Andre Dechert & Aline Maldener: „Mit gutem Beispiel voran“

Medienakteure und der westdeutsche Jugendmedienschutzdiskurs der 1950er- und 1960er-Jahre

Anknüpfend an die Diskurstheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe setzt sich der Beitrag mit der in der Forschung bisher nur am Rande erörterten Frage auseinander, wie individuelle Medienakteure mit der ihnen im Jugendmedienschutz-Diskurs der 1950er- und 1960er-Jahre auferlegten Verantwortung für das Wohl kindlicher oder jugendlicher MedienkonsumentInnen umgingen und in diesem Rahmen bedeutungsstiftend agierten. Mittels zweier konkreter Fallbeispiele zeigt der Beitrag, wie individuelle Medienakteure unabhängig davon, ob sie in einer öffentlich-rechtlich organisierten und finanzierten Einrichtung oder für einen kommerziellen Medienanbieter arbeiteten, durch die konkrete Ausgestaltung ihres jeweiligen Angebots maßgeblich daran mitwirkten, Vorstellungen davon zu schaffen und zu etablieren, welche Medien für Kinder und Jugendliche unter welchen Voraussetzungen geeignet waren. Das erste Fallbeispiel nimmt das vom Bayerischen Rundfunk produzierte und im Deutschen Fernsehen ausgestrahlte Nachmittagsprogramm in den Blick, während sich das zweite Fallbeispiel der Rubrik Lebenshilfe und Sexualaufklärung der Jugendzeitschrift Bravo widmet.

Indira Dupuis: Die Berichterstattung über Jerzy Popiełuszko in ihrer Bedeutung für die polnische Öffentlichkeit

Legitimitätsverlust durch unintendierte Medienberichterstattung

Die Medienberichterstattung über den Mord an einem Priester, Jerzy Popiełuszko, hat in den 1980er-Jahren die Legitimität der kommunistischen Regierung Polens grundlegend untergraben. Auch wenn dies bereits in der zeitgenössischen Beobachtung durchaus registriert wurde, ist die polnische Medienberichterstattung dazu bisher noch nicht inhaltsanalytisch in ihrer Bedeutung für die politische Transformation in Polen untersucht worden. Die dem vorliegenden Artikel zugrundeliegende Studie soll dies nachholen. Für die überwiegend qualitative Inhaltsanalyse wurden Leitmedien ausgewählt, die den Deutungsspielraum in der kontrollierten polnischen Presse breit abbilden, die Parteizeitung Trybuna Ludu und die auf das intellektuelle Publikum ausgerichtete Wochenzeitung Polityka sowie die organisational unabhängige, jedoch gleichsam zensierte, liberal-katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny. In den Ergebnissen zeigt sich, wie selbst die Parteizeitung zur Delegitimierung der Regierung innerhalb Polens beigetragen hat.

Anne Purschwitz & Alexander Hinneburg: Funktionsmechanismen gesellschaftlicher Wissenskonstruktion in der Aufklärung – Chancen und Grenzen des Topic-Modeling in den Geisteswissenschaften

Die halleschen Zeitungen und Zeitschriften 1688-1815

Topic-Modeling bieten eine Möglichkeit, große Dokumentensammlungen zu durchsuchen, zu strukturieren und zu selektieren. Die Darstellung von Themen als Liste der wahrscheinlichsten Top-Wörter ist jedoch nicht ausreichend, um ein nützliches Werkzeug in den Geisteswissenschaften zu etablieren. Der in Halle entwickelte TopicExplorer kombiniert Themenmodelle mit standardmäßigen linguistischen Annotationswerkzeugen und visuellen interaktiven Techniken, um Inhalte von Dokumenten auf nützliche Weise auszuwählen und darzustellen, um es Geisteswissenschaftlern zu ermöglichen, versteckte Bezüge zwischen Texten aufzudecken und ohne Programmierkenntnisse zu modellieren.
Da die Themenmodelle durch unüberwachtes Lernen erstellt werden, können sie angewendet werden, ohne dass Dokumente manuell kommentiert werden müssen. Allerdings können alle bekannten Algorithmen keine Garantie dafür geben, dass die abgeleiteten Themen für den Menschen auch interpretierbar sind. Daher sind Themen, die automatisch aus Themenmodellen abgeleitet werden, nicht immer einfach und klar ‚lesbar‘. Im Beitrag sollen die Vor- und Nachteile des Topic-Modeling, zunächst anhand einer lokal ausgerichteten Modelstudie für eine Anwendung auf heterogene historische Texte dargestellt werden.

2/2018

2/2018: Inmitten des Digitalen
Internationale Programmatiken und österreichische Fallbeispiele

herausgegeben von Thomas Ballhausen & Christina Krakovsky

 

Inhalt

 

Editorial 2/2018 Thomas Ballhausen & Christina Krakovsky

Das digitale Zeitalter hat sich durchgesetzt, es dauert an. Der Wissenschaft begegnet das Digitale dabei, verknappt gesprochen, zumeist in drei Formen, die sich disziplinübergreifend finden lassen: in der Digitalisierung analoger Bestände, in der Erstellung digitaler Daten und in den neuen Möglichkeiten IT-gestützter Durchdringung digitaler Repositorien. Das Beforschen, Erschließen und Vermitteln von Quellen vor einem Horizont, der nicht mehr analoges Material, vornehmlich Gedrucktes, als notwendiges Zentrum bedeutet und eine veränderte Öffentlichkeit mitmeint, erzeugte und erzeugt insbesondere in den Sozial- und Geisteswissenschaften ein Bündel von Erwartungshaltungen gegenüber den Möglichkeiten digitaler Technologien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Einmal mehr scheint sich Umberto Ecos titelspendendes Diktum von „Apokalyptikern“ und „Integrierten“ zu bewahrheiten: Da ist einerseits ein Raunen über die angeblich schier unüberwindlich scheinenden Hürden, die das Drohgespenst Digitalisierung mit sich bringt, zu vernehmen. Müssen nun etwa alle Sozial- und GeisteswissenschafterInnen ausgeklügelte Programmieraufgaben lösen? Kann die Masse an digitalen Inhalten überhaupt bearbeitet, sinnvoll vermittelt und auch langfristig bewahrt werden? Verstellt nicht die Auswahl dessen, was digitalisiert wird, den Blick auf die eigentlichen Bestände, erleben wir also einen verzerrten Eindruck davon, was tradiert und erhalten wird? Und wie können diese Inhalte wieder aufgespürt, rechtlich einwandfrei erschlossen und durchsuchbar gemacht werden? Woher die Ressourcen nehmen, um die täglich produzierten Massen an Digitalisaten und digitalen Inhalten feinsäuberlich zu ordnen, zu strukturieren und – so sie vorhanden sind – gemäß standardisierten Normen zu annotieren? Andererseits wird zugleich ein fröhliches Jauchzen über das Betreten dieses für die wissenschaftliche Bearbeitung nach wie vor als Neuland gesehenen Forschungsfeldes vernehmbar. Getragen von der Hoffnung auf präzise, angeblich auf Knopfdruck zu leistende Durchleuchtungen riesiger Datenmengen sowie auf vermeintlich mühelose und lukrative inter- und transdisziplinären Zusammenarbeiten, könnte man fälschlicherweise annehmen, mit der Digitalisierung sei die Arbeit ja schon so gut wie getan. Ähnliches ließe sich über die Öffnung der Wissenschaft und die direkte Einbindung einer großen Allgemeinheit durch partizipative Digitalisierungsprojekte sagen. Man denke auch an die Möglichkeit zumindest den zugänglichen Ausschnitt der (Alltags-)Kommunikation quer durch soziale Schichten, die sich in den Gefilden der social media tummeln, auszuwerten oder ArchivarInnen von der Last der knappen Raumressourcen durch digitale Speicherung zu befreien. Man denke aber auch an die Tradition medien- und kommunikationshistorischer Disziplinen, die gerade in der Handhabung mit zweifelhaftem oder unvollständigem Datenmaterial auf einen beträchtlichen Erfahrungsschatz rückgreifen können. Man denke an ihre Lösungskompetenzen, Rekonstruktionsstrategien und Reflexionsvermögen im Umgang mit der Auffindbarkeit und Flüchtigkeit von mitunter mangelhaften Quellenkorpora. Berechtigte Freude und honest mistakes scheinen, so der Gesamteindruck, gleichermaßen gut verteilt. Weiterlesen

Erik Koenen, Christian Schwarzenegger, Lisa Bolz, Peter Gentzel, Leif Kramp, Christian Pentzold & Christina Sanko: Historische Kommunikations- und Medienforschung im digitalen Zeitalter Ein Kollektivbeitrag der Initiative „Kommunikationsgeschichte digitalisieren“ zu Konturen, Problemen und Potentialen kommunikations- und medienhistorischer Forschung in digitalen Kontexten

Abstract

Das Initiativ-Netzwerk „Kommunikationsgeschichte digitalisieren: Historische Kommunikationsforschung im digitalen Zeitalter“ der Fachgruppe „Kommunikationsgeschichte“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und des Nachwuchsforums „Kommunikationsgeschichte“ NaKoge, das sich mit diesem Beitrag vorstellt, verfolgt vor dem Hintergrund des nachhaltigen und tiefgreifenden digitalen Strukturwandels wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und der zunehmenden Relevanz digitaler Forschungskontexte, wie sie aktuell auch in der Kommunikations- und Medienwissenschaft intensiv diskutiert werden, das Ziel, die historische Kommunikations- und Medienforschung für die vielfältigen Herausforderungen der Digitalisierung und die Zukunft fit zu machen. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie sich im Kontext der Digitalisierung feldspezifische Erkenntnisinteressen, Methoden und Themen verändern und verschieben und welche spezifischen Fragestellungen, Herausforderungen und Perspektiven hieraus für die Kommunikations- und Mediengeschichte resultieren. Mit diesem Kollektivbeitrag sondieren die Initiatoren gemeinsam mit ProtagonistInnen der ersten Stunde wesentliche Schauplätze und Themenbereiche, die eine Diskussion zur historischen Kommunikations- und Medienforschung in digitalen Zeiten zu bearbeiten und zu berücksichtigen hat, und wollen damit zugleich Impulse für die weitere Diskussion und Forschung setzen. Programmatisch vermessen und reflektiert werden die Konturen, Probleme und Potentiale der Digitalisierung historischer Kommunikations- und Medienforschung und kommunikations- und medienhistorischer Erforschung der Digitalisierung in den Dimensionen (1.) Erkenntnisfokus, Gegenstandsbereich und theoretische Perspektiven, (2.) Methoden sowie (3.) Quellen.

Claudia Resch: „Zeitungs Lust und Nutz“ im digitalen Zeitalter Partizipative Ansätze zur Erschließung historischer Ausgaben der Wiener Zeitung

Abstract

Das Wien(n)erische Diarium (heute: Wiener Zeitung) liegt seit seiner Gründung 1703 als Quellenbestand geschlossen vor. An seiner Nutzung in einer digitalen Umgebung besteht großes wissenschaftliches Interesse, das aus mehreren geisteswissenschaftlichen Disziplinen hervorgeht: u.a. aus der Mediengeschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Literaturwissenschaft, Zeremonialforschung, Namenforschung oder der historischen Linguistik. Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die Vorstellung eines Projekts, das sich mit der digitalen Erschließung dieses wertvollen Datenschatzes beschäftigt und für das 18. Jahrhundert eine repräsentative Sammlung von verlässlichen Volltexten erarbeitet. Das Vorhaben erprobt dabei auch partizipative, digitale Methoden und lädt Forschende dazu ein, ihr Fachwissen über die Texte bei deren Erschließung einzubringen. Zukünftige NutzerInnen sind daher frühzeitig in den von Beginn an interdisziplinär und kollaborativ angelegten Erschließungsprozess involviert – darin besteht die Herausforderung, aber auch die Innovation dieses Vorhabens. Weiterlesen

Christian Zolles, Laura Tezarek & Arno Herberth: Den Aufstieg der Digital Humanities mit Andreas Okopenko denken

Abstract

Nach langer Vorlaufzeit hat der ‚digital turn‘ auch die Geisteswissenschaften erfasst und zum neuen institutionalisierten Forschungsfeld der Digital Humanities geführt. Ihr Aufgabenbereich umfasst die Adaption und Reflexion der neuen digitalen Kommunikationsformen, Anwendungsbereiche und Methoden in Forschung und Lehre sowie die zeitgemäße Archivierung, Vernetzung und Vermittlung relevanter ‚kultureller Informationen‘. Diese Vorhaben treffen auf eine im deutschsprachigen Raum traditionell eher hierarchisch, insular und mittlerweile außerordentlich prekär strukturierte Hochschullandschaft, die sich nur langsam den Prinzipien eines freien Datenaustausches, offener Kollaborationen und flexibler Problemlösungsstrategien öffnet. Es wird sich weisen, ob und welche Versprechen von Digitalität eingelöst werden können. Eines der Versprechen hat der österreichische experimentelle Autor und ‚Hypertext-Pionier‘ Andreas
Okopenko, dessen Tagebücher derzeit hybrid ediert werden, bereits früh vorgegeben. Zukünftigen HistorikerInnen hat er Denkfiguren an die Hand gegeben, anhand derer nachvollziehbar wird, was es geheißen haben könnte, Kommunikation unter digitalen Gesichtspunkten zu emanzipieren: das Denken ‚fluidisch‘ nicht den Algorithmen, die Navigation ‚konkretionistisch‘ nicht den Domains zu überlassen. Weiterlesen