Simon Sax: Lokale milieuspezifische Periodika in der historischen Medienwirkungsforschung Die Jüdische Wochenzeitung für Nassau im Juliwahlkampf 1932 als Beispiel

Abstract
Der vorliegende Beitrag schlägt lokale milieuspezifische Periodika als Gegenstand der historischen Medienwirkungsforschung vor. Entsprechend der Relevanz sozialmoralischer Milieus und des Zwei-Stufen-Flusses der Kommunikation als Analyseinstrumente für die Gesellschaft der Weimarer Republik wird für die Berücksichtigung dieser Periodika als Mittel der Annäherung an Meinungen und Einstellungen in lokalen Milieugemeinschaften argumentiert. Illustriert wird ein daraus resultierendes Vorgehen am Beispiel der Vorwahlberichterstattung des Gemeindeblatts
Jüdische Wochenzeitung für Nassau und ihres Schriftleiters Saul Lilienthal im Juli 1932.

This paper proposes local milieu-specific periodicals as a subject for the historical study of media effects. Along the relevance of social-moral milieus and the two-step flow of communication as an analytical instrument for society in the Weimar Republic, I argue for the consideration of these periodicals as a means of approaching opinions and attitudes in local milieu communities. This approach can be illustrated using the example of the pre-election reporting of the community newspaper Jüdische Wochenzeitung für Nassau and its editor Saul Lilienthal in July 1932.

Francisco Rüdiger: Trotsky, Gramsci, and Communist Journalistic Thought between the World Wars

Abstract
The International Communist (Comintern) integrated the press into political propaganda and organizational partisanship, leaving little or no room for true journalistic activity throughout its history. This article shows that, in spite of this, this trend did not advance linearly, knowing some thinking alternatives in and outside the Soviet Union. Trotsky and Gramsci’s ideas about journalism are a proof of this, despite how little they resonated in practice, due to the progressive political marginalization of the first theoretician by Stalinism and the jailing of the last by Mussolini’s Italy. This is argued here through a documentary analysis of their main writings concerning the matter. Notwithstanding their objective weakness or utopian status, there were efforts to think the specificity of journalism from the Communist point of view until the beginning of the 1930s.

Sigrun Lehnert: Verflochtene Geschichte(n) Wochenschau als Gegenstand der Entangled Media History

Abstract
Aus dokumentierenden Filmen, die am Ende des 19. bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunächst als Jahrmarktattraktionen und in Varietés vorgeführt wurden, entwickelte sich die Kino-Wochenschau. Die Kompilation von kurzen Filmen wurde ein spezifisches Format und ein Präsentationsinstrument. Somit war die Berichterstattung thematisch zwar weitgehend auf die eigene Nation fokussiert, das Medium ‚Film‘ jedoch ermöglichte durch seine rasante Verbreitung den kommunikativen Austausch mit anderen Ländern. So können die Kino-Wochenschauen als Quelle für die Entangled Media History (EMHIS) dienen, beispielsweise mit der Frage: Was wurde als wichtig oder wert erachtet, über andere Nationen mitzuteilen, und warum? Eine zweite Ebene der Verflechtung ist mit der Gestaltung des Mediums verbunden, denn vielfältige Elemente wurden integriert: Foto, Film, Grafik, Schrift – sowie Ton für Stimme, Musik und Geräusch. Die Wochenschau bzw. einzelne Berichte wurden in verschiedenen Medien – in Zeitungen, Zeitschriften, im Radio – thematisiert oder es wurden Ausschnitte in Filme eingebunden, sodass darin eine weitere Ebene der Verflechtung sichtbar wird. Im Beitrag soll aufgezeigt werden, welches besondere Potential die Kino-Wochenschau bietet, um mediale Verflechtungen im Sinne der Entangled Media History zu erforschen.

From documentary films, which were first shown as funfair and variety shows at the end of the 19th / beginning of the 20th century, the cinema newsreel had been developed. The compilation of short films became a specific format and an instrument for presentation. Thus, the coverage was largely focused on the own nation. But, the medium ‘film’, by means of its rapid dissemination, facilitated the communicative exchange with other countries. Thus, the cinema newsreel can serve as a source for the Entangled Media History (EMHIS). For example, the question arises: What was important or worth to show about other nations and why? A second level of interlacing is connected with the design of the medium, because a wide range of elements were integrated: photo, film, graphics, writing and voice, music and sound. The newsreel, respectively single reports, were mentioned in various media or excerpts were integrated in other films, so that a further level of interlacing becomes visible. Therefore, the article shows what particularly potential the cinema newsreel offers to explore media interrelations in the sense of Entangled Media History.

Joan Hemels: Niederländische Tageszeitungen unter dem flämischen Löwen Von Heuschrecken und rettenden Engeln

Abstract
In der niederländischen Zeitungslandschaft vollzog sich in den letzten zehn Jahren ein sonderbarer Prozess mit unterschiedlich zu beurteilenden Folgen für den Journalismus, die JournalistInnen und das zeitungslesende Publikum. Zwei belgische Verlagsgruppen, De Persgroep und Mediahuis, erwarben einen Marktanteil von 90 Prozent der Gesamtauflage der niederländischen Tagespresse sowie fast aller Anzeigenblätter. Wie konnte das niederländische Kulturerbe – ‚Zeitung‘ = ‚courant‘ und später ‚krant‘ auf Niederländisch – nach einer Entwicklung von genau vier Jahrhunderten (die erste niederländische gedruckte Wochenzeitung erschien 1618 in Amsterdam), ohne großes
Aufsehen zu erregen, in den Besitz der beiden ausländischen Medienunternehmen geraten? Dieser Beitrag diskutiert die Ursachen und Folgen der anfangs von PolitikerInnen und WissenschaftlerInnen kaum zur Kenntnis genommenen Frage vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, zeitungsunternehmerischer und journalistischer Strukturveränderungen.

Andre Dechert: Dad on TV Sitcoms, Vaterschaft und das Ideal der Kernfamilie in den USA, 1981-1992

Abstract
Ziel der Arbeit ist es auf Basis einer Analyse verschiedener Quellen nach historisch-hermeneutischer Methode herauszuarbeiten, wie hegemoniale Familienwerte in den USA in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen über die Figur des Vaters und des Kernfamilienmodells ausgehandelt worden sind und wie die jeweils in diesem Rahmen vertretenen Familienwerte an historische Familienwerte anknüpften oder sich von diesen abhoben. Den Untersuchungsgegenstand der Arbeit bilden dabei die Debatten um die Vaterschafts- und Familienkonzepte der drei US-amerikanischen Sitcoms Love, Sidney (NBC, 1981-83), The Cosby Show (NBC, 1984-92) und Murphy Brown (CBS, 1988-98). Die Debatten um diese drei Sitcoms haben eine besondere Qualität: Keine weitere Sitcom löste aufgrund der jeweils von ihr angelegten Vaterschafts- und Familienkonzepte eine vergleichbare Debatte aus, die in der massenmedialen Öffentlichkeit der USA Aufmerksamkeit fand.

Daniel Wollnik: Das Telefon und seine Einführung in Japan im 19. Jahrhundert Diskursanalytische Bemerkungen zu einem besonderen Fall der Telefongeschichte

Abstract
Der Beitrag gibt einen Überblick über die Problemstellung, das theoretisch-methodische Konzept und ausgewählte Ergebnisse der Masterarbeit Die gesellschaftliche Implementierung des Telefons in Japan im 19. Jahrhundert – Eine Analyse aus diskursgeschichtlicher Perspektive, die mit dem Nachwuchsförderpreis Kommunikationsgeschichte 2018 ausgezeichnet wurde.1 Ausgehend von der Beobachtung, dass die gesellschaftliche Implementierung des Telefons in Japan sowohl im internationalen Vergleich als auch im Vergleich zur schnellen Implementierung des japanischen Post- und Telegrafenbetriebs auffallend schwerfällig verlief, untersucht die Arbeit diesen Prozess und fragt nach den Gründen für die besondere Entwicklung der Telefonie in Japan im späten 19. Jahrhundert. Im Unterschied zur bisherigen Forschungsliteratur, die überwiegend technische, politische oder ökonomische Faktoren als Erklärung in den Vordergrund rückt, liegt der Analysefokus zu diesem Zweck auf der zeitgenössischen Perzeption und diskursiven Bedeutungskonstruktion des Telefons. Die Arbeit erschließt damit einerseits den besonders interessanten japanischen Fall für international vergleichende Studien zur Frühgeschichte des Telefons und bereichert andererseits den defizitären Forschungsstand zur japanischen Telefongeschichte durch ein theoretisch fundiertes und systematisches diskursanalytisches Vorgehen.

Rezensionen 3/2018

Aris Fioretos: Wasser, Gänsehaut. Essay über den Roman. Aus dem Schwedischen von Paul Berf, Lukas Dettwiler und Kristina Maidt-Zinke. München: Carl Hanser Verlag 2017, 208 Seiten.
– rezensiert von Thomas Ballhausen

2/2018

2/2018: Inmitten des Digitalen
Internationale Programmatiken und österreichische Fallbeispiele

herausgegeben von Thomas Ballhausen & Christina Krakovsky

 

Inhalt

 

Editorial 2/2018 Thomas Ballhausen & Christina Krakovsky

Das digitale Zeitalter hat sich durchgesetzt, es dauert an. Der Wissenschaft begegnet das Digitale dabei, verknappt gesprochen, zumeist in drei Formen, die sich disziplinübergreifend finden lassen: in der Digitalisierung analoger Bestände, in der Erstellung digitaler Daten und in den neuen Möglichkeiten IT-gestützter Durchdringung digitaler Repositorien. Das Beforschen, Erschließen und Vermitteln von Quellen vor einem Horizont, der nicht mehr analoges Material, vornehmlich Gedrucktes, als notwendiges Zentrum bedeutet und eine veränderte Öffentlichkeit mitmeint, erzeugte und erzeugt insbesondere in den Sozial- und Geisteswissenschaften ein Bündel von Erwartungshaltungen gegenüber den Möglichkeiten digitaler Technologien, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Einmal mehr scheint sich Umberto Ecos titelspendendes Diktum von „Apokalyptikern“ und „Integrierten“ zu bewahrheiten: Da ist einerseits ein Raunen über die angeblich schier unüberwindlich scheinenden Hürden, die das Drohgespenst Digitalisierung mit sich bringt, zu vernehmen. Müssen nun etwa alle Sozial- und GeisteswissenschafterInnen ausgeklügelte Programmieraufgaben lösen? Kann die Masse an digitalen Inhalten überhaupt bearbeitet, sinnvoll vermittelt und auch langfristig bewahrt werden? Verstellt nicht die Auswahl dessen, was digitalisiert wird, den Blick auf die eigentlichen Bestände, erleben wir also einen verzerrten Eindruck davon, was tradiert und erhalten wird? Und wie können diese Inhalte wieder aufgespürt, rechtlich einwandfrei erschlossen und durchsuchbar gemacht werden? Woher die Ressourcen nehmen, um die täglich produzierten Massen an Digitalisaten und digitalen Inhalten feinsäuberlich zu ordnen, zu strukturieren und – so sie vorhanden sind – gemäß standardisierten Normen zu annotieren? Andererseits wird zugleich ein fröhliches Jauchzen über das Betreten dieses für die wissenschaftliche Bearbeitung nach wie vor als Neuland gesehenen Forschungsfeldes vernehmbar. Getragen von der Hoffnung auf präzise, angeblich auf Knopfdruck zu leistende Durchleuchtungen riesiger Datenmengen sowie auf vermeintlich mühelose und lukrative inter- und transdisziplinären Zusammenarbeiten, könnte man fälschlicherweise annehmen, mit der Digitalisierung sei die Arbeit ja schon so gut wie getan. Ähnliches ließe sich über die Öffnung der Wissenschaft und die direkte Einbindung einer großen Allgemeinheit durch partizipative Digitalisierungsprojekte sagen. Man denke auch an die Möglichkeit zumindest den zugänglichen Ausschnitt der (Alltags-)Kommunikation quer durch soziale Schichten, die sich in den Gefilden der social media tummeln, auszuwerten oder ArchivarInnen von der Last der knappen Raumressourcen durch digitale Speicherung zu befreien. Man denke aber auch an die Tradition medien- und kommunikationshistorischer Disziplinen, die gerade in der Handhabung mit zweifelhaftem oder unvollständigem Datenmaterial auf einen beträchtlichen Erfahrungsschatz rückgreifen können. Man denke an ihre Lösungskompetenzen, Rekonstruktionsstrategien und Reflexionsvermögen im Umgang mit der Auffindbarkeit und Flüchtigkeit von mitunter mangelhaften Quellenkorpora. Berechtigte Freude und honest mistakes scheinen, so der Gesamteindruck, gleichermaßen gut verteilt. Weiterlesen

Erik Koenen, Christian Schwarzenegger, Lisa Bolz, Peter Gentzel, Leif Kramp, Christian Pentzold & Christina Sanko: Historische Kommunikations- und Medienforschung im digitalen Zeitalter Ein Kollektivbeitrag der Initiative „Kommunikationsgeschichte digitalisieren“ zu Konturen, Problemen und Potentialen kommunikations- und medienhistorischer Forschung in digitalen Kontexten

Abstract

Das Initiativ-Netzwerk „Kommunikationsgeschichte digitalisieren: Historische Kommunikationsforschung im digitalen Zeitalter“ der Fachgruppe „Kommunikationsgeschichte“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und des Nachwuchsforums „Kommunikationsgeschichte“ NaKoge, das sich mit diesem Beitrag vorstellt, verfolgt vor dem Hintergrund des nachhaltigen und tiefgreifenden digitalen Strukturwandels wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und der zunehmenden Relevanz digitaler Forschungskontexte, wie sie aktuell auch in der Kommunikations- und Medienwissenschaft intensiv diskutiert werden, das Ziel, die historische Kommunikations- und Medienforschung für die vielfältigen Herausforderungen der Digitalisierung und die Zukunft fit zu machen. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie sich im Kontext der Digitalisierung feldspezifische Erkenntnisinteressen, Methoden und Themen verändern und verschieben und welche spezifischen Fragestellungen, Herausforderungen und Perspektiven hieraus für die Kommunikations- und Mediengeschichte resultieren. Mit diesem Kollektivbeitrag sondieren die Initiatoren gemeinsam mit ProtagonistInnen der ersten Stunde wesentliche Schauplätze und Themenbereiche, die eine Diskussion zur historischen Kommunikations- und Medienforschung in digitalen Zeiten zu bearbeiten und zu berücksichtigen hat, und wollen damit zugleich Impulse für die weitere Diskussion und Forschung setzen. Programmatisch vermessen und reflektiert werden die Konturen, Probleme und Potentiale der Digitalisierung historischer Kommunikations- und Medienforschung und kommunikations- und medienhistorischer Erforschung der Digitalisierung in den Dimensionen (1.) Erkenntnisfokus, Gegenstandsbereich und theoretische Perspektiven, (2.) Methoden sowie (3.) Quellen.