Hannes Haas: Die Wiener humoristisch-satirischen Blätter Zur Produktionsgeschichte eines Zeitschriftentyps (1778 – 1933)

Einleitung: Die humoristisch-satirischen Zeitschriften sind publizistische Produkte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn sie regional unterschiedlichen Vorläufern folgten und qualitativ wie inhaltlich durchaus gegensätzliche Entwicklungen nahmen, lassen sich doch in ihren Anfängen internationale Parallelen aufzeigen.

Zeitgleich entstanden um 1830 in den europäischen Metropolen vergleichbare Blätter. Die prominentesten Beispiele stammten aus Paris und setzten in der Folge auch die qualitativen Standards. Charles Philipon gründete zunächst 1830 La Caricature, “die erste politischsatirische Zeitschrift im modernen Sinne”, und zwei Jahre später den täglich erschienenen Le Charivari. Ähnliche Blätter mit einer redaktionellen Mischung aus satirischer Lyrik und mehr oder weniger polemischen Karikaturen entstanden auch in Rom, London, Madrid, Budapest, Prag und Wien.

Sie waren sich im äußeren Erscheinungsbild zum Verwechseln ähnlich, weil ganz Europa versuchte, die berühmten Vorbilder zu imitieren. Die qualitativen Unterschiede lassen sich durch ungleiche künstlerische Anspruchsniveaus, vor allem aber durch die jeweiligen nationalen politischen Rahmenbedingungen sowie liberal oder restriktiv gehandhabte Zensurpraktiken in den einzelnen Ländern erklären. Der Pariser Revolution von 1830 stand beispielsweise der österreichische Vormärz gegenüber; der polemisch-aggressiven Satire ein behördlich genehmigter Humor. Diese unterschiedlichen Startbedingungen dürfen bei der kritischen Bewertung der österreichischen Entwicklung nicht unberücksichtigt bleiben. …

Christian Haider & Fritz Hausjell: Die Apokalypse als Bildgeschichte Antisemitische Karikatur am Beispiel des "Juden Tate" im Wiener "Deutschen Volksblatt" 1936 bis 1939

Einleitung:

“Als wir zum ersten Mal berichteten, daß unsere Freunde geschlachtet wurden, gab es einen Schrei des Entsetzens und viele Hilfe. Da waren hundert geschlachtet. Aber als tausend geschlachtet waren und des Schlachtens kein Ende war, breitete sich Schweigen aus, und es gab nur mehr wenig Hilfe.”
(Bertolt Brecht, 1935)

Mit dem “Anschluß” im März 1938 vollzog sich in Österreich nicht nur eine okkupationsartige “Machtübernahme” durch das “Dritte Reich” von außen, sondern auch eine Machtergreifung der Nationalsozialisten von innen her – und ein Aufstand von unten. Schon in der Nacht vor dem viel bejubelten Einmarsch der Wehrmacht setzten in Wien wüste Ausschreitungen gegen Juden beziehungsweise “Personen, die für Juden gehalten wurden” ein. Mit voller Wucht entlud sich nun und in den folgenden Tagen und Wochen, wovon vorher “nur” geschrieben, bislang überwiegend “nur” gesprochen worden war. Denn der Antisemitismus bedurfte in Wien nicht erst einer Motivation oder propagandistischen Aufbereitung, er war bereits da, und er suchte und fand den scheinlegalen, staatlich-öffentlichen Rückhalt des NS-Terrorregimes zu seiner blutigen Ausformung und Entfaltung.

Die Katastrophe Österreichs in den Märztagen 1938 war zugleich die Katastrophe des österreichischen Judentums: Der irrationale Haßausbruch im Taumel des “Anschlusses”, schon so lange von der Ideologie der Antisemiten vorbereitet und geschürt, wurde im Unrechtsstaat des NS-Regimes Schritt um Schritt institutionalisiert, die Beleidigung, Erniedrigung, Erpressung und Ausplünderung der Juden zum System erhoben. (…) Mit rasender Geschwindigkeit drehte sich das Rad der Geschichte zurück zur Barbarei des Pogroms.

In der Zeit des “Umbruchs”, wie die Ereignisse der Märztage 1938 von den Nationalsozialisten bezeichnet wurden, manifestierte sich exzessiv ein Maß an Haß und Menschen Verachtung als soziale Normalität, das die neuen Machthaber in der Folge mittels Verordnungen, Gesetzen und entsprechender Presseberichterstattung in fadenscheiniger Sor^e “um die Untadeligkeit und Reinheit der Bewegung” zu kanalisieren versuchten und für ihre Zweck lediglich mehr dienstbar zu machen brauchten.

Die schon bald nach der “Volksabstimmung” vom 10. April 1938 in Österreich einsetzende antijüdische Gesetzesproduktion sollte unter dem Deckmantel der “Rechtsstaatlichkeit” vor allem die Sicherung des zwangsenteigneten und “arisierten” jüdischen Vermögens garantieren, das die Reichsbehörden für die Finanzierung ihres Vierjahresplanes gesichert wissen wollten; gleichzeitig war cs aber auch ihre “verfolgungstechnische Funktion (…), das bisher nur vage in der populären Massenmeinung vorhandene Judenbild zu präzisieren und dcfinitorisch (…) abzugrenzen”. Die Szenarien der im März/April 1938 zur allgemeinen “Volksbelustigung” avancierten “Reibpartien” straßewaschender Juden determinierten dabei allerdings schon vorzeitig – noch vor formeller Einführung der “Nürnberger Rassegesetze” am 20. Mai 1938 – die künftige “Lösungsstrategie” zur “Judenfrage”: Sie kennzeichneten jene ersten Schritte der Stigmatisierung und Ausgrenzung, der Entrechtung und völligen Schutzlosigkeit von Juden, die den Weg in den Holocaust vorgaben. …

Haimo L. Handl: Lachen, trotz allem? Humor in der politischen Karikatur am Beispiel der österreichischen Wochenzeitung "Die Furche" (1986 – 1990)

Einleitung: Leicht scheint es nicht, eine befriedigende Antwort zu finden: Sogar Karikaturisten, die ich zum Thema “Humor in der Karikatur” befragte, hatten Mühe Auskunft zu geben. Zwar haftet dem Begriff “Karikatur” eine Nähe zum Humor an, vor allem in seiner Verbindung mit den Bedeutungsfeldern “Überladung” und “Übertreibung” und mit der Nachbarschaft zum Grotesken, Verzerrten, zur Augentäuschung und zur Satire. Dabei werden Humor und Witz, Humor und Lachen oft gleichgesetzt beziehungsweise als zusammengehörend gesehen. Doch hat Humor nicht notwendigerweise mit Lachen zu tun und die Verbindung zum Witz kann schwach sein oder gänzlich fehlen.

Sigmund Freud zitiert in seiner Arbeit überden Witz den Philosophen Kuno Fischer, der die Karikatur als Hervorholen des versteckten Häßlichen sieht, wobei das Häßliche Gegenstand der Komik sei und eine Analogie zum Witz bestehe1. Als wesentliches Merkmal sieht Freud in der Karikatur die Funktion der Abfuhr und Befreiung durch Auflehnung gegen Autorität: “In diesem Moment liegt ja auch der Reiz der Karikatur, über welche wir selbst dann lachen, wenn sie schlecht geraten ist, bloß weil wir ihr die Auflehnung gegen die Autorität als Verdienst anrechnen.”

Das Witzige oder Humorige ist nicht Voraussetzung, sondern möglicher Bestandteil der Karikatur. Freud sieht die Karikatur als ein Mittel unter anderen, “die zum Komischmachen dienen”. Folgerichtig führt Freud weiter aus: “Karikatur, Parodie und Travestie (…) richten sich gegen Personen und Objekte, die Autorität und Respekt beanspruchen, in irgendeinem Sinne erhaben sind. Es sind Verfahren zur Herabsetzung.”

Die Karikatur erfüllt eine Witzfunktion, soweit es um humoristische Lust geht, welche Freud im ersparten Hemmungsaufwand, Vorstellungs- (Bcsetzungs-) auf- wand und erspartem Gefühlsaufwand sicht. Ebenso diagnostiziert er Humor als einen “Triumph des Narzißmus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ich’s”. Insoweit die Karikatur diese Funktion erfüllt, ist sie humoristisch. Damit wird aber deutlich, daß der Leser nur jene Karikatur als humoristisch auffassen kann, die für ihn auch in der Rezeption noch jene Affektersparung erbringt, welche lur den Humoristen (hier Karikaturisten) gegeben war. Ähnlich der Pointe beim Witz, muß die Karikatur dem Leser so verständlich sein, daß die Humorfunktion zum Tragen kommt. Alles andere würde eben nicht humoristisch sein beziehungsweise nur Lächeln oder milde Reaktion hervorrufen.

Diese Überlegung wiederum gestattet es, auch nicht zum Lachen reizende Karikaturen, soweit sie die oben erwähnte Funktion erfüllen, als humoristisch zu bezeichnen. Weder witzig noch humoristisch wären dann jene Karikaturen, die nur illustrieren oder “milde” verzerren, also “schwach” sind und nichts für Witz- oder Humorfunktion hergeben. Es scheint bemerkenswert, daß Freuds Arbeit zum Witz 210 Seiten ausmacht, während seine 22 Jahre später verfaßte Arbeit zum Humor “nur” sechs Seiten lang ist. Die umfassende Arbeit zum Witz beinhaltete bereits Abschnitte über den Humor. Interessante Hinweise und Ausführungen sprach- und begriffsgeschichtlicher Art zum Thema “Witz” und “Humor” erfährt man bei Fritz Mauthncr, der in zeitlicher Nähe zu Freud (1902, 1910) seine Hauptwerke publizierte. Ernst Kris, der Lehrer von Gombrich, geht in seiner 1952 erschienenen Arbeit zur Psychologie der Karikatur besonders auf die Frcudsche Psychoanalyse ein, er sieht in der Karikatur das Moment des Demaskierens und streicht vor allem die Funktion des Primärprozesses heraus, in welchem die Karikatur, ähnlich wie der Traum, operiere und Befreiung durch Regression biete. …

Ute Ehrich: Das Institut für Zeitungswissenschaft an der Universität Leipzig 1933 – 1945 Ein Arbeitsbericht

Einleitung: Presse, Rundfunk und Film als Mittel der “Volksführung” waren für die Naziideologie und den faschistischen deutschen Staat funktional. So wurden bereits in den ersten Wochen nach der “Machtergreifung” Maßnahmen zur Gleichschaltung der Medien getroffen. Am 4. Februar 1933 erließ Hitlers Koalitionskabinett die “Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes”, die das – vorerst zeitweise – Erscheinungsverbot linker Presseorgane verfügte. Die “Verordnung zum Schutze von Volk und Staat” vom 28. Februar 1933 setzte neben anderen Grundrechten auch die Presse- und Meinungsfreiheit außer Kraft. Im März 1933 wurde schließlich das Rcichs- ministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) unter Leitung von Joseph Goebbels geschaffen, das die gesamte Medienpolitik steuerte.

Eine der Grundthesen von Goebbels unterstellte, daß der Erste Weltkrieg nicht so sehr an der Front, als vor allem im Hinterland und damit auch “an der publizistischen Front” verloren wurde. Deshalb – so propagierte er in den Kriegsjahren, verwirklichte es aber schon zuvor – müsse das deutsche Volk so durchtränkt werden von den “geistigen Inhalten unserer Zeit”, daß niemand mehr ausbrechen könne. Dies setzte eine völlige Modernisierung des gesamten Mediensystems voraus, eine Erhöhung der Effektivität und Attraktivität, strategische Schritte also. Wer waren die Strategen, die hinter dem RMVP standen? Hatten die zeitungswissenschaftlichen Institute an den deutschen Hochschulen einen Anteil daran, oder dienten sie nur der Ausbildung künftiger Schriftleiter und der nachträglichen Legitimation der Goebbels’schcn Weisungen? …

Peter Malina: Feind-Bilder in der Karikatur der Ersten Republik Einige unsystematische Bemerkungen

Einleitung:

“Karikaturen sind oft engagierte, auf bestimmten und nicht notwendigerweise allgemeingültigen Wertsystemen beruhende, unter Umständen sehr parteiliche Stellungnahmen. Sie können Mythen und Feindbilder entlarven wie Mythen und Feindbilder aufbauen (…)Sie können gutwillig-humorig oder aggressiv-bösartig sein, das Dargestellte im Prinzip bejahen und vervollkommnen wollen öderes verneinen und vernichten wollen.”
(Wolfgang Marienfeld: Politische Karikaturen. In: Geschichte lernen, 3/1990)

Versteht man die politische Karikatur (auch) als eine aktive Ausdrucksform realpolitisch ausgerichteter Taktik und sozial(-politischer) Zielsetzungen, dann erschließen sich über die Interpretation der Karikatur auch gesellschaftlich-politische Zusammenhänge, die im herkömmlichen Quellengut der Geschichte so nicht (oder nicht so eingängig) nachzuweisen sind. Abgesehen von einigen wenigen Versuchen ist die politische Substanz der österreichischen Karikatur bisher weitgehend unauf gearbeitet geblieben. Dies ist umso erstaunlicher, als für die historische Medienforschung gerade die politische Karikatur die Möglichkeit bietet, die Vergangenheit in ihren verschiedenen gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und kulturellen Facetten ins Bild zu rücken. …

Rezensionen 1/1991

Severin Heinisch: Die Karikatur. Über das Irrationale im Zeitalter der Vernunft. (= Kulturstudien Bibliothek der Kulturgeschichte, Bd. 14). Wien, Köln, Graz: Böhlau Verlag 1988
rezensiert von Peter Malina

Sam Keen: Bilder des Bösen. Wie man sich Feinde macht.  (= Psychologie heute. Bewußtsein). Weinheim, Basel: Beltz 1987
– rezensiert von Peter Malina

Franz Schneider: Die politische Karikatur. München: Beck 1988
– rezensiert von Peter Malina

Eberhard Demm (Hg.): Der Erste Weltkrieg in der internationalen Karikatur. Hannover: Fackelträger-Verlag 1988
– rezensiert von Peter Malina

Christian Fleck: Rund um „Marienthal“. Von den Anfängen der Soziologie in Österreich bis zu ihrer Vertreibung. (= Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 51). Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1990
– rezensiert von Hannes Haas

Memorial: Österreichische Stalin-Opfer. Wien: Junius Edition 1990
– rezensiert von Michaela Lindinger

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