Herbert Hayduck: Medienarchive im digitalen Umfeld

 Einleitung:

„Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“
Paul Cezanne

Paul Cezanne hat im Jahre 1904 mit prophetischem Weitblick die bevorstehenden, dramatischen Veränderungen in der visuellen Kultur vorausgesehen.

Der Einbruch der Abstraktion in der Bildenden Kunst und die schrittweise Entwicklung der technischen Bildmedien führten im 20. Jahrhundert zu einem tiefgreifenden Umbruch in der Kultur der optischen Wahrnehmung. Die Geschwindigkeit dieser Veränderungen hat Cézanne ganz offensichtlich als bedrohlich empfunden.

100 Jahre später sind wir in der Entwicklung der elektronischen Medienlandschaft Zeugen einer hochinteressanten Parallele zur damaligen Situation. Die Etablierung der digitalen Technologien führt zu drastischen Veränderungen in den Produktions-, Distributions- und Rezeptionsmechanismen der audiovisuellen Medien, deren Geschwindigkeit sehr an die von Cézanne empfundene Dramatik erinnert.

Audiovisuelle Inhalte werden zu digitalen „contents“, die in der jeweils adäquaten technischen Qualität über eine Vielzahl von Verteilplattformen den interessierten „user“ erreichen sollen.

Diese Flexibilisierung und Beschleunigung der Erzeugung und des Konsums von technisch erzeugten „Ab“-Bildern steht erst am Beginn ihrer Entwicklung. Bereits jetzt führt sie zu einer Vervielfachung der erzeugten Bildermengen und stellt damit die Gesellschaft schlechthin, ganz konkret aber die für die Archivierung von audiovisuellen Medien Verantwortlichen vor die Frage nach der sinnvoll strukturierten Erhaltbarkeit dieser Mengen.

Eine scheinbar zunächst technische Frage nach quantitativer Bewältigbarkeit wird zu einer Frage nach dem Gedächtnis einer Gesellschaft und ihrer Alltagskultur. …

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