Gerda Treiber und Brigitte Limbeck: Die Roma („Zigeuner“) in den burgenländischen Printmedien der Zwischenkriegs- und NS-Zeit

Einleitung:

Minderheiten in unserer Gesellschaft

Die Geschichte der Menschheit zeigt laufend, daß jede Gesellschaft, will sie – vordergründig – funktionieren, ihre Feindbilder braucht: zum Abladen der Schuldgefühle, zum Projezieren der eigenen Ängste und damit zum Schutz und zur Aufwertung des eigenen Systems.

Das ist aber auch der Beginn eines gefährlichen Wechselspiels: Menschen werden an den Rand gedrängt, müssen aber gleichzeitig Bestandteil der Gemeinschaft bleiben – der Nicht-Genormte wird zum Außenseiter genormt.

Die “Stärke” einer Gesellschaft zeigt sich demnach u.a. auch dadurch, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht bzw. wie sie Einflüsse von außen zuläßt. Es ist ein Armutszeugnis, wenn sie sich und ihre Werte nur durch Intoleranz, Kollektivschuldsprechung und Vernichtung des außerhalb der Ordnung Stehenden schützen kann, statt das Andersartige zu verstehen, zu achten und in seiner Eigenständigkeit zu akzeptieren.

Angesichts der heutigen Umorientierungen und Neuordnungen ist ein Umdenken und ein Ablegen der Scheuklappen beinahe zwingend, denn es gibt bereits zu viele negative Beispiele, wohin Vorurteile und Intoleranz führen können…

Augustin Malle: Britische Presse und Medienpolitik gegenüber den Slowenen in Kärnten nach 1945

Einleitung: Als die Verbände der britischen 8. Armee am 8. Mai 1945 in Klagenfurt einmarschierten, fand ihr PWB (Psychological War Branch) in Kärnten zwei grundverschiedene Voraussetzungen für die Herausgabe von Zeitungen in deutscher und slowenischer Sprache vor. Die Herausgabe der ersten Folge der Kärntner Nachrichten am 16. Mai 1945 zeigt, daß PWB für die redaktionelle Gestaltung und den Vertrieb einer deutschsprachigen Tageszeitung vorbereitet war und auch im Land selbst sehr schnell die notwendigen Mitarbeiter finden konnte, andererseits zeugt die Herausgabe der ersten Nummer der slowenischsprachigen Wochenzeitung Koroska kronika (Kärntner Chronik) am 20. Juli 1945 davon, daß die Briten hier auf größere Schwierigkeiten vor allem sprachlicher Natur und hinsichtlich eventueller Mitarbeiter aus den Reihen der Kärntner Slowenen gestoßen waren.

In Klagenfurt erschienen nach dem 8. Mai 1945 wohl einige Ausgaben des Slovenski vestnik (Slowenischer Bote), den das Personal einer bis dahin illegalen Partisanentechnik in der Druckerei Carinthia herstellte, aber nach dem Abzug der Einheiten der IV. Operationszone am 21. Mai 1945 jedoch waren die Voraussetzungen dazu nicht mehr gegeben, und die Zeitung erschien in der Folge bis zu ihrer neuerlicheil Publizierung am 14. Juni 1946 in Wien in Form einer vervielfältigten Druckschrift als Vestnik (Bote) – Informationsorgan für Funktionäre und Aktivisten des Gebietsausschusses der Befreiungsfront für Slowenisch-Kärnten…

Siegwald Ganglmair: „Die hohe Schule von Schlögen“ Zur Geschichte und Rezeption eines Bettlerlagers im Ständestaat

Einleitung:

Schlögen ist allen Donaufahrern ein bekannter Name. Hier ist eine Stromstelle einzigartiger Schönheit: zwischen Wesenufer und Obermühl beschreibt die Donau im waldigen Engtal jene scheinbar in sich selbst zurückfließende scharfe Kehre um einen mächtigen Granitsporn, die zu den besonderen Schaustücken der romantischen Donaufahrt Linz – Passau gehört. Auch in der römischen Geschichte unseres Landes hat Schlögen eine besondere Bedeutung: Hier war ein römisches Kastell, in dessen Nähe sich heute das einsame Gasthaus “Zum Schlögenwirt” erhebt. Und wiederum in der letzten Zeit ist der Name oft genannt worden als jener Punkt, wo die vielzitierte “Nibelungenstraße” das malerische Donautal verlassen soll, um über die aussichtsreiche Höhe von Laibach der alten Stadt Eferding und Linz zuzueilcn.
In den letzten Wochen hat Schlögen eine neue “Berühmtheit” erlangt, die auf den ersten Blick eine traurige zu sein scheint: hier ist das erste österreichische Bettlerlager entstanden.
Linzer Volksblatt, 5. September 1935

Repressivmaßnahmen in Form von Zwangsarbeitsanstalten und Haftlagergesetzen gegen Arbeitsscheue, Vaganten und Bettler sind von der frühesten Neuzeit an bis ins 20. Jahrhundert bekannt. Zu den Arbeitsscheuen kamen jedoch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts jene, die die Not, das heißt die Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, genauer gesagt die gravierende Verschlechterung der Unterstützungssituation, das verstärkte Wegfällen staatlicher Unterstützungen, massenweise auf die Straße getrieben hatte. Zum sozialen Problem gesellten sich somit durch diese Wanderbewegung polizeiliche und sicherheitspolitische Aspekte, die, weil wesentlich sichtbarer und vordergründiger, für viele Bewohner, Zeitungsleute und Politiker den primären Stellenwert in ihrer Argumentation einnahmen.

1935 maßen die zuständigen ständestaatlichen Politiker dem Bettler- und Landstreicherunwesen, wie die damalige gängige Bezeichnung lautete, so große Bedeutung bei, daß in insgesamt drei Länderkonferenzen über Maßnahmen zur Abhilfe des Wanderbettels beraten und eine Heimatgesetznovelle beschlossen wurden. Diese Länderkonferenzen rüttelten jedoch nie an den grundsätzlichen Schwachpunkten des Fürsorge- und Wirtschaftssystems, denn staatliche Rahmenbedingungen für die einzelnen Länder wurden nie ausgearbeitet; die beschlossenen Notlösungen – zum Beispiel das Bettlerhaftlager in Oberösterreich – brachten oft Erleichterungen für ein Land auf Kosten polizeilichen Maßnahmen in die Armenpolitik des 19. Jahrhunderts zurück. Es muß jedoch gesagt werden, daß die Teilnehmer dieser Länderkonferenzen die Schwachstellen und die Rückständigkeit der österreichischen Armengesetzgebung sowie die Halbherzigkeit ihrer Lösungsversuche klar erkannten. Ihre Debatten bewiesen, daß eine Neuschöpfung des Armenwesens, vor allem das Abgehen vom existierenden Heimatrechtsprinzip zugunsten des Aufenthaltsprinzips in der Armenfürsorge, notwendig war. Insbesondere erkannte man die Dringlichkeit, nach neuen, stärkeren Fürsorgeträgern, als es die Gemeinden waren, zu suchen, beispielsweise in Fürsorgebezirken, in landes- oder bundesweiten Organisationen. Für wichtig hielt man ferner ein gesamtstaatliches Vorgehen und nicht länderweise Maßnahmen, wie sie zum Beispiel Oberösterreich mit seinem Bettlerhaftlager ergriffen hatte.

Ein Ergebnis der Länderkonferenzen war die Änderung des § 28 betreffend die Regelung der Heimatrechtsverhältnisse (Heimatgesetznovelle 1935). Diese legte die Einführung eines Unterstützungsausweises fest, der dem Inhaber desselben auf seiner Wanderschaft bestimmte Unterstützungen garantierte, die in den Ausweis eingetragen wurden. Da die Armenfürsorge damals Sache der Heimatgemeinde war, konnte die Unterstützungsgemeinde ihre Ausgaben für einen Unterstützungsausweisinhaber in dessen Heimatgemeinde einfordern, was angesichts der Tatsache, daß 40 Prozent der Bevölkerung ihren ordentlichen Wohnsitz nicht in der Heimatgemeinde hatten, zu einer beträchtlichen Verwaltungslast führte. Daher die wiederholten Versuche bei den Länderkonferenzen, die Bundesländer zum Verzicht auf diese Ausgleichszahlungen zu bewegen, was wiederum an der Kirchturmpolitik der Länder scheiterte…

Florian Menz: „Wohl kein einziger Kärntner will den wenigen Slowenen ihr Recht streitig machen“ Funktion und Argumentationsstrategien von Leserbriefen über die Volksgruppe der Slowenen in einigen Kärntner Zeitungen

Einleitung: Weit über Kärnten hinaus ist in den letzten Jahren die Problematik der Sprachminderheiten in Österreich verstärkt ins öffentliche Interesse gerückt. Das Kärntner Volksschulvolksbegehren, die lange Diskussion um das entsprechende österreichische Bundesgesetz, der Entscheid des Verfassungsgerichtshofs über die Rechte der kroatischen Minderheit im Burgenland, das im österreichischen Gedenkjahr 1988 gesteigerte Erinnern an die Unterdrückung und physische Vernichtung von Minderheiten durch das Nazi-Regime sind Marksteine dieser Entwicklung. Fast immer stand dabei die Lage der slowenischen Minderheit Kärntens im Vordergrund des Interesses der öffentlichen Diskussion.

Bis vor etwa hundert Jahren war die deutsch-slowenische Sprachgrenze in Kärnten durch Jahrhunderte stabil geblieben. Erst durch die Kombination von Modernisierung in allen Lebensbereichen und das Aufkommen eines immer radikaleren Nationalismus setzte eine für die Kärntner Slowenen bedrohliche Assimilation und eine von deutschnationalen Kräften zielbewußt geförderte Germanisierung ein. Während deutschnationale Kreise an einen den altösterreichischen Staat sprengenden Anschluß an Deutschland dachten, zielten bis zum Ersten Weltkrieg slowenischnationale Kreise weitgehend auf Emanzipation innerhalb Altösterreichs ab. In dieser Tradition stimmte sogar nach dem Zerfall der Donaumonarchie der entscheidende Teil der Kärntner Slowenen bei der Volksabstimmung 1920 für den Verbleib bei Österreich; viele der ihnen vorher gegebenen Versprechungen wurden dann allerdings nicht eingehalten. Nach der Unterdrückung und Verfolgung der Kärntner Slowenen in der NS-Zeit, von denen deswegen viele auf die Seite der Partisanen traten, folgte unmittelbar nach der Befreiung eine relativ minderheitenfreundliche Politik, deren Volksschulregelung aber nach dem Österreichischen Staatsvertrag Schritt für Schritt zurückgenommen wurde. Die Vertreter der slowenischen Minderheit wurden nicht in den Konsens der österreichischen Konkordanzdemokratie einbezogen, etliche Verpflichtungen des Staatsvertrags überhaupt nicht oder nur sehr unzureichend erfüllt. Die Assimilation schritt auch weiterhin schnell voran. Soviel zum Hintergrund der Auseinandersetzungen.

Von diesen Überlegungen ausgehend untersuchten wir in einem einjährigen Projekt die “Berichterstattung über die Volksgruppe der Kärntner Slowenen in den Kärntner Printmedien von 1918 bis in die Gegenwart”. Dabei konzentrierte sich unsere Untersuchung auf folgende Fragen:

  • Ist die Berichterstattung und Kommentierung der deutschsprachigen Kärntner Printmedien über die slowenische Volksgruppe minderheitenfeindlich, vorurteilsbeladen und diskriminierend? Und wenn ja, in welcher Weise?
  • Besteht darin seit dem Ersten Weltkrieg eine Kontinuität (wobei politische Übergangsphasen, wie etwa diejenige zwischen Ständestaat und NS-Herrschaft oder die Zeit der Befreiung, besonders wichtig sind)?
  • Wirken Bestandteile rechtsextremer (nazistischer) Ideologie bis heute nach?

Der Rolle von Leserbriefen in diesem Zusammenhang möchte ich anhand einiger Beispiele aus der Kleinen Zeitung (KLZ) und der Neuen Zeit/Kärntner Tageszeitung nachgehen…

Rezensionen 2/1990

Alfred Grosse: Wilhelm Kapp und die Zeitungswissenschaft. Geschichte des Instituts für Publizistik und Zeitungswissenschaft an der Universität Freiburg i.Br. (1922-1943). (= Waxmann Portrait). Münster, New York: Waxmann 1989
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Marie Jahoda: Arbeitslose bei der Arbeit. Die Nachfolgestudie zu „Marienthal“ aus dem Jahr 1938. (= Ludwig-Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft. Studien zur Historischen Sozialwissenschaft, Bd. 11). Frankfurt/Main, New York: Campus 1989
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Gerhard Junger: Johann Jakob Fezer. Spätaufklärer und frühliberaler Publizist im Zeitalter der Französischen Revolution in Reutlingen und Wien (1760-1844). Reutlingen: Oertel & Spörer 1988
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Friedrich Stadler (Hg.): Kontinuität und Bruch 1938-1945-1955. Beiträge zur österreichischen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. 1. Auflage. Wien: Jugend und Volk 1988
– rezensiert von Daniel Löcker

Heimo Gruber: Bücher aus dem Schutt. Die Wiener Städtischen Büchereien 1945-1950. Mit einem Vorwort von Viktor Matejka. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1987
– rezensiert von Peter Malina

Conrad Wiedemann (Hg.): Rom – Paris – London. Erfahrung und Selbsterfahrung deutscher Schriftsteller und Künstler in den fremden Metropolen. Ein Symposium. (= Germanistische Symposien Berichtsbände, Bd. 8). Stuttgart: J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung 1988
– rezensiert von Hannes Haas

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