Hanno Hardt: Am Vergessen scheitern Essay zur historischen Identität der Publizistikwissenschaft

Einleitung: Reproduktionen der Vergangenheit sind stets Sache der Gegenwart, die sich um der Emanzipation und des Fortschritts willen erinnern muss, um nicht am Vergessen zu scheitern. Fachgeschichte als Interpretation vergangener wissenschaftlicher Praxis oder politischer Ambitionen ist unmittelbarer Ausdruck dieser Gegenwärtigkeit und bereichert mit jeder neuen Interpretation das Verständnis der eigenen historischen Situation. Der folgende Beitrag versteht sich in diesem Sinne als kritische Anmerkung zur historischen Identität des Faches.

Die Geschichte der deutschen Publizistikwissenschaft ist seit der Etablierung eines Instituts der Zeitungskunde an der Universität Leipzig (1916) bis zur Rehabilitierung des Faches nach Ende des Zweiten Weltkrieges eng mit der politischen Geschichte Deutschlands verknüpft.

Die historische Erfahrung dieser Verflechtung wissenschaftlicher und politischer Interessen, insbesondere der Zeitungswissenschaft im „Dritten Reich“, gehört zum Wissen um die Vorgeschichte der Identität einer „neuen“ Publizistikwissenschaft, genauso wie die sich nach 1945 anschließende Revision der gängigen Definition des Faches im wissenschaftlichen Diskurs, der sich mehr an die amerikanische Massenkommunikationswissenschaft mit ihren pragmatisch-positivistischen Forschungsansätzen hielt und weniger an eigene historischsoziologische Traditionen, die mit der Entwicklung der deutschen Sozialwissenschaften verbunden waren.

Diese Faszination einer dominanten, empirischen US-Massenkommunikationsforschung versteht sich als emanzipatorisches Erlebnis. Im Gegensatz zu einer (längst fälligen) Identifizierung mit der traditionellen (europäischen) Soziologie, mit ihren Wurzeln in der Philosophie, versprach die Massenkommunikationsforschung der neuen Welt, mit ihrem Fetischismus der kontrollierbaren Fakten, eine Abkehr vom spekulativen Denken und damit eine klare wissenschaftsideologische Trennung. Darüber hinaus war die Übernahme einer amerikanischen Tradition der Sozialforschung auch eine konsequente Identifizierung mit auf „demokratischem“ Boden gewachsener Theorie und Praxis und konnte daher als ein wichtiger Schritt in Richtung einer politischen Rehabilitierung des Faches angesehen werden. Allerdings nicht als Patentlösung; denn die Probleme der Vergangenheit hingen weiterhin ungelöst über der „neuen“ Publizistikwissenschaft: neben einer Neuauflage der alten Rivalität mit der Soziologie, die ebenfalls vom Einfluss der US-Sozialforschung profitierte, gab es den problematischen Verbleib einer mit dem „Dritten Reich“ identifizierten Professoren- und Dozentenschaft. …

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