Swantje Lingenberg: Europäische Öffentlichkeit aus Publikumssicht Ein pragmatischer Ansatz mit Fallstudien zur europäischen Verfassungsdebatte

Einleitung:

„The public sphere does not begin and end when the media content reaches an audience; this is but one step in a larger communication chain that includes how the media output is received, made sense of, and used by citizens in their communicative interactions”
(Dahlgren, 2005, S. 321)

Dieser Artikel fokussiert die Publikumsebene einer europäischen Öffentlichkeit. Dabei wird zum einen die Bedeutung des Publikums für die Konstituierung europäischer Öffentlichkeit theoretisch reflektiert und konzeptualisiert, und zum anderen werden die kommunikativen Beteiligungen und Sinngebungsprozesse des Publikums am Beispiel der europäischen Verfassungsdebatte empirisch untersucht. Es wird angenommen, dass europäische Öffentlichkeit als soziales Konstrukt nicht allein durch die Generierung und massenmediale Vermittlung europapolitischer Themen, sondern schlussendlich im kommunikativen Handeln der Menschen entsteht und tradiert wird. Im Anschluss an eine Diskussion existierender Konzepte europäischer Öffentlichkeit wird zunächst und unter Rekurs auf John Dewey (1927) ein pragmatischer Ansatz europäischer Öffentlichkeit entfaltet, der sowohl die Publikumsebene, die politischen Zielfunktionen als auch den Raumbezug öffentlicher Kommunikationsprozesse in Europa umfasst. Europäische Öffentlichkeit wird dabei als ein translokales und transkulturelles Netzwerk themen- und ereignisbezogener Teilöffentlichkeiten verstanden, das in Abhängigkeit von der Wahrnehmung und Diskussion von Betroffenheit durch europapolitische Entscheidungs- und Problemzusammenhänge existiert. Im Rahmen qualitativer Fallstudien zur EU-Verfassungsdebatte in Frankreich, Italien und Deutschland werden die Aneignungs- und Sinngebungsprozesse durch das Publikum sodann empirisch untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen den Verfassungsprozess als gesamteuropäisches Projekt – und ob der gescheiterten Referenden nunmehr Problem – wahrnahmen und mögliche Folgen für den Integrationsprozess diskutierten. Neben einer generellen Konvergenz der rekurrierten Themen und Argumente über die Länder hinweg wurden auch einige kulturelle und länderspezifische Differenzen der Aneignung und Lokalisierung offensichtlich. …

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