Thomas Lietz: Fernsehnutzung in der DDR als kommunikationshistorisches Problem Methodologie und Quellen

Einleitung: Anliegen dieses Beitrages ist es, vorrangig methodologisch orientierte Überlegungen zu einem kommunikationshistorischen Ansatz der Fernsehnutzungsforschung vorzustellen. Die folgende Darstellung beruht auf der Mitarbeit des Autors am Teilprojekt »Rezeptionsgeschichte« im DFG-Projekt »Geschichte des DDR-Fernsehens – komparativ«. Gegenstand der Forschungen des Teilprojekts ist die Nutzung und Bewertung des Programmangebotes des DDR-Fernsehens. Weiterhin wird der Versuch unternommen, Muster der Fernsehnutzung in verschiedenen sozialen Aggregationen zu ermitteln und im Zusammenhang mit historischen und sozialen Kontexten zu erklären. Dabei sind einige Besonderheiten zu berücksichtigen. Ähnlich wie in weiten Teilen Österreichs und der Schweiz waren auch in der DDR Programmangebote der Bundesrepublik Deutschland zu empfangen. Die eigentliche Problematik stellte die hochgradig ideologisierte, von der SED öffentlich geführte Debatte um dieses Angebot dar. Sie sollte die Nutzung überwiegend über die Erzeugung moralischer Zwänge verhindern. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass dieses Angebot einen beträchtlichen Einfluss auf die Erwartungshaltung an die Programme des DDR-Fernsehens entfaltete und somit Nutzung und Bewertung der im Empfangsgebiet wohnenden Bevölkerung mindestens mittelbar beeinflusste.

Für die Fragestellung erscheint es uns sinnvoll, einen strukturgeschichtlichen Ansatz mit einer handlungsorientierten Perspektive zu verknüpfen. Mediennutzung wird als Spezialfall des sozialen Handelns verstanden und im Zusammenhang mit den Arbeits-/Alltagsbedingungen und dem Freizeitverhalten der DDR-Bevölkerung gedeutet. Dabei darf Fernsehnutzung als ein Teil der Mediennutzung nicht als singuläres Phänomen dargestellt, sondern sollte im Zusammenhang mit den übrigen verfügbaren medialen Angeboten erklärt werden. Als der dominierende Handlungszusammenhang steht der Alltag im Vordergrund der Analysen. Auf dieser Handlungsebene treffen die Bedingungen der Arbeitswelt, als strukturelle Merkmale einer Gesellschaft, und der soziokulturelle Kontext der Handelnden aufeinander. Nicht zuletzt ist Medienhandeln als weitgehend habitualisierte Handlung in den Alltag integriert und wird überwiegend an den Erfordernissen und Zwängen des Alltagshandelns ausgerichtet. …

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