Thomas Ballhausen: Preservation im Zeitalter der Drohnen Aus den Vorarbeiten zu einer Archivpolitik der Sorge

Präambel

Mit den vorliegenden Ausführungen, die bewusst offenen und essayistisch angelegt sind, möchte ich angesichts der Herausforderungen und Möglichkeiten der Digitalisierung in geraffter Weise, als eine Art des In-Erinnerung-Rufens, wiederholend grundlegende Fragen rund um das Archiv skizzieren und entsprechend erweitern: Unter Einrechnung philosophischer und theoretischer Hypotheken (Bezug: Husserl), wird eine Weiterführung und Aktualisierung betrieben (Bezug: Blumenberg), die eben nicht zuletzt angesichts der Digitalisierung ein Wiederhereinnehmen der zeitlichen Dimension in die Überlegungen unter dem ausgewiesenen Vorzeichen der Sorge (Bezug: Heidegger) vorantreibt. Das Archiv wird dabei einmal mehr als die notwendige Grundlage der distinkt beschreibbaren, in der wissenschaftlichen Praxis aber miteinander verflochtenen Bereiche Mediengeschichte, Medientheorie und Medienanalyse erfahrbar. Der Anteil der Philosophie an der Mediengeschichte (und ihrer Verfertigung bzw. ihrem Vollzug) wird dabei ebenso deutlich werden, wie die sich aus ihr zu ziehende Option mentaler Selbstverteidigung – unter der mitzudenkenden Perspektive der Digitalisierung wird einer reflektierenden Positionierung zugearbeitet. Einblicke in die Arbeiten an und mit den Begriffen erlauben die – angesichts kursierender, exkludierender Alarmierungsrhetoriken m.E. nach dringend notwendige – Bezugnahme auf entsprechende philosophische, ja literarische Haltungen. Eingedenk dieser Kontexte sind die folgenden, durchaus persönlichen Vorarbeiten zu einer noch zu leistenden Archivpolitik der Sorge – denn mehr kann hier vorerst nicht angeboten werden – einerseits Bekenntnis zur Dokumentation als Grundierung für Forschungsermöglichung, andererseits zur Forschung im Archiv und aus ihm heraus. Die Ausführungen werden durch eine ­autoptischen Bibliografie ergänzt, die zur eigenen lesenden Vertiefung einladen soll. …

Andrea Reisner: Im Zeichen der Rotationsmaschine Zum Bild des Journalismus in Heimito von Doderers Roman "Die Dämonen"

Abstract

In diesem Beitrag werden für die historische Kommunikationsforschung relevante Teile meiner Dissertation über Schreibszenen in Heimito von Doderers Dämonen präsentiert. Welches Bild zeichnet Doderer, der sich vor allem in der Zeit der Ersten Republik selbst als Journalist versuchte, in diesem 1956 erschienenen Roman von der Zeitungsbranche? Dieser Frage wird anhand einer genauen textlichen Analyse des Romankapitels „Die Allianz“ nachgegangen. Das redaktionelle Personal ist in ein Geflecht teils verborgener Beziehungen und Abhängigkeiten verstrickt und streng hierarchisch unterteilt, von einer grauen Eminenz an der Spitze des Konzerns bis hin zu den ganz unten stehenden anonymen freien Mitarbeitern („Larven“). Aufschlussreich ist es auch, einen genaueren Blick auf das fiktive Verlagsgebäude zu werfen, das als Labyrinth aus Gängen und Treppen erscheint. Journalistisches Schreiben wird in den Dämonen nicht als intellektuelle Tätigkeit, sondern – in Abgrenzung etwa zum schriftstellerischen oder wissenschaftlichen Schreiben – als körperlich anstrengende Schufterei, als Drecksarbeit geschildert. Ein Vergleich von Doderers Darstellung des Journalismus mit einer NS-Propagandaschrift fördert zuletzt etliche Parallelen in der Verwendung antisemitischer Klischees zutage

 

Rezensionen 2/2018

Kiron Patka (2018). Radio-Topologie. Zur Raumästhetik des Hörfunks. Bielefeld: Transkript Verlag, 282 Seiten
– rezensiert von Rainer Rosenberg, Wien

Bernhard J. Dotzler & Silke Roesler-Keilholz (2017). Mediengeschichte als Historische Techno-Logie, Baden-Baden: Nomos, 249 Seiten
– rezensiert von Wolfgang Pensold, Wien

Richard Oehmig (2017). „Besorgt mal Filme!“ Der internationale Programmhandel des DDR-Fernsehens. (= Medien und Gesellschaftswandel, Bd. 7). Göttingen: Wallstein Verlag,
223 Seiten.
– rezensiert von Andre Dechert, Augsburg

Norbert Bachleitner (2017). Die literarische Zensur in Österreich von 1745 bis 1848. Mit Beiträgen von Daniel Syrovy, Petr Písa und Michael Wögerbauer. Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag, 528 Seiten.
– rezensiert von Bianca Burger, Wien

1/2018

Kommunikationsgeschichte der Vernetzung

herausgegeben von Erik Koenen, Niklas Venema & Matthias Bixler

 

Inhalt

Editorial und Forschungsüberblick 1/2018 Erik Koenen, Niklas Venema & Matthias Bixler

Historische Netzwerkforschung als Perspektive und Methode der Kommunikations- und Mediengeschichte

In den letzten Jahren kann in großen Teilen der Geistes- und Sozialwissenschaften ein „Network Turn“ beobachtet werden (Fangerau & Halling 2009) – so auch in den historischen Wissenschaften. In der Geschichtswissenschaft wurden Netzwerkansätze an mehreren Stellen unabhängig voneinander (wieder-)entdeckt (Bixler 2015, 2016). In der Folge hat sich mit der „Historischen Netzwerkforschung“ (HNR) in diesem disziplinären Kontext ein heterogenes Forschungsfeld herausgebildet, in dem HistorikerInnen epochenübergreifend versuchen, Theorien und Methoden der sozialwissenschaftlichen Netzwerkanalyse (SNA) für historische Fragestellungen fruchtbar zu machen (Düring, Eumann, Stark & von Keyserlingk 2016; Siehe auch die Webseite des ForscherInnenverbunds „Historische Netzwerkforschung“: Historical Network Research. Network Analysis in the Historical Disciplines: http://historicalnetworkresearch.org, Zugriff am 04.05.2018).
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Désirée Dörner: „Bloß nicht den Faden verlieren“ Eine kommunikationshistorische Netzwerkanalyse zu den inneren und äußeren Verbindungslinien der bürgerlichen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich am Beispiel des Münchener Vereins für Fraueninteressen

Abstract

Aktuelle sowie historische soziale Bewegungen sind auf gut funktionierende Netzwerke angewiesen, um einerseits mediale Aufmerksamkeit und damit Eingang zu politischen Entscheidungsgremien zu finden und sich andererseits gesellschaftlichen Rückhalt für die Durchsetzung ihrer Interessen zu sichern. Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag mit Hilfe von quantitativen Erhebungsverfahren die Netzwerkaktivitäten der bayerischen Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich. Als Analysematerial werden Zeitungsberichte herangezogen, welche sich als sehr ertragreiche Quellen für die historische Netzwerkforschung herausstellen. Die standardisierte Erhebung der in der Münchener Zeitung publizierten Vernetzungsaktivitäten zeigt, dass neben den Verbindungslinien innerhalb der Frauenbewegung auch vielfache Beziehungen außerhalb der Bewegung identifiziert werden können. Insbesondere die Beziehungen zur Politik und zu weiteren gesellschaftlichen Teilbereichen spielen in den direkten und indirekten Kontakten eine zentrale Rolle.

Heiner Stahl: Propagandawissen und Stellenbesetzungen in der Presseabteilung der Direktorialkanzlei des Verwaltungsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes (1948-1949)

Abstract

Dieser Beitrag untersucht die Bedeutung von persönlichen und professionellen Netzwerken, die bei der Besetzung von Referentenstellen in der Presseabteilung der Direktorialkanzlei des Verwaltungsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes der US-amerikanischen und britischen Besatzungszone zum Tragen kamen. Die Presseabteilung existierte zwischen Juli 1948 und September 1949 und stellt einen direkten Vorläufer des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung der Bundesrepublik Deutschland dar. Ein katholisches, ein auf das Auswärtige Amt vor 1945 bezogenes sowie ein – an die CDU gebundenes – auf die publizistische Neuausrichtung der Westzonen in Richtung Europa zielendes Beziehungsgeflecht war dabei mit seinen Personalvorschlägen erfolgreich; ein aristokratisches, ein akademisches sowie ein auf Berufserfahrungen im journalistischen Betrieb – sowohl vor wie auch nach 1933 – beruhendes Geflecht von Beziehungen jedoch nicht. Der Beitrag stellt exemplarisch sechs Lebensläufe von Bewerberinnen und Bewerbern vor und arbeitet daran die Selbstinszenierung beruflicher Erfahrung, die Darstellung von Ausbildungs- und Karrierewegen sowie die Hervorhebung fachspezifischer Kenntnisse bzw. individuellen Wissens bezüglich Propagandapraktiken heraus, mit denen sich diese präsentierten. Dabei wird deutlich, dass diese Lebensläufe im Sinne von Berufsbiografien sowohl durch Brüche wie auch durch Bemühungen um Wiederanschluss an und Selbsteinpassung in sich ändernde politische, soziale und – vor allem – publizistische Bedingungen gekennzeichnet waren.

Zehra Özkececi: Das Propagandamodell von Chomsky und Herman und die Medienpolitik in der heutigen Türkei

Abstract

Die politische Entwicklung in der Türkei, die seit mehreren Jahren zunehmend autoritäre Züge annimmt und demokratische Grundsätze in Frage stellt, hat Debatten darüber ausgelöst, wie die türkische Staatsform jetzt zu bewerten ist. Handelt es sich überhaupt noch um eine Demokratie, herrscht eine feudale Oligarchie, wo alle wichtigen Regierungsgeschäfte im Familienbetrieb vergeben werden oder ist es bereits eine Diktatur? Neben anderen Theorien wurde auch das fast schon in Vergessenheit geratene Propagandamodell von Chomsky und Herman herangezogen, um die aktuelle türkische Politik zu erklären.

Dieser Artikel beschäftigt sich daher mit der Frage, ob diese Demokratie- und Medientheorie tatsächlich dazu geeignet ist, die AKP-Politik zu analysieren. Dazu wird die Theorie zunächst vorgestellt, bevor ihre Anwendbarkeit auf das türkische System untersucht wird.

4/2017

Fakt – Fake – Pop
Kulturelle Dynamiken, Spiele und Brüche

herausgegeben von Christoph Jacke & Beate Flath

 

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