Carmen Schaeffer: Gegen „Schmutz und Schund“ in populärer Jugendliteratur

Reaktionen der LehrerInnenschaft auf den Medienwandel um 1900

Dieser Beitrag erweitert den Forschungsstand zur Schmutz- und Schunddebatte am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert um eine genuin kommunikationswissenschaftliche Betrachtung. Die Expansion populärer Literatur um 1900 ging mit intensiven Diskussionen einher, an denen sich auch LehrerInnen rege beteiligten. Geleitet vom Medialisierungsansatz wird mithilfe eines kommunikationswissenschaftlichen Fokus erfasst, inwiefern die LehrerInnenschaft von der Ausdifferenzierung des Mediensystems beeinflusst wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Reaktionen der LehrerInnenschaft auf populäre Jugendliteratur und ihren Beweggründen. Hauptmotiv des Schundkampfes war, dass LehrerInnen die Literatur als neuen Konkurrenten in der Definition und Vermittlung grundlegender Normen und Werte betrachteten und daher ihre eigene gesellschaftliche Stellung in Zeiten von Schulreformen bedroht sahen und sichern mussten. Strategien wurden den sich verändernden Medienstrukturen angepasst und forcierten vorrangig Aufklärungsarbeit, die Erschließung geduldeter Schriften sowie repressive (medienpolitische) Maßnahmen.

Maria Löblich & Niklas Venema: Die SPD und ihre Frauenpresse

Die Gleichheit im Parteidiskurs nach Ausbreitung der Massenpresse

Mit der Expansion der Massenpresse entstand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein breites Medienangebot, das sich verstärkt auch an Frauen richtete. Die SPD versuchte, dem ab 1892 die eigene Frauenzeitschrift Die Gleichheit unter Chefredakteurin Clara Zetkin entgegenzusetzen. Trotz andauernder Kritik der Mitglieder über Defizite gegenüber den konkurrierenden Blättern hielt die Partei an der Zeitschrift fest. Gestützt auf die Medialisierungsperspektive und den diskursiven Institutionalismus untersucht der Beitrag, wie die SPD im parteiöffentlichen Diskurs über Die Gleichheit die Ausbreitung der Massenpresse und die Ausdifferenzierung der Frauenpresse für sich verarbeitete. Die Quellenanalyse von Parteitags- und Parteiausschussprotokollen sowie Theorie- und Strategiezeitschriften der SPD zeigt, wie die Gewissheit aufrechterhalten wurde, in Abgrenzung zur kommerziellen Presse auch ein eigenes Frauenblatt zu benötigen. Das Beispiel der Gleichheit verdeutlicht das grundsätzliche Dilemma der SPD: Sie sah sich in der Massenpresse nicht repräsentiert und hielt an der eigenen Parteipresse fest, die aber unter den Bedingungen eines kommerziellen Medienangebots nicht bestehen konnte.

Kathrin Meißner: Die ‚Mietskaserne‘ als planungskulturelles Narrativ der 1980er-Jahre

Das Narrativ der Mietskaserne entstand als Resultat industrieller Urbanisierung und expansivem Bau von Massenmietshäusern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für GroßstadtkritikerInnen und wandelnde Stadtplanungsleitbilder diente die ‚Mietskaserne‘ als Argument ‚schlechte‘ Stadtplanung zu benennen und von den zeitgenössischen ‚besseren‘ Planungsidealen abzugrenzen. Mitte der 1970er-Jahre begann im Zuge der Altstadt-Aufwertung allmählich eine Relativierung hin zu einer positiven Projektionsfläche urbaner und gesellschaftlicher Identität. Der Beitrag untersucht anhand von zwei Fallbeispielen der 1980er aus Ost- und West-Berlin die Verwendung des Narrativs ‚Mietskaserne‘ in der medialen Öffentlichkeit in planungskulturellen Diskursen der Altstadterneuerung. Dabei spielen sowohl implizite als auch explizite Referenzen zur ‚Mietskaserne‘ in schriftlichen wie visuellen Textquellen eine Rolle. In der medialen Kommunikation und dem stetigen Rückbezug auf die Zuschreibungen der ‚Mietskaserne‘ wird das Narrativ im spezifischen Kontext der Fallbeispiele verortet und gleichzeitig in öffentlichen Diskursen und der zeitgenössischen Planungskultur reproduziert und verbleibt somit gesamtgesellschaftlich präsent.

Ernst Theis: Radio Hekaphon, Österreichs erster Rundfunksender

Die wissenschaftliche Darstellung des ersten österreichischen Radiosenders Radio Hekaphon ist der erste Teil der Dissertation Musik für das Medium Radio (1923-1934), die der Autor des Artikels im Frühjahr 2019, begleitet vom Institut für Musiksoziologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, vorlegte. Die im Folgenden vorgestellten Aspekte daraus beschäftigen sich im Wesentlichen mit der Entstehungsgeschichte des nahezu unbekannten Senders Radio Hekaphon, seiner Entstehungsgeschichte und geht den Fragen nach warum er sich nicht durchsetzen konnte und warum er einen Platz als vollgültiger Sender, nicht als Randerscheinung, in der österreichischen Mediengeschichte verdient hat.

Jörg Matthes: Umtriebig, sichtbar und relevant – ein Grußwort für Fritz Hausjell

Das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien hat Fritz Hausjell viel zu verdanken. Fritz Hausjell ist ein überzeugter, überzeugender sowie umtriebiger Kommunikationswissenschaftler und akademischer Lehrer, der sich seit seinem Start an unserem Institut mit großem Engagement eingebracht hat. Nahezu unzählbar sind die zahlreichen Absolventinnen und Absolventen, die durch Fritz Hausjell hervorgebracht und auch maßgeblich geprägt wurden. Das kommt aber nicht nur von dem ungebrochenen Interesse der Studierenden an der Person Hausjell und seinen zahlreichen Forschungsthemen. Sondern es hat auch damit zu tun, dass Fritz Hausjell niemand ist, der Studierende abweist oder die Arbeit mit Studierenden oder Doktorierenden als Last empfindet. Vielmehr nimmt er Anteil an den Arbeiten, verfolgt die daraus entstehenden Karrieren und hat ein Ohr für den Menschen hinter einer wissenschaftlichen Arbeit. Es sind daher nicht nur wissenschaftliche, sondern insbesondere auch die menschlichen Qualitäten, die Fritz Hausjell auszeichnen, ihn für Kolleginnen und Kollegen sowie für Studierende so einzigartig machen und seinen hohen Stellenwert an unserem Institut untermauern. In der heutigen an quantifizierbarer Selbstoptimierung ausgelegten wissenschaftlichen Welt ist das keine Selbstverständlichkeit.

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Roland Steiner: Kommunikation als Konfrontation und Kontroverse. Für Fritz Hausjell

Mitte der 1980er herrschte Aufbruch am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien (IPKW). 1984, als das Studium von einem reinen Doktorats- in ein Diplomstudium gewandelt wurde, postulierte Vorstand Wolfgang R. Langenbucher:

„Nichts deutet darauf hin, daß man in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre weniger Kommunikationsberufler als in der Vergangenheit braucht.“ (Langenbucher 2015, 41)

Diese Prognose bewahrheitete sich auch für die Zahl der Inskribierten: von rund 2.000 anno 1983 bis 6.000 anno 1988 (derzeit sind es im Bachelor rund 3.000). Ab 1986 wurden die Studienbücher zur Publizistik- und Kommunikationswissenschaft ediert, etwa der Band Medien- und Kommunikationsgeschichte. Ebenfalls 1986 – just in der Kulmination der „Waldheim-Affäre“ – formierte sich der „Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung“ (AHK), die Herausgeberschaft von medien & zeit mit ihrer ersten Ausgabe Wege zur Kommunikationsgeschichte. Gründer waren Wolfgang Duchkowitsch, Theodor Venus, Peter Malina, Oliver Rathkolb – und Fritz Hausjell, der 1985 in Salzburg mit einer kollektivbiografischen Analyse von Journalisten gegen Demokratie oder Faschismus promoviert hatte.

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Editorial: Zum Inhalt der Ausgabe

Gaby Falböck, Wolfgang Duchkowitsch & Erik Bauer

Nach den dieser Ausgabe von medien & zeit vorangestellten Skizzen des Wissenschafters, Kommentators in öffentlichen Diskursen zu Medienfragen und letztendlich Menschen Fritz Hausjell, intendieren die weiteren Beiträge dieser Festschrift den „Spuren“ des lehrenden und forschenden Wirkens des anlässlich
seines 60. Jubiläums zu Feiernden nachzuspüren. Infolgedessen widmen sich die in dieser Ausgabe von medien & zeit publizierten Beiträge Themenfeldern, die den Wissenschafter Fritz Hausjell in seiner bisherigen beruflichen Karriere beschäftigten.

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Roman Hummel: Der Österreichische Rundfunk im Kontext von Regulierungstraditionen

Qualität im Journalismus im Spannungsfeld medienpolitischer Interessen

Medienregulierung erfolgt nach politischen Bedürfnissen entlang von Problemlagen, Machtverhältnissen, kulturellen Grundlagen und technologischen Entwicklungen. Deshalb sind die Voraussetzungen und die jeweiligen Ausgestaltungen dieser Regulierungen einem stetigen Wandel unterworfen. Der folgende Beitrag versucht, diese Determinanten für die österreichische Rundfunkpolitik zu charakterisieren.

Josef Barth: Zensur an der Quelle. Ein journalismus ohne Recht auf Information

Qualität im Journalismus im Spannungsfeld medienpolitischer Interessen

100 Jahre nach Ausrufung einer demokratischen Republik gesteht der Staat den Bürgerinnen und Bürgern noch immer kein verfassungsmäßiges Recht auf Information zu. Journalistinnen und Journalisten müssen dieses darum umso mehr einfordern, um ihrer Kontrollfunktion gegenüber der Politik gerecht zu werden.