Theodor Venus und Wilhelm Svoboda: „Wir sind wieder da“ Eine Dokumentation zur sozialistischen Pressepolitik in Österreich zu Beginn der Zweiten Republik

Einleitung: Nach mehr als elf Jahren Unterdrückung und Verfolgung erfüllte sich am 6. August 1945 auch für die Arbeiter-Zeitung jene trotzige Losung (“Wir kommen wieder!”), mit der sich die Revolutionären Sozialisten seit dem Februar 1934 mit einer zwischen Affirmation und Negation der “alten” Sozialdemokratie angesiedelten Haltung als deren “Erneuerer” präsentiert hatten.

In alter Treue standen, so die offiziellen Chronisten, in den frühen Morgenstunden des 5. August 1945 Menschenschlangen vor dem Gebäude der sozialistischen Vorwärts Druckerei, sobald die Nachricht von der Wiederzulassung der Presseorgane der drei in der provisorischen Staatsregierung vertretenen demokratischen Parteien bekannt geworden war.

Aber so, wie die neue Partei nicht mehr die Partei Otto Bauers, Robert Dannebergs, Karl Seitz und Julius Deutsch sein sollte – wenngleich die beiden letzteren wieder in ehrenvolle Ämter kamen, so veränderte sich auch der Charakter ihres zentralen Presseorgans. Und so wie die Parteilinie der SPÖ stand auch die Linie ihrer Zeitung bald im Mittelpunkt scharfer Kontroversen, sowohl innerhalb des Partei Vorstandes als auch von Teilen der Parteibasis.

Stärker noch als die Partei selbst hatte die Arbeiter-Zeitung unter dem Aderlaß der Auswirkungen von zwölf Jahren “grünem” und “braunem” Faschismus zu leiden, denn ein großer Teil ihrer einstmals berühmten Redaktion war dezimiert oder kehrte nicht mehr an die Stätte ihres Wirkens zurück. Vor allem die Weigerung Otto Leichters zurückzukehren, um den sich Oscar Poliak bemüht hatte, traf diesen, schon in den Jahren 1931-34 Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung, hart. Andererseits verfügte die sozialistische Bewegung trotz dieser Verluste noch über Jahre hindurch über ein breites Nachwuchsreservoir an jungen Journalisten, dessen Erbe bis heute wesentlich positive Traditionen des österreichischen Journalismus mitgeformt hat.

Die Arbeiter-Zeitung und mit ihr auch die sozialistische Presse- und Verlagspolitik, in den Jahren von 1945-1950 wesentlich mitgestaltet von Julius Deutsch als Generaldirektor der sozialistischen Presse- und Verlagsholding “Konzentration AG”, stand vor neuen Herausforderungen.

Kurzfristig sah sich das SP-Zentralorgan vor die doppelte Aufgabe gestellt, sowohl einerseits als Quali- lätsblatt zentrale Inhalte sozialistischer Ideologie zu transportieren, als auch andererseits eine Ersatzfunktion für das nicht mehr erscheinende populäre Kleine Blatt zu präsentieren. Der Verzicht auf das Kleinformat, vom Wiener Partei Vorstand erst im Sommer 1945 entschieden, sollte jedoch zu einer ständigen Hypothek für die Arbeiter-Zeitung werden.

Für Teile der Parteiführung wurde zudem Chefredakteur Pollak, der sich dem seit Mitte der fünfziger Jahre abzeichnenden Trend auch sozialistischer Leser hin zum Boulevard beharrlich, ja starrsinnig widersetzte, in wachsendem Maße selbst zum Problem. Die Übernahme der ehemaligen beiden Besatzungsblätter Welt am Montag und Weltpresse ist ein Indiz für die Isolation Poliaks und ein Hinweis, daß Teile der Parteiführung eine Änderung des Pressekonzepts der SPÖ anstrebten. Was zunächst nur Ersatzlösungen waren, kristallisierte sich spätestens mit der Gründung des Expreß im Jahre 1958 und der Hilfestellung Franz Olahs bei der Neugründung der Kronen Zeitung als fest umrissenes Konzept heraus. Im Hin und Her zwischen dem Konzept “Parteipresse” und einer auf den Boulevard übergreifenden sozialistischen Pressepolitik lag langfristig, so auch die Kernaussage des am Schluß dieser Dokumentation zitierten Papiers, das Dilemma sozialistischer Pressepolitik der SPÖ und darin liegt wohl auch eine der Wurzeln für das kürzlich erfolgte Ende der AZ. …

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