Herbert Arlt: Jura Soyfer und Massenkommunikation

Einleitung: Es mag verwunderlich erscheinen, daß gerade anhand eines Beispieles aus Österreich Momente des Verhältnisses von Literatur und Massenkommunikation in der Zwischenkriegszeit analysiert werden. Hatte doch John Lehmann, ein guter Österreich-Kenner und enger Bekannter Jura Soyfers (1912-1939) in seiner 1955 erschienen Autobiographie The Whispering Gallery geschrieben: „… almost all Austrian talent had been drained off to Germany in the days of the Weimar Republic, as soon as it had shown itself; and now, well, who could begin a literary career under the hopeless political conditions in which they had been living since Hitler came to power across the frontier?“

Die fehlenden und auf schwachen Beinen stehenden Kommunikationsträger (Verlage, Filmstudios, Bühnen, Radio u.a.) und die teilweise repressive Kommunikationsstruktur in Österreich, die so viele Künstler ins Ausland trieb, hatten Lehmann aber nicht gehindert, in seiner in London erschienenen Zeitung New Writing eine Passage aus dem Roman So starb eine Partei von Soyfer unter dem Titel In the Corner in eigener Übersetzung 1936 abzudrucken und Soyfer als literarisches Talent zu feiern. Zu dem wurden 15 Gedichte Soyfers in der Tageszeitung Die Deutsche Freiheit (1933-1935 in Saarbrücken erschienen) nachgedruckt; in Budapest wurde das Stück Die Pinguine gespielt; in Prag fand er einen Verleger. Die auflagenstarke Arbeiter-Zeitung brachte Soyfers Gedichte ebenso wie eine Reihe weiterer Zeitungen und Zeitschriften. Bis heute ist Soyfer in über 24 Ländern verbreitet und in gut ein Dutzend Sprachen übersetzt worden.

Jura Soyfer, 1912 in Charkow geboren, 1920 über Konstantinopel mit seinen Eltern und seiner Schwester nach Wien geflohen, erlernte nicht nur eine neue Sprache (seine Muttersprache war Russisch, seine ersten Gedichte schrieb er in Französisch), sondern seine Texte fanden Eingang in das Kommunikationssystem seiner Zeit, das sich mehr und mehr internationalisierte.

Soyfer verfolgte die Entwicklungen der neuen Medien genau. Er kommentierte Filme, schrieb selbst ein Filmexposé, veröffentlichte seine Gedichte in Zeitungen. Er entwickelte künstlerische Techniken, die mit den neuen Kommunikationsstrukturen korrespondieren.

Einige Aspekte seines Experimentierens6 in einer neuen Phase des Verhältnisses von Literatur und Massenkommunikation (in der Entwicklung behindert durch Diktatur, Zensur und Selektion) sollen im folgenden herausgearbeitet werden. Damit soll ein Spezialgebiet des Forschungskomplexes Jura Soyfer analysiert werden. …

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