Editorial 3/2016 Kommunikation in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

30 Jahre medien & zeit! Der Geburtstag bietet nicht nur Anlass um zu Feiern und gemeinsam mit langjährigen WegbegleiterInnen und MitstreiterInnen im Hier und Jetzt über Vergangenes wie Zukünftiges zu reflektieren. Die Publikationsgeschichte dieser, seit 1986 bestehenden Wiener Fachzeitschrift, erlaubt es ein Profil dieser Zeitschrift und des dahinterstehenden HerausgeberInnenkreises zu zeichnen.

Streitbar und konfrontativ war medien & zeit seit seiner Gründung: In den Anfangsjahren griff die Zeitschrift neue und wunde Punkte der Gesellschaft antastende Themen wie Exiljournalismus (Ausgabe 1/1988, 2/1988) und Antisemitismus in der österreichischen Presse der Vergangenheit wie der Realität der 1980er Jahre (3/1988) auf. Nationalsozialistische Kontinuitäten in den Berufsbiographien österreichischer JournalistInnen wurden ebenso wenig unter den Teppich gekehrt (1/1989, 3/1995) wie die problematischen Geschichten der eigenen „Mütter“ und „Väter“ und VordenkerInnen die im Fach Kommunikationswissenschaft großteils unhinterfragt blieben (2-3/2002). Das Aufgreifen dieser Themen in diesen Zeiten erforderte vor allem Mut, Wachheit und Wille zur Aufklärung in Wissenschaft wie Gesellschaft – eine Aufgabe, der sich die Mitglieder erster Stunde im Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung verpflichtet fühlten.

Gar nicht von gestern! Ein kursorischer Blick auf die Themen der Hefte in den letzten Jahren zeigt, die das Journal aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgriff und in geschichtlichen Kontext einband. Nach Ende des ersten Jahres der Wirtschaftskrise 2009 lieferte medien & zeit mit dem Thema „Versatzstücke einer Kommunikationsgeschichte der Armut“ einen historischen Blick auf Krisen und deren Auswirkungen (1/2010). Die Aufdeckung der Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes, benannt mit NSA Affäre, die hiesigen Diskussionen über die Aufhebung des Amtsgeheimnisses nahm medien & zeit zum Anlass um über den Terminus „Geheimnis“ theoretisch wie praktisch nachzudenken (2/2014). Die innerhalb und außerhalb der Kommunikationswissenschaft aufflackernde Debatte um die Popularisierung von Wissenschaft zog 2012 nicht nur die Gründung der ad hoc Fachgruppe „Wissenschaftskommunikation“ innerhalb der „Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft“ (DGPuK) nach sich. Es führte mit der Ausgabe 4/2013 auch zu einem Themenheft „Wissenschaftskommunikation historisch betrachtet“, herausgegeben von Fachgruppensprecherin Corinna Lüthje. Nachhaltigkeit, Verantwortung und Corporate Social Responsibility sind Begriffe, die in Anbetracht der nach wie vor anhaltenden ökonomischen Krise und ihrer Folgen gesellschaftlich virulent sind. Dass und wie man diese neuen Begriffe und Debatten auch historisch angehen kann, ist in medien & zeit Ausgabe 1/2014 nachzulesen.

Vielfältig auf der Materialebene: Wenngleich eine konsequente Geschichtsschreibung vieler Mediengattungen bislang ausständig ist, bietet medien & zeit streiflichtartige Ausleuchtungen von Radio- (2/2004) und Fernsehgeschichte (3/1998, 2/1999, 3/2005 sowie in der internationalen Perspektive 2/2005 und 2/2008). Filmgeschichte ist in den Ausgaben 4/1996, 3/1997, 2/2001, 4/2002 und 1/2003 (Stummfilm) nachzulesen. Selbst randständig und nachlässig befasste mediale Angebote wie Karikatur (1/1991) und Comic (3/2001) wurden in medien & zeit befasst. Erste Ansätze zur historischen Auseinandersetzung mit dem Internet finden sich in der Ausgabe 2/2013. Diese sollen als Auftakt für künftige Auseinandersetzungen von medien & zeit mit Online-Plattformen und -Angeboten begriffen werden.

Gegen den Vorwurf der Theorielosigkeit von Geschichte versucht sich medien & zeit seit jeher zu behaupten. Debatten über theoretische Zugänge und (Rund-)Fragen zur Selbstverortung begleiten die Zeitschrift seit ihrem Bestehen. Feministische Ansätze der historischen Forschung etwa finden sich bereits in der Ausgabe 1/1995 dann wiederum in 2/2000 sowie 3/2009. Dass Erinnerungen und Erinnerungskultur auch mit populärkulturellen Parametern betrachtet werden kann, führt medien & zeit 4/2009 vor. Nicht zuletzt greift die Zeitschrift Ansätze der Unterhaltungsforschung als Rahmen für kommunikationsgeschichtliche Auseinandersetzung auf: Anrührung mit Kitsch und Kult (4/2012 und 1/2013), Lachen in der Themenausgabe Humor (3/2014) oder der Diskussion um Pornographie (2/2015). Mehr zu Liebe in all ihren medialen Ausprägungen, aber auch Horror und Spannung werden folgen.
Eine solche Rückschau auf fundierte Grundfeste zu stellen, haben sich die Herausgeberinnen vorliegender Ausgabe im zweiten Beitrag zur Aufgabe gemacht. Die inhaltsanalytische Auswertung der vergangenen drei Jahrzehnte liefert Erkenntnisse zu AutorInnen, deren institutionelle und fachdiziplinäre Anbindung und ebenso zu inhaltlichen Entwicklungssträngen, theoretischen Einbettungen und Herangehensweisen, die in medien & zeit Einzug gefunden haben.

Das Jubiläum gab gleichermaßen den Ausschlag dafür das sich im Werte- und Bedeutungswandel befindende Feld der wissenschaftlichen Publikationspraxis etwas breiter auszuleuchten und darüberhinaus die historische Kommunikationsforschung an sich differenziert in den Blick zu nehmen. Thomas Birkner und Christian Schwarzenegger stellten sich in ihrem Beitrag der Herausforderung den Werdegang der historischen Kommunikationswissenschaft in den vergangenen 30 Jahre nachzuzeichnen. Dabei spürten sie internationalen wie interkulturellen Aspekten nach, bieten Einblicke in institutionelle Anbindungen und verfolgten Konjunkturen inhaltlicher Auseinandersetzungen.

Anschließend beschäftigt sich Beatrice Dernbach grundlegend in ihrem Beitrag mit der Frage nach Publikationsverhalten und zusammenhängender Reputation von WissenschaftlerInnen unter besonderer Berücksichtigung genderspezifischer Divergenzen. Mit kritischem Blick geht Dernbach den Fragen nach, wie sich die Unterrepräsentanz von Frauen im Wissenschaftssystem in ihrem öffentlichen und fachinternen Auftreten niederschlägt und welche Rollen Fach- wie Massenmedien dabei einnehmen.

Zurückgeblättert im Archivbestand der medien & zeit fällt besonders eine Rubrik in den Blick, die einiges an Aufmerksamkeit auf sich zog: die Rundfrage. Diese Tradition wieder aufgreifend, wenn diesmal auch in dem Anlass zu verdankender festlicheren Fasson, kommen im folgenden Abschnitt dieser Ausgabe jene Personen ganz persönlich zu Wort, die den Werdegang der Zeitschrift medien & zeit maßgeblich begleiteten und unterstützten. Impuls waren Fragen zur individuellen Geschichte mit dem Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung bzw. medien & zeit, aber auch welchen Aufgaben sich die historische Kommunikationsforschung künftig stellen sollte. Ergebnis ist eine Folge kurzweiliger Statements zwischen spritzigen Erzählung und einträglichen Anregungen.

Der zweite Teil der vorliegenden Ausgabe ist der jungen Wissenschaft gewidmet. Nicht erst seit gestern fungiert medien & zeit als Arbeits- und Erfahrungsfeld wie Publikationsplattform für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das lässt sich anhand der Biographien engagierter langjähriger Mitglieder des Arbeitskreises für historische Kommunikationsforschung ebenso nachvollziehen, wie es sich im Moment anhand der Aktivitäten der jüngsten Mitglieder ablesen lässt.

Den NachwuchswissenschaftlerInnen soll weiterhin eine prominente Stelle in medien & zeit zukommen. Um diesen Worten auch Gehalt zu geben, werden in dieser Ausgabe auch Beiträge von WissenschaftlerInnen publiziert, die diese auf der ersten „under.docs – Fachtagung junger Medien- und Kommunikationswissenschaft“ 2015 vorgestellt haben.

Lisa Hoppel, Studentin der Globalgeschichte und Global Studies in Wien, liefert in ihrem Beitrag eine Werk- und Kontextanalyse gestützt auf ihre Bakkalaureats-Arbeit. Darin zeigt sie den Werdegang der Publikation Feuer und Schwert im Sudan von Rudolph Slatin Pascha, der als junger Mann aus Österreich 1878 in ägyptische Dienste trat und persönliche wie militärische Beobachtungen in seinem Werk dokumentierte. Hoppel arbeitet heraus wie (gesellschafts-)politische Vereinnahmungen zu unterschiedlichen Textbearbeitungen führten. Sie illustriert wie und warum, die Publikation in einem Zeitraum von 100 Jahren von einem Erfahrungsbericht zu einem Jugendbuch bzw. einer Erzählung modifiziert wurde.
Karl-Leontin Beger, Studierender am Wiener Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, beleuchtet in seinem Beitrag medienwirksame Aktionen des vornehmlich in Deutschland aktiven „Zentrum für politische Schönheit“, die sich in avantgardistisch, liberal-demokratischer Manier um internationale Solidarität bemühen. In seiner kritischen Auseinandersetzung mit ausgewählten, zeitgeschichtlichen Projekten, die er im Rahmen seiner Magisterarbeit anstellt, zeigt Beger nicht nur das Potential politischer Kunstinszenierungen, sondern problematisiert mediale Verarbeitungsprozesse und (schein-)partizipative Ansätze etwa durch rein digitaler Anteilnahme an Protesten via „Klickkultur“.
Bisherige Ergebnisse seiner Dissertation stellt Stefan Sulzenbacher im anschließenden Beitrag vor. Der Wiener Theater-, Film-, und Medienwissenschaftler nimmt Transformationen von vergeschlechtlichten Fernsehereignissen am Beispiel des 2014 veranstalteten House of Cards-Binge-Events und zugehörige Werbestrategien des selbstitutlierten „Männer-Senders“ ProSieben MAXX in den Blick. Eingebettet werden historische Entwicklungen medialer Nutzungsformen und zusammenhängende als geschlechtsspezifisch konstruierte Verteilungsprozesse von Handlungsmacht.

Abschließend freut es die Herausgeberinnen den Beitrag auf Grundlage der Dissertation von Erik Koenen vorstellen zu können. Die am Leipziger Institut für historische und systematische Kommunikationswissenschaft approbierte Arbeit wurde 2016 mit dem Nachwuchsförderpreis der Fachgruppe Kommunikationsgeschichte der DGPuK ausgezeichnet. In seiner fundierten, materialreichen, biographischen Untersuchung liefert Koenen fachhistorisch relevante Aufschlüsse zum Journalisten und Zeitungskundler Erich Everth (1878-1934).

Umfangreiche Lektüre bietet vorliegendes Heft zum 30-Jahr-Jubiläum, zu der wir spannendes und kurzweiliges Lesevergnügen wünschen,

Gaby Falböck & Christina Krakovsky

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