Irene Neverla & Wiebke Schoon: Europäischer Journalismus Annäherung an eine vernachlässigte Dimension europäischer Öffentlichkeit

Einleitung: Wer sich aus dem Blickwinkel der Kommunikationswissenschaft dem Thema „Europa“ nähert, merkt schnell: Dieses Thema haben die Nachbardisziplinen Soziologie und Politikwissenschaft schon lange besetzt. Der tragende theoretische Begriff, mit dem hier überwiegend gearbeitet wird, ist der Begriff der europäischen Öffentlichkeit. Dabei sind zwei Forschungstraditionen erkennbar: Einmal die tendenziell normativ ausgerichteten Öffentlichkeitstheorien. Öffentlichkeit bildet hier ein hypothetisches Konstrukt – meist metaphorisch dargestellt als Forum, Arena oder Netzwerk – das als unabdingbar für die Konstituierung von Demokratie und modernen Gesellschaften gilt. Bezugspunkt der Analysen sind hier die politischen Institutionen der EU und deren Legitimation. Der Journalismus spielt in dieser Theoretisierung explizit kaum eine Rolle, „die Medien“ oder „das Mediensystem“ oder dessen „Vermachtung“ hingegen schon. Schließlich kommt kein Öffentlichkeitskonzept der Moderne ohne die Berücksichtigung der Massenmedien aus. Die zweite Forschungstradition zur europäischen Öffentlichkeit liegt auf dem Feld der empirischen Forschung mit Methoden der Inhaltsanalyse; sie untersucht die Medienangebote im Hinblick auf Themen, die als europäisch relevant erachtet werden. Im Mittelpunkt stehen hier zumeist die Europäisierung der nationalen Öffentlichkeiten und die transnationalen Bezüge innerhalb der EU. Auch hier wird kaum nach den Hintergründen der Entstehung dieser Medieninhalte gefragt, die etwa in journalistischen Traditionen liegen könnten, in journalistischen Praktiken und Handlungsroutinen sowie Rollenmodellen und Handlungsnormen. Aufgrund der demokratietheoretischen Ausrichtung sind die genannten Forschungstraditionen auf die politische Öffentlichkeit begrenzt, forschungspragmatische Gründe rechtfertigen die Beschränkung auf einige – zumeist westeuropäische – Länder.

Zweifellos sind diese Forschungsperspektiven sachlich relevant und wissenschaftlich sinnvoll. Auch ist es zunehmend zu einer Verknüpfung der beiden Perspektiven gekommen – die empirische (kommunikationswissenschaftliche) Forschung wurde stärker theoretisiert; die Öffentlichkeitskonzepte wurden stärker an der empirisch prüfbaren Realität gemessen. Ein relativ junges Verbindungsstück stellen die empirischen Befragungen der KorrespondentInnen in Brüssel dar. Dennoch bleibt die Logik des Journalismus, als theoretisch ausgearbeitete und empirisch gestützte Dimension, eine vernachlässigte Perspektive. In diesem Sinn will der folgende Beitrag einen Impuls setzen für eine journalismustheoretische Ergänzung europäischer Öffentlichkeitsforschung. Dieses Vorhaben erfordert einiges an terminologischer Aufräumarbeit, an begrifflicher Abgrenzung und Präzisierung, die wir im folgenden Aufsatz lediglich in Ansätzen bieten können. Hier zunächst zwei Klarstellungen zu den gängigen Begriffen von „europäischem Journalismus“ und zu „Europa“. …

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