Eckart Früh: Spuren und Überbleibsel: Walter Süß

Einleitung: Biographische Notiz

Walter Süß wurde am 1. 8. 1905 in Wien geboren1 und war dort, wie es im Amtsjargon heißt, zuständig. Seine Jugend und Schulzeit beschrieb er nicht ohne Ironie in den „Erinnerungen eines Früchterls“, erschienen unter dem Titel

Verlorenes Land der Jugend.

Jetzt ist wieder einmal die Schule aus. Der letzte Schultag ist der schönste. Ferien! Ferien! Zwei Monate Freiheit, Sonne, Luft und Wasser, blauer Himmel darüber und keine Aufgaben, kein Lernen … Die Kinder von heute gehen aber nicht so ungern in die Schule, wie wir es taten. Die Schule ist besser, freier geworden und ihre Atmosphäre ist nicht mehr so stickig wie einst, als wir Hände auf die Bank legten.

Ich erinnere mich noch so gut daran, als ob es erst gestern wäre: wie die Mutter mit mir Einschreiben ging. Der Mann, den ich damals sah, war fünf lange Volksschuljahre mein Lehrer, und er erschien mir so bedeutend, daß ich ihn gewissenhaft kopierte. Ich schmunzelte so wie er und halte die Hände noch heute beim Gehen ein bißchen geballt, so wie er es tat. Als er mich zum erstenmal hierbleiben ließ, betete ich — damals war ich gläubig — ein paar Abende zu Gott, er möge ihn dafür sterben lassen. Denn ich hatte damals furchtbare Prügel bekommen. Seitdem sind achtzehn Jahre vergangen und er lebt in meiner Erinnerung als ein guter, schlichter Mensch, den sie nicht hochkommen ließen, weil er Protestant war. Der Oberlehrerposten war ihm verschlossen …

In der Volksschule war ich ein Vorzugsschüler. Dann flog ich aus zwei Realschulen hinaus und strandete in der Bürgerschule. Damals war ich schon ein Früchterl. Heute sehe ich noch manchesmal den alten, dicken Naturlehrepädagogen, der uns die Fallgesetze eintrichterte und mir einmal in großer Erregung versicherte, er sei ein „katholischer Christ“. Das gehörte nicht zum Lehrprogramm. Zum Turnen war ich zu faul und entwickelte eine bemerkensiverte Fähigkeit, von allen Geräten herunterzufallen, ohne mir weh zu tun. Dem biederen Turnlehrer, der uns lehrte, wie Störche auf einem Bein zu stehen, und der stets behauptete, das sei im Leben sehr wichtig — warum, habe ich nie erfahren —, erfüllte das mit Entsetzen. Aber beim Amtsarzt simulierte ich trotz meiner dreizehn Jahre so gut einen Herzfehler, daß ich vom Turnen dispensiert wurde. Den Bauchansatz, den ich heute habe, hätte ich sowieso gekriegt. …

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