Christoph Thoma: “Vom unterhaltsamen Rascheln nützlicher Gedanken” – Kinderzeitschriften als Mittel sozialen Lernens

Einleitung:

“Man kann die Bücher für Kinder geringschätzen – wenn man die Art, wie sich die Seele eines Volkes formt und in ihrer Eigenart erhält, für unwichtig hält.”
(Paul Mazard, 1932)

Kinderzeitschriften sind Mittel sozialen Lernens. Sie sind Träger jener Entwicklung, die die primäre, direkt vermittelte Sozialisation um die Möglichkeit der indirekten, vermittelten Sozialisation erweiterte, und damit Indizien geänderter gesellschaftlicher Bedingungen. Das Aufkommen dieser Gattung im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts ist Zeichen dafür, daß das alleinige direkte Sammeln sozialer Erfahrungen im Alltag nur mehr begrenzt möglich war bzw. für den weiteren Lebensweg nicht ausreichte.

In der sich wandelnden Gesellschaft entstanden neue Berufe und damit neue individuelle Anforderungen, deren Vermittlung von den traditionellen Sozialisationsinstanzen nicht mehr ausreichend gewährleistet werden konnte. Erfahrungen, die früher aus dem unmittelbaren Sozialkontakt heraus gesammelt wurden, bedurften eines (neuartigen) Mittlers: der Lektüre…

Elisabeth Lerchner: “Schmutz-und Schundkampf” und Jugendbuchkultur in Österreich nach 1945

Einleitung: Kindliche Lesestoffe genossen in Österreich nach 1945 besondere Aufmerksamkeit. Was Kinder und Jugendliche lesen sollten und durften, beschäftigte nicht nur Eltern, Lehrer und Bibliothekare. Rund um die Auswahl und Verbreitung von „wertvoller” und die Bekämpfung von „minderwertiger“ Kinderliteratur wurden überparteiliche und konfessionelle Vereine gegründet, ministerielle Kommissionen und Preise eingerichtet, Anzeigen erstattet, Gesetzesanträge eingebracht, Bezirksschulinspektoren auf Werbetour für das „gute“ Buch geschickt, Aufrufe verfaßt und Unterschriften gesammelt.

Was diese Betriebsamkeit in Sachen Kinderliteratur auslöste, war die kulturelle Krise, die einige um die Jugend und das Buch besorgte Personen in der unmittelbaren Nachkriegszeit wahrnahmen. Richard Bamberger, wohl die Schlüsselfigur der “Jugendbuch-Szene”, Gründer von zahlreichen Einrichtungen zur Förderung „guter“ Jugendliteratur und über dreißig Jahre auch einziger Jugendbuchtheoretiker hierzulande, erstellt eine „Diagnose des Ungeistes der Zeit“, indem er eine „Preisgabe innerer Werte und wertvoller Lebenssubstanzen“, eine „Ver- armung des Innenlebens“ , einen „Verlust des Kulturdenkens“ sowie eine Kultur, die „vom nicht kultivierten Geschmack“ bestimmt ist und „im Materiellen zu ersticken droh(e)“, ortet. Katholische Kreise, die sich um das „gute“ Kinder- und Jugendbuch bemühen, sprechen gar von „einer Welt am Rande des Abgrunds“ und einer „Verwirrung im Geistigen“. Daß dieser Krise der Kultur und Werte ausgerechnet mit Jugendliteratur begegnet werden sollte, liegt einerseits in dem Glauben, daß diese Krise „letzten Endes nur durch die Jugend überwunden werden“ könne, andererseits wohl an der fast „wunderbaren Wirkung“, die der Lektüre im Positiven wie im Negativen unterstellt wurde.

Die Folgen der großen Tragödie der jüngsten Vergangenheit und der Krisenerscheinungen unserer läge können nur dadurch endgültig überwunden werden, daß die Jugend wieder zu den bleibenden Werten des Lebens findet: zu Menschlichkeit, zur Freude am Schönen und Guten, zu Friedensliebe und Demokratie, kurz, zu einem schöneren und tieferen Lebensgehalt. Eine wirksame Hilfe zu dem Wege zu diesen hohen Zielen bietet das gute Jugendbuch!

Das Buch wird nicht nur inhaltlich als ein Mittel zur Persönlichkeitsbildung, als ein „Helfer zu gesunder Lebenshaltung“ betrachtet, das Buch wird darüberhinaus als das geeignete Medium angesehen, die in der Zeit diagnostizierte Vermassung und Gleichmacherei abzuwehren, da der Umgang mit ihm im Gegensatz zu anderen Medien an sich ein individueller sei.

Umso schmerzlicher dürfte daher eine der „auffallendsten Erscheinungen der Nachkriegszeit“ gewesen sein – das „massenhafte Auftreten der Zeitungsstände in unseren Städten“, die ebenso massenhaft „Schund“ verbreiteten, während die Produktion von Büchern, denen man so grandiose Bedeutung beimaß, speziell in Österreich aufgrund von Papiermangel darniederlag. Papier für Heftchen und Zeitschriften hingegen wurde auf dem Schwarzmarkt besorgt…

Marieluise Doppelreiter: Wandel und Kontinuität des Frauenbildes in den Jugendzeitschriften der unmittelbaren Nachkriegszeit

Einleitung:

Frauen in Bewegung

Vom Zeitpunkt der Zulassung der Frau zum Universitätsstudium bis zur allgemeinen Wahlordnung 1918, die den Frauen das Wahlrecht zusprach, trat in Österreich eine langsame, aber kontinuierliche Verbesserung der Rollenfunktion der Frau ein. In den Krisenzeiten der ersten Republik wurde jedoch von den konservativen Kräften immer wieder versucht, Mütterlichkeit als Verhaltensnormierung für Frauen einzusetzen und sie aus den Lebens- und Erwerbssphären der Männer auszugrenzen. In der Praxis bedeutete dies, daß Geburtenrückgang und Geburtenschwund sowie biologistische, antifeministische Vorurteile thematisiert wurden. Austrofaschismus und Nationalsozialismus knüpften an diese Geisteshaltung an…

Susanne Krause: Journalismus während der Französischen Revolution Elysée Loustallot und die "Révolutions de Paris"

Einleitung: In den ersten Jahren der Französischen Revolution war die Révolutions de Paris eine der weitest verbreiteten und meistgelesenen Zeitungen Frankreichs. Sie gehörte zu den radikalsten Blättern dieser Zeit. Einer der ersten Redakteure der Révolutions de Paris war Elysée Loustallot: Viele seiner Zeitgenossen feierten ihn als leidenschaftlichen Journalisten, der sich kompromißlos für die Freiheit einsetzte.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung soll die Frage stehen, wer dieser junge Mann war und welche Bedeutung er für den Stil und die politische Ausrichtung der Révolutions de Paris hatte. Dieses Vorhaben erweist sich aus zweierlei Gründen als schwierig. Alle Artikel der Révolutions de Paris erschienen anonym, sodaß eine Zuordnung zu einzelnen Redakteuren kaum möglich ist. Hinzu kommt, daß keinerlei Berichte über Loustallots Arbeit in der Redaktion und nur wenige Hinweise auf sein Leben außerhalb der journalistischen Tätigkeit existieren.

Obwohl sich die historische Forschung in den letzten Jahren vermehrt der Entwicklung der Presse während der Französischen Revolution zugewandt hat, gibt es keine Arbeit jüngeren Datums überden Journalisten Loustallot. Grundlegend ist immer noch jene von Marcellin Pellet aus dem Jahr 1872, die aber fälschlicherweise alle Leitartikel ab der ersten Nummer der Révolutions de Paris Loustallot zuordnet. Pellet liefert neben biographischen Angaben einen chronologischen, kommentierten Abriß der Leitartikel Loustallots, der über die Deskription nicht wesentlich hinausgeht. Als weitere besonders informative Einzelstudie ist ein Aufsatz über die Révolutions de Paris von Pierre Retat aus dem Jahr 1985 zu nennen, in dem Sprache und Stil des Blattes im Jahr 1789 untersucht sind.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, das Leben Loustallots mittels der wenigen existierenden Quellen und historischen Arbeiten darzustellen und die von ihm vertretenen Ideen exemplarisch anhand seiner Leitartikel zur Pressefreiheit und zur Volkssouveränität herauszuarbeiten. Dabei sollen insbesondere Veränderungen zu politischen Positionen der Révolutions de Paris vor Loustallots Eintreten in die Redaktion aufgezeigt werden. Für diese Untersuchung wurde die gebundene Ausgabe der ersten beiden Jahrgänge der Révolutions de Paris aus den Beständen des Instituts für Zeitungsforschung, Dortmund, durchgesehen. Um Loustallots journalistische Arbeit einordnen und bewerten zu können, soll zunächst die Révolutions de Paris des Jahres 1789 charakterisiert und ihre Entwicklung dargestellt werden…

Haimo L. Handl: Waldheim – das Opfer Die Waldheim-Affäre in den Karikaturen österreichischer Zeitungen von 1986 bis 1988

Einleitung: 1986 stellt eine Zäsur dar: Seit dem Bundespräsidentschaftswahlkampf ist die (politische) Kultur in Österreich eine andere: der Rechtsruck zeigt sich nicht nur in rüderem, ritualisiertem Schimpfen und Nichtverständigen, sondern vor allem darin, daß Antisemitismus erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Thema und Haltung wieder möglich wurde und Thema ist.

In vielen Studien soziolinguistischer und inhaltsanalytischcr Art wurde nachgewiesen, wo und wie sich dieser neue alte Antisemitismus äußert und in welch erschreckender Intensität.

Mich interessierte, ob im Bereich der politischen Karikatur eine Entsprechung dieses negativen Verhaltens festzustellen ist und, falls gegeben, in welcher Weise sich die Vorurteilshaltung artikuliert.

Sieben Zeitungen wurden ausgewählt und für den Untersuchungszeitraum von 1986 bis 1988 vollständig durchgeschen, um jene Karikaturen, welche die Auswahlkriterien erfüllten, zu untersuchen. Von insgesamt 3.558 Karikaturen konnten 259, also etwas mehr als 1% der Population, berücksichtigt werden…

Rezensionen 3/1990

Thomas Albrich: Exodus durch Österreich. Die jüdischen Flüchtlinge 1945-1948. (= Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte, Bd. 1). Innsbruck: Haymon-Verlag 1987
– rezensiert von Michaela Lindinger

Mikrofilm-Archiv der deutschsprachigen Presse e.V.: Microfilm Archives of the German Language Press. 8. Bestandsverzeichnis. 8th Catalogue. Dortmund: Vistas 1989
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Johann Sonnleitner: Die Geschäfte des Herrn Robert Hohlbaum. Die Schriftstellerkarriere eines Österreichers in der Zwischenkriegszeit und im Dritten Reich. (= Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur, Bd. 18). Wien, Köln: Böhlau Verlag 1989
– rezensiert von Hannes Haas

Rudolf G. Ardelt & Hans Hautmann (Hg.): Arbeiterschaft und Nationalso-zialismus in Österreich. In memoriam Karl R. Stadler. (= Veröffentlichung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung). Wien, Zürich: Europa-Verlag 1990
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Markus Köberl: Der Toplitzsee. Wo Geschichte und Sage zusammentreffen. Wien: Österreichischer Bundesverlag 1990
– rezensiert von Roman Hummel

Rudolf Spitzer: Des Bürgermeisters Lueger Lumpen und Steuerträger. Wien: Öster-reichischer Bundesverlag 1988
– rezensiert von Hannes Haas

____________________________________________