geprägten Klima des Hofes von Kaiser Karl IV., und sie ist „unzweifelhaft eines der Hauptwerke der böhmischen Buchmalerei der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts“ (Gamillscheg, 2003,S. 107).

Gerade jene Epoche ist es, in der sich in den Beziehungen zwischen Prag und Wien einige der Charakteristika voll entfalteten, die auch in nachfolgenden Perioden kennzeichnend für das Verhältnis der beiden Städte waren. Karl IV, König von Böhmen und römisch-deutscher Kaiser, war ein fortschrittlicher, gewandter und vor allem hoch gebildeter Staatsmann, seine Zeit gilt noch heute als politische und kulturelle Hochblüte der böhmischen Geschichte. Bezeichnenderweise sind es tatsächlich Familienbande, in denen sich bereits damals die verwandtschaftliche Nähe zwischen der Moldau- und der Donaumetropole manifestierten – mit allen Vertraulichkeiten, aber auch mit allen Anzeichen von Konkurrenzdenken und Streben nach Selbstbehauptung. Denn der zur selben Zeit in Wien residierende Schwiegersohn Karls IV, Rudolf IV, hatte während seines kurzen und von Krankheit überschatteten Lebens ebenfalls einen überaus ambitionierten und dennoch stets am Erreichbaren orientierten Regierungsstil ausgeprägt, ln seinem Schwiegervater Karl fand er hier unzweifelhaft ein Vorbild. Diverse parallele, oder in chronologischer Hinsicht doch nahezu parallele, Entwicklungen in beiden Städten zeugen von diesem Verhältnis. Ob etwa der Stephansdom in Wien den imposanten

St.-Veits-Dom auf der Prager Burg nun übertreffen sollte oder sich einfach an ihm und damit am vorherrschenden Stil der Zeit orientierte, das ist letztlich eine Frage der Interpretation. Diese unbeachtet ad acta zu legen ist aber schon deshalb unmöglich, weil sie sich im Bezug der auch geographisch einander so nahen Städte weit mehr als einmal stellt. So etwa auch im Zusammenhang mit dem Entstehen der ersten mitteleuropäischen Hochschulen: Karl IV. gründete im Jahre 1348 die Prager Universität, 17 Jahre später zog Rudolf mit der Wiener Universität nach. Letzterer allerdings blieb die Einrichtung der wichtigsten, also der theologischen Fakultät, zunächst verwehrt; die Tatsache, dass Karl IV. während seiner Ausbildungsjahre in Paris vom späteren Papst Klemens VI. unterrichtet worden war und beste Kontakte zum I leiligen Stuhl pflegte, darf hier wohl nicht unerwähnt bleiben. …

Rezensionen 3/2003

Christina Holtz-Bacha & Arnulf Kutsch (Hg.): Schlüsselwerke für die Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002
– rezensiert von Bernd Semrad

Bernd Blöbaum & Stefan Neuhaus (Hg.): Literatur und Journalismus. Theorie, Kontexte, Fallstudien. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2003
– rezensiert von Gaby Falböck

Silke Satjukow & Rainer Gries (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin: Christoph Links Verlag 2002
– rezensiert von Jochen Voit

Rainer Gries: Produkte als Medien: Kulturgeschichte der Produktkommunikation in der Bundesrepublik und der DDR. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2003
– rezensiert von Stefan Schwarzkopf

Michael Achenbach & Karin Moser (Hg.): Österreich in Bild und Ton. Die Filmwochenschau des austrofaschistischen Ständestaates. Wien: Filmarchiv Austria 2002
– rezensiert von Bernd Semrad

Oskar Singer: Im Eilschritt durch den Gettotag. Reportagen und Essays aus dem Getto Lodz (1942-1944). Berlin, Wien: Philo Verlag 2002
– rezensiert von Eszter Bokor

Susanne Blumesberger, Michael Doppelhofer & Gabriele Mauthe: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert (hg. von Österreichische Nationalbibliothek, 3 Bände). München: Saur 2002
– rezensiert von Fritz Hausjell

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