Fritz Hausjell: „… daß das eine grausige Situation ist. Die Freunde im Exil und ich hier als Journalist im ‚Dritten Reich'“ Ein Gespräch mit Milan Dubrovic

Einleitung: Als einer von vielen österreichischen Journalisten, die auch im „Dritten Reich“ ihren Beruf ausgeübt hatten, gehört Prof. Milan Dubrovic zu jenen ganz wenigen, die darüber nach 1945 – wenn auch spät – berichtet haben. Eng befreundet mit Journalisten und Literaten wie Friedrich Torberg, hatte er miterlebt, wie ab 1938 viele seiner Freunde und Freundinnen fliehen mußten. Er hingegen war in Wien geblieben.

Geboren wurde der heute 85-jährige am 26. November 1903 in Wien. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Soziologie war er zunächst von 1927 bis 1930 Kulturredakteur der Wiener Allgemeinen Zeitung, danach bis 1945 beim Neuen Wiener Tagblatt, hierbei ab 1938 „stellvertretender Hauptschriftleiter“ der Tagblatt-Nebenausgabe Wiener Mittag. 1946 gründete Dubrovic Die Presse mit, der er später als Chefredakteur Vorstand. Von 1953 bis 1970 arbeitete er als Kultur- und Presseattache an der österreichischen Botschaft in Bonn. Anschließend wirkte er bis 1977 als Herausgeber der Wiener Wochenpresse. Seither lebt Milan Dubrovic als Schriftsteller in Wien.

medien & zeit: Etliche Ihrer Redaktionskollegen beim Neuen Wiener Tagblatt mußten nach dem „Anschluß“ Österreich verlassen. Haben Sie sich persönlich auch überlegt fortzugehen?
Prof. Milan Dubrovic: Selbstverständlich hat man das getan. Aber es war — wenn ich zurückdenke — schon im voraus feststehend, wenn man diese Gedanken, diese Möglichkeit erwogen hat, daß man bleibt. Instinktiv war es so, daß man doch hierbleibt, weil man hier verwurzelt ist; weil man hier seine Freunde hat, die ja auch nicht Weggehen wollten; weil man auch mit dem Milieu, mit der Kulisse, mit vielen Imponderabilien tief verbunden ist. Und weil man als Mensch, der — so wie ich — Journalist war, doch auch der Sprache sehr verbunden ist. Ich wäre wehrlos gewesen wie zum Beispiel mein Freund Torberg, der Jude war, auf einmal von einer Katastrophe befallen war: Weil er viel mehr als vielleicht andere Schriftsteller, da er ein Karl Kraus-Schüler war, mit Sprache inniger verbunden war und daher vor der Tragödie stand: Was mach’ ich d’raus? Ich kann nur deutsch denken und ich kann nur deutsch schreiben, ich kann nur sprachschöpferisch mich überhaupt betätigen, meine Einfälle kommen aus der Sprache heraus. Die Problematik war: man muß also weg. Das war ja für die Juden eine Frage der Lebensrettung, weil sie am Leben bedroht waren. Aber für einen Nichtjuden war’s ja nicht zwingend, sondern es war eine reine Erwägung. Bei den Erwägungen war die Mehrzahl der Gedanken dahingehend, daß man bleibt, daß man hier abwartet und bleibt: vielleicht beruhigt sich das hier nach einiger Zeit. Dabei hat das Wunschdenken sicherlich eine Rolle gespielt. Wir waren überzeugt, der Hitler führt zum Krieg. Das ging soweit, daß man gedacht hat, daß, wenn die Arbeiter, die 1934 niedergeschlagen wurden, Waffen in die Hand kriegen, die Sache nach hinten losgeht…

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