Tagungsbericht: under.docs – Fachtagung junger Medien- und Kommunikationswissenschaft von Claudia Palienko-Friesinger

Erstmals fand am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft die Fachtagung junger Medien- und Kommunikationswissenschaft. Partizipation in Geschichte und Gegenwart, eine Initiative der under.docs: Verein zur Förderung von NachwuchsforscherInnen der Geistes- und Sozialwissenschaften, statt. Ein wichtiges Anliegen der Veranstaltung war es, den Begriff des Nachwuchses neu aufzugreifen und selbstbewusst zu definieren, wurden neben DoktratsstudentInnen explizit auch Bachelor- und Masterstudierende der Sozial- und Geisteswissenschaften zur Vortragsreihe wie Workshopteilnahme eingeladen.
Diese für viele wissenschaftliche Institutionen ungewöhnliche Öffnung des Nachwuchsbegriffs lohnte sich. Nicht zuletzt durch die unterschiedlichen Studienerfahrungen und -abschlüsse sowie den interdisziplinären Austausch erreichten sowohl die inhaltliche Komponente der Vorträge, als auch der Beitrag des Publikums und die geführten Diskussionen hohes Niveau. Das rahmende Schlagwort der Partizipation ist in den unterschiedlichsten Dimensionen aufgegriffen worden. Beiträge zu politische Herangehensweisen, feministische Perspektiven, Fremdheitsdiskursen aber auch Schnittstellen zur künstlerischen Darstellung und historischen Medienforschung wurden gefunden, präsentiert und diskutiert.
Eine vertiefende Auseinandersetzung mit qualitativen Methoden der empirischen Sozialforschung, Theorien der Sozialwissenschaften, historischer Kommunikationswissenschaft und feministische Forschung bot die Workshopreihe, die unter Leitung etablierter Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen eine Plattform für intensiven Austausch ermöglichte.

Nach einer ausgesprochen herzlichen und willkommenheißenden Begrüßungsrede von Prof. Dr. Jörg Matthes, Vorstand des Wiener Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft gab Dissertantin Eva Asboth den Auftakt zur Vortragsreihe. Im ersten Panel „Soziale und politische Konstrukte“ stellte die Zeithistorikerin ihre Befunde zum Thema „Der Balkan als Wiege der Demokratie. Metaphernanalyse in der US-amerikanischen Berichterstattung über Serbien“ vor.
Sozialen Konstrukten widmete sich Sonia Robak, die zum Thema Partizipation im medialen Kontext mit Internet-Personae arbeitet und einen Beitrag zu parasozialen Aktivitäten lieferte.
Im anschließende Panel “(Medien)Kunst” diskutierte Carmen Séra die lateinamerikanische Kunstform der Murales und Poster als politisches Kommunikationsmittel. Dabei begab sie sich auf Spuren in Kuba, Chile und Mexiko und verschränkte politische und zeitgeschichtliche Aspekte mit den Kunstformen des öffentlichen Raums.

Karl-Leontin Beger analysierte die, zwischen Kunst und Politik angesiedelten, Aktionen des Zentrum für politische Schönheit und problematisierte dessen Anforderungen und Anspruch an Politik und Öffentlichkeit mit Begriffen der Interaktivität und Interpassivität. Schwerpunkt bildete das Spannungsfeld von Kunst, Medien und Politik sowie die generelle Frage der Aufarbeitung von (zeit)geschichtlichen Verbrechen, etwa dem Massaker von Srebrenica, in der „westlichen Konsumgesellschaft“.
Zudem präsentierte Masterstudentin Patricia Plahcinski in ihrem Vortrag „Transmedia Superheroes“ das medienübergreifende Geschichtenerzählen des Marvel Cinematic Universe und ging dabei auf Narrativität in PR- und Werbekommunikation ein.

Fremdheitsdiskurse standen im Fokus des ebenso benannten ersten Panels des zweiten Tages der Fachtagung, in dem Lena Hager den aktuellen Fremdheitsdiskurs in österreichischen Geschichtsschulbüchern aufgriff. Ihre Analyse des Lehrmaterials von Gymnasialklassen, die im Zuge ihrer Masterarbeit erfolge, brachte mitunter erschreckende Einblicke in die Konstruktion von Feindbildern und Schaffung des „Anderen“.
Das Forschungsinteresse von Katharina Gruber galt „Rassismus und Nationskonstruktionen als grundlegende Bestandteile des Diskurses um Abschiebung“. Ihre scharfsichtige Analyse von Online-Kommentaren der österreichischen Tageszeitungen derstandard.at sowie diepresse.com brachte Erkenntnisse, dass Rassismus nicht nur durch die Bezugnahme auf nationale Interessen naturalisiert wird, sondern auch durch Bedrohungsszenarien rationalisiert und mit Verweis auf das Recht legitimiert wird.
Lisa Hoppel katapultierte mit ihrer Untersuchung des Werks „Feuer und Schwert im Sudan“ von Rudolph Slatin Pascha die Veranstaltung ins 19. Jahrhundert. In einem Vergleich des originalen Reiseberichts aus 1896, gefolgt von einer stark gekürzten Volksausgabe aus 1928 und einer neuüberarbeiteten Fassung von 1997 zeigt sie den gesellschaftlichen Wandel und politische Implikationen auf.

Mit seinem Vortrag „Dragongmei and Data“ eröffnete Tobias Stadler das folgende Panel. Dabei beleuchtete er prekäre und ausbeuterische Arbeitsfelder, die durch digitale und elektronische Kommunikation entstanden sind. Seine theoretisch sehr ausgefeilte Präsentation gab Einblicke in die komplizierten Nutzungs- und Produktionsprozesse in einer globalisierten Welt, die sich nach kapitalistischen Regeln dreht.
Im Anschluss daran diskutierte Stefan Sulzenbacher serielle Netzformate und setzte sich dabei mit dem Aufkommen des Binge-Watching auseinander. Aus feministischer Perspektive behandelte der Theater- Film- und Medienwissenschaftler historische Rezeption und Konzeption von ZuseherInnen ebenso ausführlich wie Ausblicke, die das aktuelle Format des „Binge Watching“ bereits zulassen.
Bachelor-Studentin Charlotte Krick trug zum Thema „Erotische Literatur aus der Gegenöffentlichkeit: Am Beispiel des Literaten und Bezirkshauptmanns Felix Batsy zur Zeit des Austrofaschismus“ vor.

Im Panel „Briefe und Postkarten als historische Quellen“ gab Martina Hacke Einblicke in mittelalterliche Kommunikationsformen. „Wer partizipierte am Kommunikationsinstitut der ‚Boten der Nationen‘ der mittelalterlichen Universität von Paris?“ lautete der Titel zu ihrer Präsentation, der eine Brücke von Geschichts- zu Kommunikationswissenschaft schlug.
Christoph Gschwandtner präsentierte im folgenden Vortrag „Die Darstellung der Sowjetunion in deutschen Feldpostbriefen des Zweiten Weltkrieges“ die Ergebnisse seiner Masterarbeit. In seiner Untersuchung von 191 Feldpostbriefen spürte er der propagandistisch gefärbten Fremdwahrnehmung der Sowjetunion unter den Soldaten der deutschen Armee nach.
Auf die Betrachtung der Feldpostbriefe folgte die Vorstellung der Analyse von Barbara Klaus zu Bildpostkarten, diesmal aus dem ersten Weltkrieg vor. Nicht weniger als 2.505 Bildpostkarten untersuchte die Jungwissenschaftlerin, um in ihrem Vortrag „Motivgeleitete Bildanalyse österreichischer Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg“ insbesondere propagandistische Inhalte nachzuvollziehen.

Abschluss der Fachtagung bot das Panel „Politische Partizipation durch Soziale Medien“. Beide Panelisten beschäftigten sich mit noch offenen Fragen, die sich im Zuge des digitalen Austausches ergeben. Andreas Riedl stellte in seinem Vortrag „Kontakt mit Andersdenkenden im Social Web: Chance oder Gefahr für die politische Partizipation? Ergebnisse einer Befragung österreichischer UserInnen“ Resultate aus einer Seminararbeit vor.
Ebenfalls mit politischen Partizipationsmöglichkeiten beschäftigte sich Raffael Heiss, der mit der Vorstellung seines Dissertationsprojekts den Abschluss der Vortragsreihe bot. Unter dem Titel „Jugendmobilisierung auf Facebook?“ analysiert der Dissertant politische Partizipationsangebote für Jugendliche von österreichischen PolitikerInnen. Dem quantitativen Forschungssetting steht die Prämisse vor, inwiefern im „Land der Berge“ politische Facebook-Kommunikation Jugendliche überhaupt einbezogen werden können.

Gerahmt von einem einladenden Sozialprogramm offenbarte die Fachtagung junger Medien- und Kommunikationswissenschaft. Partizipation in Geschichte und Gegenwart, dass der Blick in Richtung “junge Wissenschaft” lohnt. Den Anforderungen der „scientific community“ sind JungwissenschaftlerInnen gewachsen und im Sinne einer kompetenten, vernetzten und kollegialen Wissenschaftsgeneration ist ihre Förderung, die bereits früh im Studienverlauf ansetzten soll und kann, weiter anzustreben.

Konferenzübersicht

Begrüßungsrede von Prof. Dr. Jörg Matthes, Vorstand des Wiener Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

Panel I: Soziale und politische Konstrukte

Eva Asboth: Der Balkan als Wiege der Demokratie. Metaphernanalyse in der US-amerikanischen Berichterstattung über Serbien
Sonia Robak: Partizipation im medialen Kontext mit Internet-Personae. Ein theoretischer Beitrag zu parasozialen Aktivitäten

Panel II: (Medien)Kunst

Carmen Séra: Murales und Poster zwischen Kooptierung und partizipativer Ausdrucksform. Vergleich lateinamerikanischer Kommunikationsmittel entlang der Straße
Karl-Leontin Beger: Das Zentrum für politische Schönheit zwischen Interaktivität und Interpassivität — Medienkunst aktualisierte Geschichte als Mittel des politischen Engagements
Patricia Plahcinski: Transmedia Superheroes. Medienübergreifendes Geschichtenerzählen im Marvel Cinematic Universe

Workshops

Qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung geleitet von Barbara Glinsner, MSc und Mag.a Petra Biberhofer
Workshop Theorien der Sozialwissenschaften geleitet von Dr. Josef Seethaler und Prof. Dr. Christian Steininger
Workshop Historische Kommunikationswissenschaft geleitet von Prof. Dr. Rainer Gries und Mag.a Dr.in Michaela Griesbeck
Workshop Feministische Forschung geleitet von Mag.a Stefanie Mayer und Univ.-Lekt. Mag.a Dr.in Kristina Pia Hofer, M.A.

Panel III: Fremdheitsdiskurse

Lena Hager: Der aktuelle Fremdheitsdiskurs in österreichischen Geschichtsschulbüchern
Katharina Gruber: Rassismus und Nationskonstruktionen als grundlegende Bestandteile des Diskurses um Abschiebung. Empirische Analyse von User_innen-Postings in Onlineversionen von österreichischen Tageszeitungen
Lisa Hoppel: „Feuer und Schwert im Sudan“ – Die Erfolgsgeschichte eines Buches im Spiegel eines gesellschaftlichen Wandels

Panel IV: Feministische Perspektiven

Tobias Stadler: DAGONGMEI AND DATA. Metcalfe, Sharing and Metadata: Zur politischen Ökonomie der Kommunikation auf sozialen Netzwerkseiten
Stefan Sulzenbacher: Binge-Watching 2.0? [Dis-]Kontinuitäten vergeschlechtlichter Partizipationsangebote posttelevisueller Selbsttechnologien
Charlotte Krick: „Erotische Literatur aus der Gegenöffentlichkeit: Am Beispiel des Literaten und Bezirkshauptmanns Felix Batsy zur Zeit des Austrofaschismus“

Panel V: Briefe und Postkarten als historische Quellen

Martina Hacke: Wer partizipierte am Kommunikationsinstitut der „Boten der Nationen“ der mittelalterlichen Universität von Paris?
Christoph Gschwandtner: Die Darstellung der Sowjetunion in deutschen Feldpostbriefen des Zweiten Weltkrieges
Barbara Klaus: Motivgeleitete Bildanalyse österreichischer Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg

Panel VI: Politische Partizipation durch Soziale Medien

Andreas Riedl: Kontakt mit Andersdenkenden im Social Web: Chance oder Gefahr für die politische Partizipation? Ergebnisse einer Befragung österreichischer UserInnen
Raffael Heiss & Desiree Schmuck: Jugendmobilisierung auf Facebook? Eine Inhaltsanalytische Untersuchung zu Jugendansprache und Politischen Partizipationsangeboten in der politischen Facebook-Kommunikation österreichischer Politiker/innen

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