Irene Neverla: Die polychrone Gesellschaft und ihre Medien

Einleitung: Nennen wir sie Gloria Mutig — die junge Frau, die den neuen Zeit-Typ präsentiert. Mit einer hochqualifizierten Ausbildung arbeitet sie als Freelancerin in einer Werbeagentur. Wenn die Aufträge laufen, hat sie einen Arbeitstag von 12 Stunden und mehr über Wochen hinweg. Dann und wann, wenn der Job es zulässt, gönnt sie sich Auszeiten — Kurztrips, ein paar Tage Wellness im Spa, aber auch schon mal drei Monate durch Südostasien.Wo immer Gloria Mutig sich aufhält, ist sie erreichbar über Mobiltelefon und Mailbox und E-Mail – wenn sie erreichbar sein möchte. Termine und Adressen managt sie mittels Palmtop, Reisen oder Bankaufträge übers Internet. Sie liest fast täglich eine Tageszeitung, das kann auch mal ein Boulevardblatt sein, sieht gelegentlich nebenher die Spätnachrichten im Fernsehen, bei brandaktuellen Ereignissen checkt sie schnell die Online-Informationen im Web. Sie hat eine eigene Homepage und führt dort Tagebuch und macht mit bei den halbprofessionellen Web-Bloggern. Zur Entspannung liest sie ab und an eine Frauenzeitschrift, ein politisches Wochenmagazin oder ein Buch oder sieht einen Liebesfilm. Kaum etwas davon tut sie völlig regelmäßig zu bestimmten Zeitpunkten und mit bestimmter Dauer – und doch folgt die Rhythmik ihres Lebens insgeheim einem Plan und trägt einen bestimmten Charakter: Es ist die Eigenzeit von Gloria Mutig, von ihr individuell gestaltet, eingepasst ins herrschende Regime der abstrakten Zeitordnung, die doch Nischen lässt für punktuell Einmaliges und für Zyklizität und für gelegentliche Langsamkeit. Es ist die Zeit der polychronen Gesellschaft. Die Medien spiegeln die Emergenz dieser polychronen Zeit wider und sind zugleich ihr Motor. Das Kommunikationsmedium, das dem Entwicklungsschub in Richtung Polychrome entscheidende Impulse gab, ja zum Katalysator wurde, ist das Internet. …

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