Peter Dusek: Die „Gnade“ der späten Reform oder: Das Methodendefizit der Historiker im Medienzeitalter Eine Standortbestimmung des Leiters der Abteilung Dokumentation und Archive des ORF

Einleitung: Stellen Sie sich vor, man hätte eine Wochenschau von der Kaiserkrönung Karls des Großen oder vom Bau der Pyramiden: die Geschichtswissenschaft würde nichts mehr hüten und hegen als diese Dokumente, die viel mehr aussagen als die sorgsam verwahrten Pergamenturkunden des Mittelalters oder die Hieroglyphen aus der Pharaonenzeit. Allerdings – Photo und Film sind Erfindungen, die erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts voll zum Tragen kamen, und auch die ältesten Tonaufzeichnungen stammen vom Ende des vorigen Jahrhunderts. Aber wer daraus ableiten wollte, daß das audiovisuelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt der Quellenkritik und Überlieferungstradition der Historiker gestanden wäre, der würde einem großen Trugschluß erliegen. Es dauerte fast hundert Jahre, bis die Geschichtswissenschaft sich im großen Stil für Dokumentarfilme und Wochenschauen, Werbefilme und Rundfunkübertragungen zu interessieren begonnen hatte. Als ich in den späten 70er-Jahren bei der Produktion der ersten, JMedienkoffer zur Österreichischen Zeitgeschichte”1 mit der geradezu tragisch grotesken Situation der österreichischen Medienarchive konfrontiert wurde, war vieles bereits unrettbar verloren. Da fand sich etwa in den ORF-Archiven die gleiche Situation wie in den wenigen staatlichen Stellen: zu geringes Personal mit viel zu großen Beständen und zu wenig Unterstützung von irgendwo her. Da wurde gelöscht und inhaltlich nur dürftig ausgewertet; da wurden Originalfilme zerschnitten und – aus Personalmangel – keine Referenzverweise angelegt; da gab es so gut wie keinerlei Kontakt zwischen den professionellen Historikern und den dort arbeitenden Archivaren, die im Grunde Heroisches leisten mußten, aber in der Hierarchie der ORF-Leistungsbeur- teilung unter den Sekretärinnen angesiedelt waren. Und dieser Befund gilt generell: Die „Rot-Weiß-Rot”-Tonbandbestände mit wahren Schätzen der österreichischen Nachkriegskultur wurden an die Papierfabrik Bunzl und Biach zum Verbrennen geliefert (man hatte schließlich Platzprobleme); die Bestände der Wien Film-Produktion mit Hans Moser- und Paula Wessely-Filmen wurden vom Finanzministerium aus der Konkursmasse an den deutschen Medienmogul Leo Kirch verkauft (ohne etwa Pflichtbelegexemplare an ein staatliches Institut zu verlangen); viele Jahrgänge der „Austria Wochenschau” sind verbrannt; die Wochenschauen des Ständestaates („Österreich in Bild und Ton”) sind nur zu zwei Drittel an das ÖFA (Österreichisches Filmarchiv) und ÖFM (Österreichisches Filmmuseum) gekommen – mehr als ein ganzer Jahrgang findet sich noch immer als feuergefährdete Original-Nitroversion in Berlin…

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