Rainer Hubert: Audiovisuelles Gedächtnis – audiovisuelles Spiegelbild

Einleitung: Augen und Ohren spielen eine zentrale Rolle bei den audiovisuellen Medien. Es scheint mir daher sinnvoll, die Hirn-Metapher „Gedächtnis“ durch eine Sinnes-Metapher wie „Spiegel( bild)“ zu ergänzen.

Denn Audiovisuelles ist Abspiegelung, ist Abbildung durch Geräte. Das heißt, dass sie zwar – als Abspiegelungen einer immer stärker verbal geprägten Welt – sehr viel Gedankliches, Sprachliches enthalten, aber eben nicht nur. Audiovisuelle Aufzeichnungen sind nicht nur Gedächtnis, sie sind auch und vor allem Spiegelbild. Der Spiegel wird dabei von Menschen geführt und Menschen blicken wieder in ihn hinein: er zeigt vieles, das über sprachlich Vermitteltes hinausgeht: das Agieren von Menschen, ihre Umwelt, die Natur – den weiten Bereich des Non-Verbalen. …

Jo Adlbrecht: Flüchtig aber authentisch – Zur Glaubwürdigkeit elektronischer Medien in ihrer Anfangszeit Eine Spurensuche zwischen Röhrenradio und Schwarz-Weiß-Fernseher

Einleitung: „Glaubwürdigkeit“ ist eine zentrale Bewertungskategorie jener Medien, die nicht nur unterhalten, sondern auch informieren wollen. Diese Dimension ist umso wichtiger, je größer die inter- bzw. intramediale Vielfalt ist. Wann immer ein neues Medium wachsende Verbreitung findet, stellt sich die Frage, wie weit es zur Übermittlung von Nachrichten, im Besonderen von politischer Information, geeignet ist und wie das Publikum seine „Glaubwürdigkeit“ einstuft. Das Radio war das erste Medium, das der Tagespresse das Monopol der aktuellen Nachrichtenübermittlung strittig machte. In diesem Beitrag wird versucht, Spuren des Konzepts der „relativen“ Glaubwürdigkeit des frühen Radios und später des Fernsehens in Österreich in Relation zur Tagespresse zu finden.

„Glaubwürdigkeit“ kann im historischen Kontext nicht als Antwort auf eine präzise gestellte Frage verstanden werden. Dezidierte Intermedia-Vergleiche liegen für Österreich erst ab 1961 vor. „Glaubwürdigkeit“ ist in den über 35 Radio-Jahren davor ein Konglomerat, das Vertrauenswürdigkeit, Image, Objektivität und Wirkungs-Vermutungen umfasst. Dabei interessieren in diesem Beitrag weniger Einzelmeinungen, sondern empirische Studien zur Medienglaubwürdigkeit aus der Sicht der Publika. Langzeitstudien zu Mediennutzung und -Bewertung stehen für Österreich nicht zur Verfügung. Auch Ad-hoc- Studien fehlen für viele Jahre bzw. sind nur schwer auffindbar, nicht immer zugänglich und bisher nicht systematisch aufgearbeitet. Eine Ausnahme sind die Jahre 1946 bis 1954, in denen die US-Army vorerst im amerikanischen Sektor und später auch darüber hinaus intensive Meinungsforschung betrieb. Diese Studien bilden den Schwerpunkt des Beitrags. Die vorliegende Zusammenstellung kann nur eine Skizze sein, die durch ein Forschungsprojekt zu vertiefen wäre, das den medialen Wandel anhand der einschlägigen Modelle beschreibt. …

Rezensionen 3/2005

Margareth Lünenborg: Journalismus als kultureller Prozess. Zur Bedeutung von Journalismus in der Mediengesellschaft. Ein Entwurf. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005
– rezensiert von Petra Herczeg

Thymian Bussemer: Propaganda. Konzepte und Theorien. Mit einem Vorwort von Peter Glotz. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005
– rezensiert von Dirk Schindelbeck

Dieter Prokop: Das Nichtidentische der Kulturindustrie. Neue kritische Medienforschung über das Kreative der Medien-Waren. Köln: Herbert von Halem Verlag 2005
– rezensiert von Gaby Falböck

Reinhard Schlögl: Oskar Czeija. Radio- und Fernsehpionier, Unternehmer, Abenteurer. Wien: Böhlau Verlag 2005
– rezensiert von Gisela Säckl

Alexander C. T. Geppert, Uffa Jensen & Jörn Weinhold (Hg.): Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert. Bielefeld: transcript 2005
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Rainer Gries & Wolfgang Schmale (Hg.): Kultur der Propaganda. (= Herausforderungen. Historisch-politische Analysen, Bd. 16). Bochum: Verlag Dr. Dieter Winkler 2005
Rainer Gries / Silke Satjukow (Hg.): Unsere Feinde. Konstruktion des Anderen im Sozialismus. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2004
– vergleichend rezensiert von Bernd Semrad

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Andreas Fickers & Sonja de Leeuw: Das „European Television History Network“ Europäische Fernsehgeschichtsschreibung in vergleichender Perspektive

Einleitung: Auf der Jahreskonferenz der FIAT/IFTA (Fédération Internationale des Archives de Télévision / International Federation of Television Archives) im Oktober 2004 wurde das European Television History Network lanciert. Initiiert vom Fachbereich Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft des Instituts für Medien und Re/Präsentation der Universität Utrecht möchte dieses Netzwerk als kommunikative Plattform für europäische Aktivitäten im Bereich der historischen Fernsehforschung dienen und gemeinsame Forschungsaktivitäten initiieren und koordinieren. Vorrangiges Ziel dieses Vorhabens ist es, Fernseharchiven und Fernsehhistorikern eine gemeinsame Plattform zu bieten, auf der Probleme und Chancen einer vergleichenden europäischen Fernsehgeschichte diskutiert werden können. Aus diesem Grunde baut das Netzwerk auf dem bereits bestehenden europäischen Fernseharchivprojekt BIRTH auf. BIRTH, ein europäischer Verbund von bislang sechs Fernseharchiven, stellt auf seiner Homepage (www.birth-of-tv.org) audiovisuelles Quellenmaterial zur Frühgeschichte des Fernsehens der entsprechenden Teilnehmerländer in streaming-video-Technologie zur Verfügung, bietet eine Online-Enzyklopädie mit kurzen Überblicksartikeln zu wichtigen Themen der Fernsehgeschichte sowie eine interaktive Zeitleiste, auf der sich die Besucher ein Bild von den wichtigsten Etappen der europäischen Fernsehgeschichte machen können. Bereits vor der Gründung des European Television History Networks haben Forscher an verschiedenen Universitäten mit BIRTH kooperiert, beispielsweise durch die Mitarbeit an den so genannten „knowledge based articles“ für die online-Enzyklopädie. Das BIRTH-Portal als ideales Kommunikationsforum nutzend wurde der Homepage nun ein Television History Research Gateway hinzugefügt1, das allen Interessierten im Bereich der Fernsehgeschichte die Möglichkeit bietet, Kontakte zu europäischen Kollegen im Bereich der Fernsehgeschichte zu knüpfen sowie eigene Forschungsinteressen und -projekte in die Datenbank einzuspeisen. Das Portal bietet so die Möglichkeit, akademische, archivarische und private Interessen im Bereich der Fernsehgeschichte bekannt zu machen, mögliche Synergien zu fördern sowie gemeinsame Forschungsinteressen zu entdecken.

Aus akademischer Perspektive sind das Netzwerk und dessen Internetpräsenz aus mehreren Gründen von Bedeutung. Zum einen leistet es eine wichtige Funktion als Mittler zwischen den institutionell gut organisierten Aktivitäten im Bereich der Fernseharchive (FIAT) und den disparaten, national und universitär verstreuten Forschungsaktivitäten im Bereich akademischer Fernsehgeschichtsschreibung. Sollte sich die Idee der Netzwerkbetreiber erfüllen, kann das European Television History Network dazu beitragen, gegen alle Fragmentierungs- und Spezialisierungstrends im universitären Bereich als gemeinsamer Nenner für interdisziplinäre Forschungen im Bereich der europäischen Fernsehgeschichte zu fungieren. Zum anderen reflektiert die Initiierung des Netzwerkes die Überzeugung der Netzwerkbetreiber, dass die Fernsehgeschichtsschreibung dringend einer vergleichenden historischen Perspektive bedarf. Die im nächsten Abschnitt folgende kurze fernsehhistoriographische Skizze macht deutlich, wie stark die Rundfunkgeschichtsschreibung der letzten dreißig Jahre am jeweiligen nationalen Kontext ausgerichtet war. Diese dem Historismus verpflichtete Tradition nationaler Geschichtsschreibung zu überwinden ist eine wesentliche Motivation dieser Initiative. Des Weiteren ist das Vorhaben von der Idee inspiriert, europäische Fernsehgeschichte vor dem Hintergrund sozialund kulturwissenschaftlicher Fragestellungen zu betreiben und besonders nach der Funktion und Bedeutung des Fernsehens bei Prozessen medialer Identitätskonstruktion, politischer Partizipation und symbolischer Sinnerzeugung zu fragen. —

Lieve Desmet: Celebrating 50 years of TV on the Flemish Public Broadcaster, VRT in Belgium Entertaining and building a collective memory

Introduction: At present, a lot of Western European countries are involved in some kind of celebration of the fiftieth anniversary of their introduction of television. Following the examples set by Germany (1935), the United Kingdom (1936), France (1937) and the Netherlands (1951), Belgium was in 1953 the fifth Western European country to introduce public television1. Like the BBC, Belgian public television was launched by the national public radio network: the National Radio Institute, which had separate services for the Dutch-speaking Belgians (Flemings) as well as for their French-speaking fellows (Walloons). Over the years, this linguistic division (which came and comes with cultural differences) was embedded in the statutes of the public broadcaster. Among other things influenced by the political processes that slowly turned Belgium from a unitary into a federalized state, the linguistic distinction eventually resulted in the establishment of a separate Flemish (NIR/BRT/BRTN/VRT) and Walloon (INR/RTB/RTBF) public radio and television network. In 2003, both institutes, which still share the same building in Brussels but operate completely independent, celebrated their fiftieth anniversary. The commemorations didn’t have much in common apart from some sharing moments during the opening and closing show and a logo, which was specially designed for the occasion. …

Susanna Baumgartner & Birgit Wolf: Frauenbewegtes Fernsehen im ORF der 1970er Medienhistorische und genderperspektivische Betrachtungen zur ORF-Magazinsendung „Prisma“ unter der Leitung von Trautl Brandstaller

Einleitung: Nach der Neuordnung des österreichischen Mediensystems unter Aufsicht der Besatzungsmächte fand das neue Medium Fernsehen mit wachsendem Wohlstand rasche Verbreitung. Später verpflichtete sich der ORF auf Grundlage des ersten Rundfunkgesetzes vom 10. Juli 19741 mit zwei gleichwertigen Fernsehprogrammen dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag als Vermittler von wichtigen Informationen für die Allgemeinheit zu einer unparteilichen und objektiven Berichterstattung unter Gewährleistung der Meinungsvielfalt und der Berücksichtigung von Minderheiten. Seine Programme sollten laut Gesetzgebung ausgewogen sein, um die verschiedenen Gruppen einer Gesellschaft anzusprechen. Weiters verpflichtete sich der ORF zur Förderung aller Fragen eines demokratischen Zusammenlebens. In Anlehnung an den Auftrag zur umfassenden Information der Allgemeinheit über alle wichtigen politischen und sozialen Fragen wurde die Frage nach einem frauenbewegten Fernsehen speziell in den 1970er Jahren laut. Eine Basis für eine Frauenöffentlichkeit in Österreich formten Ereignisse wie das UNO-Jahrzehnt der Frauen, die Entstehung der Neuen Frauenbewegung in Österreich sowie die Frauenbeauftragten der Regierung Bruno Kreiskys.

Was unternahm der ORF, um mit seinem Bildungsauftrag auch der neuen Frauenöffentlichkeit gegenüber gerecht zu werden? Am Beispiel des ORF-Frauenmagazins „Prisma“ unter der Leitung von Trautl Brandstaller wollen wir uns dieser Frage annähern. Zur theoretischen Einbettung des Themas beziehen wir uns auf die kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung, insbesondere auf Elisabeth Klaus’ Ausführungen zur Frauenöffentlichkeit. Um das Magazin „Prisma“ im historischen Zusammenhang zu sehen, werden die politischen Rahmenbedingungen und der ORF in der damaligen Zeit kurz skizziert. Für die biographische und medienhistorische Annäherung werden als Untersuchungsmaterial Interviewaufnahmen mit Trautl Brandstaller, Zeitungsartikel und Videoaufzeichnungen der Sendungen aus dem ORF-Fernseharchiv herangezogen. …

Thomas Lietz: Fernsehnutzung in der DDR als kommunikationshistorisches Problem Methodologie und Quellen

Einleitung: Anliegen dieses Beitrages ist es, vorrangig methodologisch orientierte Überlegungen zu einem kommunikationshistorischen Ansatz der Fernsehnutzungsforschung vorzustellen. Die folgende Darstellung beruht auf der Mitarbeit des Autors am Teilprojekt »Rezeptionsgeschichte« im DFG-Projekt »Geschichte des DDR-Fernsehens – komparativ«. Gegenstand der Forschungen des Teilprojekts ist die Nutzung und Bewertung des Programmangebotes des DDR-Fernsehens. Weiterhin wird der Versuch unternommen, Muster der Fernsehnutzung in verschiedenen sozialen Aggregationen zu ermitteln und im Zusammenhang mit historischen und sozialen Kontexten zu erklären. Dabei sind einige Besonderheiten zu berücksichtigen. Ähnlich wie in weiten Teilen Österreichs und der Schweiz waren auch in der DDR Programmangebote der Bundesrepublik Deutschland zu empfangen. Die eigentliche Problematik stellte die hochgradig ideologisierte, von der SED öffentlich geführte Debatte um dieses Angebot dar. Sie sollte die Nutzung überwiegend über die Erzeugung moralischer Zwänge verhindern. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass dieses Angebot einen beträchtlichen Einfluss auf die Erwartungshaltung an die Programme des DDR-Fernsehens entfaltete und somit Nutzung und Bewertung der im Empfangsgebiet wohnenden Bevölkerung mindestens mittelbar beeinflusste.

Für die Fragestellung erscheint es uns sinnvoll, einen strukturgeschichtlichen Ansatz mit einer handlungsorientierten Perspektive zu verknüpfen. Mediennutzung wird als Spezialfall des sozialen Handelns verstanden und im Zusammenhang mit den Arbeits-/Alltagsbedingungen und dem Freizeitverhalten der DDR-Bevölkerung gedeutet. Dabei darf Fernsehnutzung als ein Teil der Mediennutzung nicht als singuläres Phänomen dargestellt, sondern sollte im Zusammenhang mit den übrigen verfügbaren medialen Angeboten erklärt werden. Als der dominierende Handlungszusammenhang steht der Alltag im Vordergrund der Analysen. Auf dieser Handlungsebene treffen die Bedingungen der Arbeitswelt, als strukturelle Merkmale einer Gesellschaft, und der soziokulturelle Kontext der Handelnden aufeinander. Nicht zuletzt ist Medienhandeln als weitgehend habitualisierte Handlung in den Alltag integriert und wird überwiegend an den Erfordernissen und Zwängen des Alltagshandelns ausgerichtet. …

Rezensionen 2/2005

Vittoria Borso & Christoph Kann (Hg.): Geschichtsdarstellung. Medien – Methoden – Strategien. (= Europäische Geschichtsdarstellungen, Bd. 6). Köln. Weimar, Wien: Böhlau Verlag 2004
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Fabio Crivellari, Kay Kirchmann, Marcus Sandl & Rudolf Schlögl (Hg.): Die Medien der Geschichte. Historizität und Medialität in interdisziplinärer Perspektive. (= Historische Kulturwissenschaften, Bd. 4). Konstanz: UVK 2004
rezensiert von Erich Vogl

Manfred Jochum (Hg.): Kultur & Medien. Alpbacher Mediengespräche 2003. Innsbruck: StudienVerlag 2004
– rezensiert von Iris Hajicsek

Edgar Lersch & Helmut Schanze (Hg.): Die Idee des Radios. Von den Anfängen in Europa und den USA bis 1933. (= Jahrbuch Medien und Geschichte 2004). Konstanz: UVK 2004
– rezensiert von Gaby Falböck

Rudolf Stumberger: Fernsehen und sozialstruktureller Wandel. Eine theoretisch-historische Untersuchung zur Bedeutung eines Mediums im Modernisierungsprozess 1945 bis Mitte der 1970er Jahre unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Klasse der Arbeiter. München: Herbert Utz Verlag Wissenschaft 2002
– rezensiert von Christian Schwarzenegger

Christiane Fritsche: Vergangenheitsbewältigung im Fernsehen. Westdeutsche Filme über den Nationalsozialismus in den 1950er und 60er Jahren. München: Martin Meidenbauer 2003
– rezensiert von Bernd Semrad

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Maria Löblich: Probleme und Chancen des biographischen Leitfaden-Interviews Ein Erfahrungsbericht

Einleitung: Biographische Forschung stützt sich häufig auf Lebenserfahrung und Lebensführung, dargestellt aus der Sicht des Subjekts. Ein Zugang zu Lebensgeschichten ist das biographische Interview, in dem eine Person entweder nach Abschnitten ihres Lebens oder nach ihrem gesamten Lebenslauf befragt wird. Dabei besteht eine Grundannahme darin, dass über ein relativ offen gestaltetes Interview die Interpretation oder Rekonstruktion des Lebensverlaufs aus subjektiver Sicht zur Geltung kommen kann. Eine zweite Prämisse lautet, dass der Erzählende seine Lebensgeschichte „identisch und authentisch“ rekonstruiert. Inwiefern ist es aber überhaupt möglich, mit einem Interview die Sicht „von innen“ zu erheben?

Die Annahme, dass Erinnerungen mit Erlebnissen und Geschehnissen der Vergangenheit gleichzusetzen sind, findet man in der heutigen Methodenliteratur ebenso wenig wie die Vorstellung, dass Erzähltexte völlig frei vom Erzähler produziert werden. Ein Interview wird – wie andere soziale Situationen auch – von Erwartungen  insichtlich der Begegnung, von bestimmten Vorstellungen der Gesprächspartner voneinander, von der Wahrnehmung verbaler und non-verbaler Äußerungen des jeweils Anderen sowie von der gemeinsamen Situationsdefinition beeinflusst. Allerdings existieren im Interview spezifische Kommunikationsregeln, von Interviewer und Befragtem wird die Einhaltung bestimmter Rollen verlangt. Ein biographisches Interview wird aber auch vom Gedächtnis beeinflusst und von der aktuellen Lage des Befragten. Besonders in erzählbetonten Interviewformen kommen die sogenannten „Zugzwänge“ des Erzählens als Organisations- und Gestaltungsfaktor der Antworten hinzu.

Ein weiterer Grund, sich mit Problemen im biographischen Interview zu beschäftigen, besteht darin, dass hier im Unterschied zu bereits vorhandenen Quellen das Material erst produziert wird. Dies eröffnet zumindest die Möglichkeit, vorab potentielle Schwierigkeiten zu reflektieren und nach Lösungen zu suchen. …

Klaus Kienesberger: Sepp Plieseis Deutung und Umdeutung einer Partisanen-Biographie

Einleitung:

„Plieseis war ein gescheiter Bursche, nur dass er halt so versessen war auf den Kommunismus, auf das Regime, das wird die Zukunft der Welt! Er hat schon einiges davon erzählt, aber auch nicht zuviel, damit, wenn einer einmal erwischt würde und ausgefragt würde, dass er auch da nicht zuviel gewusst hätte.“

Karl Feldhammer, ehemaliges Mitglied der Partisanenbewegung im Salzkammergut erinnert sich im Zuge eines Interviews mit Peter Kammerstätter an Sepp Plieseis, den Kopf der dort von 1943 bis 1945 aktiven Partisanenbewegung. Leopoldine Aster, zu dieser Zeit eine der Unterstützerinnen, spinnt andere Assoziationen: „Zu Plieseis: wir waren damals junge Dirndl, er hat uns gefallen. Er war ein fescher Kerl. Mehr war nicht.“ Denn: „Die politische Einstellung, Politik, hat uns nicht interessiert (…).“

Das Leben dieses Sepp Plieseis war ereignisreich, ja mit Sicherheit auch spannend und gefährlich. Er war Sozialdemokrat, Kommunist, Spanienkämpfer, KZ-Häftling, Partisanenkämpfer, Exekutivorgan und letztlich kommunistischer Funktionär. Im Jahr 1946 erschien unter seinem Namen eine Biographie mit dem Titel „Vom Ebro zum Dachstein.“ Verfasst hat Plieseis den Text in Zusammenarbeit mit dem deutschen Schriftsteller Rudolf Heinrich Daumann.

Mehr als 20 Jahre ruhten die Erlebnisse Plieseis’, dann griff ein DDR-Schriftsteller namens Julius Mader den Stoff auf und brachte „Vom Ebro zum Dachstein“ unter dem Titel „Partisan der Berge“ neu heraus. Neben kleinen sprachlichen Änderungen, um den Text für den DDR-Markt lesbarer aufzubereiten, stechen bei genauerer Analyse auch inhaltliche Veränderungen ins Auge, die Mader am Ursprungstext vorgenommen hat und die Auslöser für harsche Kritik in einem Beitrag im Kommunist („Theoretisches Organ des Kommunistischen Bundes Österreichs“) waren.

Im Jahr 1977 entstand auf Basis des Textes „Partisan der Berge“ eine fiktionale DDR-Fernsehserie, die unter dem Titel „Gefährliche Fahndung“ eine Geschichte im Salzkammergut des Jahres 1975 konstruiert, in der wesentliche Charaktere der Salzkammergut-Partisanenbewegung sowie der auf die „Alpenfestung“ vertrauenden Nationalsozialisten variiert werden.

Sepp Plieseis war Partisane, seine Aufgabe bestand teils darin, zu konspirieren, sich zu verstecken, andere zu tarnen und zu täuschen. Ein Bestreben, das einer einigermaßen durch Daten abgesicherten biographischen Darstellung widerstrebt und bis dato höchst widersprüchliche Eigen- und Selbstdarstellungen produzierte.

Vorliegender Beitrag soll zu einer Problematisierung von Biographien und deren Kommunikation, Um- und Neudeutung sowie deren Fiktionalisierung am Beispiel Sepp Plieseis beitragen und Denk- und Forschungsanstöße liefern. An einer eingehenden Betrachtung dieser spezifischen Thematik wird bereits gearbeitet. …