Hannes Haas: Der perfekte Blick Metropolenrecherchen von Joseph Pezzl im josephinischen Wien

Einleitung:

„Der Feuilletonist, wie Sie ihn sich zu denken scheinen, mein Herr, der als ein wildes Raubtier genuß- und beutegierig das ganze Material einer Großstadt durchstöberte und etwa gar noch an Stoffmangel hungerte: dieser Typus kommt in der Natur entweder gar nicht vor, oder höchstens als eine entartete Form seines Urbilds. Der echte Feuilletonist stellt uns in der Regel das Spiel der Individualitäten in viel zarteren Nuancen dar. Er lebt durchaus im Detail. Seine Sphäre ist immer die Spezialität. Er sondert sich aus dem Raum einer Großstadt ein bestimmtes Gebiet ab und hier, auf diesem Gebiete allein, findet er seine Stoffe, und würde sie finden, wenn sie ihm Nestors oder Methusalems Jahre zu leben gäben.“
Ferdinand Kürnbcrger am 9. und 10. Juli 1856

Was Ferdinand Kürnberger so pointiert über das unendliche Themenreservoir des Feuilletonisten formulierte, hatte Johann Pezzl mehr als siebzig Jahre früher in seinen Wien-Skizzen bewiesen. Sein präziser Blick verhinderte Stoffmangel und Ideenlosigkeit. Alle Facetten des großstädtischen Lebens wurden ihm zum möglichen Gegenstand. Und das unterscheidet ihn auch vom Spezialistentum des späteren Feuilletons: Neben den Detaillisten war er Polyhistor.

Sein Werk eignet sich in besonderem Maße für die kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung. Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen: In diesem Beitrag wird keinesfalls der Versuch unternommen, Pezzl und sein Werk aus dem fachlichen Kompetenzbereich von Germanistik und Literaturwissenschaft als „Raubgut“ zu entziehen, um es allein für die kommunikationshistorische Journalismusforschung zu reklamieren. Solcher Verdacht läßt sich inhaltlich zerstreuen: Die zugrunde gelegte Eingangsthese sowie das gentrale Analyseinteresse machen disziplinäre Zuordnungsprobleme ohnehin zu jenen Marginalien, die sie eigentlich sein sollten.

In dieser Beziehung waren die Fachväter schon ein Stück weiter, wie die wissenschaftliche Rezeptionsgeschichte der Skizze von Wien zeigt. Von der Germanistik lange unterschätzt, vergessen und auch in den letzten Jahren mehr sporadisch behandelt, als systematisch wiederentdeckt, war Pezzl von der alten „Zeitungswissenschaft“ als „literarischer Journalist“ oder — je nachdem — als „journalistischer Literat“ im Zusammenhang mit der Formengeschichte des Feuilletons herangezogen worden.

Für diesen Aufsatz sind solche Kanonisierungen nebensächlich. Im Mittelpunkt steht die Skizze von Wien, sein übriges OEuvre dient lediglich der notwendigen bio-bibliographischen Kontextierung. Auch die Untersuchung der Skizze folgt einem umfassenderen Forschungsprogramm, das ausführlich an anderer Stelle dargestellt ist. Ich gehe dabei von der These aus, daß sich bei literarischen, sozialwissenschaftlichen und journalistischen Vorgehensweisen systematische Ähnlichkeiten nachweisen lassen. Bei manchen Produkten überschneiden sie sich idealtypisch. Die Skizze von Wien ist eine solche Arbeit.

In ihrem Umgang mit der sozialen Wirklichkeit weisen Journalismus, Literatur und Sozialwissenschaft eine Fülle von Gemeinsamkeiten auf: ähnliche thematische Interessen, Parallelen im Zugriff auf komplexe Realität, aber auch in der Sammlung und Präsentation des Materials. Es sind gerade die Großstadtthemen, bei denen sich Interesse und Vorgehen der drei Systeme in besonders hohem Maße nähern.

Pezzl unternahm den Versuch, die soziale Realität der Großstadt Wien zu thematisieren, unter Anwendung systematischer (vor-)wissenschaftlicher Methoden zu erforschen bzw. journalistisch zu recherchieren und die Ergebnisse schließlich mit künstlerisch-literarischen Mitteln zu präsentieren.

Um die These zu präzisieren: In der Skizze ging Pezzl über die Standards der zeitgenössischen Literatur hinaus. Sein Gegenstand war die Wirklichkeit, seine Recherchen basierten auf ausführlichem Quellenstudium, Interviews, Sekundäranalysen und zum Teil selbst erhobenen Daten, Statistiken, belletristischer wie sozialdokumentarischer Literatur…

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