Karl Kogler: Zur Technikgeschichte von Schrift, Druck und Post

Einleitung: Schrift ist ein künstliches menschliches Zeichensystem. Sprache existiert ursprünglich nur als gesprochene Sprache, d. h. im akustischen Modus in Form von Schallwellen. Aus einer Vielzahl von theoretisch möglichen Geräuschen und Lauten, die durch bewußte Modulation von Luft entstehen, werden durch gesellschaftliche Konvention bestimmte Sektoren des Lautkontinuums als innerhalb ihres Systems bedeutungsdifferenzierende Zeichen festgelegt (z. B. das Phonem „a“ im Gegensatz zum Phonem „o“). Jedes derartige Zeichen besitzt einen exakten (akustischen) Informationswert. Dadurch entsteht die Grundlage für primär akustische Sprach- zeichen, die über den Code als aus dem Lautkontinuum abgegrenzte, diskontinuierliche, diskrete Einheiten determiniert werden (Ein Phonem stellt allerdings eine Abstraktion, einen Idealtypus eines Lauts dar, der in seiner Realisierung als Rede (Lautung) ein analoges akustisches Signal ist). Der phonologische Code bestimmt sowohl die Einheiten als solche (in verschiedenen Sprachen tauchen unterschiedliche Phoneme auf) als auch die Kombinationsmöglichkeit der einzelnen Phoneme. Dabei ist allerdings das Vorkommen jeder einzelnen Einheit und deren Kombinationen nicht gleich wahrscheinlich (so kommt etwa das Phonem „e“ im Deutschen viel häufiger vor als „x“, die Aneinanderreihung von „s-r-x-q-y“ ist nicht möglich.). Die untereinander bedeutungsdifferenzierenden Phoneme bilden eine vereinbarte endliche Menge von Elementen, den Zeichenvorrat einer Sprache. Mittels codegerechter Aneinanderreihung von bewußt generierten akustischen Sprachzeichen ist die Möglichkeit eröffnet, Materielles oder Immaterielles der Innen- und Außenwelt von Menschen zu „be-zeichnen“ bzw. zu übermitteln.

Schrift speichert Daten in oder auf materiellen Datenträgern, ist also ein visuelles Speichermedium. Die Aufzeichnung erfolgt sukzessive mit gesellschaftlich konventionalisierten Zeichen (optisch-ikonischen bzw. optisch-symbolischen, geometrischen Zeichen) und fixiert den in den Zeichen beinhalteten Informationswert. Die vorher als subjektive Bewußtseinsströme oder als Schallwellen vorhandenen nichtdauerhaften Daten werden mittels optischer Zeichen festgehalten und zugleich archiviert. Die dadurch erzielte Materialität der Zeichen ermöglicht eine Konstanz des Datensatzes und somit den Datentransport über Raum und Zeit.

Betrachtet man die Entwicklung der Gestaltung von skripturalen Sprachzeichen (deren Morphologie), läßt sich ein Differenzierungsprozeß vom Ikon mit Ahnlichkeitsbeziehung hin zum willkürlichen Symbol und weiter zu den kleinsten diskreten Einheiten (den Buchstaben) feststellen.

Die Anfänge des Überführens von vergänglicher akustischer Information in beständigere optische Zeichen liegen bei den Fixierungen von Zeichen und Bildern in Form von Wand- und Höhlenmalereien, Abdrücken in Tongegenständen u. dgl. (ab ca. 15.000 v. Chr.). Der entscheidende Schritt zum eigentlichen skripturalen Sprachzeichen ist dann vollzogen, wenn Informationen mit Hilfe von gesellschaftlich konventionalisierten optisch- skripturalen Zeichen festgehalten werden, die nicht mehr rein abbildenden Charakter besitzen, sondern auf die Sprache selbst bezogen sind, die also nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Lautung (Worte, Silben und/oder Einzellaute) direkt bezeichnen. Dieser Schritt wurde ca. 3500 v. Chr. in den sumerischen Piktogrammen (Bildzeichen), der ältesten Form des mesopota- mischen Schriftsystems, gesetzt. …

Heinz Hiebler: Zur Technikgeschichte der akustischen Medien

Einleitung: Das Interesse an der Produktion, Speicherung bzw. Übertragung akustischer Signale und Informationen läßt sich bis in die Frühzeit der Menschheitsgeschichte zurückverfolgen. Was mit der kaum noch zu datierenden Herstellung erster Musikinstrumente mit feststehendem Klangrepertoire (Rasseln, Trommeln, Flöten, Hörner, Musikbögen etc.) (vgl. Atlas zur Musik. Bd 1. Tafeln und Texte. Systematischer Teil. Historischer Teil: Von den Anfängen bis zur Renaissance. 11. Auflage. München/Kassel u.a. 1987 (= dtv, 3022), 159) beginnt und einen seiner vermutlichen Gründe im kultisch motivierten Einsatz musikalischer Ausdrucksformen (vgl. ebd., 25) zur Erweiterung der bestehenden Klangwirklichkeit hat, findet – über die Verwendung elektrischer Verstärkersysteme – seine säkularisierte Fortsetzung in der Generierung synthetischer Klänge und gipfelt unter anderem in der Entwicklung des „Sound Samplers“, eines Musikcomputers, der sich im Gegensatz zum Synthesizer nicht mehr mit der Produktion künstlicher Klangwelten begnügt, sondern – durch Digitalisierung und Speicherung in der Natur Vorgefundener Klänge – jeden denkbaren Klang der Welt zum musikalischen Einsatz bereithält (vgl. Jan Reetze: Medienwelten. Schein und Wirklichkeit in Bild und Ton. Berlin et al. 1993, 105. Zu Geschichte und Funktionsweise des Samplers siehe u. a.: Richard Dobson: A Dictionary of Electronic and Computer Music Technology Instruments, Terms, Techniques. Oxford u. New York 1992, 71f. und 137ff.). Wie fragmentarisch eine derart kurze, nur grob umrissene Darstellung der Entwicklung technischer Klangerzeuger (Medien im weiteren Sinn) auch sein mag, spiegeln sich doch schon in ihr jene drei epochalen Stadien, die im folgenden geschichtlichen Überblick in bezug auf alle akustischen Medientechniken zu konstatieren sind:
1. ein mechanisches Stadium, das ausgehend von der Konstruktion erster Klangerzeuger, akustischer Übertragungssysteme (Sprechrohr, Bindfadentelephon) oder mechanisch gesteuerter Musikinstrumente und Sprechmaschinen bis hin zur Entwicklung von Phonograph und Grammophon vorherrschend bleibt;
2. ein elektrisch-analoges Stadium, das von der Nutzung elektrischer Systeme zur Übertragung kontinuierlicher Sprachschwingungen (elektrisches Telephon) einsetzt und – mit der Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Elektrotechnik (Elektronenröhre) – zur schrittweisen Elektrifizierung und teilweisen Verknüpfung verschiedener, nicht nur akustischer Medientechniken führt; und
3. ein elektr(on)isch-digitales Stadium, das mit der Erfindung des Pulscodemodulationsverfahrens für die Telephonie eingeleitet wird
und durch die prinzipielle Kompatibilität digitaler Systeme, die Entwicklung immer kleinerer elektronischer Bauteile (Transistoren, ICs) und die zunehmende Verbesserung analog-digitaler Wandler die Möglichkeiten multimedialer Anwendung und virtueller Informationsverarbeitung in bisher unbekanntem Ausmaß steigert. …

Herwig Walitsch: Kommentar zur Geschichte des Computers

Einleitung: Eine der heute am weitesten verbreiteten Thesen lautet, nicht das Fernsehen werde das „Leitmedium“ der Zukunft sein, sondern der Computer. Hierfür spricht manches, ebensovie- les aber auch dagegen, zumindest aus technik-logischer Sicht. Zudem ist diese These in der angegebenen Form zu wenig differenziert, um als Grundlage für weitergehende Überlegungen kul- tur- oder sozialwissenschaftlicher Art dienen zu können; solche Überlegungen können, sofern sie sich auf nichts weiter stützen als auf Ausrufungen der computerbestimmten Zukunft, schlechterdings nur zu Spekulationen geraten, wie sie gegenwärtig sonder Zahl kursieren.

Die meisten dieser „Prognosen“ übersehen zunächst, daß der Computer über die weitesten Strecken seiner historischen Entwicklung im technischen Sinn gar kein Medium war, und auch heute noch spricht vieles gegen eine logische Gleichstellung des Computers mit den „echten“ analogen optischen und akustischen, den Übertragungsmedien und den typographischen Medien. Der folgende Überblick über die Computergeschichte soll dies verdeutlichen. …

Fritz Randl: Bibliographie studentischer Abschlußarbeiten Diplomarbeiten und Dissertationen an österreichischen Universitäten aus dem Bereich der Medien- und Kommunikationsgeschichte. Teil 3: 1992-1996 (I)

Einleitung: Etwas verspätet liegt nun der 3. Teil der Bibliographie studentischer Abschlußarbeiten vor, welche als Servicerubrik für die Leser von Medien & Zeit eingerichtet wurde. Er unterscheidet sich wesentlich von den vorgehenden Teilen; zwar war von Anfang an geplant, neben den Abschlußarbeiten der beiden genuinen österreichischen , ,Publizistik‘‘-Institute auch diejenigen der benachbarten bzw. verwandten Gebiete einzubeziehen, dieser Vorsatz wurde aber noch zu Beginn der 90er Jahre durch den Umstand erschwert, daß die elektronische Erfassung der Bibliotheksbestände über ihre Anfänge nicht hinausgekommen war und Recherchen in den Katalogen von Universitätsbibliotheken in anderen Bundesländern großen Aufwand bedeuteten. Mittlerweile bietet jede österreichische Universitätsbibliothek die Möglichkeit, umfassende Literaturrecherchen (sofern sie aktuelle Publikationen betreffen) mit vergleichsweise geringem Aufwand durchzuführen. Die vorhegende Bibliographie ist das Ergebnis einer solchen rechnergestützten Recherche (im Rahmen einer Online-Recherche wurden verschiedene Kataloge und Datenbanken durchforstet, v.a. der Online-Katalog des Österreichischen Bibliothekenverbundes (bibopac) (URL: http://bibopac.univie.ac.at/) und die Österreichische Dissertationsdatenbank (URL: http://starwww.uibk.ac.at/ddb/), die vom Forschungszentrum Seibersdorf betreut wird). Sie umfaßt die Jahre 1993 bis 1996 sowie Ergänzungen zum Jahr 1992.

Diese Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit: Zum einen ist das Rechercheergebnis auch in elektronischen Katalogen davon abhängig, daß einlangende Arbeiten kontinuierlich und zügig in die Verzeichnisse aufgenommen werden, zum anderen ist bei der ständig steigenden Zahl der Diplomarbeiten und Dissertationen eine Durchsicht aller Titel längst nicht mehr möglich (im Zeitraum 1992 – 1996 sind in Österreich mehr als 45.000 Diplomarbeiten bzw. mehr als 9.600 Dissertationen approbiert worden). Als Basis für diese Zusammenstellung wurden daher aus pragmatisehen Gründen sämtliche Abschlußarbeiten der Publizistikinstitute in Salzburg und Wien der Jahre 1992 bis 1996 herangezogen (soweit sie in den genannten Verzeichnissen enthalten sind), ergänzt durch eine umfassende schlag- und titelwortgestützte Recherche im Österreichischen Bibliothekenverbund.

Dabei wurde der Bereich „Medien- und Kommunikationsgeschichte“ weit ausgelegt: Der Bogen spannt sich von den „klassischen“ Arbeiten zu Presse- und Rundfunkgeschichte bis zu den verwandten Gebieten der Theater-, Politik- und Literaturwissenschaft. Daneben wurden auch ausgewählte Arbeiten zu Neuen und Neusten Medien berücksichtigt, um dem Selbstverständnis von Medien & Zeit, Kommunikation „in Geschichte und Gegenwart“ zum Forschungsgegenstand zu machen, Rechnung zu tragen. Zwangsläufig trägt natürlich auch der unscharfe Grenzbereich der Kommunikationswissenschaft insgesamt zum großen Umfang bei.

In den ersten beiden Teilen der Bibliographie, und damit schließt sich der Bogen zum Anfang dieser Einleitung, war es noch möglich, jede Arbeit einem bestimmten Universitätsinstitut zuzuordnen, was für Benutzer wichtig sein kann, weil die Zugänglichkeit der Abschlußarbeiten an den einzelnen Instituten unterschiedlich geregelt ist. Dies gelang im vorliegenden Teil nur bedingt. Grund dafür ist, daß in den elektronischen Katalogen nicht für alle Arbeiten institutsbezogene Standortangaben verfügbar sind (dazu ist anzumerken, daß in Österreich sämtliche an Hochschulen und Universitäten approbierten Abschlußarbeiten an die Österreichische Nationalbibliothek, die jeweilige Universitäts- bzw. Hochschulbibliothek und an die Bibliothek des Instituts, an dem die Arbeit eingereicht wurde, abgeliefert werden müssen. Daher kann jede derartige Arbeit zentral in der Österreichischen Nationalbibliothek eingesehen werden). Da es aber – von Fragen der Zugänglichkeit einmal abgesehen – sehr wohl von Interesse sein kann, an welchem Institut eine Arbeit approbiert wurde, ist in den Fällen, in denen ein Instituts Standort vermerkt ist, das Kürzel der Institutsbibliothek (eine Ziffern- bzw. Buchstabenkombination) in Klammer angegeben. Ganz am Ende dieses Beitrags sind all diese Kürzel in einer Standortliste zusammengefaßt.

Während viel des oben Angeführten akademischen Charakter besitzt, sei abschließend die größte Schwierigkeit bei der Zusammenstellung dieser Bibliographie genannt: Aufgrund der großen Zahl der Vorgefundenen Arbeiten mußte das Material durch Schlagwörter grob strukturiert werden. Aus Gründen des Umfangs konnte jede Arbeit aber nur einem der Überbegriffe zugeordnet werden, was natürlich eine grobe Vereinfachung darstellt, wobei hinzukommt, daß ja keine aut- optische Betrachtung der Arbeiten möglich war und daher die Verschlagwortung in den elektronischen Katalogen als Ausgangsbasis herangezogen werden mußte. Bei der Suche nach Arbeiten zu bestimmten Interessensgebieten sollten daher alle in Frage kommenden Zuordnungsmöglichkeiten durchgesehen werden.

Um Nachsicht ersuche ich dafür, daß die Syntax der nachstehend angeführten Titel von deijenigen abweichen kann, die von den Verfasserinnen und Verfassern der Diplomarbeiten und Dissertationen gewählt wurde. Dieser Umstand beeinträchtigt die Auffindbarkeit der Arbeiten in keiner Weise. …

Wolfgang Pensold: Nazi-Nibelungen Juden- und Germanenbilder im „III. Reich“

Einleitung: Im Wien der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war der junge Braunauer Beamtensohn Adolf Hitler mit den germanisch-antisemitischen Wahnvorstellungen des gescheiterten Ordensbruders und selbstgeadelten Rassensektierers Georg Lanz von Liebenfels in Berührung gekommen (s. Wilfried Daim: Der Mann, der Hitler die Ideen gab. Von den religiösen Verirrungen eitles Sektierers zum Rassenwahn des Diktators. München 1958.), die sein Weltbild zweifellos in besonderer Weise prägten. Die Degeneration des blonden, blauäugigen „Ariers“ durch die Vermischung mit „Minderrassigen“, wie sie der verschrobene Zeitgenosse Liebenfels in seinen „Ostara“-Heften beklagt hatte, findet sich in ihren wesentlichen Zügen auch beim späteren Hitler.
Nach Hitlers Mein Kampf war der „Arier“ schlichtweg der „Begründer höheren Menschentums überhaupt“, „der Prometheus der Menschheit, aus dessen lichter Stirne der göttliche Funke des Genies zu allen Zeiten hervorsprang“ (Adolf Hitler: Mein Kampf. München 1942, S. 317).  Demgegenüber beschrieb er den Juden lediglich als „Parasiten“: “Er ist und bleibt der ewige Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.” (ebd., S. 334)

Lanz von Liebenfels symbolisierte seine abstruse Lehre bereits mit dem Hakenkreuz, worin er seine Nachahmer fand. Nach dem Ersten Weltkrieg entdeckten diverse Freikorpsverbände dessen Symbolkraft für sich. Unter dem Hakenkreuz wandten sich die ruhelosen Landsknechte, denen der Krieg zum einzigen Lebensinhalt geworden war, gegen Juden und Zigeuner, aber auch gegen Marxisten, Pazifisten und Intellektuelle. Ebenfalls ein Gestrandeter des Krieges, der dem bürgerlichen Dasein nichts mehr abzugewinnen vermochte und sein Heil einzig in der Wiederauflage des verlorenen „Weltkrieges“ sah, machte Hitler schließlich das einschlägig beladene Zeichen zum alles überstrahlenden Symbol seines „III. Reiches“, in dessen Mission „für den Sieg der arischen Rasse“ (Adolf Hitler: Mein Kampf, S. 557) sich Rassenkult und Kriegsmythos zu einer letalen Obsession verbanden…

Edith Dörfler: Schatten des Grauens Zur Problematik von Filmen über den Holocaust

Einleitung: “Es ist bekannt, daß der wilde Westen durch die unzähligen amerikanischen Western-Filme zum Mythos geworden ist; wie lange wird es dauern, bis auch die jüngste deutsche Vergangenheit aus dem Bereich der Erfahrung und Erinnerung endgültig ins Reich der Bilder hinübergleitet und zu einem Kino-Mythos wird?” (Anton Kaes: Deutschlandbilder: die Wiederkehr der Geschichte als Film. München 1987, S. 209)

Seit der Erfindung des Buchdrucks hat sich die Art, Informationen zu gewinnen, ständig verändert. Das meiste, was man von der Welt und den Menschen weiß, erfährt man, ohne es direkt zu erfahren; diese „Sekundär“-Erfahrun- gen werden abstrakt durch Medien vermittelt, wodurch generell eine Abstrahierung von Bewußtseinsinhalten stattfindet. Somit bieten die Medien einen Input, der eine Realität schafft. Wie diese im Endeffekt aussieht, ist jedoch vom Rezipienten und dessen bisherigen Erfahrungen abhängig. Sie bieten praktisch eine Vorlage, die verarbeitet wird, was den Erfahrungsschatz bereichert und zur Bildung eines Realitätskonzeptes führt. Freilich generieren Medien Wirklichkeit auf eine andere Weise als direkte Erfahrung, bei der alle Sinne beteiligt sind. Sie sind bestimmt durch ihr Wesen, ihre Technologie – die Technik der Medien beeinflußt nun sowohl deren Inhalte als auch die Rezeption, wie der Philosoph Günther Anders dargelegt hat (s. Günther Anders: Die Welt als Phantom und Matrize. In: Ders.: Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen)…

Patrizia Tonin: Shoah nach Spielberg Holocaust und Hollywood, oder „Schindlers Liste“

Einleitung: Der kommerziell erfolgreichste Fantasy- Filmer aller Zeiten, Steven Spielberg, liefert 1994 mit Schindlers Liste die bislang kassenträchtigste Holocaust-Darstellung. Der Film über Oskar Schindler und dessen Rettung jüdischer KZ-Häftlinge ist scheinbar alles, was die fiktive, phantastische Spiel- bergsche Welt nicht ist und nicht sein will: realistisch, ohne Spezial-Effekte, ohne Farbe, ein „wahrhaft dokumentarisches Meisterwerk“, so das Lob der Kritik (Der Spiegel 8/94, S. 3).

Spielberg, dem es in seinen Filmen erklärtermaßen immer um eine eskapistische Wirkung ging, reklamierte für Schindlers Liste eine aufklärerische Funktion. Die folgende Analyse will das Aufklärungspotential dieses Films, der mit den bewährten Mitteln des klassischen Erzählkinos, sprich Hollywoods, gemacht ist, aufzeigen…

Heinz P. Wassermann: „Hitler – eine Karriere“, „Schindlers Liste“ und die Tücken der Sozialwissenschaften

Einleitung: Ach ja, wäre es doch nur so einfach! Man setze Schulklassen in ein Kino, serviere ihnen dort einen sowohl pädagogisch wertvollen als auch politisch korrekten Film, und im Handumdrehen hätte man – na sagen wir einmal – die bravsten Antifaschisten herange- und erzogen. Daß dem nicht so ist, braucht nicht des Langen und Breiten diskutiert werden. Trotzdem bleibt die Frage unbeantwortet, inwiefern „die Medien“ Konstituenten von Geschichtsbildern sind, beziehungsweise inwiefern sie – ein wie auch immer ausgeprägtes und verortetes – Geschichtsbewußtsein (mit)prägen.

Im Folgenden sollen zwei Untersuchungen anhand ihrer Methodik und ihrer Ergebnisse, die sich mit dem Medium Film auseinandersetzen, genauer, die einmalige filmische Reize und deren Auswirkungen zu analysieren trachten, vorgestellt werden. Somit stellt sich die Frage, was können Filme – ganz allgemein – bewirken, und was im Besonderen haben Hitler – Eine Karriere und Schindlers Liste bewirkt. Letzterer Thematik gingen die beiden Sozialwissenschafterinnen vom Institut für Konfliktforschung (Wien), Helga Ambes- berger und Brigitte Halbmayr (Amesberger, Helga und Halbmayr, Brigitte: „Schindlers Liste “ macht Schule. Spielfilme als Instrument politischer Bildung an österreichischen Schulen. Wien: Braumüller 1995 (= Studienreihe Konfliktforschung. Bd. 9). 144 S., ÖS 280,-), nach. Sie konzentrieren sich auf Schüler/-innen aus den Bundesländern Wien und Oberösterreich und das durchaus zu Recht, stellten diese – unter dem Aspekt der quantitativen Repräsentativität – doch rund zwei Drittel aller Schüler/-innen, die 1994 kostenlos Schindlers Liste sahen.

Die beiden Forscherinnen orientieren sich an drei Leitfragen, nämlich:
Kann ein Spielfilm dieser Art zu Sensibilisierung bzw. zu Immunisierung gegen antidemokratische Tendenzen in der Gegenwart führen?
Und vor allem, was bewirkt der Film bei den Schülern und Schülerinnen? Bewirkt der Film mehr als eine kurzfristige Betroffenheit?
Können mit einem Spielfilm Einstellungen gegenüber Menschen mit anderer Religion, anderer Weltanschauung, anderer Herkunft und anderen Lebensweisen geändert werden? (ebd., S. 18.)…

Rudolf Jerábek: Quellen zur Medien- und Kommunikationsgeschichte im Österreichischen Staatsarchiv/Archiv der Republik

Einleitung: Nach der Schaffung des AdR als „neue“ und einzige „lebende“ (also mit regelmässigen Zugängen bedachte) Abteilung wurden darin aus den „alten“, schon vorher bestandenen Abteilungen die seit dem Ende der Monarchie 1918 erzeugten Archivalien konzentriert. Bei der Durchführung dieses Prinzipes konnten Überschneidungen nicht vermieden werden. Die materienbezogene „Signaturenlegung“ der alten Ministerialregistraturen brachte es mit sich, daß in zwei Ministerien Akten eng verwandten Inhalts zu organisch geschlossenen „Signaturen“ (= Aktenzeichen), den Zeitraum 1848 bis 1938/39 umspannend, zusammengefaßt worden waren. In jedem Ministerium gibt es hunderte derartiger Signaturen. Die durch diese Signaturen erzeugten Konvolute können für den Zeitraum 1848-1938/39 wenige Millimeter stark sein, aber auch Dutzende Kartons umfassen. Für das gegenständliche Thema nicht ohne Bedeutung ist es daher, daß sich die Akten des Bundesministeriums für Justiz und jenes für Unterricht geschlossen von 1848 bis zur Liquidierung um 1939 im Allgemeinen Verwaltungsarchiv (AVA) und nicht im AdR befinden. Derartige Überschneidungen gibt es auch in die andere Richtung, wie bei den Akten der k.k.Ministerien für soziale Fürsorge und für Volksgesundheit, die zwar 1917 von Kaiser Karl gegründet wurden, deren Akten aber mit jenen des „republikanischen“ Sozialministeriums geschlossen im AdR aufbewahrt werden…

Dieser Beitrag wurde vornehmlich aus der Sichtweise des Archivs der Republik (AdR)1 geschrieben, doch werden die in den anderen Abteilungen des Österreichischen Staatsarchivs (ÖStA) vorhandenen themenrelevanten Quellen berücksichtigt.

Christa Mehany-Mitterrutzner: Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) Entwicklung – Projekte – Bestände im Überblick

Einleitung:

“Besonders wichtig war aber, daß wir hier im Haus auf das, andere Österreich’ treffen konnten, auf jene Menschen, die alle ihre Erfahrungen mit dem Faschismus gemacht hatten und dabei auf der Seite der Opfer gestanden waren. Mit ihnen wurde für uns eine Perspektive auf die österreichische Geschichte unseres Jahrhunderts möglich, die weder Elternhaus noch Schule uns geboten hatten.”
Helmut Konrad, Rektor der Karl-Franzens-Universität Graz,
anläßlich der DÖW-Jahresversammlung 1997

Dokumentation des „anderen Österreich“ – oder,,Dokumentationsarchiv eines in Wirklichkeit doch niemals existent gewesenen österreichischen Widerstandes“?’ Am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) scheiden sich seit dessen Anfängen die (politischen) Geister. Schon die Gründung im Jahr 1963 durch ehemalige Widerstandskämpferinnen und Verfolgte des NS-Regimes gemeinsam mit einigen Wissenschaftlern war ein Akt der Selbstbehauptung: Die offensive Propagierung der „Opfertheorie“ durch das offizielle Österreich (vor allem nach außen) und die – mit Hinweis auf die politische Stabilität – vehemente Einforderung (nach innen), Vergangenes vergangen sein zu lassen, hatten den antifaschistischen Grundkonsens der unmittelbaren Nachkriegszeit bald abgelöst. NS-Opfer, die sich nicht in die Parteien integrieren konnten/ wollten, blieben politisch einflußlos und galten bestenfalls als unliebsame Zeuginnen jener Vergangenheit, die verdrängt werden sollte; Angriffe und Diffamierungen („Verräter“, „Feiglinge“ etc.) waren in einem innenpolitischen Klima, das von der Mehrheit – also den ehemaligen NS-Anhängern und -Mitläufern – bestimmt wurde, eher Regel als Ausnahme. Diese Grundhaltung machte sich auch gegenüber einer Einrichtung wie dem DÖW bemerkbar, das Widerstand und Verfolgung und damit auch deren Kehrseite, die massive Beteiligung von Österreichern an den NS-Verbre- chen, dokumentierte. Es sollte bis zum Jahr 1991 dauern, daß ein österreichischer Bundeskanzler offiziell daran erinnerte, daß nicht nur hunderttausende Menschen unseres Landes Opfer der NS-Diktatur wurden, sondern auch „viele Österreicher […] an den Unterdrückungsmaßnahmen und Verfolgungen des Dritten Reiches beteiligt“ waren…