Ed McLuskie: Founding U. S. Communication Research in the Viennese Tradition Lazarsfeld's Silent Suppression of Critical Theory

Einleitung:

“It is certainly highly desirable to have bright critical people around.
But once they are here it is difficult to relate them.”
Paul F. Lazarsfeld (1974)

Anyone familiar with Paul Lazarsfeld’s attempts to bring together ostensibly diverse research traditions may find curious the claim that Lazarsfeld suppressed Critical Theory, especially because he is credited with having introduced the Frankfurt School to American social research. After all, it is not literally true that Lazarsfeld was “silent” about the work of Frankfurt Critical Theorists. Indeed, his 1941 article, “Remarks on Administrative and Critical Communications Research” (Lazarsfeld, 1941), was not his last word on the subject:

Lazarsfeld’s five subsequent essays (1948; 1969; 1972; 1973a; Lazarsfeld and Leeds, 1962)2 * allow the claim that Lazarsfeld explicitly wrote about “critical research” from 1941 through 1973. However, only one of these five (Lazarsfeld, 1948) devoted full attention to issues “critical” in some sense; the remaining post-1941 essays address critical research in brief passages. Thus Lazarsfeld had finished originating full articles on the subject during the 1940s. Collectively, then, these six essays do not constitute a systematic corpus by Lazarsfeld on what he branded “critical research”. Lazarsfeld’s most exhaustive treatment of the topic remains “Remarks” (Lazarsfeld, 1941).

Nevertheless, the influence of the 1941 Remarks article extended to the Presidential Address of the U.S.-based International Communication Association (ICA) forty years later (Rogers, 1982). Consequently, one might be tempted to argue that Lazarsfeld’s influence brought Critical Theory to American social and communication research – so successfully, one may argue even further, that Lazarsfeld’s work now speaks through still other voices, at least in the United States. How, then, might Lazarsfeld have been “silent” on Critical Theory in light of this reading of the intellectual-historical record?

The answer depends, of course, on how one reads that record. In the American context, one would be hard- pressed to justify the claim that Critical Theory has flourished in communication research. Hardt’s (1979, p. 228) assessment of German critical approaches, including that of the Frankfurt School, still stands concerning the American encounter: “Any acknowledgement … can be explained as a recognition of the usefulness of … methods of analysis rather than an adoption” or incorporation of the perspective of Critical Theory.

Is Lazarsfeld’s record, then, one of engaging Critical Theory, being influenced by its perspective, and then recommending Critical Theory to an American audience? Or is what Lazarsfeld called the “critical research” of Frankfurt something else, recommended (or not), according to criteria of method, in the name of Frankfurt Critical Theory? If the latter is the case, then only on the surface did Lazarsfeld seem to give voice to Critical Theory. If what Lazarsfeld called “critical research” is not Critical Theory, and if Lazarsfeld’s interpretation was influential for American communication research (as it was for the ICA address cited above), then what passes for Critical Theory in the United States also is “something else” to the degree of Lazarsfeld’s influence. …

Mike Sandbothe: Zeit und Medien Postmoderne Medientheorien im Spannungsfeld von Heideggers "Sein und Zeit"

Einleitung:

Postmodeme Medientheorien im Spannungsfeld von Heideggers Sein und Zeit

Meine Überlegungen gliedern sich in drei Schritte. Der erste Schritt benennt die Grundthese, die die unterschiedlichen medientheorischen Ansätze im Umfeld der Postmodeme sachlich verbindet. Den Begriff „postmodern“ – dies sei zur Vermeidung von Mißverständnissen vorweg herausgestellt – verwende ich indizierend und nicht im Sinne der ihm begriffssemantisch eigenen paradoxen, nämlich in Wahrheit genuin modernen, Epochenbedeutung (Welsch, 1987; Sandbothe, 1993). Der Grundthese der postmodemen Medientheorien zufolge sind die audiovisuellen und kinematischen Technologien im Unterschied zu den automobilen und kinetischen Technologien, die auf eine Eroberung und Nivellierung des Raumes abzielen, wesentlich als Chrono-Technologien zu begreifen. Als Technologien also, deren weltumspannende Ausbreitung sich in einer Medialisierung der Zeit niederschlägt. Mit dieser aber geht – so die weitere Diagnose – eine einschneidende Destabilisierung derjenigen Zeitlichkeitsstukturen einher, die von Kant über Bergson und Husserl bis zu Heidegger, Sartre und Merleau-Ponty als unhintergehbare Grundbestimmungen des menschlichen Daseins galten. Gehalt, Spezifität und Anspruch dieser These werden im ersten Teil durch eine doppelte Abgrenzung konturiert:

  1. Ihre Spezifität und ihr allgemeiner Gehalt wird markiert in der Abhebung von Theorien des öffentlichen Diskurses, wie sie, inspiriert durch Habermas’ Strukturwandel der Öffentlichkeit, in der deutschen Diskussion lange bestimmend gewirkt haben.
  2. Der mit diesem Gehalt verbundene Anspruch wird konkretisiert in der Auseinandersetzung mit empirischen Forschungsresultaten aus dem Bereich der Medienwirkungsforschung.

In einem zweiten Schritt werde ich den genealogischen Pfad markieren, der von den postmodernen Ansätzen aus über das Zeitproblem zurückführt auf Heideggers Analyse der Zeitlichkeit des menschlichen Daseins. Im Rekurs auf Heideggers Sein und Zeit (1927) und seine Dekonstruktion der kantischen Zeittheorie in Kant und das Problem der Metaphysik (1929) soll gezeigt werden, wie die postmodernen Medientheorien zeittheoretisch auf den frühen Heidegger zurückgehen und diesen auf dem Boden der Zeittheorie mit den Mitteln seiner Spätphilosophie kritisch modifizieren. Die postmodernen Medientheorien begeben sich damit ins Zentrum des inneren Widerstreits, der das Heideggersche Denken als Ganzes charakterisiert. Darin liegen die Chancen, aber auch die Gefahren ihres Denkansatzes. Denn die Verknüpfung der von Heidegger nie wirklich zu Ende gedachten Frage nach der Zeitlichkeit menschlichen Daseins mit der technik- und subjektkritischen Sicht, die sich bei Heidegger erst aus dem „Seinsdenken“ seiner Spätphilosophie ergeben hat, gelingt auch postmodern nur auf prekäre Weise. Die sich aus dieser Situation ergebenden Aufgaben aktueller Medienphilosophie versuche ich abschließend im dritten Schritt meiner Überlegungen zu markieren. …

Thomas Edlinger: Maschinenträume Ein Versuch über die Effekte technischer Medialisierung

Einleitung: Was Adorno nur dunkel als Fluchtpunkt seiner Ideologie- und Entfremdungskritik erahnen konnte, ist längst alltäglich konsumierte Wirklichkeit geworden: „das Verschwinden des Realen im Automatismus der audiovisuellen Reproduktion“ (Freier, 1984).

Mit dieser Erkenntnis aber muß das „Paradigma aller ideologiekritischen Medientheorie“ (ebd.), Adornos Satz: „Je vollständiger die Welt als Erscheinung, desto undurchdringlicher ihre Erscheinung als Ideologie“ (1970), entscheidend modifiziert werden. Zwar multiplizieren sich die Bilder der Welt in ihren medialen Simulacren, aber dennoch kommt es einem Anachronismus gleich, dahinter noch Macht und Werk einer politischen, homogenen Ideologie entlarven zu wollen, die ihre Wahrheit im Bombardement der Bilder zu dissimulieren sucht.

Die Kritische Theorie verfehlt selbst die Wahrheit der audiovisuellen Mediensysteme, weil sie unabdingbar an den Referenzcharakter der Zeichen, an eine politische Ökonomie der Zeichen glaubt, deren Wert sich an der Beziehung zu einer äußeren Realität bemessen läßt. Genau diese Äquivalenz von Zeichen und Realem aber verschwindet in der ständig beschleunigten massenmedialen Zeichenproduktion und -Zirkulation. Die klassische Medienkritik vertraut immer noch auf die Repräsentationsleistungen der symbolischen Ordnung der Schrift (die ja letztlich auch nur ein Medium unter anderen ist) und wendet am privilegierten Status der Schrift gewonnene Erkenntnisse auf Codes und Aufzeichnungssysteme an, denen so längst nicht mehr beizukommen ist. Denn die wirklich entscheidenden Transformationen unseres Realitätsprinzips sind nicht durch Störungen oder Modifikationen eines antiquierten Kommunikationsmodells zu erklären, das in medientechnischer Blindheit auf eine ideale Relation von Sprache und Sinn fixiert ist, die längst als diskursive Praxis eines alphabetgläubigen Zeitalters entlarvt ist. Die eigentlichen Umwälzungen sind vielmehr durch die Metamorphosen der Materialität der Datenflüsse selbst bedingt. Der Schritt von symbolischen Ordnungen beziehungsweise den Ordnungen der Dinge hin zur freien Simulierbarkeit von Sinneseindrük- ken in einer digitalen Logik der Datenverarbeitung, die in gar nicht allzu ferner Zukunft alle Datenströme kompatibel machen und damit vereinheitlichen könnte, wirkt auf die (Menschen genannten) Datenspeicher und -Übersetzer zurück und läßt beispielsweise die humanistisch besorgte Frage von Buchmenschen nach dem rechten Verstehen von TV-Sendungen obsolet erscheinen. Denn wo der Bildungsbürger fassungslos den Mangel an Sinn und Aufklärung beklagt, freut sich der Medienjunkie über technologisch vermittelte Intensitätsschübe, die viel wirkungsvoller und raffinierter auf der Tastatur seines Empfindens spielen, als es sich Pädagogen je träumen ließen.

Sinn und Bedeutung müssen daher unter hochtechnischen Bedingungen und der Effekte künstlich generierter Maschinenträume neu überdacht werden, denn die Schrift hat schon längst ihr erkenntnistheoretisches Primat verloren. …

Arno Maierbrugger: Zwischen den Disziplinen Warum Rahmentheorien mehr versprechen als das Ritual einer "Theorie der Kommunikationsgeschichte" halten kann

Einleitung: Theorien zur Kommunikationsgeschichte entwerfen zu wollen, ist kühn. Denn sie sollten all das, was bisher nicht theoriegeleitet, aber doch irgendwie Kommunika- tionsgeschichte war, in sich vereinigen und gleichzeitig über die engen Grenzen, die manche Arbeit der Kommunikationsgeschichte bis jetzt noch zieht, hinausweisen. Dazu bedarf es prinzipiell eines neuen Verständnisses.

Die Kommunikationsgeschichte ist eine generelle Wissenschaft, sie könnte mehr leisten als Ereignisgeschichtsschreibung und mehr beanspruchen als die positivistische Sozialwissenschaft. Die meisten bisherigen Verfahrensweisen haben sich mit einem der beiden Paradigmata begnügt, waren daher als Kommunikationsgeschichte mißverstandene Historiographie beziehungsweise sozialwissenschaftliche Analysen, methodenzentriert und nicht immer theoriegeleitet. Eine Überwindung dieser Polarität hätte längst stattfinden sollen, auch wenn dadurch die Größe des Untersuchungsfeldes auch beim Einzelphänomen und die Anzahl der zu berücksichtigenden intervenierenden Variablen zugenommen hätte. Eine adäquate Untersuchungsform ist aber nur durch Interdisziplinarität zu erreichen.

Diese bildet ein wesentliches Merkmal einer breiter ausgelegten Kommunikationsgeschichte, und zwar einer tatsächlichen und keiner optierten. Einzig im interdisziplinären Arbeiten fänden Kommunikationshistoriker den Zugang zu einem Problemfeld, das ihrer Wissenschaft entspräche. Wenn Winfried B. Lerg (1992) diese Interdisziplinarität als Idealposition bezeichnet, die „nur unter den Bedingungen der Teamforschung einzulösen“ sei, dann kann es darauf nur eine Antwort geben: Kommunikationsgeschichte ist Teamarbeit. Komplexere Probleme kommunikationsgeschichtlicher Forschung sind zu umfangreich, um von einem Forscher alleine, und sei er auch noch so eifrig, gelöst zu werden. Ähnliches hatte bereits Gerhard Jagschitz in seinem Beitrag zum Sammelband Wege zur Kommunikationsgeschichte als abschließendes Aviso notiert, indem er für „interdisziplinäre Teams“ plädierte: „Die Zeit der einsamen Genies in ihren Studierstübchen ist vorbei“ (Jagschitz, 1987), sie sollten sich neben ihrer wissenschaftlichen Kompetenz auf ihre kommunikative Kompetenz besinnen. …