Norbert Küpper: Aktuelle Trends im Zeitungsdesign Print und Online – die Perspektive der Praxis

Die Auflage gedruckter Zeitungen ist nahezu überall rückläufig. Statistisch gesehen lesen 14- bis 29-Jährige nur noch zwei Minuten täglich gedruckte Zeitungen und Zeitschriften. Trotzdem ist die Annahme, dass es bald keine Zeitungen mehr geben wird, falsch, denn junge LeserInnen nutzen 49 Minuten am Tag Online-Inhalte von Zeitungen (Schröder 2019). Zeitungen sind denn auch in den meisten digitalen Nachrichtenkanälen erfolgreich und kommen auf hohe Nutzungszahlen. Medienhäuser reagieren auf das veränderte Leseverhalten, indem sie die gedruckte Zeitung mit mehr Hintergrundinformationen versehen und/oder sie zu täglichen Magazinen umwandeln. Methoden der Leseforschung wie ReaderScan, Lesewert oder Blickaufzeichnungstests sind wichtig für die Weiterentwicklung der Zeitungen in Print und Online, weil dadurch das NutzerInnenverhalten erkannt werden kann. Die Zeitung wird zum 24-Stunden-Medium, denn durch Morning-Newsletter, Podcasts und mehrmals tägliche Aktualisierung der News-Websites begleiten sie die NutzerInnen permanent.

Sarah Müller: Nachrichtenmedien auf Instagram

Eine Bildtypenanalyse

Der Beitrag behandelt visuelle Berichterstattungsmuster deutscher Nachrichtenmedien auf Instagram. Ein Vergleich der Feeds von Tagesschau, Bild.de, RTL Aktuell und Spiegel Online erfolgt auf Basis einer quantitativen Bildinhalts- und Bildtypenanalyse von 263 Postings aus den Jahren 2016 und 2017. Zunächst werden die Postings zu Bildtypen zusammengefasst und nach Bildthema und Bildkontext kategorisiert. Grundannahme der Studie ist, dass Nachrichtenmedien bei der Auswahl und Aufbereitung ihrer Bildmotive für Instagram bestimmten kanalspezifischen Konventionen folgen. Die Befunde zeigen, dass besonders die Themenbereiche Human Interest, Politik und Natur in den Bildtypen repräsentiert sind. Wie die Medien die Instagram-spezifischen Konventionen interpretieren und auf Newsbilder anwenden, zeigt sich darüber hinaus in ihrem ästhetischen Profil. Schnappschüsse und Pressefotos werden entgegen der öffentlichen Wahrnehmung häufiger gepostet als anspruchsvolle Kunstfotos. Eine übermäßig ausgeprägte Bildästhetik mit einem Hang zu romantischen Naturaufnahmen zeigt sich einzig im Account von Spiegel Online.

Jakob Henke, Elena Link & Wiebke Möhring: Lohnt sich der Aufwand?

Die Wirkung interaktiver Grafiken auf die Erinnerung und das Leseerleben von NutzerInnen

In der journalistischen Berichterstattung hat die Visualisierung von Daten eine hohe Relevanz, durch die steigende Zugänglichkeit großer Datensätze und digitale sowie multimediale Präsentationsmöglichkeiten ist diese noch weiter gestiegen. Und obwohl insbesondere interaktive Visualisierungen in der Praxis weit verbreitet sind, setzen sich bisher nur wenige Studien mit der Wahrnehmung durch und Wirkung auf RezipientInnen auseinander. Auf der Grundlage bisheriger Arbeiten ungeklärt ist die Frage, ob der Einsatz interaktiver Grafiken im Vergleich zu statischen Grafiken zu einer (substanziellen) Verbesserung des Rezeptionserlebens führt und so den höheren Arbeitsaufwand rechtfertigt. Der vorliegende Beitrag untersucht diese Frage mit einem einfaktoriellen Eye-Tracking-Experiment. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass interaktive Elemente nicht zu einer intensiveren Rezeption und Informationsverarbeitung führen. Folglich stellt sich die Frage, wann der hohe Aufwand für das Erstellen interaktiver Grafiken gerechtfertigt ist.

Rezensionen 1/2020

BENZ, WOLFGANG (2019). Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler. München: C.H.Beck 2018, 556 Seiten.
– rezensiert von Simon Sax, Bremen

CSÁKY, MORITZ (2019). Das Gedächtnis Zentraleuropas. Kulturelle und literarische
Projektionen auf eine Region
. Wien: Böhlau, 392 Seiten.
– rezensiert von Valerie Strunz, Wien

VÖGL, KLAUS CHRISTIAN (2018). Angeschlossen und gleichgeschaltet. Kino in Österreich 1938-1945. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag 2018, 447 Seiten.
– rezensiert von Bianca Burger, Wien

Heft 4/2019

Offenes Heft zu historischer Kommunikations- und Medienforschung

herausgegeben von Christoph Classen, Erik Koenen, Christina Krakovsky, Mike Meißner & Bernd Semrad

  • Editorial: Christoph Classen, Erik Koenen, Christina Krakovsky, Mike Meißner & Bernd Semrad
  • Lisa Bolz: Die Übersetzungspraktiken der Nachrichtenagenturen im 19. Jahrhundert
  • Carmen Schaeffer: Gegen „Schmutz und Schund“ in populärer Jugendliteratur Reaktionen der LehrerInnenschaft auf den Medienwandel um 1900
  • Maria Löblich & Niklas Venema: Die SPD und ihre Frauenpresse. Die Gleichheit im Parteidiskurs nach Ausbreitung der Massenpresse
  • Kathrin Meißner: Die ‚Mietskaserne‘ als planungskulturelles Narrativ der 1980er-Jahre Zwei Fallbeispiele der Altstadt-Erneuerung in Ost- und West-Berlin
  • Research Corner
    Ernst Theis: Radio Hekaphon, Österreichs erster Rundfunksender
  • Rezensionen

Editorial 4/2019

Christoph Classen (Potsdam), Erik Koenen (Leipzig), Christina Krakovsky (Wien),
Mike Meißner (Fribourg) & Bernd Semrad (Wien)

Mit der letzten Ausgabe des Jahres 2019 setzt medien & zeit das Konzept eines offenen Heftes fort. In Ergänzung zu den vielfältigen und thematisch fokussierten Schwerpunktheften bietet das Offene Heft ein Forum, um die Bandbreite kommunikations- und medienhistorischer Forschung in einer Ausgabe abzubilden. Damit bedient das Format ein gegenwärtiges Bedürfnis – nicht zuletzt von jungen WissenschaftlerInnen – innerhalb der deutschsprachigen Kommunikations- und Mediengeschichte, wie die Einreichungen deutlich zeigen. Insofern ist es das Anliegen der HerausgeberInnen, weiterführende Diskussionen und Forschungen mit den AutorInnen anzuregen.

Weiterlesen

Lisa Bolz: Die Übersetzungspraktiken der Nachrichtenagenturen im 19. Jahrhundert

Die drei großen europäischen Nachrichtenagenturen des 19. Jahrhunderts (Havas, Reuters, Wolff’s Telegraphisches Bureau) gründeten ihren Erfolg auf einen effizienten Nachrichtenaustausch, der Ressourcen bündelte und Konkurrenz abhielt. 1859 und 1870 unterschrieben sie umfassende Kooperationsverträge, die die Nachrichtenverteilung auf viele Jahrzehnte hin prägten. Essentiell bei der Verteilung waren Übersetzungsprozesse, wobei die telegraphischen Depeschen in der Regel vorgegebenen Routen folgten und täglichen Übersetzungsroutinen unterworfen waren. Auf diese Weise kann mit der Etablierung der telegraphischen Depesche als journalistisches Format eine Standardisierung der Nachrichtenvermittlung festgestellt werden. Innerhalb dieses Netzwerkes lassen sich auch Unregelmäßigkeiten erkennen, die die Komplexität der Arbeitsprozesse unterstreichen und eine qualitative Analyse der Agenturübersetzung unabdingbar machen. Durch die täglichen Routinen und internationalen Normen entstand die Depesche als transkulturelles Objekt, das mit Leichtigkeit zwischen Ländern und Zeitungen zirkulierte und Teil eines transnationalen Nachrichtenproduktionsprozesses war.

Carmen Schaeffer: Gegen „Schmutz und Schund“ in populärer Jugendliteratur

Reaktionen der LehrerInnenschaft auf den Medienwandel um 1900

Dieser Beitrag erweitert den Forschungsstand zur Schmutz- und Schunddebatte am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert um eine genuin kommunikationswissenschaftliche Betrachtung. Die Expansion populärer Literatur um 1900 ging mit intensiven Diskussionen einher, an denen sich auch LehrerInnen rege beteiligten. Geleitet vom Medialisierungsansatz wird mithilfe eines kommunikationswissenschaftlichen Fokus erfasst, inwiefern die LehrerInnenschaft von der Ausdifferenzierung des Mediensystems beeinflusst wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage nach den Reaktionen der LehrerInnenschaft auf populäre Jugendliteratur und ihren Beweggründen. Hauptmotiv des Schundkampfes war, dass LehrerInnen die Literatur als neuen Konkurrenten in der Definition und Vermittlung grundlegender Normen und Werte betrachteten und daher ihre eigene gesellschaftliche Stellung in Zeiten von Schulreformen bedroht sahen und sichern mussten. Strategien wurden den sich verändernden Medienstrukturen angepasst und forcierten vorrangig Aufklärungsarbeit, die Erschließung geduldeter Schriften sowie repressive (medienpolitische) Maßnahmen.

Maria Löblich & Niklas Venema: Die SPD und ihre Frauenpresse

Die Gleichheit im Parteidiskurs nach Ausbreitung der Massenpresse

Mit der Expansion der Massenpresse entstand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein breites Medienangebot, das sich verstärkt auch an Frauen richtete. Die SPD versuchte, dem ab 1892 die eigene Frauenzeitschrift Die Gleichheit unter Chefredakteurin Clara Zetkin entgegenzusetzen. Trotz andauernder Kritik der Mitglieder über Defizite gegenüber den konkurrierenden Blättern hielt die Partei an der Zeitschrift fest. Gestützt auf die Medialisierungsperspektive und den diskursiven Institutionalismus untersucht der Beitrag, wie die SPD im parteiöffentlichen Diskurs über Die Gleichheit die Ausbreitung der Massenpresse und die Ausdifferenzierung der Frauenpresse für sich verarbeitete. Die Quellenanalyse von Parteitags- und Parteiausschussprotokollen sowie Theorie- und Strategiezeitschriften der SPD zeigt, wie die Gewissheit aufrechterhalten wurde, in Abgrenzung zur kommerziellen Presse auch ein eigenes Frauenblatt zu benötigen. Das Beispiel der Gleichheit verdeutlicht das grundsätzliche Dilemma der SPD: Sie sah sich in der Massenpresse nicht repräsentiert und hielt an der eigenen Parteipresse fest, die aber unter den Bedingungen eines kommerziellen Medienangebots nicht bestehen konnte.

Kathrin Meißner: Die ‚Mietskaserne‘ als planungskulturelles Narrativ der 1980er-Jahre

Das Narrativ der Mietskaserne entstand als Resultat industrieller Urbanisierung und expansivem Bau von Massenmietshäusern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Für GroßstadtkritikerInnen und wandelnde Stadtplanungsleitbilder diente die ‚Mietskaserne‘ als Argument ‚schlechte‘ Stadtplanung zu benennen und von den zeitgenössischen ‚besseren‘ Planungsidealen abzugrenzen. Mitte der 1970er-Jahre begann im Zuge der Altstadt-Aufwertung allmählich eine Relativierung hin zu einer positiven Projektionsfläche urbaner und gesellschaftlicher Identität. Der Beitrag untersucht anhand von zwei Fallbeispielen der 1980er aus Ost- und West-Berlin die Verwendung des Narrativs ‚Mietskaserne‘ in der medialen Öffentlichkeit in planungskulturellen Diskursen der Altstadterneuerung. Dabei spielen sowohl implizite als auch explizite Referenzen zur ‚Mietskaserne‘ in schriftlichen wie visuellen Textquellen eine Rolle. In der medialen Kommunikation und dem stetigen Rückbezug auf die Zuschreibungen der ‚Mietskaserne‘ wird das Narrativ im spezifischen Kontext der Fallbeispiele verortet und gleichzeitig in öffentlichen Diskursen und der zeitgenössischen Planungskultur reproduziert und verbleibt somit gesamtgesellschaftlich präsent.