Editorial 2/2019

Maria Löblich, Christian Schwarzenegger & Thomas Birkner

Dieses Heft geht zurück auf die Jahrestagung der DGPuK-Fachgruppe Kommunikationsgeschichte, die im Januar 2018 in Berlin stattfand. Der Call for Papers war vor allem von der Erkenntnisperspektive von Michel Foucault inspiriert, verfolgte diese aber nicht streng, um andere Diskursbegriffe ebenso nicht auszuschließen wie Ansätze, die sich auf alternative Weise mit medialer Realitätskonstruktion beschäftigen. Diese Einleitung beschreibt zunächst, 1) was die Idee der Tagung war, 2) aus welchen Gründen diese Idee relevant ist und schließlich 3) warum sich dieses Heft aus den fünf vorliegenden Beiträgen zusammensetzt.

1) In Diskursen wird entschieden, welches Wissen über Realität legitim ist und welche Realitätsdefinitionen nicht akzeptabel sind. Diskurse bestimmen, was gedacht, gesagt und getan werden darf, ohne ins gesellschaftliche Abseits zu geraten. Mit ihren Unterscheidungen und Grenzziehungen, Symbolen und Kategorien sind sie Ausdruck von Machtverhältnissen (Foucault 1983, 2005). Sie sind nicht nur Struktur, sondern auch sprachliche und nicht-sprachliche Auseinandersetzung von Akteuren, die um Geltung und Macht ringen. Spätestens seit Aufkommen der Massenpresse werden gesellschaftliche Diskurse wesentlich durch die Regeln und Routinen eines sich ausdifferenzierenden, eigenlogisch operierenden Mediensystems mitgestaltet. Anders ausgedrückt: Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts sind „Diskurse auf Medien angewiesen“ (Karis 2010, 237), „die in ihrer je spezifischen materiellen und sozialen Eigenart Bedingungen des Aussagens darstellen und die Rezeption beeinflussen, noch lange bevor ein Autor etwas sagen wollte.“ (Sarasin 2006, 64)

Von JournalistInnen produzierte und reproduzierte Diskurse sind wegen ihrer Reichweite und zugeschriebenen Bedeutung zu Objekten strategischen Kalküls von organisierten Interessen geworden. Einst fest etablierte Diskursinstitutionen, wie etwa Kirchen, haben an Macht verloren. Freiräume für gesellschaftliche Selbstorganisation und wirtschaftliches Handeln erweiterten sich. Politische Parteien entstanden. Die sich ausdifferenzierende und expandierende Massenkommunikation band immer breitere Schichten der Gesellschaft ein (Birkner 2012; Stöber 2000; Wilke 2008). Damit wuchs auch die Möglichkeit und die Notwendigkeit, in der medialen Öffentlichkeit um Zustimmung und Akzeptanz zu werben. Massenmedien als eigengesetzliche Konstrukteure von „Sagbarkeits- und Wissensräumen“ (Link 2006, 41) wurden für ein nach und nach immer breiteres Spektrum gesellschaftlicher Akteure strategischer Bezugspunkt, Ressource und auch Streitgegenstand: Medien sind nämlich „zugleich auch privilegierte Themen, Motive und Gegenstände von Diskursen“ (Stauff 2005, 127). Aus einer diskurstheoretischen Perspektive – und das ist ein weiterer Untersuchungsgegenstand für die Kommunikationsgeschichte – können Medien und öffentliche Kommunikation als Gegenstände verstanden werden, die in Diskursen als Praktiken überhaupt erst systematisch gebildet wurden (Foucault 1981, 74). Medienkritik, wissenschaftliche Untersuchungen, Praktikerliteratur, ökonomische oder politische Funktionszuschreibungen haben als solche Praktiken die Regeln der medialen Realitätskonstruktion hervorgebracht und verändert. Im 19. Jahrhundert etwa beschwerten sich katholische Geistliche, dass es für die „schlechte Presse“ keine Wahrheit gebe (Schmolke 1971), und SozialdemokratInnen warfen bürgerlichen Blättern „geistige Corruption der Masse“ vor (Leesch 2014, 43). Heute lauten die Kampfbegriffe „Lügenpresse“, „Fake News“ oder „alternative Fakten“. Sie sind Kristallisationspunkte wiederkehrender und anhaltend schwelender Debatten (Böning 2018).

Die Bedeutung, die Medien in der Formung und Durchsetzung von Wissen über Realität gehabt haben, war im Verlauf der Geschichte durchaus unterschiedlich und ist mit Blick auf Phasen der Medienlenkung und -kontrolle nicht einfach als linearer Bedeutungs- und Gestaltungszuwachs zu verstehen. Die Wissensordnung(en), die Medien über die Zeit konstruiert haben, waren mal stärker an politischen Zielen orientiert, mal stärker an wirtschaftlichen. In gelenkten Mediensystemen haben Diskurse anders funktioniert als in Mediensystemen, in denen Pressefreiheit institutionalisiert und einklagbar war, und in Zeiten regulierten ökonomischen Wettbewerbs anders als in Phasen deregulierter Medienmärkte.

Eine – auch nur lose an Foucault orientierte – kommunikationshistorische Forschung fragt nach den Realitätsdeutungen, die die Medien oder auch spezifische Mediengattungen erzeugten, sowie nach ihren Entstehungsbedingungen und Wirkungen. Was waren die Grenzen des Sagbaren, die in der öffentlichen Kommunikation markiert wurden? In welche Machtverhältnisse waren Medien eingebettet, in welcher Beziehung standen sie zu anderen Institutionen, Akteuren und Orten gesellschaftlicher Diskurse? Wie wurden sie selbst zum Gegenstand von Diskursen? Quer durch die Forschungsfelder der Kommunikationsgeschichte sind dabei Erkenntnisse von Interesse, die über die Funktionsweisen journalistischer Diskurse, Einflussfaktoren und Verflechtungen mit nicht-medialen Aussagenformationen informieren können (Classen 2008). Eine solche Kommunikationsgeschichte kann sich in mindestens fünf Themenfeldern engagieren:
1. Medienrealität und mediale Diskursstrukturen
2. Einflüsse auf mediale Realitätskonstruktion
3. Folgen von medial (re-)produzierten Diskursen
4. Medien als Gegenstand des Diskurses
5. Theorie, Methode und Kritik kommunikationshistorischer Diskursanalyse

2) Eine Kommunikationsgeschichte, die Diskurse über und von Medien rekonstruiert, ist aus mehreren Gründen relevant. Sie ist für historische Analysen gut geeignet und bezieht die Makroebene der Gesellschaft ein (Classen 2008, 374f). Sie hilft untersuchen, wie in modernen Gesellschaften „die Produktion von Diskursen, die (zumindest für eine bestimmte Zeit) mit einem Wahrheitswert geladen sind, an die unterschiedlichen Machtmechanismen und -institutionen gebunden“ (Foucault 1983, 8) ist. Indem eine solche Perspektive auch die Entstehungsbedingungen von medial konstruierten Wissensordnungen umfasst, vermeidet sie einen isolierten – in gewisser Weise sozial und machttheoretisch „entbetteten“ – Blick auf Medieninhalte. Kommunikationsgeschichte kann sich gerade auf diese Weise von zahlreichen gegenwartsbezogenen kommunikationswissenschaftlichen Studien unterscheiden. Ein weiterer Gewinn besteht in den „Einsichten zur Wirkungsgeschichte“ der Medien sowie einer „medialen Ideologiegeschichte“ (Wilke 2014, 217). Eine historische Diskursanalyse, die Medien- und Öffentlichkeitsforschung sowie Gesellschaftsgeschichte zusammenführt, leistet einen Beitrag zum Verständnis der heutigen Medienrealität sowie der aktuellen Debatten um Journalismus (vgl. Böning 2018).

3) Dieses Heft setzt sich aus fünf von insgesamt 15 Beiträgen zusammen, die auf der Tagung zu erleben waren. Wie kam es zu dieser Auswahl? Alle AutorInnen waren eingeladen, ihren Vortrag zu verschriftlichen. Sechs Beiträge wurden eingereicht und nach Begutachtung der HerausgeberInnen zur Überarbeitung zurückgeschickt. Ein Aufsatz wurde nicht überarbeitet. Die hier abgedruckten Beiträge, die den Zeitraum von der Frühen Neuzeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts überspannen, nähern sich Diskursen über Medien und medialer Realitätskonstruktion auf sehr disparate Weise. Eine Orientierung, wie die weitgefassten Erkenntnisinteressen, die gerade beschrieben wurden, mit Foucault in der Forschung umgesetzt werden können, wird man in diesem Heft nicht finden. Dafür gibt es andere Vorschläge: bei Indira Dupuis und der Rolle der Medienberichterstattung für die Transformation in Polen eine Kombination von Systemtheorie und an Fairclough orientierter kritischer Diskursanalyse. Andre Dechert und Aline Maldener arbeiten in ihrer Studie zu Jugendmedienschutz in den 1950er- und 1960er-Jahren mit Ernesto Laclaus und Chantal Mouffes Diskurstheorie. Sowohl von Laclau und Mouffe sowie von Fairclough gibt es eine Linie zu Foucault. Hendrik Michael arbeitet mit Framing und Berichterstattungsmustern, um ein genuin diskurstheoretisches Interesse zu verfolgen: wie die „Formation der Äußerungsmodalitäten“ (Foucault 1981, 75) – die Regeln der Gestaltung und Darstellung der Sozialreportage – Armut im Kaiserreich konstruiert haben. Jürgen Wilke knüpft an einen linguistischen und soziologischen Diskursbegriff in seiner Untersuchung des Meinungs- und Pressefreiheitsdiskurses in der jungen Bundesrepublik an. Anne Purschwitz und Alexander Hinneburg setzen sich mit Topic Modeling auseinander, einem Verfahren, das für Diskursanalysen interessant sein kann und weiter diskutiert werden muss.

Das Heft gibt einen Einblick in die Vielfalt der unterschiedlichen Perspektiven und Ansätze, die in der Kommunikationsgeschichte zum Inventar gehören, um Diskurse zu analysieren, gibt damit auch Hinweise darauf, welche weniger prominent vorkommen und zeigt, dass es schwierig sein kann, über Gemeinsames zu sprechen, wenn von Diskursen die Rede ist. Während die Beiträge zu diesem Heft ihr jeweiliges Diskursverständnis im jeweiligen Kontext produktiv machen können, spiegelt sich gerade durch ihre Verschiedenheit auch die schwache Verwurzelung der Diskursanalyse in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft (ein aktueller Überblick in Wiedemann & Lohmeier 2019; vgl. auch Classen 2008). Das Lehrbuch zur Kommunikationsgeschichte (Arnold, Behmer & Semrad 2008) sowie die soeben erschienenen Sonderbände des Jahrbuchs für Kommunikationsgeschichte zeigen (Bellingradt, Böning, Merziger & Stöber 2019a, b), dass dieser konstruktivistische Blick vorerst noch von der Geschichtswissenschaft und anderen Fächern zugeliefert werden muss (vgl. Stauff 2005; Wollnik 2018). Die historischen Beziehungen zwischen öffentlicher Kommunikation, Medien sowie Diskurs sind (noch) eine Leerstelle, Diskurs (noch) ein „Plastikwort“ (Pörksen 2004; vgl. Classen 2008, 364).

Bibliographie
Arnold, K., Behmer, M. & Semrad, B. (Hg.). Kommunikationsgeschichte. Positionen und Werkzeuge. Ein diskursives Hand- und Lehrbuch. Münster.
Bellingradt, D., Böning, H., Merziger, P., & Stöber, R. (Hg.) (2019a). Kommunikation in der Frühen Neuzeit. Beiträge aus 20 Jahren „Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte“, (= Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 31.1) Stuttgart.
Bellingradt, D., Böning, H., Merziger, P., & Stöber, R. (Hg.) (2019b). Kommunikation in der Moderne. Beiträge aus 20 Jahren „Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte“, (= Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 31.2). Stuttgart.
Birkner, T. (2012). Das Selbstgespräch der Zeit. Die Geschichte des Journalismus in Deutschland 1605-1914. Köln.
Böning, H. (2018). „Lügen-Presse“, „Fake-News“ und „Medien-Mainstream“. Gedanken zu einigen Neuerscheinungen zum Thema und zum Zustand der Gegenwärtigen Presseberichterstattung. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 20, S. 122-155.
Classen, C. (2008). Qualitative Diskursanalysen in der historischen Medien- und Kommunikationsforschung. In: Arnold, K., Behmer, M. & Semrad, B. (Hg.), Kommunikationsgeschichte. Positionen und Werkzeuge. Ein diskursives Hand- und Lehrbuch. Münster, S. 363-382.
Foucault, M. (1981). Archäologie des Wissens. Frankfurt am Main.
Foucault, M. (1983). Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main.
Foucault, M. (2005). Analytik der Macht. Frankfurt am Main.
Karis, T. (2010). Foucault, Luhmann und die Macht der Massenmedien. Zur Bedeutung massenmedialer Eigenlogiken für den Wandel des Sagbaren. In: Landwehr, A. (Hg.), Diskursiver Wandel. Wiesbaden, S. 237-251.
Leesch, K. (2014). ‚Vorwärts‘ in ‚Die neue Zeit‘. Die sozialdemokratische Presse im langen 19. Jahrhundert. Leipzig.
Link, J. (2006). Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Göttingen.
Pörksen, U. (2004). Plastikwörter: die Sprache einer internationalen Diktatur. 6. Auflage. Stuttgart.
Sarasin, P. (2006). Diskurstheorie und Geschichtswissenschaft. In: Keller, R., Hirseland, A., Schneider, W., & Viehöver, W (Hg.), Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse Bd. I. Theorien und Methoden. Wiesbaden, S. 55-78.
Schmolke, M. (1971). Die schlechte Presse. Katholiken und Publizistik zwischen Katholik und Publik 1821-1968. Münster.
Stauff, M. (2005). Mediengeschichte und Diskursanalyse. Methodologische Variationen und Konfliktlinien. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 4, S. 126-135.
Stöber, G. (2000). Pressepolitik als Notwendigkeit. Stuttgart.
Wiedemann, T. & Lohmeier, C. (Hg.) (2019). Diskursanalyse für die Kommunikationswissenschaft. Wiesbaden.
Wilke, J. (2008). Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. 2. Auflage. Köln.
Wilke, J. (2014). Rezension zu Tina Theobald: Presse und Sprache im 19. Jahrhundert. Eine Rekonstruktion deszeitgenössischen Diskurses. In: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, 16, S. 216-217.
Wollnik, D. (2018). Das Telefon und seine Einführung in Japan im 19. Jahrhundert Diskursanalytische Bemerkungen zu einem besonderen Fall der Telefongeschichte. In: medien & zeit, 33 (3), S. 69-74.

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