Georg Auer: Über’m Berg Antworten zur Rundfrage "Österreichischer Journalismus um das Jahr 1948"

Einleitung: 1948 war das Jahr, in dem sich in Österreich das Leben langsam, ganz langsam, wieder zu normalisieren begann: Wenn „normal“ bedeutet, daß der elektrische Strom nicht jeden Augenblick zusammenbricht, daß Straßenbahnen, Züge holpernd aber wirklich verkehren, daß das Gas nicht plötzlich ausgeht oder nur von 11 bis 13 Uhr überhaupt vorhanden ist.

Es gab wieder Papier, um darauf Zeitungen zu drucken, es gab nicht nur Lebensmittelkarten, sondern man bekam auch wirklich Lebensmittel und die Raucherkarte brachte auch Zigaretten ein. Der Schwarzmarkt war ziemlich verschwunden.

Die Währungsreform 1947 hatte gegriffen, wenn auch Ersparnisse durch sie dahingeschmolzen waren. Ich hatte keine gehabt, so konnte nichts schmelzen.

Es gab wieder Waren in den Geschäften nicht nur unter der Budel, auch wenn wir nicht das Geld hatten, sie zu kaufen. Aber wir waren jung, wahnsinnig engagiert, so oder so. Jeder glaubte, er werde die Welt einreißen und, so ganz nebenbei, noch einige Berge versetzen.

Das war so in allen Redaktionen. Da gab es die jungen Leute, die erst anfingen, Zeitungsluft zu atmen, ein paar ältere, die keine Nazi gewesen waren, da gab cs auch Lehrer, die nicht mehr Lehrer sein durften, weil sic Nazi gewesen waren – minderbelastet – und jetzt eben als freie Lokal-Journalisten sich durchbrachten, während Journalisten, die Nazi gewesen waren, Nachhilfeunterricht gaben.

Man darfauch eines nicht vergessen. Die Dezimierung der Bevölkerung: Als ein Professor des Wiener Gymnasiums 19 die Idee hatte, ein Klassentreffen meines Jahrgangs zu veranstalten, waren wir von 37 fünf, die kamen. Manche waren noch in Gefangenschaft, die meisten aber halte es in dieser aus etwa 60 % „Ariern“ und 40 % „Juden“ zusammengesetzten Klasse nach der Matura direkt ins Gefecht nach Stalingrad verschlagen oder, schon vor der Matura, in KZs oder Emigration.

Und Frauen begannen nur ganz langsam zu erkennen, daß Zeitungsmachen auch ein für sie geeigneter Beruf sein konnte. In der „Bluathak‘n“, zu deutsch Kri- minalberichterstattung, habe ich, glaube ich, erst anfangs der 50er Jahre eine Reporterin am Tatort (noch dazu einer grausigen Garagenexplosion mit zwei völlig zerfetzten Menschen) erlebt.

In der Redaktion der Volksstimme (Zentralorgan der KPÖ), in deren Lokalredaktion ich, nach einem Beginn in der Auslandsredaktion des Österreichischen Nachrichtenbüros (später APA) 1946 und einem kurzen Zwischenspiel bei der Vorarlberger Tageszeitung, dem kommunistischen Landesorgan im Ländle – sowas gab‘s damals – ab Jänner 1947 gelandet war, war man, natürlich besonders politisch auf dem Marsch – wenn auch nicht gerade wunderbar vorwärts.

Wie wurde man damals Journalist – ohne Matura, ohne Hochschulstudium? Das schafften damals eine ganze Menge junger Leute, heim vom Krieg, von der Emigration, vom KZ, aus der Gefangenschaft. …

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