Tanja Busse: Die Banalität der späten Zahl Der Jahreswechsel 1998/99 als Anlaß zu apokalyptischer Spekulation in Zeitung und Film

Einleitung: Ende Dezember 1998 stellt das deutsche Nachrichten-magazin Focus die Frage nach dem Ende aller Dinge. Auf dem Titelbild der Ausgabe vom 28. 12. 1998 wölbt sich ein orangefarbener Himmel über einer blauen Erde (Focus Nr. 53 vom 28.12.1998). Uber Sternenpunkten und Wolkenbergen steht in großen Lettern: „Geht die Welt unter?“ Das Magazin, das mit der Maxime „Fakten, Fakten, Fakten“ für sich wirbt, verspricht die Wahrheit über die letzten Dinge: „Countdown zum neuen Jahrtausend. Endzeit-Propheten haben Hochkonjunktur. Was die Wissenschaft dazu sagt.“ Die Überlagerung von Abendhimmel und Blick aus dem All auf die Erde gibt die Dimension der Bedrohung vor. Die Gefahr kommt von Außen, die Erde als ganze, der kleine blaue Planet im All, scheint in Gefahr zu sein. Der schwefelgelbe Dämmerungshimmel weckt Assoziationen an christliche apokalyptische Erzählungen. Die Schlagzeilen sprechen gleichzeitig von Untergang („Geht die Welt unter?“) und Neuanfang („Countdown…“). Diese Kombination ist im strengen Sinn widersprüchlich. Wenn die Welt unterginge, könnte kein neues Jahrtausend beginnen. Erst als apokalyptische Figur gelesen, macht der Titel Sinn: Etwas muß untergehen, damit ein Neuanfang kommen kann. Die Unterzeilen entschärfen diese apokalyptische Botschaft. Der Hinweis auf die „Hochkonjunktur“ von „Endzeit-Propheten“ weist die Schlagzeilen als Visionen möglicherweise dubioser Denker aus, die der Focus mit Kommentaren der „Wissenschaft“ konfrontieren wird.

Silvester 1998 war der letzte Jahreswechsel vor der großen runden Zahl, und eben diese banale Zahl ist der Auslöser für die Weltuntergangsspekulation. Die Vorgabe zu dieser Verbindung von runder Zahl und Schicksalsjahr stammt aus der Bibel: Der Engel, der vom Himmel herabgestiegen ist, „überwältigte den Drachen, die alte Schlange — das ist der Teufel oder der Satan —, und er fesselte ihn für tausend Jahre. Er warf ihn in den Abgrund, verschloß diesen und drückte ein Siegel darauf, damit der Drache die Völker nicht mehr verführen konnte, bis die tausend Jahre vollendet sind. Danach muß er für kurze Zeit freigelassen werden.“ (Offb 20, 2-3.) …

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