Georg Breuer: Kein Kriegsheld, aber Kämpfer Lebenserinnerungen eines jüdischen Journalisten

Einleitung: Bis 1938 waren rund zehn Prozent der Wiener Bevölkerung Juden. Unter den Mittelschülern und Studenten war ihr Anteil noch deutlich größer. In meiner Klasse im Realgymnasium der Albertgasse, Wien VIII, besuchten etwa ein Viertel der Schüler den jüdischen Religionsunterricht. Unter unseren Lehrern gab es jedoch außer dem Religionsprofessor nur einen Juden. Beschäftigung von Juden im Staatsdienst war in Österreich nicht verboten, aber tatsächlich wurden nur sehr wenige aufgenommen. Manche haben sich deshalb taufen lassen, um ihre Karriereaussichten zu verbessern. Und in intellektuellen Berufen außerhalb des Staatsdienstes, darunter auch bei den Journalisten, war der jüdische Anteil umso höher.

Meine Eltern stammten aus sehr unterschiedlichen jüdischen Familien. Ein Großvater meines Vaters war Trödler in Mattersdorf (heute Mattersburg). Ein Großvater meiner Mutter war Mitbegründer der Hutfabrik in Ebreichsdorf. Wirklich fromme Juden hat es weder in meiner Familie noch unter meinen Mitschülern gegeben, vielmehr haben wir alle Weihnachten gefeiert. In Zeiten, an die ich mich erinnern kann, sind meine Eltern nie mehr in den Tempel gegangen und ich nur ein einziges Mal, als wir am ersten Schultag nach dem 12. Februar 1934 zu Dankgottesdiensten gehen mussten.

Ich war damals 14 1/2 Jahre alt und von dem Gefühl durchdrungen, dass man das nicht einfach alles untätig hinnehmen dürfe. So gründete ich ein paar Wochen später mit einigen Klassenkameraden einen marxisischen Diskussionszirkel. Die Mutter eines der Teilnehmer war Kommunistin. Sie stellte dann für uns Kontakt mit dem KP-nahen illegalen „Antifaschistischen Mittelschülerbund“ (AMB) her. …

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