Frank Tichy: Das Ende des Londoner „ENCOUNTER“ Mit Herbst 1990 endete auch das letzte Kapitel in der Geschichte des "Kongresses für kulturelle Freiheit"

Einleitung:

„We hope to lure our readers via the cultural part into the political one.“
Friedrich Torberg, Brief vom 5.11.1953 an Laurence P. Dalcher, Cultural Affairs Officer an der US-Botschaft in Wien)

Vergeblich warteten im Herbst 1990 die etwa 20 000 Abonnenten und Käufer am Kiosk auf die Oktobemummer des ENCOUNTER, einst Speerspitze des intellektuellen Antikommunismus an der europäischen Front des Kalten Krieges, zuletzt „Zentralorgan des Common Sense“, wie es Michael Naumann in einem Nachruf in der Zeit nannte. Freilich, als Vertreter des Common Sense hatten sich die Leute um Melvin J. Lasky, darunter auch Friedrich Torberg, Ignazio Si lone oder Francois Bondy, immer verstanden, war es doch für sie die logischste Sache der Welt, den Kommunismus an allen Ecken und Enden mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen. Manche, wie James Bumham, Arthur Koestler oder Franz Borkenau, gingen sogar bis zur Befürwortung eines Einsatzes der Atombombe.

Nur wenige Monate vor der Einstellung schien es noch, als hätte die Zeitschrift es geschafft, sich in einem neuen Aufschwung einzupendeln. Man nahm lustvoll an der Liquidationsdiskussion der kommunistischen Ostregime teil. Für diese Lust gab es auch alle Rechtfertigung. Man fühlte sich auf der Siegerseite im Kalten Krieg. Die letzten Nummern enthielten ein Symposion über den „Tod des Kommunismus“, ausführliche Analysen über die Situation der Baltischen Staaten und die letzte Nummer vom September 1990 aus Anlaß des 40-jährigen Gründungstages des „Kongresses für Kulturelle Freiheit“ einen würdigenden Artikel von Edward Shils. Der zweite Teil davon sollte nicht mehr in Druck erscheinen.

Im März 1953 waren Stephen Spender und dem amerikanischen Journalisten Irving Kristol, vom „Kongreß für Kulturelle Freiheit“ die Führung eines in London zu gründenden Magazins ähnlich den schon früher ins Leben gerufenen Der Monat (durch Melvin Lasky 1948 in Berlin) und Preuves (durch François Bondy 1951 in Paris) angetragen worden. Ab Jänner 1954 erschien dann Friedrich Torbergs FORVM, im April 1956 begannen Ignazio Silone und Nicola Chiaromonte mit Tempo Presente. Nissim Ezekiel begann im August 1955 in Bombay mit Quest, einem vornehmlich literarischen Magazin, da Pandil Nehru dem „Kongreß“ erhebliches Mißtrauen entgegenbrachte – vermutete er doch dahinter die Arbeit amerikanischer Agenten. Aber, so der bisher einzige Chronist dieser Ereignisse, Peter Coleman, langjähriger Chefredakteur des Quadrant, der Australischen Publikation des „Kongresses“: Die „politischen Absichten (des Kongresses, Anm. d. Verf.) schlugen in sehr moderater Weise doch durch“.

Die erste Nummer von Quadrant war im Herbst 1956 unter der Leitung des Lyrikers James McAuley erschienen, der später von Coleman abgelöst worden war. Weiters wurden unter der Ägide des „Kongresses“ Science and Freedom, Soviet Survey und Forum Service, durchwegs Fachpublikationen mit Trendanalysen und Insider-Informationen aus Wissenschaft, der Sowjetunion und dem Ostblock sowie Dritte-Welt-Staaten publiziert.

Die Herausgeber-Konstruktion des ENCOUNTER mit dem Amerikaner Irving Kristol und dem britischen Poeten Stephen Spender war ähnlich der beim FORVM. Auch hier hatte man dem amerikanischen Staatsbürger Friedrich Torberg den österreichischen Romancier Alexander Lemet-Holcnia als Mitherausgeber beigegeben. Lernet aber nahm im Gegensatz zu Spender keinerlei redaktionelle Arbeit auf sich und schrieb was und wann er wollte.

Irving Kristol kam aus Brooklyn, war zuvor stellvertretender Chefredakteur bei Commentary und hatte die linkslastige Intellektuellenschmiede der Zwanziger- und Dreißigerjahre, das City College New York, absolviert, an dem auch Melvin Lasky, Daniel Bell, Sidney Hook sowie Whittaker Chambers und Malcolm Muggeridge studiert hatten. …

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