Gert Kerschbaumer: Faszination Drittes Reich Kunst und Alltag der Kulturmetropole Salzburg 1938

Einleitung

Jubelverse in der Presse

Die Macht des Umbruchs
Vom 11. auf den 12. März 1938.

Diese Nacht vergeß ich nie!
Diese Nacht so voller Spannung
nach den Jahren der Entmannung,
des Betruges, der Verbannung
und der dumpfen Lethargie.

Diese Nacht vergeß ich nie!
Wie sie durch die Straßen zogen,
wie die ersten Wimpel flogen
über breiten Mensehenwogen —
immer, immer seh ich sie!

Und auch das vergeß ich nie:
hinter dicken Rollgardinen
lauern die Systemruinen
und die Zähne klappern ihnen.
Tja, nun kommt die Reih an sie!“

Die Kapazität des Salzburger Volksblattes, einer Tageszeitung des Bürgertums, die weder „kommissarisch“ geführt zu werden noch die „Blattlinie“ zu ändern brauchte, scheint für die Schlammflut des Dilettantismus zu gering gewesen zu sein, denn die Redaktion mußte schon am 17. März 1938 die „Dichter“ um Verständnis bitten, daß das Blatt „die Fülle der dichterischen Mitteilung“ nicht erfassen könne. Am darauffolgenden Tag erklärte sich das Volksblatt außerstande, alle „Gedichte und Gesänge, die den großen Umbruch im deutschen Österreich feiern“, auch nur auf ihren Wert hin zu prüfen, geschweige denn sie zu veröffentlichen. Sie mögen in der Redaktion abgeholt werden.

Dennoch bot das Volksblatt etlichen Feiertags- und Konjunkturschriftstellern wie Leo Bini, Monika Kainzner, Heinz Jonke-Zellhof, Otto Pflanzl, Loni Seitz-Ransmayr, August Ramsauer, Isabella Mauracher, Franziska Buchstätter, Augustin Ableitner und auch bekannten Schriftstellern wie Josef Weinheber (Heimat), Herybert Menzel (Reih’ dich ein!) und Gerhard Schumann (Der Retter) einen Tummelplatz.

„Machtergreifung“ und „Umbruch“, der durch Gewalt vollzogene Bruch mit dem „System“ wird von ihnen als naturhafter, mythischer und religiöser Vorgang hingestellt. Sie suggerieren Heilserwartungen, Aufbauillusionen und das Zeitlose. Der religiöse Vorstellungsbereich wird aktiviert. Die Heilserwartung erfährt dabei allerdings eine entscheidende Umwertung; sie bedingt die Unterwerfung unter den Staat und dessen Repräsentanten. …

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