Rezensionen 3/2007

Nikola Ornig: Die Zweite Generation und der Islam in Österreich. Eine Analyse von Chancen und Grenzen des Pluralismus von Religionen und Ethnien. Graz: Grazer Universitätsverlag 2006, 422 Seiten.
rezensiert von Petra Herczeg

Marian Adolf: Die unverstandene Kultur. Perspektiven einer Kritischen Theorie der Mediengesellschaft. (= Cultural Studies, hg. von Rainer Winter, Bd. 19). Bielefeld: transcript Verlag 2006, 286 Seiten.
rezensiert von Rainer Gries

Hans-Otto Hügel: Lob des Mainstreams. Zu Begriff und Geschichte von Unterhaltung und Populärer Kultur. Köln: Herbert von Halem 2007, 408 Seiten.
– rezensiert von Christoph Jacke

Clemens Zimmermann & Manfred Schmeling (Hg.): Die Zeitschrift – Medium der Moderne. La presse magazine – un média de l’époque moderne. Deutschland und Frankreich im Vergleich. Etude comparative France-Allemagne. (= Frankreich-Forum. Jahrbuch des Frankreichzentrums des Saarlandes, Bd. 6). Bielefeld: transcript Verlag 2006, 288 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang Duchkowitsch

Christoph Jacke, Siegfried J. Schmidt & Eva Kimminich (Hg.): Kulturschutt. Über das Recycling von Theorien und Kulturen. Bielefeld: transcript Verlag 2006, 361 Seiten.
rezensiert von Christian Schwarzenegger

 ____________________________________________

Andrea Morawetz: Aufbruch in eine bessere Welt: “Kauft österreichische Waren!” Politische Produktkommunikation der Zwischenkriegszeit

Einleitung: Frühjahr 1927: Zum vierten Mal in der Geschichte der Ersten Republik steht den Österreicherinnen und Österreichern die Entscheidung über die Zukunft des Landes bevor. Plakate pflastern die Straßen und werben um die Gunst der Wähler. Am 24. April 1927 ist es schließlich soweit: Die Nationalratswahl fällt zugunsten der “Einheitsliste”, in der unter anderem die christlichsoziale und die großdeutsche Volkspartei zusammen geschlossen sind, aus, und Ignaz Seipel wird wiederholt Bundeskanzler. Der “Prälat ohne Milde” ist es demnach auch, der die Geschicke des Staates lenkt, als der Justizpalast im Juli jenes Jahres in Flammen aufgeht. Ein Moment, in dem der Riss, der die Nation durchzieht, sichtbar größer wird.

Szenenwechsel: Im Herbst desselben Jahres finden sich auf den Straßen Wiens und Österreichs erneut Plakate, die eine politische Grundfärbung enthalten und ähnlich den im Frühjahr affichierten Wahlkampfplakaten das Drohgespenst der Armut thematisieren und inszenieren (Beispielsweise hieß es hier auf Plakaten drängend, wenn nicht sogar befehlend: „Die Kinder wachsen und müssen Arbeit finden!“, Kontakt 7-8/1930, S. 13). Wieder scheint sich ein Wahlkampf anzukündigen. Anders als noch wenige Monate zuvor wird dem Betrachter allerdings nicht die Entscheidung für die christlichsoziale, großdeutsche oder sozialdemokratische Partei abverlangt. Die nun eingeläutete Plakat-Schlacht, die Besserung der Handelsbilanz und Verringerung der Arbeitslosigkeit verspricht, soll nicht zu einer Entscheidung in der Wahlkabine, sondern an der Ladentheke – direkt an der Konsum-Front – führen. “Kauft österreichische Waren!” tönt es in den folgenden Jahren eindringlich von Plakaten, Inseraten, Flugblättern, aber auch aus den Rundfunkgeräten jedem Bürger und jeder Bürgerin entgegen. Die hier beworbene “Partei” hieß: “Österreich” (Die Industrie, 31/1927, S. 4). Mit einem Schlag waren die “Anderen” jetzt außerhalb der Grenzen Österreichs und nicht im Lager der “gegnerischen” Parteien zu suchen. Das überrascht und erstaunt angesichts der Entwicklungen der vorhergehenden Monate. Umso mehr, wenn deutlich wird, dass die Aktion “Kauft österreichische Waren!” (KöW) auf den Konsens und die Unterstützung der Großparteien bauen konnte. Mehr noch, diese flächendeckende Kampagne war paradoxerweise auf die Initiative eines hochrangigen großdeutschen Politikers zurückzuführen, den Minister für Handel und Verkehr und späteren Obmann der Partei, Hans Schürff (Österreichische Reklame, 3/1927, S. 29). So aufklärungsbedürftig dieser Umstand zunächst auch erscheinen mag, so offen liegt andererseits auf der Hand: Konsum war in den ausklingenden zwanziger Jahren zu einer Staatsangelegenheit erklärt worden. Jeder “gute” Österreicher und jede “gute” Österreicherin sollte nun zugunsten des Aufbaus der heimischen Wirtschaft, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Aussicht auf eine glänzende Zukunft dazu angehalten werden, inländische Waren gegenüber ausländischen Erzeugnissen zu bevorzugen. Eine Forderung, die zu Beginn der dreißiger Jahre zudem in Form einer eigens kreierten Schutzmarke visuell bezeugt wurde: Die ausgezeichneten österreichischen Produkte stellte man sichtbar unter die schützenden Fittiche eines amtlich anmutenden Adlers. Wirtschaftswerbung und nationale Propaganda verschmolzen somit im Rahmen dieser Kampagne zu einer Einheit, die wiederum Einheit – in Form der Konzeptionierung eines Wir- Gefühls und Bewusstseins für Österreich – gebären sollte (vgl. auch Gries, Morawetz, 2006). …

Michael Busch: Organisation durch Propaganda Zur Begründung der Massenbeeinflussung bei Johann Plenge

Einleitung: 

“Wie wir es sehen, steht die “Idee” über dem allen. Die Idee schafft die Organisation, wenn sie sich durch Propaganda auswirkt, und hält die Organisation lebendig, wenn sie durch Erziehung und Werbung dauernd an alle einzelnen herangetragen wird […].”
Johann Plenge

Der Nationalökonom und Soziologe Johann Plenge (1874 bis 1963) galt in der historischen Forschung lange Zeit als weitgehend unbekannt. Wohl wurde er häufig genannt, doch ging seine Bedeutung kaum über den Rahmen einer “Erwähnungsgröße” hinaus. Seit wenigen Jahren wird jedoch Plenges intellektuelles Engagement während des Ersten Weltkrieges wieder verstärkt untersucht (vgl. hierzu Hoeres, 2004; Bruendel, 2003; Müller, 2001; Beßlich, 2000; Flasch, 2000; Verhey, Bauer, 2000). Es ist somit nicht verwunderlich, dass in diesem Zusammenhang auch andere Wissenschaftsdisziplinen auf die Ausführungen des zu seiner Zeit wirkmächtigen Professors zurückgreifen. So haben auch die Kommunikationswissenschaften Plenges frühe Ausführungen zur theoretischen Begründung von Propaganda für sich entdeckt (vgl. Liebert, 2003; besonders auch Bussemer, 2005).

Dieser Aufsatz hat sich zum Ziel gesetzt, die Beziehung zwischen Plenges Organisationsmodell und seinen Ausführungen zur Propaganda vertiefend zu betrachten. Der Historiker Thymian Bussemer aus Frankfurt an der Oder hat auf diesen Zusammenhang bereits hingewiesen. Darüber hinausgehend soll hier jedoch dargelegt werden, dass Organisation und Propaganda bei Plenge keine getrennten Systeme bildeten. Vielmehr ist zu zeigen, dass die Propagandakonzeption Plenges – sowohl in ihrem Ansatz als auch in ihrer Struktur – einzig aus seiner Organisationslehre heraus verstanden werden kann und dass die Integration dieses Kommunikationsansatzes allein aus einer systematischen Neujustierung seiner Gesamtkonzeption notwendig wurde.

Um dieser These nachzugehen, wird im Folgenden versucht, einen theoretisch-systematischen Zugang mit dem historischen Rahmen und den gewonnenen Erfahrungen Plenges zu verknüpfen. Auf der Folie von Plenges Organisationslehre und seinen Vorstellungen vom Individuum sollen zu Anfang die konzeptionellen Grundlagen seiner Sozialtheorie aufgezeigt werden. Hier lassen sich bereits strukturelle Voraussetzungen verorten, die einen kommunikationstheoretischen Ansatz notwendig machten. Unter Bezugnahme auf den Briefwechsel mit dem Unternehmer Ludwig Roselius (1874 bis 1943) werden daran anschließend die Umstände dargelegt, die Plenge auf das Feld der Propaganda verwiesen. Im Anschluss daran wird anhand der inhaltlichen wie strukturellen Elemente von Plenges Propagandavorstellung deren fundamentale Verflechtung mit seiner Organisationslehre verdeutlicht. Seine theoretische Entwicklung wird am Ende mit den Erfahrungskontexten Plenges in Beziehung gesetzt, um die systematische Neujustierung – als deren Ausdruck die Integration von Propaganda zu verstehen ist – auch historisch zu begründen. …

Dirk Schindelbeck: Propaganda als totaler Psycho-Krieg "Innerbetriebliche Werbung" bei Unkers in den letzten Kriegsjahren

Einleitung: Schon mit dem Beginn von Hitlers Vier-Jahres- Plan im Oktober 1936 nahmen aufmerksame Beobachter im öffentlichen Raum schleichende Umstellungen von Friedens- auf Kriegskommunikation wahr. Der Stil der Annoncenspalten und Anschlagsäulen wurde zunehmend von Imperativen wie “Eßt mehr Fisch!” “Spart Zucker!” oder “Kampf dem Verderb!” beherrscht, was mit Kriegsausbruch 1939 drastische Verschärfungen mit sich brachte. Jetzt sollten einschneidende Verknappungen selbst bei Gütern des täglichen Bedarfs jeden echten Wettbewerb abwürgen, der Lebensalltag der Bevölkerung wurde fortan von anhaltenden Bewirtschaftungsmaßnahmen diktiert. Was unter diesen Bedingungen noch wie Wirtschaftswerbung aussah, sollte in Wahrheit kaum mehr zum Kauf real vorhandener Waren stimulieren, sondern trug zunehmend den Charakter von Erinnerungswerbung mit oftmals geradezu flehenden Untertönen “Vergessen Sie uns nicht!” oder: “Einmal sind wir wieder da!” Dessen ungeachtet waren Werbefachleute keineswegs von heute auf morgen arbeitslos. Film- und Theaterplakate, Messe- und Ausstellungsankündigungen wollten gestaltet sein – ebenso wie Kalender oder Kochrezepte, Aufrufe zu Wertstoff- Sammlungen oder Gebrauchsanweisungen für den Umgang mit Ersatzstoffen. Die Palette der Möglichkeiten, ihren Beruf auch unter Kriegsbedingungen auszuüben, war – zumindest in den ersten Kriegsjahren – noch durchaus breit, ob es nun galt, “propagandistisch wertvolle” Werbefiguren wie “Groschengrab, das Ungeheuer”, “Kalkteufel” oder “Kohlenklau” (Abb. 1) zu erfinden und zu betreuen oder als Gebrauchsgraphiker Stadtpläne englischer Großstädte reinzuzeichnen, um Bomberpiloten Kartenmaterial an die Hand zu geben.

MZ 2007-2 Schindelbeck

Abb. 1: Das Schaufenster als Propagandainstrument: Unsympath Kohlenklau auf Diebestour (1943). Quelle: Gebrauchsgraphik, Nr. 4, 1943, S. 23

Gerade die Kenntnis von Beeinflussungsstrategien und -techniken war es ja, welche dieser Funktionselite weitaus bessere Chancen eröffnete, von mörderischen Fronteinsätzen viel länger verschont zu bleiben als dies anderen Berufsgruppen vergönnt war – um am Ende gar den Krieg an der Heimatfront zu überstehen. Erst mit der Jahreswende 1942/43 waren 80 Prozent aller Werbefachleute schließlich zur Armee oder berufsfremden Tätigkeiten abkommandiert worden (Rechenschaftsbericht des dt. Werberates, 1941). Ein Bereich vermochte besonders wirksam und lange Schutz vor Einberufung zu bieten: die sogenannte “innerbetriebliche Werbung”, insbesondere in einem als kriegswichtig geltenden Betrieb. …

Rezensionen 2/2007

Volker Iglen & Dirk Schindelbeck: Am Anfang war die Litfaßsäule. Illustrierte deutsche Reklamegeschichte. Darmstadt: Primus Verlag 2006, 144 Seiten.
rezensiert von Andrea Morawetz

Hans-Jörg Czech & Nikola Doll (Hg.): Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930–1945. Im Auftrag des Deutschen Historischen Museums Berlin. Dresden: Sandstein Verlag 2007, 536 Seiten, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung.
– rezensiert von Rainer Gries

Christoph v. Ungern-Sternberg: Willy Haas 1891-1973. “Ein grosser Regisseur der Literatur”. München: Edition text+kritik 2007, 327 Seiten.
– rezensiert von Evelyn Adunka

Martina Roepke: Privat-Vorstellung. Heimkino in Deutschland vor 1945. (= Medien und Theater, Bd. 7). Zürich, New York: Georg Olms Verlag Hildesheim 2006, 236 Seiten.
rezensiert von Martina Novotny

Gabriela Christmann: Robert E. Park. (= Reihe Klassiker der Wissenssoziologie, hg. von Bert Schnettler, Bd. 5). Konstanz: UVK Verlag 2007, 136 Seiten.
– rezensiert von Gaby Falböck

____________________________________________

Horst Pöttker: Brauchen wir noch (Kommunikations-)Geschichte? Plädoyer für ein altes Fach mit neuem Zuschnitt

Einleitung: Das Rektorat der Universität Dortmund, die einen der wenigen grundständigen Journalistik-Studiengänge an deutschsprachigen Hochschulen anbietet, hat im Februar 2006 beschlossen, das dortige Historische Institut und seine Studiengänge zu schließen. Journalisten, aber auch Deutsch- und Englischlehrer, die Geschichte als Zweitfach studieren wollen, können künftig in Dortmund nicht mehr ausgebildet werden. Gleichzeitig mussten sich die Historiker in Göttingen und München gegen ähnliche Attacken wehren, so dass die Qualitätspresse in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Zeitgeist stellte. Wo der weht, beispielsweise beim Umkrempeln des europäischen Hochschulwesens durch den Bologna-Prozess, gerät die Geschichte in die Defensive. (Kommunikations-)historische Lehrangebote werden bei der Umstellung auf BA/MA-Studiengänge reduziert oder ganz zur Disposition gestellt. Was liegt in dieser Situation näher als zu fragen, ob wir eigentlich noch historische Wissenschaften brauchen, warum das gegebenenfalls so ist und wie wir, wenn es so ist, (Kommunikations-)Geschichte betreiben sollten?

Der alarmierende Zustand des historischen Bewusstseins besonders bei vielen jüngeren Menschen scheint die Notwendigkeit des Schul- und Universitätsfachs Geschichte unmittelbar zu belegen. Hans-Ulrich Wehler bezeugt, dass Schüler ihn allen Ernstes gefragt haben, ob Hitler “vor Asterix oder danach” war (Wehler, 1991, S. 211). Diese Begründung könnte allerdings dazu führen, das Wissen von der Vergangenheit in traditioneller Weise als Bildungsgut aufzufassen. Geschichte als Bildungsballast hat aber schon Friedrich Nietzsche in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung kritisch aufs Korn genommen (vgl. Nietzsche, 1874).

Ich will daher kein flammendes Plädoyer für die Kommunikationshistorie halten, sondern zunächst überlegen, ob es für die Reduktion oder sogar Abschaffung der Geschichte nicht auch gute Gründe gibt. Danach werde ich fragen, ob es trotz mancher Gründe, die gegen die Geschichte sprechen, nicht doch notwendig ist, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen und zum Beispiel in die Journalistenausbildung an Universitäten historische Komponenten zu integrieren. Und am Ende möchte ich skizzieren, wie wir uns mit (Kommunikations-)Geschichte befassen sollten, damit es einen praktischen Nutzen hat, ein gesellschaftliches Erkenntnisinteresse erfüllt und die Daten der Vergangenheit nicht zum Bildungsballast verkommen. …

Susanne Kinnebrock: Kommunikationsgeschichte und Geschlecht Perspektivische Implikationen der Frauen- und Geschlechtergeschichte für die historische Kommunikationsforschung

Einleitung: Die Kommunikationsgeschichte befindet sich an der Schnittstelle zwischen Kommunikationswissenschaft und Geschichtswissenschaft. Und so ist es nur logisch, dass sie perspektivische und methodische Entwicklungen beider Disziplinen reflektiert. Mit Blick auf die (deutschsprachige) Geschichtswissenschaft sind deren zentrale Entwicklungen – die Hinwendung zur Sozial-, Alltags- und Kulturgeschichte – auch von historisch arbeitenden Kommunikationswissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen (kritisch) verfolgt worden (vgl. exemplarisch die Ausführungen von Koszyk, 1989; Hickethier, 1998).

Zu einer Integration von frauen- und geschlechtergeschichtlichen Perspektiven ist es hingegen selten gekommen. Dies mag zum einen daran liegen, dass die Frauen- und Geschlechtergeschichte in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft ungleich schlechter etabliert ist als beispielsweise im angelsächsischen Raum (vgl. Opitz, 2005). Einen Mainstreamcharakter wie die Sozialgeschichte und zusehends auch die Kulturgeschichte konnte sie hier (bislang) nicht entwickeln (vgl. z.B. Giesebner, 2005). Und dies könnte ein Grund dafür sein, dass frauen- und geschlechtergeschichtliche Perspektivierungen von deutschsprachigen Kommunikationshistorikern und -historikerinnen bislang nur selten aufgegriffen wurden (vgl. dazu Klaus, 2005).

Dies ist insofern bedauerlich, als es sich bei der Geschlechtergeschichte um einen der dynamischsten und theoretisch avanciertesten historischen Forschungszweige handelt (u.a. Opitz, 2002; Hunt, 2005). Die konzeptionellen und methodologischen Fragen, die die Geschlechtergeschichte international angestoßen hat, könnten meines Erachtens auch für die Kommunikationsgeschichte anregend sein. Deshalb möchte ich hier perspektivische Neuorientierungen, die die verschiedenen Ansätze der historischen Gender Studies nahelegen, resümieren, reflektieren und am Beispiel der Entwicklung des Journalismus als Beruf greifbar machen. Dabei werde ich in zwei Schritten vorgehen. Im ersten Teil will ich die neuen Perspektiven vorstellen, die die Frauen- und Geschlechtergeschichte in die Geschichtswissenschaft eingebracht hat. Dabei werde ich im Wesentlichen chronologisch vorgehen, d.h. ich will mich zunächst den Perspektiven der sog. Frauengeschichte widmen und darlegen, warum und wie sie sich zur Geschlechtergeschichte transformierte. Natürlich kann die Entwicklung eines ganzen Forschungszweiges, die sich über mehr als 30 Jahre erstreckt, in diesem Rahmen nur äußerst kursorisch dargestellt werden.

Deshalb werde ich hier auf die unterschiedlichen perspektivischen Schwerpunktsetzungen, die sich in verschiedenen Ländern ergeben haben, nicht eingehen, sondern der kompakten Darstellung halber die Debatten der US-amerikanischen und deutschsprachigen Forschung synthetisieren.

In einem zweiten Schritt werde ich dann die extrahierten historischen Gender-Perspektiven auf ein zentrales, aber nach wie vor vergleichsweise wenig beforschtes kommunikationshistorisches Arbeitsfeld, die Entwicklung des Journalismus als Beruf, übertragen. Dabei soll exemplarisch herausgearbeitet werden, welche konkreten Fragestellungen die verschiedenen Perspektiven der Frauen- und Geschlechtergeschichte nahelegen würden. …

Rainer Gries: Kulturgeschichte des Kommunizierens Konjunktionen, Konjunkturen und Konnektivitäten

Einleitung: “Was ist Kulturgeschichte?” Und wie lässt sich ein tertium comparationis von kommunikations- und kulturgeschichtlichen Fragestellungen beschreiben und problematisieren? Auch neueste Publikationen zur Kulturgeschichte vermögen darauf keine Antwort zu geben: In der 2005 erschienenen Bestandsaufnahme zur Entwicklung der so genannten Neuen Kulturgeschichte aus der Feder eines Doyens dieser Forschungsrichtung, des Historikers Peter Burke aus Cambridge, findet sich überraschenderweise kein Kapitel, keine einzige explizite Aussage, die einen Zusammenhang zwischen Kommunikations- und Kulturgeschichte herstellt. Eine ‘Kultur der Sinne’ und eine ‘Kultur der Wahrnehmung’ werden zwar zitiert, Interdependenzen zwischen ‘Kommunikation’ und ‘Kultur’ bleiben jedoch unerwähnt (Burke, 2005). Das gilt auch für ein mehrfach neu aufgelegtes Standardwerk, für das “Kompendium Kulturgeschichte” der deutschen Historikerin Ute Daniel: der Begriff “Kommunikation” oder die Vokabel “Kommunikationsgeschichte” spielen dort keine Rolle (Daniel, 2001). Diese beiden Bücher bilden keine Ausnahme (Ansatzweise findet sich diese Problemstellung in dem Band von Lutter, Szöllösi-Janze & Uhl (2004) wieder, darin zum Beispiel der Beitrag von Müller, S. 177-189.) …

Kurt Imhof: Permanente Aufklärung Über den Wandel der öffentlichen Wissensvermittlung in der Moderne

Einleitung: Die über 200-jährige Gesellschaftsformation Moderne ist ohne Öffentlichkeit und die darin stattfindende Wissensvermittlung nicht denkbar. Dieser Beitrag hat das Ziel, diesen Wissensvermittlungsprozess, seine Sozialfiguren und Relevanzstrukturen zu beschreiben. In der doppelten Beschränktheit im gegebenen Rahmen eines Zeitschriftenbeitrags und des errungenen Reflexionsstandes wird hier erstens ein kommunikationstheoretischer Bezugsrahmen für das Problem der Wissensvermittlung auf individueller und überindividueller Ebene entfaltet, um dann zweitens die fundamentale Wissensbedürftigkeit der “Wissensgesellschaft” Moderne ebenfalls kommunikationstheoretisch zu begründen. Darauf aufbauend lassen sich drittens die wichtigsten Sozialfiguren und die Ressorts dieser Wissensvermittlung skizzieren. Bei diesen Sozialfiguren handelt es sich um den “Experten”, den “Handelsredakteur”, den “politischen Redakteur bzw. Schriftleiter”, den “Kunst-, Literatur- und Musikkritiker”, den “Intellektuellen”, den “Priester” und schließlich um den modernen “Journalisten”. Im neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit durchdringt die Sozialfigur des Journalisten alle Ressorts, die Wissensvermittlung in der Moderne entdifferenziert sich mitsamt den Ressorts und es verändert sich der Rationalitätsgehalt öffentlicher Kommunikation. Allerdings: Sozialfiguren sind nicht Täter, sie sind Bestandteil von sozialen Feldern, die sich verändern. Die sozialen Felder dieser Sozialfiguren sind die zu Ressorts geronnenen Relevanzstrukturen der leitmedialen Wissensvermittlung. …

Rezensionen 1/2007

Sonja Ganguin & Uwe Sander (Hg.): Sensation, Skurrilität und Tabus in den Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2006. 162 Seiten.
– rezensiert von Stephan Buchloh

Katrin Döveling: Emotionen – Medien – Gemeinschaft. Eine kommunikationssoziologische Analyse. Wiesbaden: VS Verlag 2005, 340 Seiten.
– rezensiert von Marian Adolf

Klaus Katz, Dietrich Leder & Ulrike Ries-Augustin u.a. (Hg.): 50 Jahre WDR. Am Puls der Zeit. Bd. 1-3. Köln: Kiepenheuer&Witsch 2005, 1200 Seiten.
– rezensiert von Nicolai Hanning

Heinz Lunzer, Victoria Lunzer-Talos & Marcus G. Patka (Hg.): “Was wir umbringen”. “Die Fakel” von Karl Kraus. Mit Beiträgen von Hermann Böhm, Kurt Krolop, Leo A. Lensing, Sigurd Paul Scheichl, Tina Walzer. Grafische Gestaltung: Michael Baiculescu, Josip Pavic. Wien: mandelbaum Verlag 2006, 216 Seiten.
– rezensiert von Wolfgang R. Langenbucher

Bernhard Pörksen: Die Beobachtung des Beobachters. Eine Erkenntnistheorie der Journalistik. Konstanz: UVK 2006, 362 Seiten.
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Brigitta Boveland: Exil und Identität. Österreichisch-jüdische Emigranten in New York und ihre Suche nach der verlorenen Heimat. Gießen: Haland & Wirth im Psychosozial Verlag 2006, 204 Seiten.
– rezensiert von Gaby Falböck

 

____________________________________________