Andreas Fickers: Europäische Fernsehgeschichte Elf Kernkonzepte zur vergleichenden theoretischen Analyse und historischen Interpretation

Einleitung: Die Überwindung der nationalstaatlichen Perspektive als Paradigma der modernen Geschichtswissenschaft wird seit einiger Zeit mit unterschiedlichen Begriffen versehen und mit teils divergierenden, teils überlappenden konzeptionellen Entwürfen eingefordert. Ob „Globalgeschichte“, „entangled history“, „transnationale Geschichte“ oder „histoire croisée“ – gemeinsam ist diesen Ansätzen das Anliegen, den nationalen Bezugsrahmen als einen wichtigen, jedoch relativen in Bezug auf dessen Erklärungspotential der Moderne zu begreifen und entsprechend zu problematisieren (als aktuelle Übersicht siehe Conrad, 2007. Siehe auch die Debatten zu transnationaler Geschichtsschreibung auf http://geschichte-transnational.clio-online.net/). In welche Relation der Nationalstaat dabei gebracht wird – etwa zu anderen Nationen (transnational), zur gesamten Welt (global), zu den Kolonien (entangled) – unterscheidet die unterschiedlichen Ansätze voneinander und hat entsprechende epistemologische Konsequenzen. Neben dem relationalen Aspekt unterscheiden sich die diversen Ansätze aber vor allem in der kausalen Dimension, d.h. der Beschreibung und Analyse der wechselseitigen Beziehungen, die zwischen den jeweiligen Relationen herrschen. Je nach Komplexitätsgrad der Fragestellung und methodischen Herangehensweise variieren hier ein- oder mehrdimensionale Transfer- und Aneignungsprozesse, synchrone und diachrone Perspektiven sowie einseitige oder wechselseitige Beziehungen und Beeinflussungen. Ohne auf das Für und Wider der jeweiligen Ansätze eingehen zu wollen, zielt dieser Beitrag darauf ab, das analytische Potenzial dieser den Nationalstaat problematisierenden und teilweise transzendierenden Ansätze für eine vergleichende europäische Fernsehgeschichte auszuloten. Das Fernsehen als Leitmedium des massenmedialen Ensembles in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, so lautet die Ausgangshypothese, eignet sich in geradezu idealer Weise als Studienobjekt einer transnationalen und vergleichenden europäischen Geschichtsschreibung, da es im Zuge seiner konstanten und ambivalenten Entwicklung und Veränderung zahlreiche Spannungen und Brüche zeigt, die lediglich mittels einer transnationalen und vergleichenden Perspektive verständlich und erklärbar werden.

Die folgenden Überlegungen und Beispiele fußen auf zahlreichen Diskussionen und Gesprächen, die im Rahmen diverser Workshops des European Television History Networks sowie im Kontext der Arbeit an dem gemeinsamen Buch A European Television History gemacht werden konnten (Bignell & Fickers, 2009). In diesem Sinne tritt der Autor hier als „Kollektivsubjekt“ auf, der sich des bedeutenden Einflusses zahlreicher Kolleginnen und Kollegen auf die hier zugrunde gelegten Ideen und Überlegungen bewusst ist. Die vorgestellten Kernkonzepte historischer Fernsehanalyse reflektieren insbesondere den intensiven Dialog mit meinem britischen Kollegen Jonathan Bignell….

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