Fritz Hausjell & Andreas Ulrich: Dokumentation, Datenbank und Handbuch der österreichischen Exilzeitschriften in Europa (1933/34 – 1945) Zwischenbericht zu einem laufenden Forschungsprojekt. Notizen

Einleitung und Forschungsstand

Die Kommunikationsgeschichte des EixiIs gehört zweifellos zu den spannendsten und aufschlußreichsten Kapiteln der Exilforschung. Die Publizistik des Exils spiegelt fast repräsentativ und authentisch die große Bandbreite der politischen und kulturellen Strömungen, die kreative Vielfalt, die Heterogenität und nicht zuletzt viel von der Alltagswirklichkeit der in viele Länder vor dem „Ständestaat41 und dann vor allem vor dem NS-Re- gime Geflohenen wider. Die Exilzeitschriften waren die Plattform für grundlegende politische, nationale und kulturelle Standortbestimmungen und Debatten, dienten der Kommunikation der Exilanten untereinander, der Organisation des alltäglichen Lebens in ungewohnten Verhältnissen sowie der Vermittlung von Anliegen gegenüber der Gesellschaft der asylgewährenden Gastländer. Sie sind in Summe gesehen ganz wesentlich Ausdruck der vertriebenen Vernunft Österreichs jener Periode.

Das durch faschistische und autoritäre Regime in Europa in den 30er und 40er Jahren dieses Jahrhunderts bedingte Exil hunderttausender Menschen ist in mehreren Forschungsbereichen in den letzten Jahren zu einem immer wichtigeren Thema geworden. Die österreichische Kommunikationswissenschaft, die sich lange Zeit dem Thema Exil sehr zurückhaltend genähert hat, kann zwar mittlerweile auf einige Forschungsergebnisse verweisen, dennoch ist der größere Teil der Karte der Kommunikationsgeschichle des österreichischen Exils infolge „Ständestaats“ und „Dritten Reiches“ noch weiß. Weitgehend unbearbeitet sind beispielsweise noch folgende Bereiche:

  • Der Beitrag der österreichischen Journalisten im Exil für die Befreiung und Wiedererrichtung eines eigenständigen Österreich durch Propaganda in Exilpublizistik und Exilradio sowie durch militärischen Einsatz in Armeeverbänden der Alliierten.
  • Die speziellen politischen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen für die journalistische Arbeit exilierter österreichischer Journalisten in Medien des Exils sowie jenen des Immigrationslandes.
  • Die Bedeutung der im Exil erfolgreichen österreichischen Journalisten für die Entwicklung des Journalismus in den Gastländern.
  • Die Rolle der politischen Parteien, der Berufsverbände (z.B. Concordia) und der Journalistengewerkschaft bei der Rückholung bzw. bei der allfälligen Behinderung der Rückkehr emigrierter österreichischer Journalisten nach 1943.
  • Erfassung der Quantität wie auch der Qualität vertriebener Fachkräfte sowie – aufgrund der niedrigen Rückkehrerquote – deren weitgehendes Fehlen beim Aulbau österreichischer Medien ab 1943.

Dieser kleine Katalog an Forschungslücken ist bei weitem nicht vollständig (vgl. dazu Hausjell, 1993). Woran es aber vor allem mangelt, ist die Grundlagenforschung. Dieser Mangel ist unter anderem für die mittlerweile größer werdende Zahl von begonnenen Diplomarbeiten und Dissertationen im Themenfeld Österreichische Exilpublizistik sehr hinderlich: Studentinnen und Studenten können sich keinen genügenden Überblick über die verschiedenen Exilperiodika verschaffen. Da der zwar sehr umfangreiche Bestand an Exilzeitschriften im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) dennoch recht lückenhaft ist und noch nicht alle tatsächlich erschienenen Titel enthält, müssen viele – nicht nur studentische – Studien unvollständig bleiben.

Aber die fehlende Grundlagenforschung im Bereich der österreichischen Exilzeitschriften betrifft bei weitem nicht nur das Fach Publizistik- und Kommunikations- Wissenschaft. Da in der Exilpresse vertriebene Politiker, Wissenschaftler, Schauspieler, Literaten, Regisseure, Funktionäre der verschiedensten Verbände und Vertreter vieler anderer Berufe sich zu Wort gemeldet haben, beeinträchtigt der derzeitige Zustand auch die Forschungen zum politischen Exil und zur Wissenschaftsemigration, er tangiert die historisch orientierten Arbeiten der Theaterwissenschaften ebenso wie die der Gemanistik, der Erziehungswissenschaft, der Wirtschaftswissenschaften und beeinträchtigt Studien über die Geschichte der Medizin genauso wie jene der Justiz. Keiner dieser explizit genannten sowie weiterer Wissenschaftszweige kann auf die österreichischen Exilzeitschriften als eine wesentliche Forschungsquelle verzichten, wenn es allgemein um die Entwicklungen der 30er und 40er Jahre oder speziell um die Exilforschung im jeweiligen Wissenschaftsgebiet geht.

Gestaltet wurden die Exilzeitschriften nicht selten von journalistischen Amateuren, aber auch viele professionelle Journalistinnen und Journalisten arbeiteten daran mit. Die meisten von ihnen verlor Österreich durch „Ständestaat“ und „Drittes Reich“ für immer, da nur ein kleiner Teil remigrierte. Die meisten standen und stehen für einen demokratisch gesinnten, aufrechten, dem Antinationalsozialismus und Antifaschismus verpflichteten und oft auch darüberhinaus sehr engagierten Journalismus. Manche Entwicklung des österreichischen Nachkriegsjournalismus läßt sich wohl nur unbefriedigend erklären, wenn man das weitgehende Fehlen jener Journalistengruppe nach 1943 nicht berücksichtigt. …

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