Editorial 1/2017 Marion Krammer, Margarethe Szeless & Fritz Hausjell

Diese Ausgabe von medien & zeit stellt Ergebnisse des Forschungsprojektes War of Pictures. Press Photography in Austria 1945-1955 vor. Das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Förderung (FWF) geförderte Projekt wird von den Autorinnen dieses Heftes unter der Leitung von Fritz Hausjell seit 2014 am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften durchgeführt.

Das Projekt befasst sich mit drei forschungsleitenden Fragestellungen: zum einen werden die im ersten Nachkriegsjahrzehnt tätigen österreichischen PressefotografInnen erhoben. Dafür wurde eine Datenbank mit Biografien von über 200 PressefotografInnen erarbeitet. In ihrer Dissertation beschäftigt sich Marion Krammer mit dieser längst vergessenen Generation an PressefotografInnen und erarbeitet eine „Kollektivbiografie“ des Fotoreporters der Nachkriegszeit. Im Fokus ihrer Untersuchung stehen Fragen nach sozialen Milieus, Ausbildungs- und Berufsstationen, Arbeitsbedingungen, Karrieremustern, Verhalten und Handeln der AkteurInnen innerhalb der Organisationen sowie Fragen zu Arbeits- und Gestaltungsweisen, Interpretationen und Sichtweisen zum Berufsbild wie zum Selbstverständnis von Fotojournalismus. Besonderes Augenmerk legt Marion Krammer dabei auf die im Kontext des Wiederaufbaus oftmals postulierte These der „Stunde Null“.
Die zweite Forschungsfrage beschäftigt sich mit Bildpropaganda in den österreichischen Nachkriegsillustrierten. Anhand von thematischen Clustern und qualitativen Bildanalysen soll der „Kampf der Bilder“ im Kalten Krieg beschrieben werden.
Der dritte Schwerpunkt des Forschungsprojektes, dessen Ergebnisse in diesem Heft präsentiert werden, ist den Bilderdiensten und der Bildpolitik der alliierten Besatzungsmächte gewidmet. Die Erforschung der Bilderdienste stützt sich auf umfassendes Archivmaterial aus den Besatzungsarchiven aller vier Siegermächte. Die Auswertung dieser Archivalien erlaubt erstmals einen Blick in die Organisationsstruktur der alliierten Bilderdienste: Wer waren die zuständigen Stellen für Bildpropaganda? Woher bezogen die Bilderdienste ihre Pressefotos? Welche österreichischen PressefotografInnen waren für die allierten Bilderdienste tätig? So lauten einige der Grundfragen, die in diesem Heft beantwortet werden.

Neben der detaillierten Auswertung und Analyse der mehrere tausend Dokumente umfassenden alliierten Aktenbestände basieren die Aufsätze dieser Ausgabe auch auf umfangreichen quantitativen Erhebungen in den österreichischen Illustrierten. An dieser Stelle möchten wir uns bei den TeilnehmerInnen unserer Forschungsseminare am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften bedanken, die rund 60.000 Einzelbildnachweise aus fünf österreichischen Illustrierten erfasst und die entsprechenden Pressefotografien gescannt haben.

Im ersten Beitrag dieses Heftes beschäftigen sich Marion Krammer und Margarethe Szeless ausführlich mit dem amerikanischen Bilderdienst, dem größten und einflussreichsten der alliierten Bilderdienste in Österreich. Das Negativarchiv des Bilderdienstes, der sogenannten Pictorial Section, befindet sich im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Es umfasst rund 22.000 Fotografien, die großteils online abrufbar sind, sowie die dazugehörigen Bildunterschriften. In Zusammenschau mit den Akten der Pictorial Section aus den National Archives in Washington, D.C. rekonstruieren die Autorinnen Geschichte, Organisationsstruktur und Reichweite der vom amerikanischen Information Services Branch (ISB) betriebenen Pictorial Section. Dabei werden insbesondere die Intentionen und Leistungen der beiden Leiter des Bilderdienstes, der Pressefotografen Howard R. Hollem und Yoichi R. Okamoto ausführlich dargelegt. Es wird gezeigt, wie es Okamoto mit Hilfe der modern gestalteten Bilderbeilage des Wiener Kuriers sowie durch Aufbau und Ausbildung eines österreichischen Mitarbeiterstabes gelang, einen nachhaltigen Einfluss auf die österreichische Bildkultur auszuüben. Schließlich arbeiten die Autorinnen heraus, wie der professionell organisierte Bilderdienst als adäquates Mittel amerikanischer Kultur- und Propagandapolitik eingesetzt wurde.

Im Vergleich zum amerikanischen Bilderdienst ist die Aktenlage zum britischen und französischen Bilderdienst weitaus spärlicher. Dennoch gelingt es Margarethe Szeless anhand von Dokumenten aus den Besatzungsarchiven, die Grundzüge britischer und französischer Bildpolitik im Nachkriegsösterreich zu skizzieren. Gemeinsam ist diesen beiden Westmächten ihr relativ bescheidenes Budget für Propagandakativitäten. Die Briten beziehen daher ihr Bildmaterial vorwiegend von kommerziellen Bildagenturen und reichen das an die österreichische Presse weiter, während sie Berichterstattung vor Ort bei ausgesuchten österreichischen Pressefotografen in Auftrag geben. Die französische Besatzungsmacht betrieb ihren Fotodienst unter der Leitung des Kriegsberichterstatters und Pressefotografen Robert Moisy nur bis 1947 und setzte bei ihren Propagandaaktivitäten generell eher auf hochkulturelle Konzepte und das geschriebene Wort als auf das Massenmedium Fotografie.

Marion Krammer schließlich wirft anhand von Akten aus mehreren russischen Archiven einen erhellenden Blick hinter die Kulissen der zentralisierten sowjetischen Bildpolitik. Auf sowjetischer Seite sind mehrere Stellen mit Bildpropaganda beschäftigt, die Propagandaabteilung der sowjetischen Besatzungsmacht SČSK, das Sovinformbüro sowie die Nachrichtenagentur TASS. Pressefotos wurden zumeist von den beiden letztgenannten Stellen aus der Sowjetunion bezogen und mussten zuerst die Zensur passieren. Ein Bilderdienst mit angestellten österreichischen Pressefotografen wurde von den Sowjets nicht aufgebaut. Allerdings wurden lokale Reportagen vor Ort in Auftrag gegeben. So veröffentlichten beispielsweise Walter Henisch und Franz
Fremuth regelmäßig in der von den Sowjets herausgegebenen Welt-Illustrierten. Die geringe Popularität dieser Illustrierten nimmt das Fazit von Marion Krammers Ausführungen gewissermaßen schon vorweg: das Scheitern der sowjetischen Bildpolitik nicht nur auf Grund der komplexen administrativen Strukturen und der fehlkonzipierten Propagandaaktivitäten, sondern nicht zuletzt im Hinblick auf die übermächtige und erfolgreiche Bildpolitik der Amerikaner.

Es ist dieser komparative Aspekt, den die Beiträge dieses Heftes letztendlich anstreben. Alle vier Besatzungsmächte betrieben ihre Bildpolitik in Österreich zur gleichen Zeit und in Konkurrenz zueinander. Dementsprechend wurden Pressefotos getauscht und weiterverwendet, es wurde genau beobachtet, wie viele und welche Bilder von den anderen verbreitet wurden und durch welche Kanäle. Und es wurden Urteile gefällt über die Durchschlagkraft der Bildpolitik des jeweils anderen. Diese mannigfachen Bezüge werden an vielen Stellen in den drei Beiträgen dieses Hefts angesprochen. In der Zusammenschau ergeben sie idealerweise ein Bild, das der Komplexität der historischen Gegebenheiten gerecht wird.

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