Wolfgang Duchkowitsch: Gute und schlechte Erinnerungen des Herrn “Z” Eine beschauliche Zeitreise durch die Geschichte der institutionellen Nachrichtenvermittlung in Wien von 1621 bis 1851

Einleitung: Wer ist der Herr „Z“? Eine fiktive Figur vor realem Hintergrund, eine synkritische Gestalt, die uns als „Zeitunger“, wie ein Journalist einst oft benannt wurde, gegenübertritt. Ihn lasse ich frei erzählen, was er wie seinesgleichen an Drangsalen und Freuden von der Gründung der ersten Zeitung bis zur Etablierung der ersten Nachrichtenagentur in Österreich erlebt hat. Da für seinen Auftritt nur wenige Seiten vorgesehen sind, wird er auf die Wiedergabe alltäglicher Plagen verzichten. Nicht aber wird er sich entgehen lassen, auf seine Anstrengungen zur Organisation einer europaweiten Nachrichtenbeschaffung hinzuweisen, auf sein Netz von Korrespondenten an allen großen europäischen Höfen. Konzentrieren wird er sich aber auf seine vielfältige Abhängigkeit von der Obrigkeit. Andererseits wird er berichten, daß die Obrigkeit ihrerseits auf ihn angewiesen war, etwa als Herold von Glanz und Glorie des Hofs oder als Mediator dessen politischer Interessen. Erinnern wird er sich, daß das Verhältnis zwischen der Obrigkeit und dem Zeitungsgeschäft lange Zeit von keiner allumfassenden Bestimmung der Nachrichtenbeschaffung und -Verbreitung geprägt war, ungeachtet der vielen Zensurvorkehrungen sowie sonstiger Maßnahmen der Regierung und der Staatskanzlei, den Informationstransfer zu regulieren. …

Philomen Schönhagen: Zur Entwicklung der Unparteilichkeitsmaxime im deutschen Journalismus

Einleitung: In der ersten Nummer des Wienerischen Diariums — der späteren Wiener Zeitung — vom 8. August 1703 wurde eine Berichterstattung angekündigt, die einen „Kern derer hin und wider in der Welt merkwürdigsten I wahrhaftigsten / und allerneuesten I so schriftlich als gedruckter allhier einlaufender Begebenheiten ‘ bieten werde, „ohne einigen Oratorischen und Poetischen Schminck I auch Vorurtheil I sondern der blossen Wahrheit derer einkommenden Berichten gemäß“ (zit. n. Emil Löbl: Kultur und Presse. Leipzig 1903, 30.).

Diese Ankündigung mag auf den ersten Blick nicht weiter bemerkenswert erscheinen. Sie ist jedoch mehr als ein aus heutiger Sicht für manchen kurios wirkender und passend zum Tagungsort Wien gewählter Einstieg ins Thema. Hinter dieser und ähnlichen Ankündigungen, wie sie für das frühe Zeitungswesen ganz typisch und sehr verbreitet waren, verbirgt sich vielmehr ein zentrales journalistisches Konzept: das der Unparteilichkeit. Sogar einige der Handlungsregeln, in denen sich dieses konkretisierte, werden hier sichtbar: Eine sachliche, vorurteilsfreie Berichterstattung wird angekündigt, gemäß dem Prinzip des „relata refero“ (Dieses Prinzip besagt, daß die Mitteilungen sinngemäß so weitergegeben werden, wie man sie empfangen hat. Ich komme darauf weiter unten zurück. Es steht in engem Zusammenhang mit einer weiteren Vermittlungsregel: der Angabe der Quellen. Schon von Kaspar Stieler, in einer der frühesten Schriften zur Zeitung, werden diese Regeln ausgiebig diskutiert; vgl. Stieler, 1969, S. 57f. u. 27ff.; vgl. dazu auch Schönhagen, 1998; Berns, 1976, S.202-233, hier 110). …

Wolfgang Pensold: Amtlicherseits wird gemeldet… Zur Geschichte regierungsnaher Nachrichtenbüros in Österreich

Einleitung: Die erste staatliche Nachrichtenagentur
Die institutionellen Anfänge eines staatlich inspirierten Nachrichtenbüros auf österreichischem Boden fallen in die Regierungszeit des Kanzlers Klemens Lothar Metternich. Metternich versucht die nach dem Wiener Kongreß von 1814/15 eingesetzte, reaktionäre mitteleuropäische Ordnung abzusichern und den in den Zeitungen immer wieder auflkeimenden Liberalisierungsbestrebungen gegenzusteuern. Eine undatierte und nicht gezeichnete, Metternich jedenfalls vorgelegte Denkschrift mit dem Titel „Die Presse“ schlägt die Einrichtung einer Korrespondenz zur Beteilung der Zeitungen mit regierungstreuen Nachrichten vor. Der Autor der Denkschrift befaßt sich eingehend mit den in England und Frankreich getroffenen Regierungsmaßnahmen gegen die liberale Presse und kommt zu dem Schluß, daß beide Länder trotz Strafverschärfung und gesteigerter Bestechungsaktivität die Zeitungen nicht zu zügeln vermochten. Er führt weiter aus, daß im französischen Innenministerium unter dem Namen Bureau de l’esprit public eine Zeitungsartikelfabrik bestehe, die unmittelbar dem Innenminister unterstellt sei. Monatlich würden von da aus Publizisten und Redakteure für die Verfassung leitender Artikel bezahlt, welche täglich „in halb offiziellem Gewände“ an die Tageszeitungen in verschiedenen Departements des Landes versandt würden. Honorare, Stellen, Orden, „Vergünstigungen und Geschenke jeglicher Art“, wie sie die Regierung gewähre, dienten dazu, sich die Zeitungsleute gefügig zu machen. …

Jürgen Wilke: Nachrichtenwerte im Wandel? Über den alliierten Einfluß auf den Nachkriegsjournalismus

Einleitung: Als der Zweite Weltkrieg 1945 nach unermeßlichen Zerstörungen und unsäglichem Leid zu Ende ging, Mitte April in Wien, knapp vier Wochen später in Berlin, bedeutete dies den Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft in dem totalitär regierten „Großdeutschen Reich“. Was damit stattfand, war eine Befreiung, wenn auch zugleich erst einmal durch Unterwerfung unter ein Besatzungsregime der Kriegsgegner. Dadurch eröffnete sich jedoch der Weg zu einem Neuanfang – politisch, wirtschaftlich, kulturell und auch journalistisch. Gewiß war er in jedem dieser Bereiche mit vielen Schwierigkeiten behaftet und benötigte Jahre, bis sich die Verhältnisse einigermaßen konsolidiert hatten. Hier soll nur von dem journalistischen Neubeginn die Rede sein, der jedoch – dessen muß man sich bewußt sein – schwerlich isoliert werden kann. So spielten wirtschaftliche Hemmnisse (vor allem Papiermangel) für ihn ebenso eine Rolle wie der Aufbau einer politischen Ordnung, die schrittweise einen demokratischen Charakter annehmen sollte. …

Terhi Rantanen & Oliver Boyd-Barrett: State News Agencies: A Time for Re-Evaluation?

Introduction: Since the birth of news agencies over one hundred and seventy years ago there has been much debate about the ideal form of ownership. The first European news agencies were mostly private, often named after their founders (e.g. Fabra in Spain, Havas in France, Reuters in the UK, Stefani in Italy, Tuvora in Austria, Woljf in Germany). But governments or States in most, if not all, such countries, soon became involved in agency news-gathering and dissemination. For this they used a variety of means that included ownership, control, tariff concessions for use of Communications facilities, Intervention in news content, and overt or covert subsidy or financing of news agencies.

Government agencies are almost as old as other ownership forms. The first private agency was the French Havas (1935), the first cooperative agency the US Associated Press (1848) and the first State agency k. k. Telegraphen Korrespondenz-Bureau in 1860, when it started distributing articles to the newspapers published by the Austro-Hungarian Government (Dörfler & Pensold, 2001, S.15). Although the States role varied from country to country, government-run agencies were soon widely acknowledged, for example in Germany, Russia, Italy and the Balkans. Many news agencies that were commonly regarded as private, nonetheless had close Connections with their respective governments. Reuters is a case in point: the London-based agency enjoyed significant government subventions through much of the 20th Century (Read, 1999). …

Stephen H. Miller: Kent Cooper – News Visionary A portrait written by Stephan H. Miller

Introduction: When Kent Cooper became general manager of The Associated Press (AP) in 1925, the AP was 83 years old and already the world’s oldest news agency. When he retired 23 years later, he had transformed not only the AP but also reshaped postwar international journalism itself. More than any other single person, Kent Cooper was responsible for the now-familiar free flow of news between countries and continents, as free from improper influence and special interests as Professional journalists can make it.

Soon after he joined the AP in 1910, Cooper became a critic of the cartel which in those years governed international news coverage. The news agencies Reuters of England, Havas of France and Wolff of Germany had divided the world into relatively exclusive spheres of influence. The AP itself participated in the System, receiving its foreign news from the cartel and paying for it with its American news and with money. …

Michael Nelson: Alfred Geiringer A portrait written by Michael Nelson

Introduction: Alfred Geiringer was born in Vienna on May 9, 1911. His father kept the art deco Cafe Geiringer in the 20th Bezirk of Vienna. He was a distant cousin of the composer Gustav Mahler. In 1933 Geiringer first dipped his fingers in printer’s ink by working as a Stringer for a number of British and American newspapers, including the News Chronicle and the New York Times. The young journalist joined Reuters as assistant to the Chief Correspondent in Vienna in 1937.

Reuters Vienna office had incurred the wrath of Hitler and when the Germans invaded the young man faced certain. imprisonment because he was Jewish and because of his views. He escaped to London in March 1938 in the boot of the car of Reuters Chief Correspondent, Christopher Holme. He had a brief spell with Reuters in London in 1939/1940 and then again in 1942. In 1945 he became European Editor and then Assistant European Manager. He played a leading role in the re-establishment of Reuters in Europe after the Second World War and in the restructuring of national news agencies. Before the war many news agencies, which Reuters used as their agents, were government-controlled or subsidised. Reuters new policy was wherever possible to distribute their news through independent national news agencies like the Austria Presse Agentur (APA), and in many cases worked to set them up. Geiringer was an inveterate fighter for freedom of informa- tion and believed that news agencies owned by the media would serve his ideals in a way which was impossible where governments played a role. …

Edith Dörfler & Silvia Nadjivan: “Networking ist das Geheimnis unserer Arbeit” Prof. Johann P. Fritz, Direktor des "International Press Institute (IPI)", im Interview mit Edith Dörfler und Silvia Nadjivan am 26.11.2001

Einleitung: Vor 51 Jahren – 1950 — wurde das International Press Institute (IPI) gegründet. Unter den 45 anwesenden Chefredakteuren waren 15 internationale Vertreter; einer von ihnen Oskar Pollak, Chefredakteur der Arbeiterzeitung. Heute sind 115 Nationen mit fast 2.000 Mitgliedern im IPI vertreten. Seit 1993 befindet sich der Hauptsitz dieser internationalen Organisation in Wien.

medien & zeit: Welche Motivation stand hinter der Gründung des IPI 19501

Johann P. Fritz: Damals war der Eindruck des Kalten Krieges vorrangig für alle, die zur Gründung kamen. Es ging in erster Linie um den Free Flow of Information, der total unterbrochen war. Eine Hälfte der Welt war quasi abgetrennt. Wenn man versuchte, von dort irgendwelche Informationen zu bekommen, wurde das als Spionage ausgelegt und nicht als reine Informationstätigkeit, wie man sie eben im Journalismus braucht. Die zweite Motivation war die Verteidigung der Rede- und Meinungsfreiheit; im erweiterten Sinn dann die Verteidigung der Pressefreiheit, vor allem in den Ländern der Dritten Welt. Das war die Ausgangsposition im Jahr 1950.