Simon Ganahl: Mapping Austrofascism and Beyond

Report on the Digital Research Project Campus Medius

Campus Medius explores and expands the possibilities of digital cartography in cultural and media studies. In this article, I elaborate on the development of the project from a historical case study to a mapping platform. The first chapter presents the initial version (1.0/2014) of campusmedius.net, an interactive map with a timeline displaying fifteen events within twenty-four hours in Vienna on the weekend of May 13 and 14, 1933. The second part discusses the current version (2.0/2021) of the website that additionally focuses on the main event of this exemplary time-space or chronotope: an Austrofascist “Turks Deliverance Celebration” (“Türkenbefreiungsfeier”) in the gardens of Schönbrunn Palace, which is imparted from a bird’s-eye perspective, panoramically, and in street view by five mediators each. The following chapter deals with the technological infrastructure and the data model of Campus Medius, which operationalizes the theoretical concepts of the dispositif and the actor-network. In conclusion, I outline our plans to establish a digital platform for describing and visualizing media experiences in everyday life.

Heft 4/2020

herausgegeben von Gaby Falböck, Erik Bauer & Thomas Ballhausen

m&z cover 4-2020
  • Editorial: Gaby Falböck, Erik Bauer & Thomas Ballhausen
  • Erik Bauer & Gaby Falböck: Struktureller Wandel des Tagebuchs Vom verinnerlichten Geheimnis zum performativen Konstrukt
  • Li Gerhalter: Überraschend kommunikativ Geheimnisse und andere Funktionen von Tagebüchern von Jugendlichen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
  • Michael Klemm: Wir Weltreisenden Reisetagebücher in Weblogs und Instagram zwischen multimodalem Storytelling und visueller Pose
  • Peter Gentzel, Christian Schwarzenegger & Anna Wagner: Zeugnisse des Alltags Tagebuchverfahren als Quelle und Methode in der (historischen) Kommunikationsforschung
  • Veronika Siegmund: „Mutti, Mutti, wie weit bist Du doch von mir entfernt.“ Tagebuchschreiben im KLV-Lager zwischen politischer Instrumentalisierung und individueller Praxis (1940-1945)
  • Rezensionen

Editorial 4/2020

Gaby Falböck, Erik Bauer & Thomas Ballhausen

you had to sneak into my room
just to read my diary
Morrissey: Suedehead

Tagebücher sind als literarische Textsorte wie auch als historische Quelle von besonderer
Bedeutung für die medien- und kommunikationshistorische Forschung. Gleichermaßen abgegrenzt von wie auch verwandt mit anderen Ausdrucksformen (z.B. Journal, Notizbuch) finden sich im Tagebuch, je nach Beispiel, künstlerischer Gestaltungswille, Kommentar des
Allgemeinen und Reflexion des Intimen miteinander verbunden: Als medien- und eben auch
literaturgeschichtliche Konstante haben sie, so die Forschungsliteratur, spätestens mit dem 18. Jahrhundert den Rückzug ins Private begleitet und ab der Moderne neue Formen von Öffentlichkeit – und damit auch von Veröffentlichung im medienübergreifenden Sinne – für sich reklamiert. In der Aushandlung eines neuen Verständnisses von Subjekt als auch von Subjektivität finden sich in diesen vielschichtigen Quellen Fragen des Erlebens, der Wertung, Orientierung und der Sinnstiftung entlang einer Verschriftlichung bzw. medial gestützten Konkretisierung von Zeit gebündelt. Diese Vielfältigkeit und nicht zuletzt die thematisch-formale Bandbreite, die sich in Tagebüchern potentiell abgeformt sehen kann, machen zumindest einen Teil ihres
charakteristischen, aus wissenschaftlicher Sicht nicht zuletzt auch problematischen Reizes aus. Die zugeschriebene Unmittelbarkeit der chronologischen Dokumente, denen erst verhältnismäßig spät auch der Status eines Werkes zugebilligt wurde, überblenden die sogenannten großen historischen Entwicklungen, die als solche oftmals erst retrospektiv als diese festgeschrieben wurden, und die individuellen Ereignisse, die Sorgen, Erfolge und Routinen. Das Ansinnen einer Fassbarmachung des Lebens – die sich beim (Wieder-)Lesen dieser Texte ebenso einstellt wie beim eigentlichen Moment der Niederschrift bzw. im Rahmen nachgereihter, z.B. editorischer Prozesse – ist, unabhängig vom ästhetisch-literarischen Eigenanspruch, als eine Form von Erkenntnisarbeit verstehbar. Das Tagebuch bietet Vergewisserung, Rückhalt oder auch Rückzug, in den düstersten Zeiten ist es der letztmögliche, innerste Dialog. Dem Feld des Biographischen zugeschlagen knüpfen sich aber nicht nur Entwürfe von Geheimnis, Schreibakt oder Bekenntnis daran, sondern, insbesondere mit dem Einrechnen einer vorsätzlich adressierten und vermehrt erreichten Öffentlichkeit im Sinne von Publikum, auch von Inszenierung, Gebrauch und Sichtbarkeit.

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Erik Bauer & Gaby Falböck: Struktureller Wandel des Tagebuchs: Vom verinnerlichten Geheimnis zum performativen Konstrukt

Eine Skizze zu theoretischen Figuren anhand von Michel Foucault und
Byung-Chul Han

Im Tagesrhythmus geschrieben, erzählend vom oftmals gleichförmigen Alltag, eine Dokumentation des Heute und des Status Quo ohne Wissen über das Morgen und den Weiterverlauf bzw. Ausgang der Geschichte, verfasst in Zeiten des Wandels, nicht zwingend voller Geheimnisse und nicht zwingend geheim gehalten, monologisch oder dialogisch – aufgrund seiner Fülle an außergewöhnlichen Merkmalen nimmt das Tagebuch seit jeher einen besonderen Status in der Forschung zum autobiographischen Schreiben ein. In den letzten Jahren sondierte die geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung deshalb vor allem den Umgang mit dem Diarium als Quelle. Vorliegender Beitrag intendiert das Tagebuch in seiner tradierten Form als analoges Diarium wie auch in seiner neueren Form als digitales Weblog auf Implikationen von Macht hin auszuleuchten. Mit dem Griff in den theoretischen Werkzeugkasten von Michel Foucault wie in jenen des südkoreanischen Philosophen Byung-Chul Han, der das bewährte Foucault’sche Set weiterentwickelte, skizzieren wir eine Geschichte des Wandels vom analogen zum digitalen Schreiben für den Tag.

Li Gerhalter: Überraschend kommunikativ

Geheimnisse und andere Funktionen von Tagebüchern von Jugendlichen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Tagebücher sind jene Selbstzeugnisse, die von den meisten Menschen spontan mit dem Begriff ‚Geheimnis‘ assoziiert werden. Aber stimmt das überhaupt? Lässt sich diese Erwartungshaltung durch Quellen bestätigen? Am Beispiel von diaristischen Aufzeichnungen, die Mädchen und jungen Frauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasst haben, wird diese Frage ausgeleuchtet. Es wird nach den Anlässen gefragt, warum Tagebücher überhaupt begonnen wurden. Weiters geht es um die Funktionen, die das Schreiben für die einzelne Verfasser/innen möglicherweise hatte und schließlich um verschiedenen Formen, die sich entsprechend zeit- und geschlechtsspezifischer
Konventionen und Moden etabliert haben.

‚Geheimnisse‘ werden dabei (nach Claudia Schirrmeister) als eine eigene „Kommunikationsform“ verstanden – und damit als eine der möglichen Funktionen des Tagebuchschreibens. Gezeigt und besprochen werden in dem Beitrag verschiedene Ausgestaltungen der Geheimhaltung. Insbesondere wird dabei die Praxis der geteilten Geheimnisse vorgestellt – und die Reflexionen der jungen Schreiberinnen darüber.

Michael Klemm: Wir Weltreisenden

Reisetagebücher in Weblogs und Instagram zwischen multimodalem
Storytelling und visueller Pose

Der Beitrag betrachtet, ausgehend von einer knappen historischen Skizze der Reiseerzählungen, die Veränderungen und die Spezifika von Reisetagebüchern im Zeitalter Sozialer Medien. Am Beispiel von Blog-Texten und Instagram-Einträgen von Weltreisenden wird deutlich, wie unterschiedlich selbst diese modernen Formen sind, was etwa die Rolle von Sprache und audiovisuellen Ausdrucksformen oder das Changieren zwischen individueller Stilisierung und kollektiver Standardisierung betrifft. Auch Reisedokumentationen sind dem derzeitigen umfassenden Medienkulturwandel unterworfen.

Peter Gentzel, Christian Schwarzenegger & Anna Wagner: Zeugnisse des Alltags

Tagebuchverfahren als Quelle und Methode in der (historischen)
Kommunikationsforschung

In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Bedeutung und dem Potenzial von Tagebüchern in der medien- und kommunikationshistorischen Forschung und darüber hinaus. Dabei werden sowohl der Quellenwert und der Quellencharakter von „echten Tagebüchern“ als Überreste eines vergangenen Alltags als auch zu Forschungszwecken angefertigte Tagebücher als empirische Erhebungsinstrumente thematisiert. Im Beitrag diskutieren wir zunächst, wozu in der Forschung Tagebücher herangezogen werden können, um Einblicke in subjektive Sinngebungen, persönliche Routinen und Erfahrungen der Lebensführung wie auch in gesellschaftliche Kontexte und Kulturen des Lebensvollzugs unter bestimmten Bedingungen und zu bestimmten Zeiten zu gewinnen. Wir erörtern hierzu das Erkenntnispotenzial, das sich aus Tagebüchern als Quelle aus einem gestrigen Alltag für heute ergibt. Hernach adressieren wir Möglichkeiten, die Charakteristika von solchen authentischen Tagebüchern, welche im tatsächlichen Lebenszusammenhang geführt worden sind, auf den gezielten empirischen Einsatz hin zu übertragen und diskutieren Spannungsfelder, die sich bei diesem Bemühen ergeben.

Veronika Siegmund: „Mutti, Mutti, wie weit bist Du doch von mir entfernt.“

Tagebuchschreiben im KLV-Lager zwischen politischer Instrumentalisierung und individueller Praxis (1940-1945)

Die in der Folge präsentierte Masterarbeit befasst sich mit der politischen Instrumentalisierung der jugendlichen Tagebuchkultur im Nationalsozialismus, die sich unter anderem in diversen Erziehungseinrichtungen vollzog: Kinder und Jugendliche wurden hier von Lehrkräften bzw. HJ-FührerInnen instruiert, regimetreue diaristische Aufzeichnungen zu verfassen. Im Zentrum der Mikrostudie steht das kollektive Tagebuchschreiben in den Lagern der Erweiterten Kinderlandverschickung (KLV). Zunächst wird basierend auf NS-Publikationen der Frage nachgegangen, welche thematischen Aspekte KLV-Tagebücher nach Vorstellungen der OrganisatorInnen der KLV idealerweise aufweisen sollten. Anhand der Tagebücher zweier Mädchen wird dann − unter Anwendung der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring − exemplarisch untersucht, inwiefern die auf den Inhalt der Diarien bezogenen Forderungen des NS-Regimes in der Tagebuchpraxis der KLV-Lager Umsetzung fanden. Dabei wird von der These ausgegangen, dass die beiden Schreiberinnen ihre Aufzeichnungen auch zu nicht vorgesehenen individuellen Zwecken nutzten.

Rezensionen 4/2020

SCHILLER, MELANIE (2020). Soundtracking Germany. Popular Music and National
Ideology.
(Popular Musics Matter: Social, Political and Cultural Interventions,
Paperbackausgabe des Erstdrucks von 2018), London, New York: Rowman & Littlefield International, 277 Seiten.
– rezensiert von Anita Mayer-Hirzberger, Wien