Horst Pöttker: Konformität – Opportunismus – Opposition Zur Typologie von Verhaltensweisen im NS-Regime und danach


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Fachgeschichte sollte systematisch geschrieben werden. Dazu sind Begriffsinstrumente und Maßstäbe nötig. Um einen Vorschlag für solche Maßstäbe geht es hier, (noch) nicht um substantielle Thesen als Folge ihrer Anwendung.

Fragestellung und Methode

Im Titel der Tagung finden sich die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“, beide im Plural und nicht durch „oder“ mit Fragezeichen, sondern durch „und“ verbunden. Das hebt die Vermutung, in der Kommunikationswissenschaft habe es über 1945 hinweg sowohl Umbruch als auch Kontinuität gegeben, in den Rang einer Prämisse. Sie zu teilen entbindet nicht von der Aufgabe zu untersuchen, wo und wie in unserem Fach Kontinuität und Umbruch stattgefunden haben. Dabei erheben sich Probleme wie die folgenden:

  1. Kontinuität wird oft mit der Identität von Systemen in der Zeitdimension gleichgesetzt. Kontinuität von Systemen kann aber auch deren Wandel im Interesse von Umweltanpassung und Funktionsfähigkeit erfordern. Und Umbruch wird oft mit Diskontinuität gleichgesetzt, aber auch allmählicher Wandel kann, wenn er tiefgreifend ist, zur Diskontinuität von Systemen führen.
  2. Oft ist unklar, auf welche Phänomenebene sich die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“ beziehen: die von Personen, Strukturen, Institutionen oder Theorien, wie es in der Einladung zum Workshop heißt?
  3. Im Zusammenhang mit der NS-Zeit sind die Begriffe „Kontinuität“ und „Umbruch“ moralisch und politisch aufgeladen. Das ist aus dem Bedürfnis zu erklären, zu dieser Epoche der planmäßigen Menschenvernichtung Distanz zu gewinnen. In bestimmter Auffassung, der meine Begrifflichkeit allerdings nicht folgen wird, erscheint Kontinuität aber selbst beim Nationalsozialismus nicht per se abzulehnen,
    Umbruch nicht per se wünschbar. Z.B. ist eine gewisse Kontinuitätsvorstellung wohl Voraussetzung dafür, die NS-Vergangenheit als kulturelle Erbschaft annehmen und verarbeiten zu können, was die nur auf Umbruch setzende DDR nicht geschafft hat.
    Um solche Probleme zu klären, ist das Verständnis von „Kontinuität“ und „Umbruch“ zu schärfen. Im Hinblick auf die Frage nach der Systemidentität spreche ich im Folgenden von „Diskontinuität“ statt von „Umbruch“. Die Begriffe „Kontinuität“ (im Sinne von Systemidentität) und „Diskontinuität“ (= Nicht-Identität) werden auf die gesamtgesellschaftliche Ebene bezogen. Entsprechend dem moralisch-politischen Hintergrund spreche ich von „Kontinuität“ bei Faktoren, die die Fortsetzung bzw. Wiederbelebung des nationalsozialistischen oder eines ähnlichen Regimes begünstigen, während Faktoren, die dem entgegen stehen, unter „Diskontinuität“ subsumiert werden.

Fachgeschichte kann nicht getrennt von der allgemeinen Zeit- und Kulturgeschichte, in die sie eingebettet ist, geschrieben werden. Instrumente, die zu Antworten auf Fragen nach Kontinuität oder Diskontinuität verhelfen, sollten daher auch jenseits der Fachgrenzen anwendbar sein. Mit anderen Worten: Die Fachgeschichte sollte Begriffe verwenden, mit der auch die allgemeine Geschichte des NS-Regimes arbeiten kann.

Personen, Strukturen, Institutionen und Theorien hängen zusammen. Trotzdem müssen Maßstäbe, mit denen Kontinuität oder Diskontinuität festgestellt werden soll, zunächst auf eine bestimmte Phänomenebene bezogen werden. (Auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit hängen zusammen, trotzdem werden sie mit verschiedenen Instrumenten gemessen. Erst die voneinander unabhängige Messung von Variablen erlaubt die Feststellung von Zusammenhängen zwischen ihnen.) Die folgende Typologie bezieht sich auf die elementare Ebene des sozialen Handelns und seiner Regelmäßigkeiten („Hand-lungsweisen“), die für alle anderen Phänomenebenen als Basis relevant ist. Mit dem Begriff des Handelns wird der auf das NS-Regime bezogene subjektive Sinn eines Tuns oder Lassens zur konstitutiven Dimension einer Typologie, die gleichwohl die Frage nach der objektiven Funktion einer Handlungsweise für das Regime nicht aus dem Auge verliert.

Ich schlage eine Typologie von Handlungsweisen im NS-Regime und danach im Sinne der idealty- pologischen Methode Max Webers2 vor. Idealtypen können als Permutationen von Ausprägungen binärer Codes konstruiert werden. In Bezug auf Handlungsweisen im NS-Regime kommen dafür z.B. in Frage: subjektive Identifikation mit dem Regime vs. Nichtidentifikation; Bereitschaft zu Straftaten vs. Nichtbereitschaft; objektiver Nutzen für das Regime vs. Schaden; Belohnung durch das Regime vs. Nichtbelohnung; subjektive Orientierung an einer zu erwartenden Belohnung vs. Desinteresse; Bestrafung durch das Regime vs. Nichtbestrafung; subjektive Bereitschaft zum Risiko der Bestrafung vs. Nichtbereitschaft. Die Zahl der mathematisch möglichen Kombinationen ist um ein Vielfaches höher als die Zahl der vorgeschlagenen Varianten, die ich auf sieben typische reduziere.

Hilfreich bei dieser Reduktion ist, dass Idealtypen nach Weber auch aus realen Erscheinungen, hier Handlungsweisen bestimmter Subjekte, als deren abstrahierende Übersteigerung abgeleitet werden können. Personen der Zeitungs- und späteren Kommunikationswissenschaft, an denen sich die sieben Handlungsweisen typischerweise zeigen, werden im Folgenden exemplarisch erwähnt. Diese Personen müssen aber nicht immer im Sinne des jeweiligen Typus gehandelt haben. Z.B. kann ein Subjekt, das typischerweise regimekonform war, auch jüdische Freunde beschützt haben. (Himmler hat das in einer berüchtigten Rede vor SS-Offizieren beklagt: An sich würden die Deutschen als gute Nationalsozialisten ja von der Notwendigkeit überzeugt sein, dass die jüdische Rasse ausgerottet werden müsse. Aber dann käme eben doch jeder Deutsche und hätte seinen „guten Juden“, der ausnahmsweise zu verschonen sei.) Oder ein Oppositioneller kann sich in besonderen Situationen auch opportunistisch verhalten oder Kompromisstexte veröffentlicht haben, die für das Regime objektiv nützlich waren. Oder innerhalb einer Biographie kann sich Wandel, gar Umbruch von einer Handlungsweise zur anderen vollzogen haben. …

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