Christian Haider & Fritz Hausjell: Die Apokalypse als Bildgeschichte Antisemitische Karikatur am Beispiel des "Juden Tate" im Wiener "Deutschen Volksblatt" 1936 bis 1939

Einleitung:

„Als wir zum ersten Mal berichteten, daß unsere Freunde geschlachtet wurden, gab es einen Schrei des Entsetzens und viele Hilfe. Da waren hundert geschlachtet. Aber als tausend geschlachtet waren und des Schlachtens kein Ende war, breitete sich Schweigen aus, und es gab nur mehr wenig Hilfe.“
(Bertolt Brecht, 1935)

Mit dem “Anschluß” im März 1938 vollzog sich in Österreich nicht nur eine okkupationsartige “Machtübernahme” durch das “Dritte Reich” von außen, sondern auch eine Machtergreifung der Nationalsozialisten von innen her – und ein Aufstand von unten. Schon in der Nacht vor dem viel bejubelten Einmarsch der Wehrmacht setzten in Wien wüste Ausschreitungen gegen Juden beziehungsweise “Personen, die für Juden gehalten wurden” ein. Mit voller Wucht entlud sich nun und in den folgenden Tagen und Wochen, wovon vorher “nur” geschrieben, bislang überwiegend “nur” gesprochen worden war. Denn der Antisemitismus bedurfte in Wien nicht erst einer Motivation oder propagandistischen Aufbereitung, er war bereits da, und er suchte und fand den scheinlegalen, staatlich-öffentlichen Rückhalt des NS-Terrorregimes zu seiner blutigen Ausformung und Entfaltung.

Die Katastrophe Österreichs in den Märztagen 1938 war zugleich die Katastrophe des österreichischen Judentums: Der irrationale Haßausbruch im Taumel des “Anschlusses”, schon so lange von der Ideologie der Antisemiten vorbereitet und geschürt, wurde im Unrechtsstaat des NS-Regimes Schritt um Schritt institutionalisiert, die Beleidigung, Erniedrigung, Erpressung und Ausplünderung der Juden zum System erhoben. (…) Mit rasender Geschwindigkeit drehte sich das Rad der Geschichte zurück zur Barbarei des Pogroms.

In der Zeit des “Umbruchs”, wie die Ereignisse der Märztage 1938 von den Nationalsozialisten bezeichnet wurden, manifestierte sich exzessiv ein Maß an Haß und Menschen Verachtung als soziale Normalität, das die neuen Machthaber in der Folge mittels Verordnungen, Gesetzen und entsprechender Presseberichterstattung in fadenscheiniger Sor^e “um die Untadeligkeit und Reinheit der Bewegung” zu kanalisieren versuchten und für ihre Zweck lediglich mehr dienstbar zu machen brauchten.

Die schon bald nach der “Volksabstimmung” vom 10. April 1938 in Österreich einsetzende antijüdische Gesetzesproduktion sollte unter dem Deckmantel der “Rechtsstaatlichkeit” vor allem die Sicherung des zwangsenteigneten und “arisierten” jüdischen Vermögens garantieren, das die Reichsbehörden für die Finanzierung ihres Vierjahresplanes gesichert wissen wollten; gleichzeitig war cs aber auch ihre “verfolgungstechnische Funktion (…), das bisher nur vage in der populären Massenmeinung vorhandene Judenbild zu präzisieren und dcfinitorisch (…) abzugrenzen”. Die Szenarien der im März/April 1938 zur allgemeinen “Volksbelustigung” avancierten “Reibpartien” straßewaschender Juden determinierten dabei allerdings schon vorzeitig – noch vor formeller Einführung der “Nürnberger Rassegesetze” am 20. Mai 1938 – die künftige “Lösungsstrategie” zur “Judenfrage”: Sie kennzeichneten jene ersten Schritte der Stigmatisierung und Ausgrenzung, der Entrechtung und völligen Schutzlosigkeit von Juden, die den Weg in den Holocaust vorgaben. …

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