Agnes Broessler: Käthe Leichter – eine Kommunikatorin, die verstummen musste

Einleitung:

Wien, den 20.6.1938.
An Dr. Marianne Leichter, Roßauerlände 7, 1090 Wien.
Liebe, liebe Mummi. Heute habe ich Deine Karte vom 11. bekommen. Ich bin so froh, dass es Dir gut geht. Du brauchst Dir wirklich keine Sorgen um mich zu machen. Du fragst, ob Franzi ins Freie kommt. Aber das ist nicht so wichtig, weil wir ja zusammen Ausflüge machen. Wegen des Ausreisegesuchs wird alles Nötige veranlaßt, sei ganz unbesorgt und hab’ nur Geduld, es geht ja ohnehin alles seinen guten Gang. An Onkel Furrer haben wir uns schon gewendet. Also Du siehst, es wird an nichts vergessen.
Der Franzi und ich vertragen uns sehr gut. Ich kann Dir nicht sagen, wie nett er ist. Wir freuen uns so oft wir beisammen sind.
Viele liebe Grüße von allen und Pussi von
Deinem Heinz.

Diese Postkarte wurde von dem damals knapp vierzehnjährigen Heinz Leichter, dem ältesten Sohn von Käthe Leichter, Ende Juni 1938 an seine Mutter in die Untersuchungshaft in der „Liesl“, dem berüchtigen Gefängnis an der Roßauer Lände, geschickt. Diese Karte und eine Reihe anderer befanden sich in einem Aktenkonvolut an Beweismaterial im Volksgerichtshofprozeß gegen „Frieda Nödl und andere“. Sie wurden in der Zeit zwischen Juni und August 1938, also während der ersten Phase von Käthe Leichter’s Untersuchungshaft, verfaßt. Es ist anzunehmen, dass sie „abgefangen“ worden sind und die Adressatin sie nie zu Gesicht bekommen hat (das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) und der Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung (VGA) bestätigten später, dass diese zufällig gefundenen Dokumente der bisherigen Forschung nicht bekannt waren.).

Obwohl sie größtenteils privater Natur sind und daher das Bild Käthe Leichters in der Forschung nicht gravierend verändern sondern bescheiden ergänzen, haben sie doch Aufmerksamkeit in der Szene der „Käthe-Leichter-Forscher“ erregt (Eine wichtige Lücke zur Geschichte der Familie Leichter und damit zur Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie schließt die 2003 im Böhlau Verlag erschienene Publikation von Heinrich Berger/Gerhard Botz/Edith Saurer (Hg.): Otto Leichter: Briefe ohne Anwort. Aufzeichnungen aus dem Pariser Exil für Käthe Leichter 1938-1939. Das darin veröffentlichte Brieftagebuch von Otto Leichter an seine Frau wurde von österreichischen Historikern ebenfalls zufällig, und zwar im Moskauer Staatsarchiv, entdeckt.).

Egal ob als Jüdin, Sozialistin oder Frauenpolitikerin – Käthe Leichter war in der Vergangenheit und ist auch in der Gegenwart immer wieder Thema der zeitgeschichtlichen, aber auch der kommunikationshistorischen Forschung (siehe bspw. die 1992 im Verlag Ueberreuter 1992 erschienene und von Wolfgang R. Langenbucher herausgegebene Publikation Sensationen des Alltags. Meisterwerke des österreichischen Journalismus sowie Margit Wolfsberger: Käthe Leichter. Eine Kommunikatorin der Ersten Republik. Dipl.Arb., Univ. Wien 1996.). …

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