Dirk Schindelbeck: Propaganda als totaler Psycho-Krieg "Innerbetriebliche Werbung" bei Unkers in den letzten Kriegsjahren

Einleitung: Schon mit dem Beginn von Hitlers Vier-Jahres- Plan im Oktober 1936 nahmen aufmerksame Beobachter im öffentlichen Raum schleichende Umstellungen von Friedens- auf Kriegskommunikation wahr. Der Stil der Annoncenspalten und Anschlagsäulen wurde zunehmend von Imperativen wie „Eßt mehr Fisch!“ „Spart Zucker!“ oder „Kampf dem Verderb!“ beherrscht, was mit Kriegsausbruch 1939 drastische Verschärfungen mit sich brachte. Jetzt sollten einschneidende Verknappungen selbst bei Gütern des täglichen Bedarfs jeden echten Wettbewerb abwürgen, der Lebensalltag der Bevölkerung wurde fortan von anhaltenden Bewirtschaftungsmaßnahmen diktiert. Was unter diesen Bedingungen noch wie Wirtschaftswerbung aussah, sollte in Wahrheit kaum mehr zum Kauf real vorhandener Waren stimulieren, sondern trug zunehmend den Charakter von Erinnerungswerbung mit oftmals geradezu flehenden Untertönen „Vergessen Sie uns nicht!“ oder: „Einmal sind wir wieder da!“ Dessen ungeachtet waren Werbefachleute keineswegs von heute auf morgen arbeitslos. Film- und Theaterplakate, Messe- und Ausstellungsankündigungen wollten gestaltet sein – ebenso wie Kalender oder Kochrezepte, Aufrufe zu Wertstoff- Sammlungen oder Gebrauchsanweisungen für den Umgang mit Ersatzstoffen. Die Palette der Möglichkeiten, ihren Beruf auch unter Kriegsbedingungen auszuüben, war – zumindest in den ersten Kriegsjahren – noch durchaus breit, ob es nun galt, „propagandistisch wertvolle“ Werbefiguren wie „Groschengrab, das Ungeheuer“, „Kalkteufel“ oder „Kohlenklau“ (Abb. 1) zu erfinden und zu betreuen oder als Gebrauchsgraphiker Stadtpläne englischer Großstädte reinzuzeichnen, um Bomberpiloten Kartenmaterial an die Hand zu geben.

MZ 2007-2 Schindelbeck

Abb. 1: Das Schaufenster als Propagandainstrument: Unsympath Kohlenklau auf Diebestour (1943). Quelle: Gebrauchsgraphik, Nr. 4, 1943, S. 23

Gerade die Kenntnis von Beeinflussungsstrategien und -techniken war es ja, welche dieser Funktionselite weitaus bessere Chancen eröffnete, von mörderischen Fronteinsätzen viel länger verschont zu bleiben als dies anderen Berufsgruppen vergönnt war – um am Ende gar den Krieg an der Heimatfront zu überstehen. Erst mit der Jahreswende 1942/43 waren 80 Prozent aller Werbefachleute schließlich zur Armee oder berufsfremden Tätigkeiten abkommandiert worden (Rechenschaftsbericht des dt. Werberates, 1941). Ein Bereich vermochte besonders wirksam und lange Schutz vor Einberufung zu bieten: die sogenannte „innerbetriebliche Werbung“, insbesondere in einem als kriegswichtig geltenden Betrieb. …

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