Zdenek Simecek: „Publizistische Vororte“ Wiens Zeitungsentwicklung in Böhmen und der Slowakei im 18. Jh

Einleitung: Ein Beitrag zur Problematik der Untersuchung von Zeitungen und Journalistik in den böhmischen Ländern im 18. Jahrhundert könnte kaum seinen Zweck erfüllen, wäre er nur als Aufriß der publizistischen Geschichte auf dem Gebiet der heutigen Tschechoslowakei konzipiert. Vor allem müßte man mit der Erörterung der Pressepolitik des absolutistischen Habsburgerstaates, des Privilegs und der Zensur als Instrumente seiner Politik, der Regulative für die Herausgabe von Zeitungen — wie Zeitungsarrha, Abhängigkeit der Zeitung von der Post und schließlich der Einführung des Poststempels — inhaltlich weit ausholen. Das alles sind Gemeinsamkeiten mit der Entwicklung der Zeitungen in der Residenzstadt Wien und auch in den Landeshauptstädten der Habsburgerprovinzen, Ungarn nicht ausgeschlossen.

Die gemeinsamen Grundlagen der Presseentwicklung wurden schon von A. Wiesmer (in seinem Werk Denkwürdigkeiten der österreichischen Zensur vom Zeitalter der Reformation bis auf die Gegenwart [Stuttgart 1847]) betont. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß es nicht nur die Medienpolitik des Machtzentrums in Wien war, die den Presseverhältnissen und den Zeitungen in den Habsburgerländern ein einheitliches Gepräge gab1. Auch unter den Herausgebern und Redakteuren setzten sich Bestrebungen um Errungenschaften durch, die anderswo in der Monarchie gang und gäbe waren. Es ging um die Durchsetzung verschiedener publizistischer und ökonomischer Vorteile, wie die Befreiung vom Postregal und der Pflicht, amtliche Kundmachungen kostenlos zu veröffentlichen, dem Erlaß der Stempelpflicht für Zeitungsexemplare, die von den Herausgebern an die Behörden geschickt wurden, Gesuche um eine Berechnung der Insertionsgebühren, die günstiger war als ursprünglich festgesetzt, die Erhöhung der Prämierungspreise bis zu Hinweisen auf eine angeblich mildere Zensurpraxis in anderen Ländern der Monarchie. Das Interesse an der wirtschaftlichen Prosperität der Zeitungen, die Privateigentum waren, verband die Herausgeber im ganzen Staat. In ähnlicher Weise bewegten konkrete Fragen der Pressepraxis die politischen Behörden der einzelnen Länder, und zwar direkt, ohne Vermittlung der Wiener Zentralstellen.

Der Höhepunkt dieser Entwicklung kann in dem Bestreben gesehen werden, die Zeitungs- und Zeitschriftenunternehmen vom Gründungsort in andere Städte zu verlegen. Eine solche Bewegung kann mit Beispielen bis ins beginnende 19. Jahrhundert nicht nur zwischen Wien und den Landeshauptstädten, sondern auch zwischen Prag und Brünn belegt werden.

Von diesen Bestrebungen, die vor allem im Jahre 1848 und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in breiterem Maße zur Geltung kamen, sind solche Fälle zu unterscheiden, wo infolge der Kriegsgefahr schon im 18. Jahrhundert die Verlegung der Herausgabe von Zeitungen in sichere Orte (Troppau, Olmütz) erwogen wurde und der Charakter der Regionalzeitungen sich nicht rechtlich oder ökonomisch, sondern infolge der Bedrohung oder später der Besetzung der Residenzstadt Wien (Troppau 1805) politisch veränderte. Im 18. Jahrhundert stand diesen Tendenzen noch keine sprachliche Differenzierung im Wege, die deutsche Sprache wurde sogar in Ungarn als Kultursprache aufgefaßt, während die Nationalsprachen infolge der theresianischen Schulreformen nur mehr als Volkssprachen charakterisiert wurden. Die meisten Zeitungen erschienen in deutscher Sprache…

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