Stefanie Roenneke: Identitätsspiele Die neue Künstlichkeit von St. Vincent

Abstract
Mit der Veröffentlichung ihres fünften Studioalbums Masseduction Ende 2017 überraschte die Musikerin Annie Clark alias St. Vincent mit einer ganzheitlichen Inszenierung, die bewusst auf Künstlichkeit und Stilisierung ausgerichtet ist. Daher wurde sie seitens der Musikkritik sowohl mit David Bowie verglichen als auch in die Nähe zu einer Camp-Ästhetik gerückt. Durch den Umgang mit nostalgischen und aktuellen Versatzstücken aus Popkultur und Mode sowie durch die Objektifizierung der Figur lassen sich Momente einer camp-typischen Überreizung und spielerischen Sinnentleerung erkennen.

Jens Balzer: Es gibt keine Wahrheit im Pop – es sei denn, man fälscht sie

Die Wahrheit zu suchen, ist leider auch keine Lösung: Das war einer der vorherrschenden Gedanken, die einem beim Blick auf das popmusikalische Jahr 2017 immer wieder durch den Kopf gingen. Im Jahr zuvor, mit der Brexit-Kampagne und dem Präsidentschaftswahlkampf in den USA, war die Politik nach allgemeiner Einschätzung in das postfaktische Zeitalter eingetreten; in Deutschland und Großbritannien wurden postfaktisch und post-truth jeweils zu den Wörtern des Jahres gewählt. Seither pflegt man die Verwirrung von Fakten und Fakes gemeinhin dem technischen Arsenal der politischen Reaktion zuzuschlagen. Weiterlesen

Joachim Westerbarkey & Christoph Jacke: Pop im Kopp Ein Vorschlag zur Image-Analyse eines schwer fassbaren Phänomens zwischen Fakt, Fiktion und Fake

Abstract
Weil es keinen Konsens darüber gibt, was Pop(kultur) genau ist, sollte man Pop als das definieren, was Menschen darunter verstehen und wie sie sich mit anderen darüber verständigen. Maßgeblich dafür sind die Images der Popmusik und ihrer Akteure, die aus Selbstdarstellungen, eigenen Beobachtungen, Erzählungen und Medienangeboten resultieren. Wer der Popkultur immer noch Trivialität bescheinigt, übersieht, dass Triviales Kommunikation erleichtert und dass das die enorme Kreativität von Popakteuren und ihr Spiel mit verschiedenen Realitäten alles andere als trivial sind. Um die hohe Varianz möglicher Pop-Images von Musikern und Publika, Veranstaltern und Journalisten, Fans und Kritikern zu erfassen, wird ein empirisches Instrument entworfen, mit dem man die Zuschreibung von Merkmalen darstellen und vergleichen kann. Als Anregung dazu diente die Lektüre diverser Programm- und Pressetexte zu Pop-Ikonen, Pop-Epigonen und Musikveranstaltungen.

Siegfried J. Schmidt: Konstruktivismus: ein Pate des Fake_Ismus?

1. Nach Ansicht der sog. Neuen Realisten, wie z. B. M. Gabriel oder P. Boghossian, ist die postmoderne Philosophie, unter die umstandslos auch „der Konstruktivismus“ subsumiert wird, verantwortlich für die Auffassung, dass unser Umgang mit Wirklichkeit und Wahrheit völlig beliebig ist, weil wir „[…] alle Fakten oder Tatsachen selbst konstruiert haben.“ (Gabriel 2013, 56)1 So ist nach Ansicht Gabriels

„[…] der Konstruktivismus absurd, er wird meist aber nicht durchschaut. […] Der Wahlspruch der fröhlichen Konstruktivisten lautet: Jeder sein eigener Faust oder seine eigene Novemberrevolution. Es ist eben alles eine Frage der Wahrnehmung.“ Weiterlesen

Malte G. Schmidt: Back to the Future (Popmusik-)Journalismus im neuen faktischen Zeitalter

Abstract
Ausgehend von einer neuen Fundamentalopposition gegenüber wahrheitsskeptischen Positionen untersucht der Beitrag den Einfluss postmoderner und konstruktivistischer Theorien auf die Praxis und Erforschung des (Popmusik-)Journalismus. Im Zentrum des Interesses stehen Ansätze, die die legitimatorische Basis der Wahrheitsvermittlung, nämlich die Werteorientierung an Objektivität (Journalismus) und Authentizität (Popmusik) infrage stellen. In der Zusammenschau können nur wenige empirische Indizien für den Eintritt in die Postmoderne ausfindig gemacht werden. Daher ist ihre Diskreditierung als philosophisches Konzept, die mit der Renaissance emphatischer Wahrheitsbegriffe einhergeht, unbegründet. Im Gegensatz zum vermeintlich postfaktischen Zeitalter, das im Zuge der Fake-News-Debatte vielerorts ausgerufen wurde, ist vielmehr von einem Realistic Turn auszugehen. Die hiermit verbundene Rückbesinnung auf tradierte Werte der Hochmoderne lässt auf ein erhöhtes Bedürfnis nach kollektiven Sinnangeboten zur Identitätskonstruktion schließen. Angesichts allgegenwärtiger Komplexitätsdiagnosen sind die Gründe für diesen Bedarf zu reflektieren, so das abschließende Plädoyer.

Hans Nieswandt: Popjournalismus als Parlament

Popjournalismus, Musikzeitschriften und deren AkteurInnen beschäftigen, beeinflussen und beglücken mich (mehr oder weniger) seit ungefähr meinem zwölften Lebensjahr, also seit etwa 1976. Zunächst waren das Magazine wie Pop, eine heute längst vergessene Alternative zur Bravo, ohne Aufklärungsseiten, dafür mit wesentlich höherem Musikanteil, denn das Heft kam mit Melody Maker, was mir damals allerdings noch nichts sagte. Weiterlesen

Harald Schroeter-Wittke: Faith is Fake (naNa Na naNa) Eine kleine 10-Punkte-Theologie des Glaubens, der Berge versetzen kann

Abstract
Der Artikel unternimmt eine kultur- und theologiegeschichtliche Spurensuche der These, dass der christliche Glaube als faith (fiducia) und die dialektische Doppelstruktur des Fake nahe Verwandte sind. Vor diesem Hintergrund liest der Autor zentrale biblische Szenen und Narrative neu und empfiehlt fakesmile statt Faksimile mit dem ultimativen Hinweis: Wer’s glaubt, wird selig.

Beate Flath: Popmusikevents, Fakes und die (Wieder-)Verzauberung der Welt

Abstract
Dieser Beitrag thematisiert Fake im Zusammenhang mit Liveevents der Popmusikkultur und erachtet darin Fake als Teil von Inszenierungen. Ausgehend von der These der Entzauberung der Welt nach Max Weber bzw. der Entzauberung der Prämissen der Moderne im Kontext der Modernisierung der Moderne nach Ulrich Beck und Wolfgang Bonß werden Liveevents der Popmusikkultur als Räume der (Wieder-)Verzauberung betrachtet – Fakes als Formen von Fälschungen, deren Aufdeckungen bereits in der Anlage mitkonzipiert sind, sind Teil davon. Sie können im Kontext von Liveevents der Popmusikkultur auf den Ebene der Sound-, Licht- und Projektionstechnik, des Outfits und der Requisiten sowie der Bewegungen der BühnenakteurInnen verortet werden. Als wesentliche Besonderheit von Liveevents der Popmusikkultur wird dabei jener Umstand erachtet, dass der Akt des Aufdeckens der Täuschung, d.h. der für die Inszenierung zentrale Moment zwischen Täuschung und Aufdeckung, in einer Gruppe erlebt wird, die mit den jeweiligen BühnenakteurInnen – den Täuschenden – zur selben Zeit am selben Ort ist.

Rezensionen 4/2017

Johanna Braun (2017). All-American-Gothic Girl. Das Gerechtigkeit einfordernde Mädchen in US-amerikanischen Erzählungen. Wien: Passagen Verlag, 216 Seiten.
rezensiert von Juliane Saupe

Katharina Sommer (2017). Stereotype und die Wahrnehmung von Medienwirkungen. Wiesbaden: Springer VS, 2017, 409 Seiten.
– rezensiert von Martina Thiele

Editorial 3/2017 Gaby Falböck, Julia Himmelsbach & Thomas Ballhausen

„Hundert Jahre Zweisamkeit“ – Liebeskommunikation und Liminalität seit 1918 – die vorliegende Ausgabe von medien & zeit versammelt Beiträge zu einer Facette des, wenngleich schwer zu fassenden und doch vielbeforschten Themas „Liebe“, die in bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen zumeist kaum berücksichtigt wurden: Im Fokus stehen die Phasen der Annäherung, des Übergangs, der Veränderungen in Liebesbeziehungen und die medial vermittelte Darstellung dieser Transgressionen sowie der Rolle, die Medien bei der Rahmung dieses Prozesses spielen. Weiterlesen