Frauke Adrians: Journalismus und Journalisten im frühen 17. Jahrhundert

Einleitung: 

In den Anfangsjahren des 17. Jahrhunderts begann die Geschichte eines neuen Mediums. Die erste gedruckte periodische Zeitung, die Relation, erschien ab 1605 in Straßburg; 1609 folgte in Wolfenbüttel der Aviso. Diese Blätter waren die ersten, die geeignet waren, eine große Schar von Lesern — und eine noch größere von Hörern, denn Zeitunglesen war oftmals ein Zeitungvor- lesen – mit aktuellen Informationen aus Politik und Wirtschaft, mit Klatsch und Sensationsmeldungen zu versorgen. Mithin waren sie die ersten universellen und regelmäßig erscheinenden Nachrichtenmedien. Ihre Korrespondenten, die meist in Hafen-, Handels- oder Reichsstädten arbeiteten, waren mit einer genuin journalistischen Aufgabe befasst: dem Sammeln, Niederschreiben und Weitergeben von Nachrichten, wobei sie durchaus auch ihre persönliche Meinung einfließen ließen.

Das Wort „persönlich“ ist nicht unproblematisch. Die Personen hinter den Nachrichten waren den Lesern damals weitgehend unbekannt; rund 400 Jahre später sind sie es umso mehr. Das macht die Beschreibung und Bewertung ihrer Tätigkeit nicht eben leichter. Denn wer auf die Geschichte des Journalismus zurückblickt, betrachtet sie üblicherweise als Geschichte der Journalisten und hat dabei selbstbewusste und streitbare Persönlichkeiten wie Heinrich Heine vor Augen.

In den frühen Jahren der gedruckten periodischen Zeitung hatten die Zeitungsleute ein völlig anderes Selbstverständnis als die Journalisten im 19. Jahrhundert, und natürlich war auch der Journalismus ein völlig anderer. Moderne Definitionen, wonach Journalismus „die publizistische Arbeit bei Presse, Film, Hörfunk, Fernsehen in Bericht, Kommentar, einschließlich Broschüren- und Buchveröffentlichungen“ und der Journalist dementsprechend ein „Publizist, der hauptberuflich für Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichten- und Pressedienste […] tätig und durch die Verbreitung von Informationen von großem Einfluss auf die öffentliche Meinung“ sei, helfen offensichtlich nicht weiter. Sie passen weder zur frühneuzeitlichen Medienlandschaft noch zur Berufs- und Rezeptionswirklichkeit des 17. Jahrhunderts. Längst nicht alle „Publizisten“ waren damals Hauptberufler, und wie viel Einfluss sie auf „die öffentliche Meinung“ hatten, falls es so etwas im politisch und weltanschaulich zerrissenen Deutschland überhaupt gab, darüber lässt sich außer in wenigen dokumentierten Fällen nur spekulieren.

Zudem hatte der Journalismus noch keinerlei Genres und Stilformen ausgeprägt, es dominierte ein trockener nachrichtlicher Nominalstil; Ausnahmen wie die eine oder andere blumige Beschreibung von Hof-Festen bestätigen die Regel. Kommentare wurden nicht kenntlich gemacht, Parteinahme und Wertung arbeiteten die Korrespondenten einfach in ihre Nachrichtentexte ein. Eine eigene Handschrift war nicht gefragt. Caspar Stieler, der Ende des 17. Jahrhunderts in Hamburg mit seiner Schrift Zeitungs Lust und Nutz die erste Dissertation zum jungen Zeitungswesen veröffentlichte, verlangte einen Schreibstil, der „einfältig/aber doch auch munter; gleich flies- send/doch auch hurtig und sinnreich sey. Alles gekünstelte und gezwungene findet darinnen keine statt. Wortwandlungen und Blumenwerk gehören in die Zeitungen nicht/so wenig als Poetische Grillen und neu erfundene Worte“ (Stieler, 1969, S. 23).

Mehr noch als die Zeitungssprache war im 17. Jahrhundert der Inhalt der Blätter Gegenstand von Disputen und Streitschriften; „Parteylichkeit“ galt als unbedingt zu vermeidendes Übel. Die Ansprüche an das neue Medium waren hoch, es unterlag mehr oder minder strengen Zensur- und Privilegierungsbestimmungen — auch hierin kann man wohl einen Grund dafür sehen, dass die Zeitungsleute es vorzogen, anonym zu bleiben. Wer diese frühen Journalisten waren und wie sie arbeiteten, das können wir heute kaum rekonstruieren. Dass ihre Arbeit eine journalistische war, das steht allerdings außer Frage…

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