Wolfgang Pensold: Welt im Wohnzimmer Eine qualitativ orientierte Projektkonzeption zu Geschichte und Theorie des Fernsehens

Einleitung

Fernsehen in Österreich

Das Jahr 1995 ist das Jahr, in dem das Fernsehen in Österreich sein 40-jähriges Jubiläum begeht, 40 Jahre, im Laufe derer es sich vom bescheidenen Versuchsprogramm zum dominierenden unter den österreichischen Massenmedien entwickelte. Der Weg dahin war ein weiter, seine Wandlungen zahlreich. Heule, am Vorabend des Information-Highway, steht neuerlich eine bedeutende Mutationsstufe bevor, die das österreichische Fernsehen zum zentralen Multimedium einer modernen Mediengesellschaft reüssieren wird lassen; eine folgenreiche Entwicklung, inmitten derer wir uns befinden und die darum auch Anlaß gibt, diesem massenmedialen Phänomen eine entsprechende wissenschaftliche Reflexion zu widmen.

Die Pilotstudie “Ottakring”

Das Institut für Publizistik- und Kommunikations- Wissenschaft der Universität Wien hat sich bereits seit geraumer Zeit die Geschichte des österreichischen Fernsehens zum Forschungsschwerpunkt gemacht, im Zuge dessen bereits eine Pilotstudie über die Einführung des Fernsehens in einem Wiener Gemeindebezirk durchgeführt wird. Finanziert wird dieses Pilotprojekt von der Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien sowie vom Kulturamt der Stadt Wien, geleitet wird es von o. Univ. Prof. Dr. Wolfgang R. Langenbucher, die Administration obliegt Wolfgang Langer und Mag. Wolfgang Pensold.

Die Studie zielt in erster Linie auf den Bereich der Fernsehrezeption ab. Es geht weniger um kommunikatororientierte, institutionsgeschichtliche Rekonstruktionsarbeit, als vielmehr darum, die gravierenden sozialen Auswirkungen, die die Einführung des Fernsehens in den 50er Jahren gezeitigt hat, beschreibbar zu machen. Was hat die Fernseheinführung für das Publikum – die Rezipienten, oder auch Konsumenten – bedeutet und was hat sich dadurch in ihrem Alltag verändert? Sehr viel, möchte man meinen, blickt man aus heutiger Sicht zurück. Die einzelnen Impulse dafür in der Erinnerung von Zeitzeugen zu lokalisieren wird freilich dadurch erschwert, daß Medien trotz ihrer Omnipräsenz meist nur Erinnerungsspuren anekdotischen Charakters hinterlassen. Das verwendete methodische Instrumentarium ist daher von qualitativer Natur. Mittels sogenannter Leitfadengespräche wird versucht, hinter die Anekdoten zu kommen, d.h. im Zuge aktiver Erinnerungsarbeit strukturelle Beziehungen zwischen dem Medium und dem Alltag der Rezipienten transparent zu machen. So geht es beispielsweise darum, den Stellenwert des damals neuen Mediums als Informationsinstanz, als Unterhaltungsangebot, oder auch als Statussymbol zu lokalisieren. ….

Sonja Kothe: Kochrezepte für Führer, Volk und Vaterland Eine NS Frauenzeitschrift im "Ständestaat"

Einleitung: “Haben Frauen Hitler an die Macht gebracht?” Oft hat man sie gestellt, die Frage. Und bis heute nicht wirklich eine Antwort gefunden. Möglich ist, zu sagen: auch. Auch Frauen haben sich für den “Führer” aufgeopfert. Haben ihn bewundert und geliebt. Wie sehr, das zeigt – unter anderem – ein Blick in die NS-Frauenpresse, die es auch in Österreich gegeben hat, und zwar schon lange vor Hitlers Zeit; in den frühen dreißiger Jahren, der Hochblüte von Frauenfeindlichkeit, faschistischen Ideologien, Beeinflussung und Propaganda.

Der Versuch, frauenverachtende NS-Ideologie in jener vom Austrofaschismus bestimmten Zeit mittels konventionell aufgemachter Frauenzeitschrift an die Frau zu bringen, ist belegbar. Und er hat einen Namen: Die Deutsche Frau.

Doch zunächst zu den Verhältnissen. Dazu, wie es so war in den Dreißigern für Frauen in Österreich. Zum Frauenbild jener Zeit in diesem Land, das ein diskriminierendes und durch und durch bürgerlich-konservatives gewesen ist. Und sich nur punktuell unterschieden hat von dem, was – in Deutschland längst gelebte Realität – nach 1938 auch in der Ostmark erwünscht war.

Faschistische Mutterideologie halte, so die ernüchternde Einleitung der Reflexionen überein Stück heimischer Vergangenheit, auch im Austrofaschismus ihren fixen Platz auf der politischen Tagesordnung – Frauen wurden ebenso eindeutig wie im NS-Regime auf ihre „naturgegebene“ Rolle als Hausfrau, Ehefrau und Mutter eingegrenzt. Oberste ideologische Maxime: ein geradezu glorifizierter Muttermythos. Das politische Ziel: die damit einhergehende völlige Ausschaltung von Frauen aus dem öffentlichen Leben.

Das kam nicht von ungefähr: Frauen mußten, so war man sich – hüben wie drüben – sicher, angesichts Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit vom Arbeits- markl verdrängt und an den häuslichen Herd „zurückerobert“ werden. Wie in Nazi-Deutschland wurde also kurzerhand auch im Dollfuß- und Schuschnigg-Österreich die „perfekte“ Frau der dreißiger Jahre durch die Schlagwörter „passiv, dienend, aufopferungsvoll, instinktgeleitet, sauber, natürlich und geistig unter dem Manne stehend, aber klug“ definiert – ihre Unterordnung in Familie, Staat und Beruf war uneingeschränkt vorprogrammiert. …

Bernd Beutl, Wolfgang Monschein & Fritz Randl: Die nationalsozialistische Presse in Österreich von 1918 bis 1933 Ein Vorbericht

Einleitung: Der vorliegende Katalog der österreichischen nationalsozialistischen Parteiorgane ist ein Teilergebnis der Forschungsprojekte Österreichs legale NS-Presse vor 1933 (Jubiläumsfondsprojekt Nr. 4.570, Februar 1993 – Jänner 1994) und Österreichs NS-Presse vor 1933 – Fortsetzung (Jubiläumsfondsprojekt Nr. 5.150, Juli 1994 – Juni 1995), die beide von der Österreichischen Nationalbank finanziert wurden. Die Leitung der Projekte lag in der Hand von Dr. Wolfgang Duchkowitsch, als Mitarbeiter fungierten Bernd Beutl, Claudia Hefner, Wolfgang Monschein und Fritz Randl.

Aus Gründen des Umfanges können an dieser Stelle nur die wichtigsten Daten der aufgefundenen Blätter wiedergegeben werden:

  • Titel: Titeländerungen und Untertitel können aus Platzgründen nicht angeführt werden. Sonderfalle werden mit ** bezeichnet. Dabei handelt es sich in der Kegel um Zeitungen und Zeitschriften, die streng genommen nicht als Periodika bezeichnet werden können, weil sie aus verschiedenen Gründen nur einmal erschienen sind. Andere Besonderheiten sind im Katalog vermerkt
  • Erscheinungszeitraum: erste Ausgabe (Monat/Jahr) bis letzte Ausgabe (Monat/Jahr), ausgehend von den Beständen bzw. Akten der Österreichischen National- hihliothek, der Universitätsbibliothek Wien und des Österreichischen Staatsarehives. Ist der Bestand unvollständig oder mit hoher Wahrscheinlichkeit unvollständig, werden die jeweiligen Angaben mit * gekennzeichnet. Hier finden sich auch Angaben über Vorgänger- und Nachfolgeblätter. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich von 1918 bis zum Juni 1933, wobei in einigen Fällen über diesen Rahmen hinausgegangen wurde. Illegale Ausgaben werden im allgemeinen nicht angeführt
  • Erscheinungsort: wechselte der Erscheinungsort im Erscheinungszeitraum, werden die verschiedenen Erscheinungsorte hintereinander angeführt
  • Erscheinungsweise: täglich, wöchentlich etc. Sind verschiedene Erscheinungsweisen angegeben, wechselte die Frequenz im Untersuchungszeitraum
  • Parteibindung: Zugehörigkeit zur „alten“ Partei {NSDAP) vor der Parteispaltung 1926 und/oder zu den aus der Spaltung hervorgegangenen Gruppierungen llitlerbewegung und Schulzgruppe

Eine umfangreichere Darstellung der Projektergebnisse ist einer der folgenden Ausgaben von medien & zeit Vorbehalten. …

Rezensionen 4/1995

Richard Whelan: Die Wahrheit ist das beste Bild. Robert Capa, Photograph. Eine Biographie. Köln: Kiepenhauer & Witsch 1993
– rezensiert von Wolfgang Pensold

Jürgen von der Wense: Blumen blühen auf Befehl. Aus dem Poesiealbum eines zeitunglesenden Volksgenossen 1933-1944. Herausgegeben und kommentiert von Dieter Heim. München 1993
– rezensiert von Peter Malina

Kurt Aufderklamm, Wilhelm Filla & Erich Leuchtenmüller (Hg.): No Sex, No Crime. Volkshochschule und Medien. (= Schriftenreihe des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen, Bd. 9). Wien: Promedia-Verlagsgesellschaft 1993
– rezensiert von Peter Malina

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Eckart Früh: Valentin Schuster alias Mungo – das ist der Name eines tropischen Stinktiers im braunen Blätterwald.

Einleitung: Das „Neue Wiener Journal”, dessen Herausgeber, Jakob Lippowitz, in antisemitischen Kreisen zu den „verbre- cherische(n) Land- und Rassefremden” gezählt wurde, gegen die nur mehr ein „Ku-Klux-Klan”, ein „Femegericht” helfe (Teja, 1927), veröffentlichte 1924 insgesamt fünf feuilletonistische Beiträge eines jungen Mitarbeiters, der sich in späteren Jahren an der Hatz auf die jüdische “Presse-Meute” (ebd.) beteiligen sollte. Drei von ihnen sind in der ersten Person abgefaßt, allesamt dürften sie mehr oder weniger auf eigenen Erfahrungen beruhen, lassen jedenfalls die Geistesart eines satirisch gestimmten Journalisten erkennen, der es beharrlich mit Scherz, Ironie ohne tiefere Bedeutung versuchte und jenem abgeschmackten Witz, der ein naher Verwandter von Blödelei und Trivialität ist. „Keuchend”, ist da etwa zu lesen, “drei Stufen auf einmal nehmend, flog ich zum vierten Stock empor, blieb schnaubend vor einer wackeligen Tür stehen, die drohend versicherte, daß Fremden der Eintritt verboten sei. Natürlich strengstens. Aufatmend ging ich hinein, stolperte über ein Vogelbauer, in dem sich ein ausgestopfter Fink schaukelte, sprang vorwärts, um mein verlorenes Gleichgewicht wieder zu finden und stieg dabei auf eine Kugel, die boshaft unter meiner Sohle auskniff und mich dadurch der Länge nach zu Boden warf, wobei ich mit der Hand in etwas hineinfuhr. Dies war ein aller Reiterstiefel aus der Zeit des „ollen Fritzen”” (Schuster, 31.1.1924).

So wie hier geht es allerorten bei Valentin Schuster zu, dem Autor dieser Zeilen, ob nun vom sogenannten „Atrappenkavalier” die Rede ist, der „ordentlich vor Benehmität” strotzt, weil sein „ganzes Sinnen” darauf ausgeht, „bei allen Pflasternixen ob seiner Dienstbereitschaft bekannt zu werden” (Schuster, 21.7.1924); oder von der Frau, die ihren Mann mit dessen bestem Freund betrügt (Schuster, 27.7.1924), vom Gefängnis, in dem sich “Kasseneinbrecher und Taschendiebe, Raubmörder und Scheckfälscher, acht Stück an der Zahl” (Schuster, 21.8.1924), ein fröhliches Stelldichein geben; oder aber um die „Äther-Premiere” des Erzählers. Er habe, bekennt Schuster unumwunden, „seit jeher ein Verständnis für Narkotomanien und schwere Perversionen” gehabt (Schuster, 27.8.1924). Wohl wahr, darf nach Lage der Akten ergänzend hinzugefügt werden; denn dieser Schuster, der nicht bei seinem Leisten blieb, kannte sich im Halbwelt-, im Verbrecher- und Rauschgiftmilieu aus. Sein Werdegang beweist es. …

Uwe Mauch: Ein österreichischer Journalist Manfred Jasser schrieb im "Ständestaat", im "Dritten Reich" und in der "Zweiten Republik"

Einleitung:

“Versöhnung ist möglich mit Menschen, mit ehemaligen Nationalsozialisten; Versöhnung ist nicht möglich mit dem Geist, für den diese Menschen einmal eingetreten sind.”
Anton Pelinka

April 1945
„Es gehl um unsere Ehre”

Man schrieb den 7. April 1945. Es war ein Samslag, der Ostersamstag. Die Schlacht um Wien begann im Morgengrauen. Am Vormittag überqueren Soldaten der Roten Armee an mehreren Stellen die Stadtgrenze. Die 5. Garde-Luftlande-Division rückt von der Simmcringer Hauptstraße über das Industriegebiet Sankt Marx zum Donaukanal vor. Die ersten Sowjet-Panzer rollen über den Matzleinsdorfer Platz und von dort weiter zum Südbahnhol. In der Nähe des Westbahnhols fallen Schüsse.

Man hört den Kanonen-Donner auch im Redaktionsgebäude des „Ostmärkischen Zeitungsverlags“ am Eleischmarkt, als der Journalist Dr. Manfred Jasser in den notdürftig eingerichteten Luftschutz-Keller hinuntereilt und an einer Schreibmaschine hastig zu hämmern beginnt. Ein bisher unbekanntes Stück Wiener Zeitungsgeschichte entsteht der letzte Leitartikel der Wiener Nazi-Presse. Dem Titel Das tapfere Herz läßt der bis zum Schluß regimetreue Kommentator einen historischen Vorspann folgen, ehe er sich und seinen Leserinnen noch einmal Mut macht: “Alles wäre unvergleichlieh leichter, wenn jeder die Front sehen könnte, die mit vorbildlicher Tapferkeit kämpfenden Truppen, die Volkssturmmänner, die treu ihre Pflicht und sehr oft mehr als ihre Pflicht erfüllen dann wäre ihm das Herz bald gestärkt, lind er würde sich geborgen fühlen. Er würde sehen, daß die Bolschewisten in kühnem ( ïeg enstoß da und dort wieder zurückgetrieben wurden und daß die Front auch dort hält, wo sie dünner ist als anderswo, weil Mut und Beherztheit deutscher Männer die materielle Überlegenheit des Feindes wieder ausgleichen.”

Es werde in der Stunde der Entscheidung, so die Parole, auf „den Mut, die Besonnenheit und die Anständigkeit jedes einzelnen“ ankommen. Kein Wort von Kapitulation, im Gegenteil: “Wo ihr einen seht, der zaghaft ist, dort stützt ihn; wo ihr einen seht, der seine Pflicht nicht erfüllt, dort mahnt ihn; wo ihr einen seht, der Schaden und Unruhe stiftet, dort stoßt ihn aus der Gemeinschaft.”

Erst wenige Tage zuvor, am 3. April, war der 36jährige Sohn Grazer Kaufleute zur letzten publizistischen Pflichterfüllung auserwählt worden. Der Wiener Reichsverteidigungskommissar Baldur von Schirach hatte an diesem Tag angeordnet, das „Neue Wiener Tag- blatr und die „Kleine Wiener Kriegszeitung“ einzustellen und dafür provisorisch eine „Wiener Festungszeit” herauszugeben. Die Leitung dieser Zeitung hatte Schirach dem Parteigenossen- Jasser übertragen. Eine Entscheidung mit Augenmaß: Der Auserwählte hat sich in der Wiener Tagespresse mit regimefreundlichen Kommentaren und Kriegsberichten einen Namen gemacht. Unter Journalistinnen und auch unter SS- Leuten eilt ihm bis zuletzt der Ruf eines wahren, loyalen Nationalsozialisten voraus. In der Redaktion des „Neuen Wiener Tagblatts“ wird ihm auch ein guter Draht zum GESTAPO-Hauptquarlier am Morzinplatz nachgesagt.

Die Zeit drängt. Der Leitartikler sieht seine deadline näher rücken. Doch während ein Korps der Wien-Befreier über die Alser Straße bis zum AKH vorstößt, formuliert er noch immer an der Realität vorbei: “Es geht jetzt nicht darum, daß irgendeiner seinen Posten rettet, es gehl nicht um die Partei, es gehl auch nicht um unser Leben; cs geht um unsere Ehre, es gehl um die Würde des Wienerlums, es gehl darum, daß diese Stadl, die so viel Leid und so viel Freude gesehen hat, ihren Schild rein und fleckenlos erhält.”

Er habe sich für diese letzte Parole später nie geniert, erklärte Jasser in einem Interview kurz vor seinem Tod. Ganz geheuer dürfte sie ihm allerdings auch nicht gewesen sein. Noch bevor die Zeitung in Druck ging, machte sich auch der letzte Wiener NS-Kommentator aus dem Staub. Sein Weg führte über die Donau zum Bisamberg. Dort wurde ihm mitgeteilt, daß ihn Reichsverteidigungskommissar Baldur von Schirach in Krems an der Donau erwarte.

Am Ende des Tages hatte die Rote Armee Wien befreit. Jassers Jugendtraum, das Trauma des tausendjährigen Reichs, ging damit zu Ende. Dabei hatte die nationalsozialistische Mission für den Grazer Journalisten verheißungsvoll begonnen. …

Michaela Lindinger: “Geistige Strumpfstrickerei” Situation und Funktion der Journalistinnen im nationalsozialistischen Österreich (1938 – 1945)

Einleitung:

Zur Stellung der Frau im Nationalsozialismus

Die Frauenideologie des Nationalsozialismus verfolgte grundsätzlich dieselben Ziele wie die anderer bürgerlicher Herrschaftsformen: Während wirtschaftlicher Rezessesionsphasen werden die Frauen an den Herd verwiesen; in Zeiten des Konjunkturaufschwungs sind sie dann als billige und wenig anspruchsvolle Arbeitskräfte jedoch immer herzlich willkommen. Ihre Zuständigkeit für Haus und Familie bleibt wie selbstverständlich auch in Aufschwungsphasen erhalten.

„Wirtschaftlich bestimmte Fragen unterliegen ständigem Wechsel in der Beurteilung”, nannte dies beispielsweise der Völkische Beobachter am 16. Oktober 1938.

Während zu Beginn der NS-Herrschaft (in Deutschland ab 1933) ganz massiv ein biologistisches Frauenideal propagiert wurde, das in der „deutsch-arischen” Frau lediglich die Hausfrau und Mutter möglichst vieler Kinder sah, wurden ab etwa 1936 die „geschickten Hände” der Frauen plötzlich auch in technischen Arbeitsbereichen „bewunderungswürdig”. Denn zu dieser Zeit benötigte das NS-Regime bereits billige weibliche Arbeitskräfte, vor allem in der Rüstungsindustrie. Doch blieb das Bild der sich aufopfernden deutschen Frau und Mutter bis zum Ende des „Dritten Reiches” konstant. Allerdings wurden ab 1942 die angeblich spezifisch „weiblichen Eigenschaften” des Dienens und der Opferbereitschaft immer mehr in den Vordergrund gerückt. Die Probleme der Doppel- und Dreifachbelastung wurden in der nationalsozialistischen Propaganda vollkommen ignoriert bzw. als durch gute persönliche Organisation für überwindbar erklärt. Der „Einsatz des deutschen Frauentums im Kriege” wurde idealisiert.

Daß Frauen in allen Berufen nur als Reserve fungieren sollten, machte „Reichsfrauenführerin” Gertrude Scholtz-Klink Ende 1943 in einer Rede in einem Wiener Großbetrieb deutlich: “Wir Frauen wurden in dein großen entscheidenden Schicksalskampf unseres Volkes aufgerufen, an die Stelle des Mannes zu treten und es ihm an Leistung gleichzutun. Das ist jedoch kein Dauerzustand und es geschieht einzig und allein, um den Sieg zu sichern. Wenn dieser errungen ist, wollen wir dann freudig zurückkehren zu unseren ureigenen Aufgaben als Frau und Mutter” (Völkischer Beobachter, 1943).

Der „Anschluß” Österreichs im März 1938 fiel schon in die Zeit des vermehrten Einsatzes der Frauen in allen Berufsgruppen. Die Frage, wie sich Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg auf die Situation der Journalistinnen in Österreich zwischen 1938 und 1943 ausgewirkt haben, versuchte ich in meiner Diplomarbeit (Lindinger, 1990) zu beantworten. Im folgenden sollen die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung dargestellt werden. …

Peter Köpf: Ex-Nazis hatten eine Chance Goebbels-Propagandisten in der westdeutschen Nachkriegspresse

Einleitung: „Ex-Nazis halten keine Chance!” Mit diesen apodikischen Wol len markierte der journalist in seiner Maiausgabe 1995 den Rahmen, in dem der 50. Geburtstag der neuen, demokratischen Presse gefeiert zu werden hat (Stamm, 1995). Die „Stunde Null” der deutschen Presse soll auch weiterhin strukturell und personell als Neuanfang propagiert werden. Die Gewerkschaft jedenfalls, so die Botschaft des Artikels im Mitgliederblatt des „Deutschen Journalislen-Verbandes”, wird den Redaktionen wegen eines Verzichts auf eine Rückschau in die Zeit vor 1945 nicht in die Feiertagssuppe spucken.

Auch von gelehrter Seite stand so etwas bisher nicht zu befürchten. Zwar sind die ersten Jahre der westdeutschen demokratischen Presse nach 1945 wissenschaftlich gut dokumentiert. Nach dem Krieg, so ein Resümee der wichtigsten Publikationen, habe es eine „Stunde Null” gegeben, durch eine mehr oder weniger strenge Entnazifizierung sei den Repräsentanten der Parteipresse, den bürgerlichen Altverlegern und nazifreundlichen Schriftleitern so etwas wie ein Berufsverbot auferlegt worden. Diese Einschätzung beruht aber auf der Annahme, die Bestimmungen der Alliierten für die Erteilung einer Lizenz und bei der Auswahl des Redaktionspersonals seien in der Praxis auch umgeselzl worden. Diese Einschätzung ist falsch. Die These vom personellen Schnitt, vom Neuanfang mit unbelasteten Redakteuren wurde unhinterfragt zum Faktum. Sie konnte aufrecht erhalten bleiben, weil eine systematische Untersuchung der Lebensläufe der Nachkriegsjournalisten in der Bundesrepublik – anders als in Österreich – bisher ausblieb. „Nach wie vor wird die fachliche Biographie einzelner herausragender Persönlichkeiten gepflegt. Dem historisch gewordenen Berufssland und seiner alltäglichen Wirklichkeit wenden sich nur wenige Arbeiten zu” (Schmolke, 1970).

Die Erklärung für den Verzicht auf derartige Forschung ist – abgesehen von politischer Inopportunität – einfach: Fritz Hausjells Untersuchung für Österreich erforderte fünf Jahre Archivarbeit (Hausjell, 1985/89). Eine ähnlich angelegte Studie für Westdeutschland wäre wegen der Vielzahl von Titeln erheblich umfangreicher. Der Ansatz der vorliegenden Arbeit weicht deshalb von dem Hausjells ab. …

Horst Jörg Haupt: Am Anfang war der Schrei Leistungsmöglichkeiten der Historischen Kategorialanalyse von K. Holzkamp für die historisch orientierte Kommunikationswissenschaft (Einführung in die historische Kategorialanalyse I)

Einleitung:

Grundbegriffsvergeßlichkeit der Kommunikationswissenschaften

“Am Ursprung jeder wissenschaftlichen Brrungenschall steht der Non-Konformismus. Die Fortschritte der Wissenschaft entspringen aus der Zwietracht. Opportet haereses esse” (Fèhvre 1988, S. 21) so Lucien Fèhvre 1933 bei seiner Antrittsvorlesung im College de France.

Doch wo finden sich die kommunikationshistorischen, non-konformistischen „Errungenschaften der letzten Jahre? W. R. Langenbucher hat völlig recht: „Die diversen Geschichtswissenschaften und die Geschichtsschreibung haben Konjunktur (…), und noch immer ist die Kommunikationswissensehaft an dieser intellektuellen wie verlegerischen Konjunktur nicht beteiligt (Langenbucher 1992, S. 8). Es fehlt, wie W. R. Langenbucher einmal anmerkte, an „groben Würfen , an den „Synthesen , die den kommunikativen Gesamtzusammenhang theoretisch abbilden und analysieren. Kommunikationswissenschaft bedeutet entweder bloße „Kärrnerarbeit im „damals und dort oder „Zurücktragen: Aktuelle „Theorien werden im Kostüm des historisch-empirischen Materials „verkleidet .

Die Vorstellungen von den Leistungsmöglichkeiten kommunikationshistorischer Forschung sind begrenzt: Kommunikalionsgeschichte soll „aus prognostischen Gründen (Saxer 1987, S. 78) oder zwecks „Erklärung der Gegenwart (Jagschitz 1987, S. 730; Langenbucher 1987, S. 14) betrieben werden.

Ich meine, die Kommunikationshistoriker zeigen eine unangemessene Bescheidenheit. Sie könnten grundlegende Erkenntnisse zum Gegenstand der Kommunikation beitragen. Kommunikationsgeschichte kann das konkrete raum-zeitliche „So sein der Kommunikation analysieren, aber sie vermag auch Grundlegenderes zu bestimmen: Das Allgemeinste, was sich über Kommunikation sagen läßt, ist nämlich, daß sie sich entwickelt. Bei Dröge klingt dies an: „Für eine angemessene realilätsmächlige Theoriestrategie müssen die Parameter der Veränderung selbst Gegenstand der Theorie sein (Dröge 1992, S. 12).

Daraus folgt: Kommunikationswissenschaft sollte (auch) die Veränderungslogik des Gegenstandes der Kommunikation herausarbeiten, erst dadurch wird der Gegenstand grundlegend bestimmbar, d.h. auf den Begriff gebracht.

Dies verweist auf ein Problem, das m.E. die traditionelle Kommunikationswissenschaft sträflich vernachlässigt: Das Problem ihrer (fehlenden) Grundbegriffe. Bisher nämlich verführt sie „leihwissenschaftlich sensu Holzkamp: ,Sie bezieht ihre grundlegenden Begriffe aus Philosophie (Struktur, Funktion, System), Nachrichtentechnik (Kommunikator, Rezipient, Medium), Soziologie/Sozialpsychologie (Interaktion) oder anderen Wissenschaftsdisziplinen (Linguistik, Kybernetik); zu genuin eigenen Grundbegriffen ist sie bisher kaum vorgedrungen. Diese Grundbegriffsvergeßlichkeit (kein ernslzunehmender Kosmologe oder Mediziner würde einen fachlichen Disput um Grundbegriffe seines Fachs durch vorwiegenden Rückgriff auf philosophische Grundbegriffe leisten wollen) hat fatale Konsequenzen: Sie ist m.E. wesentliche Ursache ihrer (permanenten) Krise. Denn: „Bei der Analyse der ökonomischen Formen kann außerdem weder das Mikroskop dienen noch chemische Reagenzien. Die Abstraktionskraft muß beide ersetzen (Marx 1962, S. 12).

Begriffe sind die entscheidenden „DenkWerkzeuge von Wissenschaftlern. Und um diese „Denkwerkzeuge der Kommunikationswissenschaft ist es traurig bestellt: Andere Wissenschaften (Medizin, Physik) können auf jahrhundertealte Grundbegriffs-Diskurse zurück blicken, diese Wissenschaften fassen die Grundbegriffsbildung auch als grundlegendes methodologisches Problem.

In der neopositivistischen Tradition der Sozialwissenschaft jedoch erscheint die Grundbegriffsbildung kein grundlegendes methodologisches Problem darzustellen, Popper notierte zur „Tätigkeit des wissenschaftlichen Forschers : „Die erste Hälfte dieser Tätigkeit, das Aul stellen der Theorien, scheint uns einer logischen Analyse weder fähig noch bedürftig zu sein: An der Frage, wie es vor sich geht, daß jemand etwas Neue einfällt, (…) hat wohl die empirische Psychologie Interesse, nicht aber die Erkenntnislogik (…). Wir wollen also scharf zwischen dem Zustandekommen des Einfalls und den Methoden und Ergebnissen seiner logischen Diskussion unterscheiden und daran festhalten, daß wir die Aufgabe der Erkenntnistheorie oder Erkenntnislogik (im Gegensatz zur Erkenntnispsychologie) derart bestimmen, daß sie lediglich die Methoden zur systematischen Überprüfung zu untersuchen hat, der jeder Einfall, soll er ernst genommen werden, zu unterwerfen ist (Popper, 1966, S. 6).

Andere „Individualwissenschaften wie die Psychologie weisen ähnliche GrundbegriffsDefizite auf; hier finden sich auch theoretische und methodologische Anregungen und Ansätze, wie dem „Begriffsdilemma beizukommen ist.

ln den 70er Jahren wurde in der Wissenschaftsdisziplin „Psychologie ein weitreichender Grundbegriffsdiskurs entfaltet – er ist mit dem Namen Klaus Holzkamp und seinen Mitstreitern innerhalb der sich inzwischen auch international formierenden „Kritischen Psychologie verbunden. Insbesondere in Klaus Holzkamps Standardwerk „Grundlegung der Psychologie wurde eine Grundbegriffsmethodologie vorgestellt, die auch uns Kommunikationswissenschaftern entscheidend bei der grundbegrilflichen Konstitution unseres Faches weilerhelfen kann. …

Claudia Hefner: Die Wiederentdeckung der Sozialreportage in den siebziger Jahren

Einleitung: Mille der 70er Jahre taucht eine „neue journalistische Darstellungsform auf und bereichert in der Folge den österreichischen Fernseh- und Magazin journal ismus: Die Sozial reportage, eine während der grau-braunen Jahrzehnte gänzlich unerwünschte und daher bald in Vergessenheit geratene Form der Wirklichkeitsvermittlung erlebt zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert eine Blütezeit. Tatsächlich werden in diesem Jahrzehnt Sozialreportagen in gewisser Hinsicht „modern”, Sozialreportagen zu verlassen, ist nun regelrecht „in”. Nicht nur die kritischen, eher „links orientierten Magazine, die im Laufe der 70er Jahre neugegründet wurden, sondern auch bereits etablierte, bürgerliche Medien tragen den gesellschaftlichen und journalistischen Trends Rechnung: Sozialkritische Journalisten, die gewissermaßen eine Alibifunktion erfüllen, werden in den Redaktionen geduldet, Sozialreportagen hin und wieder auch an publikumsträchtiger Stelle plaziert.

Der neuerliche Aufschwung der Sozialreportage geht einher mit einer Stimmung des Aufbruchs und Neubeginns, welche in Österreich Einzug gehalten hat. So gelten die 70er Jahre als besonders fortschrittlich und aufgeschlossen gegenüber sozialen Erneuerungen, als Jahrzehnt allgemeinen Wohlstands in Österreich, als die sogenannten „Goldenen 70er Jahre” (Pohoryles, 1990). Der klassische Wohlfahrtsstaat wird in dieser Epoche installiert, die Bezeichnung Österreichs als „Insel der Seligen” geprägt. Der Wille, Österreich nachhaltig zu verändern, ist wesentliches Merkmal der Gesellschaftspolitik dieses Jahrzehnts, der Nachholprozeß Österreichs ist eingeleitet. Längst fällige gesamtgesellschaftliche Reformen finden in den 70er Jahren unter den Schlagworten „Demokratisierung und „Pluralisierung eine gesetzliche Verankerung. …