Gerhard Hajicsek & Wolfgang Monschein: Vorwort

Vorwort

Ja
Das ist jetzt
Der einzige Zweck

Alles
Um uns herum ist weg
Das wird alles
mitgezerrt”

Tocotronic: This Boy is Tocotronic
In: Tocotronic. Hamburg: Lage d’or 2002

Warum sollten wir uns beim Besuch einer Homepage in die zerstörte Bibliothek von Alexandria versetzt Vorkommen? Was ist das Zerstörerische am Internet? Was das Selbstzerstörerische am Fernsehen?

Manche mediale Produkte sind für die Gegenwart geschaffen. Warum? Weil sie immer am Puls der Zeit sind? Weil Aktualität höchste journalistische Maxime ist? Diese Fragen brechen sich bereits am Begriff „Gegenwart“.

Gegenwart soll innerhalb dieses Schwerpunktes als der vergängliche und in seiner Dauer schwer definierbare Moment, der die Zukunft von der Vergangenheit trennt, verstanden werden. Allen Medien wohnt die Dialektik von Dynamik und Vergänglichkeit inne. Aufgehoben wird die Dialektik dieser Begriffe im Terminus der flüchtigen Gegenwart.

Eine alltägliche Situation: Sie sitzen abends in Ihrem Wohnzimmer, im Fernsehen werden Nachrichten gesendet, gleichzeitig blättern Sie in der Zeitung. Eine interessante Meldung im Fernsehen veranlasst Sie dazu, Ihre Zeitungslektüre zu unterbrechen. Nachdem Sie gesehen und gehört haben, was Sie interessierte, wenden Sie sich wieder dem Printmedium zu und vertiefen sich wieder in die spannende politische Analyse, die Sie bis zur Unterbrechung beschäftigt hat. Fünf Minuten später blicken Sie wieder auf den Bildschirm und stellen fest, dass der von der Zeitung analysierte Politiker gerade in einem Interview Stellung zur aktuellen Situation nimmt. Leider haben Sie die erste Hälfte des Interviews durch Ihre Lektüre bereits versäumt. Ist es nicht ärgerlich, dass man beim Fernsehen so viel leichter den Faden verliert als beim Lesen einer Zeitung? Und vor allem, dass man keine Chance mehr hat, ihn wiederzufinden?

Flüchtigkeit begründet sich in diesem Beispiel durch Nichtwiederholbarkeit der Rezeption. Manche Medien, wie etwa Buch oder Zeitung, lassen eine wiederholte Rezeption zu, etwa durch Zurückblättern und nochmaliges Lesen von Nichtverstandenem. Andere Medien, wie etwa Fernsehen oder Radio, lassen der rezipierenden Person diese Chance nicht, da die Richtung und das Tempo der Rezeption fix vorgegeben sind; Rückgriffe auf bereits Gesendetes sind ebensowenig möglich wie das Überspringen von nichtrelevanten Inhalten.

Technische Fortschritte im Bereich der audiovisuellen Medien, hier im Speziellen der Videorecorder und das Tonbandgerät (leicht verfügbar und ökonomisch leistbar) bringen nicht mit sich, dass mittlerweile traditionelle Nutzungsformen von Fernsehen und Radio durchbrochen werden. Es kann nicht davon gesprochen werden, dass gerade Nachrichtensendungen aufgezeichnet und zum Zweck des besseren Verständnisses oder der kritischen Aneignung wiederholt abgespielt werden.

Weiters ist das Sichten von Inhalten bei Printmedien prinzipiell leichter als bei sequentiellen Darstellungsformen, da ein schnellerer und umfassender Zugriff auf alle Informationseinheiten möglich ist.

Zurück zum Beispiel: Da Sie das Interview teilweise versäumt haben, suchen Sie im Internet die Homepage der Sendeanstalt, die das Interview ausgestrahlt hat, auf Sie hoffen, dort Näheres darüber zu erfahren. Nach einigem Vor- und Zurückspringen auf der Homepage wollen Sie sich die Zusammenfassung des Gesprächs downloaden oder ausdrucken. Sie klicken auf den „Zurück“-Button Ihres Internet-Browsers und stellen zu Ihrem Arger fest, dass der von Ihnen gewünschte Inhalt bereits von der Homepage genommen wurde – etwa aus rechtlichen Gründen oder solchen der Aktualität.

Im Zusammenhang mit Homepages scheint ein neues Phänomen aufzutreten: Durch die Organisation dieser Medien können sich die gerade rezipierten Inhalte im Moment der Rezeption schon geändert haben oder verschwunden sein, nämlich dadurch, dass der Betreiber der Homepage diese im Moment des Abrufens verändert hat. Der Wissenschaftsbereich ist durch dieses Phänomen vor neue Probleme gestellt: So etwa vor jenes der Zitierbarkeit von Homepages. Der angeführte Inhalt kann schon zum Zeitpunkt der Publikation einer Arbeit nicht mehr in der zitierten Form aufgefunden und die Quelle somit nicht mehr überprüft werden. Auch die Angabe des Fundzeitpunkts eines Inhalts löst dieses Problem nur scheinbar, da es keine Stelle gibt, an der man den Inhalt einer bestimmten Homepage zu einem bestimmten Zeitpunkt abfragen kann. Hier zeigt sich die potentiell mögliche ständige Aktualität und permanente Aktualisierbarkeit von Internet- Medien nicht nur als Chance, sondern auch als Problem. Das Fernsehbild zerstört sich nur 25mal pro Sekunde, um Platz für ein neues Bild zu schaffen, Online-Medien tun dies in potentiell unendlich kleinen Zeiträumen. Damit wohnt diesen Medien ein prinzipielles Moment der Zerstörung inne, der Zerstörung von Erinnerung, aber auch der Zerstörung von Gegenwart zugunsten aktualisierter Gegenwart. Obwohl durch die ständige Aktualisierung und Veränderung der Inhalte eine intersubjektiv gemeinsame Rezeptionsbasis immer gefährdet ist, wird die Grenze, an der sie absolut wegbricht, wohl nicht erreicht werden, da die Homepages, die sich bereits zu Leitmedien entwickelt haben, schon aus ökonomischen Gründen unbegrenzt kleinen Aktualisierungsintervallen entzogen sind.

Schon die Produktion von Audio- und Videostreamsendungen ist zeitlich aufwändig, im Sinne der Multimedialitätsbestrebungen im Internet jedoch notwendig. Allerdings lassen gerade diese sequentiellen Darstellungsformen — wie oben erwähnt – bislang kein Hin- und Herbewegen in den Inhalten sowie kein Durchsuchen derselben zu. Das Versprechen der Interaktivität, das die Onlinemedien von Beginn an gegeben haben, wird auf diese Weise durch die Multimedialisierung, zumindest beim jetzigen Stand der Technik und der ökonomischen Nutzung, gebrochen.

Zuletzt sollte man nicht vergessen, dass Flüchtigkeit weder ein neues noch ein an bestimmte technische Voraussetzungen gebundenes Phänomen ist: Gerade der Archiv- und der Bibliotheksbereich zeigen, dass Flüchtigkeit, Vergänglichkeit von Informationen nicht a priori technisch bedingt ist. Auslesekriterien dafür, was gesammelt wird und was der Vergessenheit anheimfällt, sind immer auch, um nicht zu sagen: vor allem sozialökonomischer, machtpolitischer Natur. Man bedenke nur, wie lange es in der Geschichtsforschung gedauert hat, eine „Geschichte von unten“ zu schreiben.

Frank Hartmann: Mediale Aufhebungen Ein Essay zur Transformation der kulturellen Speicher

Einleitung:

“Mit dem aufgerichteten Gange wurde der Mensch ein Kunstgeschöpf; […] Durch die Bildung zum aufrechten Gange bekam der Mensch freie und künstliche Händey Werkzeuge der feinsten Hantierungen und eines immerwährenden Tastens nach neuen klaren Ideen.”
Johann Gottfried Herder: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784)

Es ist ein direkter Effekt neuer Medien, wenn derzeit die Ökonomie des kulturellen Gedächtnisses neu diskutiert wird. Noch nie hat es die mediale Reproduktionstechnik so leicht gemacht, einen intensiven Gebrauch von der Vergangenheit zu machen – was gleichzeitig bedeutet, dass das Monopol der akademischen Historiker auf die Vergangenheit brüchig geworden ist. Immer mehr Dokumente und Klassiker sind online abrufbar, ein immer größerer Teil des kulturellen Erbes steht in digitalisierter Form zur Verfügung. Ritualisierte Formen der Vergangenheitsbewältigung, Öffnung der Archive, juristische Aufarbeitungen, eine Konjunktur der Museen etc. lassen den französischen Historiker Pierre Nora von einer Gedächtniskonjunktur und von einer Kultur des fast zwanghaften Gedenkens sprechen. Die gesteigerte Verfügbarkeit über die kulturellen Speicher und die Demokratisierung des Zugriffs auf die Inhalte des Wissens durch die neuen medialen Technologien tragen das Ihre dazu bei. Allerdings geht es dabei nicht allein um das Erinnern, sondern auch um ein spezifisches Vergessen. Der Philosoph Michel Serres konstatiert eine neue Ökonomie des Vergessens, wobei er die Art und Weise der Auslagerung in die medialen Speicher und die jüngste Transformation von Datenträgern — kurz die neuen Medien — als eine Fortsetzung des Projekts der Menschwerdung interpretiert, die auf eine noch unbestimmte Art befreiend wirken könnte. Aus der Spannung zwischen diesen beiden Begriffen des Erinnerns und des Vergessens motiviert sich der folgende Beitrag. Speichern dient dem Erinnern, es heißt Daten aufheben und für andere Zeitpunkte verfügbar machen. Dazu werden Markierungen verschiedenster Art gesetzt, immer mit dem Ziel, Zeichen zu schaffen, die zu einem späteren Zeitpunkt, an einem anderen Ort und für andere Menschen lesbar sein sollen: zunächst Bilder, die sich deuten, sodann Texte, die sich lesen lassen. Dazu sind jetzt die neuen Technologien mit neuen Datenträgern und einer neuen Ordnung des Archivs nach der Logik von Datenbanken getreten. Diese Technisierung des Erinnerns bedingt ein individuelles Vergessen, weil mit der medialen Speicherung das Memorieren von Wissen als traditionelle Tugend obsolet und sogar dysfunktional geworden ist. Aber jetzt scheint auch der nächste Schritt vom selben Schicksal ereilt zu werden, denn das traditionelle Gefüge der Druckkultur ist mit den neuen Medien, mit der Vernetzung von Computern, durcheinander geraten. Inwiefern setzen die neuen Technologien das alte kulturtechnische Projekt fort? Welche Rolle spielen sie im Prozess der Menschwerdung, die der Restriktion oder die einer kognitiven Freisetzung? …

Bettina Kann: Die Bibliothek als „Gegenwartsphänomen“

Einleitung: Am 11. Jänner 2002 wurde die Österreichische Nationalbibliothek mit dem BGBl. 12/2002 in eine „wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechts“ umgewandelt. Dies soll im Folgenden als Anlass für eine Befragung der „Bibliothek“ und für eine Betrachtung der 2002 an Bibliotheken gestellten Aufgaben in Hinblick auf die so genannten „Neuen Medien“ dienen. Im Zentrum der Überlegungen steht die Bibliothek als „dynamischer BegriffL 1949 fand Vorstius auf die vermeintlich einfach zu beantwortenden Frage: „Was ist denn eigentlich eine Bibliothek […]“ die herkömmliche Definition einer geordneten und zur Benutzung und Aufbewahrung bestimmten Büchersammlung vor. Daran scheint sich auch 2002 nichts geändert zu haben, denn in §2 Abs. 2 des BGBl 12/2002 erfahren wir, dass die „primäre Zweckbestimmung“ einer Bibliothek die Vermehrung, Erschließung, Bereitstellung (d.i. Informationsund Bildungsfunktion) und langfristige Erhaltung (Archivfunktion) ihrer Sammlungsbestände ist. Schon Vorstius hält solchen Definitionen bereits vielseitigere Auslegungen entgegen. Sein Credo: Bibliotheken sind „Anstalten zur systematischen Auswertung alles dessen, was Literatur heißt“. Die möglichst umfangreiche Ausnutzung der Bestände kann aber nur gegeben sein, wenn die Bibliothek eine aktive Rolle in der Vermittlung ihrer Ressourcen spielt, wenn sie, wie es in §2 Abs.l steht, „benützerorientiert“ ist. Die Beziehung zwischen Bibliothek und Benutzerin ist als ein „Gegenwartsphänomen in seinen verschiedenen Bedingungen und Verästelungen als pädagogische[r], soziale[r] und wissenschaftliche[r] Faktor […]“ zu verstehen und kein statisches sondern ein dynamisches Verhältnis.
Unter „Literaturauswertung“ versteht Vorstius die Operationen, die nötig sind, um sich in den Beständen der Bibliothek zurecht zu finden, d.h. das Suchen und Finden in den Katalogen, Bibliographien, Datenbanken, Systematiken etc. …

Peter Malina: Von der Leichtigkeit des Recherchierens Einige kritische Anmerkungen zum wissenschaftlichen Arbeiten im Internet

Einleitung:

“Wichtig ist, daß man das Ganze mit Spaß macht […]. Es liegt eine Art sportliche Befriedigung in der Jagd auf einen Text, der nicht aufzufinden ist, es bereitet eine rätselhafte Befriedigung, nach langem Nachdenken die Lösung für ein Problem zu finden, das unlösbar schien. Ihr müßt die Arbeit als Herausforderung auffassen”.

Wer die Welt des geschriebenen Buches und der ihr eigenen Ordnungs- und Suchsysteme (Bibliotheken, Kataloge …) verlässt und sich in die elektronische Welt des Internet begibt, hat sich mit einer Reihe grundsätzlicher Fragen auseinander zu setzen, die nicht bloß formaler, sondern auch inhaltlicher und struktureller Natur sind. Es muss ihm klar sein, dass er nun in eine andere Realität eintaucht, deren Regeln nicht unbedingt den bisher gewohnten entsprechen. Für Norbert Bolz, den Autor des Buches Am Ende der Gutenberg-Galaxis, hat die Welt des Buches noch einen selbstverständlichen Realitätsbegriff. In den Neuen Medien aber tritt an die Stelle der Wirklichkeit die „Konstruktion“, und Linearität wird von der Darstellungsform der „Konfiguration oder Konstellation“ abgelöst. Im Folgenden soll versucht werden, an einigen ausgewählten Beispielen die Möglichkeiten, aber auch die Schwierigkeiten, die Wege und Irrwege der Recherche im Internet darzustellen. Die konkreten Beispiele sind der Recherchepraxis der Fachbibliothek für Zeitgeschichte an der Universität Wien entnommen. …

Matthias Michel: Goodbye Norma Jean Kino. Gegenwart. Absolut.

Einleitung:

– Was verstehen Sie unter „Film “?
– Ein Film ist eine versteinernde Quelle des Denkens, Ein Film erweckt tote Handlungen zum Leben, Ein Film erlaubt es, dem Unwirklichen die Erscheinung der Wirklichkeit zu verleihen.
– Und was nennen sie „das Unwirkliche“?
– Dasjenige, was jenseits unserer dürftigen Grenzen liegt.
Jean Cocteau, in: Le testament d’Orphee (Jean Cocteau, Frankreich 1959, 80 Minuten)

“Gewiss, wir protestieren. Wir protestieren mit Recht. Wir protestieren gegen die bedingungslose Kontinuität des Geschehens, gegen die Verbannung auf die Umlaufbahn irgendeines Drehbuchs, gegen den Kleinmut, dass jeder Dialog, jede Handlung, überhaupt jedes Ereignis in der Zeit auf einen säuberlichen Schnitt oder eine behagliche Abblende hinauslaufen und jede Geschichte von vorn beginnen muss, wenn sie zu Ende ist — kurz: Wir protestieren gegen die absolute Gegenwart als einen Bewusstseinszustand, der — oder vielleicht eher: wir protestieren gegen das Kino als Prinzip, gegen das Prinzip Kino sozusagen, durch das sich dieser Bewusstseinszustand in einem Ausmass verbreitet hat, dass — Sie wissen, was ich meine, denken Sie beispielsweise an die Stadt New York, da gab es 1906 nicht mehr als fünf oder sechs, 1908 bereits über fünfhundert Lichtspieltheater, das bedeutet eine Zunahme von zehntausend Prozent in zwei Jahren, und das war ja erst der Anfang, aber ich schweife ab. Und dennoch, bei allem Respekt, machen wir es uns nicht zu einfach, und erlauben Sie mir, das vorab in aller Deutlichkeit festzuhalten: Nur die allerwenigsten wollen in die Zeit zurück. Entgegen der in unseren Kreisen noch immer weit verbreiteten Ansicht ist die absolute Gegenwart nicht ein dermassen unerträglicher Zustand, dass jedes Angebot, in die Zeit zurückzukehren, widerstandslos angenommen würde. Im Gegenteil: Die meisten Zielpersonen schätzen den auf ein Minimum herabgeminderten Existenzzwang, will sagen: die Determination ihrer Erlebniszusammenhänge – können Sie mir folgen?— als überaus kostbare Privilegien. Ausserdem verfugen sie im Normalfall über eine erstaunlich differenzierte, ich würde sogar sagen: eine kritische — ich wiederhole: eine kritische – Einschätzung ihrer Lage. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich stelle hier nicht den Zweck und die Mittel unseres Befreiungskampfs in Frage, ich bin überzeugter Chronizist, aber lassen Sie mich das an einem Fallbeispiel erläutern. Kann ich bitte die erste Einspielung haben?”

Irene Neverla: Die polychrone Gesellschaft und ihre Medien

Einleitung: Nennen wir sie Gloria Mutig — die junge Frau, die den neuen Zeit-Typ präsentiert. Mit einer hochqualifizierten Ausbildung arbeitet sie als Freelancerin in einer Werbeagentur. Wenn die Aufträge laufen, hat sie einen Arbeitstag von 12 Stunden und mehr über Wochen hinweg. Dann und wann, wenn der Job es zulässt, gönnt sie sich Auszeiten — Kurztrips, ein paar Tage Wellness im Spa, aber auch schon mal drei Monate durch Südostasien.Wo immer Gloria Mutig sich aufhält, ist sie erreichbar über Mobiltelefon und Mailbox und E-Mail – wenn sie erreichbar sein möchte. Termine und Adressen managt sie mittels Palmtop, Reisen oder Bankaufträge übers Internet. Sie liest fast täglich eine Tageszeitung, das kann auch mal ein Boulevardblatt sein, sieht gelegentlich nebenher die Spätnachrichten im Fernsehen, bei brandaktuellen Ereignissen checkt sie schnell die Online-Informationen im Web. Sie hat eine eigene Homepage und führt dort Tagebuch und macht mit bei den halbprofessionellen Web-Bloggern. Zur Entspannung liest sie ab und an eine Frauenzeitschrift, ein politisches Wochenmagazin oder ein Buch oder sieht einen Liebesfilm. Kaum etwas davon tut sie völlig regelmäßig zu bestimmten Zeitpunkten und mit bestimmter Dauer – und doch folgt die Rhythmik ihres Lebens insgeheim einem Plan und trägt einen bestimmten Charakter: Es ist die Eigenzeit von Gloria Mutig, von ihr individuell gestaltet, eingepasst ins herrschende Regime der abstrakten Zeitordnung, die doch Nischen lässt für punktuell Einmaliges und für Zyklizität und für gelegentliche Langsamkeit. Es ist die Zeit der polychronen Gesellschaft. Die Medien spiegeln die Emergenz dieser polychronen Zeit wider und sind zugleich ihr Motor. Das Kommunikationsmedium, das dem Entwicklungsschub in Richtung Polychrome entscheidende Impulse gab, ja zum Katalysator wurde, ist das Internet. …

Gerhard Hajicsek & Wolfgang Monschein: “Auseinandersetzung mit Bildern und Tönen ist ein Vorgang der Ineinssetzung, der Lektüre” Überlegungen von Prof. Karl Sierek in einem Gespräch mit Gerhard Hajicsek und Wolfgang Monschein am 11.7.2002 in Wien

Einleitung:

medien & zeit: Herr Professor Sierek, welchen Film haben Sie zuletzt im Fernsehen gesehen?

Sierek: Ich muss Ihnen sagen, dass ich mich nicht daran erinnere, da ich sehr selten fernsehe und mir daher auch kaum Filme im Fernsehen ansehe. Ein Effekt der Flüchtigkeit, wenn Sie so wollen, und vor allem die Konsequenz meiner leidenschaftlichen theoretischen Arbeit mit und an Bildern. Denn diese bringt – wie nicht wenige Medienwissenschaftler heute meinen –bdas Fernsehen nicht hervor.

medien & zeit: Und welchen Film haben Sie zuletzt im Kino gesehen?

Sierek: Den wunderbaren Gosford Park von Robert Altman, sicher einer der schönsten Filme, die ich in den letzten Monaten gesehen habe. Dieser Film zeigt, und das ist auch in unserem Zusammenhang von Bedeutung, Facetten der Flüchtigkeit und, im Gegensatz dazu, der Nachhaltigkeit. Er beschäftigt sich unter anderem mit einigen interessanten Aspekten der Relativierung medialer Erinnerung. Dabei evoziert er eine spezifische Art der Gedächtnisarbeit, die interessanterweise in den Rezensionen, die ich zu diesem Film gelesen habe, nicht zur Sprache gekommen ist. Es handelt sich nämlich um eine mehr oder minder versteckte Art eines Remakes eines Filmes aus dem Jahr 1938, Regle du Jeux von Jean Renoir.

medien & zeit: Welchen Film haben Sie im Kino am öftesten gesehen?

Sierek: Das müsste Bringing up Baby von Howard Hawks gewesen sein. Und ich sage Ihnen auch, warum ich mir diesen Film so oft angesehen habe. Das ist wichtig für mein Wissenschaftsverständnis: Weil er mir so gut gefallen hat und weil ich mit ihm und durch ihn viel gelacht habe. Ich glaube nämlich, dass diese Lust am medialen, am filmischen Ereignis Auge und Ohr öffnet für die Bauweise und die Wirkung bzw. Wirkungsgeschichte eines solchen Produktes. Dieses sehr persönliche Erlebnis mit dem Film von Hawks ist allerdings schon lange her; es kommt heute kaum noch vor, dass ich mir einen Film im Kino zehn- bis fünfzehnmal ansehe. Damals war das übrigens auch ein wissenschaftliches Erfordernis, vor allem in der jungen Disziplin der Filmanalyse. Die technische Entwicklung, etwa rasante Verbreitung des Videorecorders, hat hier natürlich radikale Änderungen der Arbeitstechniken der Filmwissenschaft mit sich gebracht. Insofern sind die Fragen des Erinnerns, des Gedächtnisses, der Speicherung natürlich auch eine Facette der Technikgeschichte der Medien.

medien & zeit: Warum sehen Sie sich einen Film eher im Kino als im Fernsehen an?

Sierek: Das ist eine sehr komplexe Frage. Es ist nicht mehr so, dass ich das Kino als heiligen Gral, als Refugium, als idealen Ort für die Vorführung von Filmen erachte. Diese fetischistische Sichtweise des Kinos als einzigem Ort, an dem man Filme sehen kann, ist mir inzwischen abhanden gekommen. Wenn man die Wahl hat, sich einen Film als schlechte, abgespielte Kopie in deutscher Synchronfassung im Kino oder gut gemastert, also digital aufbereitet, im Original über einen Videobeamer anzusehen, ist wahrscheinlich letzteres vorzuziehen. Dennoch bietet die Pseudovielfalt der Kanäle im Fernsehen niemals das, was ein Filmtheoretiker braucht, wenn er den Stand der Diskussion über Kino in ästhetischer, restauratorischer oder filmhistorischer Hinsicht verfolgen will. Denn die omnipräsente Verfügbarkeit, wie sie von manchen Medieneuphorikern proklamiert wird, ist eine auf rein technische Aspekte reduzierte Vision, die den Diskursen in Bezug auf das Medium Film in keinster Weise gerecht wird.

medien & zeit: Zum Thema der Wirkmächtigkeit von audiovisuellen Medien: Wie ist es möglich, dass ein Satz wie „Ich seh Dir in die Augen, Kleines“ auch für heute fünfzehnjährige Internetkids zum Mythos wird? …

Cheryl Benard & Edit Schlaffer: “Barfußjournalismus” als Widerstand gegen die Taliban

Einleitung: Als die Frauenorganisation RAWA im Jahr 1977 in Kabul gegründet wurde, schien in Afghanistan die Morgenröte der Modernisierung angebrochen zu sein. Studentinnen und Studenten trafen sich in literarischen Zirkeln oder in politischen Gruppierungen, um über Demokratie und nationalen Fortschritt zu diskutieren, der König war reformfreudig, und das Land öffnete sich vorsichtig, aber stetig den Einflüssen der großen weiten Welt.

RAWAs Zeitschrift Payam-e-Zan, zu deutsch Stimme der Frau, passte in dieses hoffnungsfrohe Bild. Eine anspruchsvolle politische Zeitschrift, herausgegeben von Frauen! Das war eine Sensation, über die sich auch fortschrittlich denkende Männer freuten. Noch heute trifft man auf afghanische Männer, die sich an die frühen Jahre dieser Zeitschrift erinnern, sie sogar als die erste Quelle ihrer eigenen politischen Bildung nennen. Doch bald folgte der Niedergang. Der König wurde durch einen Kusin gestürzt, dann dieser per Staatsstreich abgesetzt. Das darauffolgende Regime gab sich blutigen Fraktionskämpfen hin (zwischen den rivalisierenden Gruppen Parcham und Khalq), bis schließlich die Sowjetunion einmarschierte, um ihre lokalen Stellvertreter gewaltsam an der Macht zu halten. Diesen Krieg gewannen, mit massiver westlicher Unterstützung, die sogenannten Mujahedeen, fundamentalistische Krieger, die sich vorübergehend als „Freiheitskämpfer“ stilisierten. Kaum waren die Russen vertrieben und die Amerikaner zufrieden abgezogen, brach der Bürgerkrieg aus. Von 1992 bis 1996 regierte das Terrorregime der so genannten Nordallianz, und dann die Taliban …

Hans Bohrmann: Korrespondentenbrief

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie immer habe ich das neue Heft von medien & zeit mit Interesse gelesen. Ich finde auch gerade den Schwerpunkt Nachrichtenjournalismus ausgesprochen wichtig.
Dass ich Ihnen erstmalig schreibe ist durch den Artikel Zur Entwicklung der Unparteilichkeitsmaxime im deutschen Journalismus verursacht. Die dort angewandte Beweismethode scheint mir fragwürdig zu sein. Die dort angewandte Beweismethode scheint mir fragwürdig zu sein.

Die Autorin bezieht sich bei ihrer Behauptung, dass Unparteilichkeit als Berufsnorm für Journalisten schon seit dem ersten Jahrhundert periodischer Zeitungen zu gelten habe, auf Selbstaussagen. Ich habe Bedenken, dass diese Belege prinzipiell ausreichen können.
Unbestreitbar ist, dass die Inhaber journalistischer Berufsrollen immer wieder versichern, unparteilich berichten zu wollen oder nur das weiterzugeben, was sie selbst gehört, gesehen oder von anderen berichtet bekommen haben; in älteren und jüngeren Zeitungsbänden kann man aber nachlesen, dass die Inanspruchnahme dieser Maxime keineswegs in jedem Fall bedeutet, dass in einem wie auch immer definierten Sinne unparteilich berichtet wird. In einer Zeit, die mit Hilfe wissenssoziologischer Verfahren in der Lage ist Einblick in die Perspektivität menschlichen Wissens zu erlangen, berührt das Vertrauen ihrer Autorin in solche Selbstaussagen eigenartig. Vielfach entsteht doch der Eindruck, dass Unparteilichkeit als Wert in Anspruch genommen wird, ohne dass dieser Anspruch eingelöst wird. Mit den Quellenbelegen, die die Autorin aufzeigt, lässt sich diese Differenz nicht einmal benennen, geschweige denn auflösen.

Mit freundlichen Grüßen Hans Bohrmann

Rezensionen 4/2002

Norbert Kutschera: Fernsehen im Kontext jugendlicher Lebenswelten. Eine Studie zur Medienrezeption Jugendlicher auf der Grundlage des Ansatzes der kontextuellen Mediatisation. (= KoPäd Hochschulschriften). München: KoPäd Verlag 2001
– rezensiert von Bettina Brixa

Jürg Häusermann (Hg.): Inszeniertes Charisma. Medien und Persönlichkeit. Tübingen: Niemeyer 2001 (= Medien in Forschung + Unterricht, Serie A, Band 50)
– rezensiert von Peter H. Karall

Guntram Geser & Armin Loacker: Die Stadt ohne Juden. (= Edition Film und Text, Bd. 3). Wien: Filmarchiv Austria 2000
– rezensiert von Gerhard Hajicsek

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