Peer Heinelt: Portrait eines Schreibtischtäters Franz Ronneberger (1913 – 1999)

Einleitung: Schreibmaschinentäter“ nannte Otto Köhler die von ihm identifizierten „unheimlichen Publizisten“ des „Dritten Reichs“. In Bezug auf das 1999 verstorbene Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), Franz Ronneberger, greift der Begriff jedoch zu kurz. Ronneberger gehörte nicht nur zu den Propagandisten des NS-Regimes, er war ebenso an der systematischen Erarbeitung der informationeilen Grundlage der NS-Propaganda beteiligt wie an der Schaffung der wissenschaftlichen Basis für die nationalsozialistische Kriegs-, Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik. Die von ihm in diesem Zusammenhang entwickelten Vorstellungen über die Funktionsweise und Wirkungsabsicht der Massenmedien decken sich mit denen, die er nach dem Ende des „Dritten Reichs“ in der Bundesrepublik Deutschland zu Papier brachte. Diese Thesen sollen im Folgenden anhand seiner Biographie belegt werden.
Aussagekräftiges Quellenmaterial zu Ronneber- gers Karriere im „Dritten Reich“ findet sich in verschiedenen deutschen und österreichischen Archiven: Herangezogen wurden der von der NSDAP-Gauleitung Wien angelegte Gauakt 90457, der im Österreichischen Staatsarchiv, Abteilung Archiv der Republik, aufbewahrt wird, sowie die ebenfalls hier vorhandenen Akten der Reichsstatthalterei Baldur v. Schirach und des Kurators der wissenschaftlichen Hochschulen in Wien. Im Bundesarchiv Berlin findet sich eine Personalakte über Ronneberger (Bestand des ehemaligen Berlin Document Center); diese wurde ebenso eingesehen wie die hier vorhandenen Aktenbestände des Reichssicherheitshauptamts (R 58) und der Südosteuropa-Gesellschaft in Wien (R 63). Hinzu kam der Briefwechsel zwischen Ronneberger und dem Südosteuropaforscher Fritz Valjavec, der im Südost-Institut München der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Die im Bundesarchiv Koblenz vorliegende Akte über das Spruchgerichtsverfahren gegen Ronneberger in den Jahren 1947 und 1948 (Z 42 VII/1455) ist nur von bedingter Aussagekraft, da sie über weite Strecken lediglich die Ausflüchte des Angeklagten dokumentiert.
Dass ich mich bei meiner Darstellung der NS- Biographie Ronnebergers fast ausschließlich auf Archivalien stütze, hat Gründe: Während Ronneberger in neueren Forschungsarbeiten zur Wissenschafts- und Kulturpolitik des „Dritten Reichs“ allenfalls am Rande vorkommt, bestimmte er im Rahmen der bundesdeutschen Kommunikationswissenschaft die Aussagen über seine NS-Vergangenheit weitgehend selbst. Seine apologetische Sichtweise wurde von Kollegen, Schülern und Adepten in Festschriften, Würdigungen und Nachrufen vorbehaltlos übernommen. Was allerdings den Lebensweg Ronnebergers in der Bundesrepublik betrifft, stellen Äußerungen dieser Art eine wichtige Quelle dar: An diesem Punkt der Biographie angekommen, musste nichts mehr vertuscht oder schöngeredet werden, vielmehr konnte man sich im Glanz der interdisziplinären Karriere eines renommierten Wissenschaftlers sonnen. Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wird in aller gebotenen Kürze versucht, den beruflichen Werdegang Ronneber- gers im „Dritten Reich“ zu rekonstruieren. Der zweite Teil wird dann seine bundesdeutsche Biographie zum Inhalt haben.

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