Thomas Birkner: Journalismus – eine Profession, die keine ist

Einleitung: 

Der Journalist Erwin Rosen liefert uns eine anschauliche Beschreibung des Alltags in einer Zeitungsredaktion in Hamburg um 1904:

„Maschinengeschriebene Blätter flogen von Platz zu Platz, Rotstifte strichen, Federn schrieben eilig Überschriften. Dieser Wirrwarr, der einen Durchschnittsmenschen verrückt gemacht haben würde, dauerte aber nicht lange. In den Wust von bedrucktem und beschriebenem Papier kam Ordnung. Jeder der Redakteure entschied, wie der Teil der Zeitung, den er leitete, heute aussehen sollte. So wurde das von anderen gelieferte Material verarbeitet, redigiert. Und nun schrieb man selbst. Der Politiker baute seinen Leitartikel, der Feuilletonist feilte an seiner Theaterbesprechung, der Lokalredakteur bebrütete irgend eine Angelegenheit der Stadt. Es wurde geschrieben, telefoniert, hastig weggelaufen, eine Nachricht zu ergänzen, eine Information einzuholen.“ (Rosen, 1939 [1922], S. I62f)

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die moderne Welt endgültig einen Grad der Beschleunigung und Komplexität erreicht, dass es auch für die Funktion der gesellschaftlichen Selbstbeobachtung (Weischenberg, 2003, S. 271-288, S.274) Fachleute bedurfte, um „zueinander zu vermitteln, was in einer modernen Gesellschaft vorgeht“ (Pöttker, 1998, S. 61f, S. 56-76). Zuvor waren das Pressewesen und die Gesellschaft Jahrhunderte lang mit eher semiprofessionellen Tagesschriftstellern und Teilzeitjournalisten ausgekommen. Rosens Abgrenzung der Redakteure vom „Durchschnittsmenschen“ als ,Nachrichtenprofis’ ist die Formulierung eines Exklusivitätsanspruchs in der arbeitsteilig organisierten Gesellschaft, wie ihn üblicherweise Professionen für sich reklamieren. Doch ist das Konzept der professions’ ein prinzipiell umstrittenes und insbesondere auf den Journalismus bezogen heikel, fehlen dem Journalistenstand doch bis heute deutliche Merkmale ,klassischer’ Professionen wie Ärzten oder Anwälten (Wehler, 1995, S. 1491, Anm. 10; Weischenberg, 1995, S. 493ff). …

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